Flüchtlingskrise: „The German Dream“

Die Flüchtlingskrise und die Folgen werden Deutschland die kommenden Jahre beschäftigen. Wir veröffentlichen bewusst kontroverse Beiträge zu Ursachen und Folgen. Wir dokumentieren eine leicht gekürzte Rede, die Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender der Evonik AG, am 10. September gehalten hat. Er fordert ein Einwanderungsgesetz, das als freundliche Einladung an Migranten formuliert zum Markenzeichen Deutschlands werden soll.

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Deutschland steht angesichts der Flüchtlingsströme in seiner größten Bewährungsprobe seit Jahrzehnten und das gilt auch für die deutsche Wirtschaft.
Diese Krise ist größer als die von Griechenland, denn es geht nicht um allein um Milliarden, es geht um Menschen. Nie zuvor flüchteten so viele Menschen vor Krieg und politischer Verfolgung wie heute.

Die Frage steht im Raum: Können wir das wirklich schaffen?
Unser Land befindet sich in einem emotionalen und politischen Ausnahmezustand. Deutschland im Sommer 2015: Unser Land wacht auf und packt mit an. 
Nur die Politik – so scheint mir – hinkt noch ein wenig hinterher.

Vier aktuelle Fragen

Es geht in diesen Tagen und Wochen um die schnelle Lösung von vier drängenden Fragen:

  1. Wie schaffen wir es, die erschreckenden Angriffe auf Flüchtlinge, die Anschläge auf Flüchtlingsheime und die Hetze vom rechten Rand der Gesellschaft wirksam zu bekämpfen?
  2. Wie schaffen wir es in den Kommunen und Bundesländern, alle Menschen, die zu uns kommen, sicher und würdig unterzubringen und für jeden einzelnen ein faires, rechtsstaatliches und schnelles Asylverfahren zu gewährleisten?
  3. Wie schaffen wir es, Einwanderer in unsere Gesellschaft und in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren?
  4. Wie schaffen wir es, dass die überwältigende Hilfsbereitschaft und Empathie in unserer Bevölkerung angesichts immer grösserer Flüchtlingszahlen nicht irgendwann aufgebraucht ist und kippt?

Alle vier Fragen sind gleich dringlich, aber noch fehlt uns eine große übergreifende Erzählung, die die Menschen motivieren kann, die enormen Herausforderungen zu meistern.

Diese vier Fragen dürfen aber nicht die Sicht auf das große Ganze verstellen.
Denn was erleben wir eigentlich gerade?

Strategische Antwort der Kanzlerin gefordert

Geht es hier nur um ein logistisches Problem, dass mit ein wenig mehr Flexibilität und ein wenig mehr Finanzallokation vom Logistik-Weltmeister Deutschland schon gewuppt werden kann?

Oder ist es nicht so, dass sich vor unseren Augen unser Land gerade auf eine tiefgreifende, fundamentale Weise verändert?

Kommt das wiedervereinigte Deutschland gerade zu sich und findet nun (nicht ganz freiwillig) seine Rolle und Bestimmung in der Welt?

Hier würde ich mir von unseren Politikern, von unserer Regierung und vor allem von unserer Kanzlerin klare politische Worte und eine politisch-strategische Orientierung wünschen!

Was in der ganzen Debatte um europäische und föderale Verteilungsschlüssel, Asylbewerberzahlen, Beamtenmobilisierung und um die Beschaffung von Wasserflaschen und Windeln völlig untergeht, ist doch die Tatsache, dass
Deutschland in diesem Jahr erstmals zum Haupteinwanderungsland aller westlichen Industrienationen wird:

Denn zählt man zu den Flüchtlingen, die in diesem Jahr insgesamt erwartet werden, die Arbeitseinwanderer aus EU-Ländern wie Spanien, Polen, Griechenland hinzu, die im Rahmen der europäischen Personenfreizügigkeit zu uns kommen, wird die Differenz zwischen ein- und auswandernden Ausländern laut Statistischem Bundesamt in diesem Jahr über eine Millionen Menschen betragen. Damit läge die Bundesrepublik erstmals noch vor den Vereinigten Staaten von Amerika.

  • Deutschland ist mittlerweile zum Sehnsuchtsort Nummer Eins für Millionen Menschen geworden.
  • Ein Einwanderungsgesetz habe momentan keine Priorität, verkündete die Kanzlerin nach ihren Sommerferien.

