Flüchtlingskrise: Finnland – nur 2,7% Asylsuchende aus Syrien

Finnland hat noch kein Rückführungsabkommen mit dem Irak und Somaliland. Also schleusen die Menschenhändler Iraker und Somalis nach Finnland, wo das nationale Asylrecht Lücken hat.

Alexandre Rotenberg / Shutterstock.com

Auch im Norden Europas ist die Flüchtlingskrise angekommen. Finnland musste jüngst seine Prognosen korrigieren – inzwischen werden im laufenden Jahr 30.000 erwartet und im kommenden Jahr bei einer Einwohnerzahl von etwa fünf Millionen bis zu 50.000 Asylsuchende. Wie in Deutschland gibt es auch dort Demonstrationen für mehr Toleranz und eine „Willkommenskultur“, die Medien berichten überschwänglich über Neuankömmlinge und Hilfsbemühungen, Probleme passen nicht ins Bild. Begründet werden die Krise und die dortigen „#Refugeeswelcome“ – Aktivitäten mit der Situation in Syrien. Interessant ist, dass von den bis August in Finnland angekommenen Asylsuchenden nach offizieller Statistik nur 2,7 % Syrer waren, im August sogar nur 2,5 %.

Flucht innerhalb des Iraks?

Die deutliche Mehrheit der finnischen Asylbewerber kommt aus dem Irak und Somalia, insgesamt stellen diese beiden Gruppen 64,3% der finnischen Asylsuchenden. Warum fliehen Iraker ausgerechnet nach Finnland? Weite Bereiche des Iraks sind genauso sicher wie andere Länder in der Region, abgesehen von einigen Teilen des nördlichen Iraks. Naheliegend und zielführend wäre es, aus dem Norden des Iraks in den sicheren Süden zu fliehen und nicht kostspielig nach Europa.

Anerkennungsquote 13 % Dänemark und 76 % Finnland

Finnland hat als einziges der nordischen Länder kein Rückführungsabkommen mit dem Irak. Von den somalischen Asylanträgen wurden 2014 in Dänemark nur 49% anerkannt, von den irakischen sogar nur 13 %. Die höchsten Anerkennungsquoten im Norden hat Finnland, sie lag 2014 bei Asylsuchenden aus Somalia bei 89% und bei Asylsuchenden aus dem Irak bei etwa 76 %. Die Schleuser kennen die Statistiken und wissen, welches Land für welchen Kunden besonders geeignet ist, deshalb vermarkten sie Finnland insbesondere an irakische und somalische Flüchtlinge, denn dort ist eine Abschiebung bis jetzt sehr unwahrscheinlich gewesen.

Am vergangenen Sonntag sind mehr als 500 Asylsuchende in Finnland angekommen. Das hört sich auf den ersten Blick und im Vergleich zu den deutschen Migrantenzahlen nicht nach viel an, aber man muss diese im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehen. So gerechnet entspricht der sonntägliche Andrang in Finnland einer Einwanderung von fast 10.000 Migranten pro Tag nach Deutschland. Auch Finnland hat die Reißleine gezogen und führt nun intensivierte Kontrollen an den Grenzen zu seinen Nachbarländern ein. Schon bald werden Rückführungsabkommen mit dem Irak und Somaliland in Kraft treten, inzwischen werden auch prozentual mehr Asylanträge abgelehnt.

Ziel muss die Vereinheitlichung der Asylstandards sein

Das Beispiel Finnlands zeigt, dass die Mitgliedsstaaten der EU ihre Asylstandards schnellstens vereinheitlichen müssen, nur so kann Schleusern das Handwerk gelegt werden. Richtlinien und Regularien unterscheiden sich noch immer von Bundesland zu Bundesland und Mitgliedsstaat zu Mitgliedsstaat. Die Einhaltung des Dubliner Abkommens und die konsequente Abschiebung abgelehnter Asylbewerber in allen europäischen Ländern sind wichtig, damit es nicht zum Rosinenpicken durch Schleuser und Asylsuchende kommt und eine Lösung der Asylkrise möglich wird.

Sebastian Richter hat Medizin in Berlin, Paris und Helsinki studiert. Er ist als Arzt und Journalist international tätig – auch in Skandinavien. Sein journalistischer Schwerpunkt sind Gesundheitsthemen, sein ärztlicher die Notfallversorgung.

In der Serie: Texte zur Flüchtlingskrise erschien bisher:

Tomas Spahn – Plädoyer für Kolonialismus 2.0 

 

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