Offenbar spürt Frau Merkel den Widerstand in ihrer Partei. Denn die Konservativen haben trotz aller aktuellen positiven Umfragen Angst vor den Vorbehalten innerhalb der Wählerschaft.

Der Migrationsforscher Professor Bade hat diese Vorbehalte auf den Punkt gebracht: Deutschland ist
 in seiner Selbsterkenntnis ein „Einwanderungsland wider Willen“. Tatsächlich würde in Teilen der Bevölkerung immer noch die eigene Integrationskraft als Einwanderungsgesellschaft unterschätzt. Damit verbunden seien Ängste vor kultureller „Überfremdung“, sozialer Überforderung, ökonomischer Benachteiligung und den daraus resultierenden Abwehrhaltungen.

Deutschland als Einwanderungsland

Deutschland muss sich in dieser historischen Stunde entscheiden:

  • Soll weiterhin Verzagtheit regieren oder sollten wir nicht besser an unserer Selbsterkenntnis arbeiten und den Tatsachen endlich ins Auge schauen?
  • Dabei ist allen längst klar, dass wir ein Einwanderungsland sind. Warum also sollten wir ein Einwanderungsland wider Willen bleiben?
  • Warum begreifen wir nicht die Chancen? Warum sind wir nicht stolz darauf, dass so viele Menschen ihre Hoffnungen an unser Land knüpfen?

Wenn auf dem Bahnhofsvorplatz in Budapest die Menschen in Sprechchöre ausbrechen und enthusiastisch „GERMANY, GERMANY“ skandieren, dann läuft es uns kalt den Rücken runter.

Aber warum bekommen wir Beklemmungen, wenn viele der Flüchtlinge in die Kameras rufen, dass sie am liebsten nach Deutschland wollen. Sie träumen von unserem Land. Sie träumen eben nicht von Ungarn, Estland oder Dänemark. Warum sind wir in diesem Moment nicht stolz auf unser Land?

Wenn wir jetzt als Einwanderungsland Nummer Eins in die Fußstapfen von Amerika treten, hilft uns vielleicht ein Rückblick auf die Geschichte Amerikas, um unsere eigenes Bild als Sehnsuchtsort positiv zu begreifen.

Vorbild USA

Stets waren die USA uns Vorbild und Sehnsuchtsziel, ob durch amerikanische Literaturklassiker von Mark Twain bis John Steinbeck oder durch die deutschen Werke von Karl May, ob durch die Traumwelt Hollywoods oder durch die eigene Vorstellungskraft vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der „American Dream“ bewegt seit Generationen Deutsche und Europäer. Ein Weltbild hat sich gefestigt, ein Traumziel hat unsere Fantasie angeregt.

Der US-amerikanische Historiker und Schriftsteller James Truslow Adams prägte 1931 erstmals den Begriff vom „American Dream“. Er schrieb über die Einwanderer der ersten Stunde: „Sie waren mit einer neuen treibenden Hoffnung gekommen, zu wachsen und aufzusteigen und für sich ein Leben herauszuhauen, indem sie sich nicht nur als Menschen durchsetzen, sondern auch als Menschen anerkannt sein wollen, ein Leben nicht nur in wirtschaftlichem Wohlergehen, sondern auch in gesellschaftlicher Anerkennung und Selbstachtung.“

Dabei war der amerikanische Traum für den Siedler „sein Stern im Westen, der ihn über die stürmische See und in die unendlichen Wälder leitete, auf der Suche nach einer Heimat, wo harte Arbeit ihres Lohnes sicher war und wo nicht die starre Hand von Brauch und Missbrauch ihn auf ’seinen Platz‘ zurückstoßen konnte.“

In Abwandlung zu Adams stellt sich für uns die Frage: Was ist der Stern, der die Flüchtlinge heute über die stürmische See nach Deutschland leitet? Was macht unser Land zum Ziel dieses millionenfachen utopischen Hoffens und Strebens? Lässt sich die „große Erzählung“ des American Dream überhaupt auf unsere Gesellschaft übertragen?
Wie sieht er aus, der deutsche Traum? What is The German Dream?
 Die deutsche Antwort ähnelt doch sehr der amerikanischen.

Die Gründe für die Flucht aus der Heimat sind immer vielfältig: Krieg, Elend, Armut, politische Verfolgung, Korruption sowie durch Staats- und Eliteversagen zerstörte Zivilgesellschaften, in denen kein menschenwürdiges Leben mehr möglich ist.
Deshalb macht die Unterscheidung von Flüchtlingen nach politischen oder wirtschaftlichen Motiven der Flucht eigentlich wenig Sinn.

So vielfältig die Fluchtgründe auch sein mögen – so eindeutig ist dann doch das Ziel: Wer auswandern möchte, muss erstmal wissen, wohin. Die Wunschziele ähneln sich dabei sehr stark. Es sind Orte, in denen ein besseres, sicheres Leben möglich scheint – mit Chancen auf Arbeit, Ausbildung und ein gutes Leben. Ganz sicher gehört unabhängig von den Fluchtgründen das Bedürfnis nach einem besseren Leben zu den wichtigsten Anreizen, in ein ganz bestimmtes Land einzuwandern. Einwanderer wollen dabei niemandem auf der Tasche liegen, sondern durch eigene Anstrengungen vorankommen, ohne durch ihre ethnische, räumliche oder soziale Herkunft gehindert zu werden.

Und genau das macht den Reiz Deutschlands aus. Dieses Friedensversprechen gründet auch auf der politischen Stabilität der sozialen Marktwirtschaft, die soziale Sicherheit sowie Teilhabe und gesellschaftliche Integration und Anerkennung durch Erwerbsarbeit und Bildung garantiert.

Das Freiheitsversprechen der USA wird durch die Freiheitsstatue verkörpert, die über viele Jahrzehnte im Frühnebel des New Yorker Hafens den Einwanderern auf den Schiffen ihre leuchtende Fackel entgegengehalten hat, darunter auch den vielen Emigranten aus Deutschland: Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Marlene Dietrich, Max Reinhardt, Lyonel Feininger und vielen anderen mehr.

Eine entsprechende Skulptur in Berlin zu finden, die analog das Friedensversprechen Deutschlands verkörpern könnte, ist angesichts der Geschichte unseres Landes naturgemäß schwer.

Deutsches Markenzeichen Loveparade

Aber die Siegessäule im Berliner Tiergarten eignet sich dazu vielleicht noch am ehesten. Einst als triumphale Geste des preußischen Militarismus gebaut und von Hitler als Symbol deutscher Überlegenheit und siegreicher Feldzüge inszeniert, hat sich die symbolische Bedeutung der Siegessäule deutlich verschoben:

  • In Wim Wenders Film-Klassiker „Der Himmel über Berlin“ ist die Siegessäule ein Landeplatz für Engel.
  • Als globales Markenzeichen der Loveparade, die hier jahrelang Frieden und Liebe feierte und als weltweites Symbol für die Emanzipationsbewegung der Schwulen, steht sie inzwischen für das moderne Deutschland.
  • Im Jahre 2008 erklärte hier der damalige Präsidentschaftskandidat Barack Obama in einer umjubelten Rede seine Visionen von einer Welt der Zusammenarbeit.

Denn Deutschland ist zum Magnet geworden. Das Friedensversprechen und der Wohlstand unseres Landes üben auf Millionen Menschen eine ungeheure Anziehungskraft aus. Deshalb macht es auch wenig Sinn, den Menschen die in Budapest vor dem Bahnhof „GER-MANY, GER-MANY“ rufen, die Einreise nach Deutschland zu erschweren.

Das aktuelle Chaos in Ungarn zeigt doch: Zäune und Verordnungen haben keinen Bestand, wenn die Menschen erst mal losgelaufen sind. Das war weder 1989 so, noch ist es 2015 so.

Konsequent zu Ende gedacht: Man kann ja nicht auf sie schießen. Das haben noch nicht mal die Kommunisten 1989 gemacht, also wird sich im Jahre 2015 auch die europäische Grenzschutzagentur FRONTEX in Zurückhaltung üben. Deshalb setze ich mich persönlich dafür ein, dass endlich ein modernes Einwanderungsgesetz geschaffen wird.

Ein solches Gesetz soll eine freundliche Einladung sein und von dem Geist getragen werden, in unserem Land am Wachstum mitzuarbeiten und am Wohlstand teilzuhaben.

 

In der Reihe „Texte zur Flüchtlingskrise“ sind bisher erschienen:

Tomas Spahn: Plädoyer für einen Kolonialismus 2.0

Sebastian Richter: Kaum syrische Flüchtlinge in Finnland

 

 

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