Wie gelbe Grimassen unsere Sprache fressen

Am 17. Juli feiert das Internet seinen bekanntesten Hilfsarbeiter: das Emoji. Was als digitale Spielerei begann, ist längst ein Kulturphänomen. Gefühle werden nicht mehr mit Worten beschrieben, sondern als Piktogramm verschickt.

picture alliance / dpa | Matthias Balk

Die meisten werden es nicht wissen, aber der 17. Juli ist Welt-Emoji-Tag. An dem Tag tun die Digital-Fans der Menschheit, als sei es ein kultureller Fortschritt, nicht mehr „Ich bin traurig“ zu schreiben – sondern stattdessen einfach ein gemaltes gelbes Gesicht zu verschicken, dem Wasserfontänen aus den Augen spritzen.

Erfunden hat diesen internationalen Gedenktag ein gewisser Jeremy Burge im Jahr 2014. Der Australier hat „Emojipedia“ gegründet, das ist eine umfassende Auflistung aller international genutzten Emojis. Das Datum stammt nicht aus dem gregorianischen Kalender, erinnert an keinen echten Heiligen und wurde noch nicht einmal in einem ordentlichen Marketingmeeting entwickelt. Burge wählte den 17. Juli, weil auf Apples Kalender-Emoji „17. Juli“ steht. Das wiederum liegt daran, dass Apple am 17. Juli 2002 seinen Kalenderdienst iCal erstmals vorstellte.

Aus einem digitalen Easter Egg wurde also ein globaler Feiertag für Mini-Gesichter. So entsteht Kultur im 21. Jahrhundert.

Zwinkergesichter aller Länder, vereinigt euch

Die Fans drehen frei. Es gibt, natürlich, offizielle Internetseiten zum Welt-Emoji-Tag. Die rufen dazu auf, unter dem Hashtag #WorldEmojiDay die Sozialen Netzwerke mit Emojis zu fluten, Emoji-Partys zu veranstalten, ein Emoji-Lied zu singen und notfalls den eigenen Tag nur mit Bildchen zu beschreiben.

Historisch gab es noch größere Höhepunkte: Das Empire State Building leuchtete schon in Emoji-Gelb, Pepsi bedruckte seine Dosen mit Emojis, Apple nutzte den Tag mehrfach für neue Emoji-Ankündigungen. Die Kathedrale der postmodernen Welt ist ein Hochhaus, auf das Scheinwerfer riesige Smileys projizieren.

Emojipedia vergibt außerdem die „World Emoji Awards“. Da werden neue Symbole prämiert. Das ist ein bisschen wie der Literatur-Nobelpreis, nur ohne Literatur. Und überhaupt ohne Sprache. In den vergangenen Jahren standen unter anderem Orcas, Schatztruhen, Balletttänzer und Kampfwolken (!) zur Auswahl.

Vom Liebesbrief zum Auberginen-Management

Man muss nun wirklich kein Kulturpessimist sein, um zu sehen, dass Emojis die menschliche Kommunikation radikal verändert haben.

Früher musste jemand, der verliebt, wütend, verlegen oder enttäuscht war, seine Gefühle in Sprache übersetzen. Das war mühsam, aber nützlich. Sprache zwingt zur Präzision. Sie verlangt, dass man in sich hineinhorcht, Unterschiede erkennt, Zwischentöne formuliert. „Ich bin verletzt“ ist etwas anderes als „Ich bin enttäuscht“. „Ich bin traurig“ ist etwas anderes als „Ich fühle mich übergangen“.

Das Emoji löst dieses Problem gleichzeitig freundlich wie brutal. Es ersetzt die Formulierungen durch Symbole. Ein lachendes Gesicht, ein weinendes Gesicht, ein rotes Herz, ein Daumen hoch. Fertig ist die Seelenkunde für Eilige. Wo früher ein Mensch erklären musste, was in ihm vorging, tippt er heute auf ein Gesicht mit schrägem Mund. Manchmal auch auf eine Pflaume oder auf eine Aubergine (Eingeweihte wissen, was damit gemeint ist).

Gefühle als Fertiggericht.

Natürlich ist das praktisch. Emojis sparen Zeit. Aber sie sind doch nur eine Krücke. Und wie bei allen Krücken gilt: Wer sie ständig benutzt, verlernt das Gehen. Wer statt Liebeserklärungen nur noch Herzchen verschickt, merkt irgendwann gar nicht mehr, dass ein Herzchen gar keine richtige Liebeserklärung ist. Zu der gehören nämlich die Zeit und die Mühe und die Vorbereitung und der Mut, den anderen zu treffen, ihm in die Augen zu sehen und mit ihm zu sprechen.

Und die Größe, sich unter Umständen einen Korb einzufangen.

Der schwangere Mann

Emojis können Sprache unterstützen. Doch unsere Zeit versucht, Sprache durch Emojis zu ersetzen. Entsprechend sind die Gefühlspiktogramme längst mehr als ein harmloses Set digitaler Stimmungskärtchen. Sie sind auch ein großer ideologischer Zoo.

Mittlerweile gibt es ein Schwangerer-Mann-Emoji. Es gibt Burka- und Hijab-Emojis. Es gibt Ninjas, Trolle, Feen, Vampire, Zombies, Einhörner, Clowns, explodierende Köpfe und ein Gesicht, das schmilzt. So sieht eine Zivilisation aus, die sich nichts mehr zu sagen hat und die für alles eine Zeichnung braucht.

Der schwangere Mann ist dabei der Mount Everest der symbolpolitischen Verrenkung. Früher war ein Mann mit Bauch einfach ein Mann, der zu viel Currywurst gegessen hat. Heute weiß man nicht so recht, ob es sich nun um eine Repräsentation, um Satire oder um Verdauung handelt.

Emojis, die die Welt noch braucht

Die Unicode-Gremien, die über die flächendeckende Einführung neuer Emojis entscheiden, waren fleißig. Aber nicht fleißig genug. Zur kommunikativen Bewältigung unseres modernen Alltags fehlen weiterhin entscheidende Symbole:

  • der Steuerbescheid mit Flammenrand
  • der selbstständige Mittelständler im Formularlabyrinth
  • die Bürokratiekrake mit acht Armen
  • das brennende Geldbündel (als Symbol für „Sondervermögen“)
  • der öffentlich-rechtliche Zeigefinger (für moralische Erziehung um 20.00 Uhr)
  • das weinende Portemonnaie
  • das Lastenrad im Gegenwind
  • der Handwerker, der wirklich kommt.

Klar, das Letztere wäre ein Fantasie-Emoji; aber ein Einhorn-Emoji gibt es ja schließlich auch.

Grimassen ersetzen Gedanken

Bitkom, der Branchenverband der Digitalwirtschaft, hat eine Studie erstellen lassen. Demnach nutzen in Deutschland neun von zehn Menschen Emojis.

Viele verwenden sie in jeder oder in der Mehrzahl ihrer Nachrichten. Zugleich versteht ein erheblicher Teil der Nutzer oft nicht, was die benutzten Emojis überhaupt bedeuten. Das ist eine nahezu perfekte Beschreibung unserer Welt: Fast alle benutzen Zeichen, die die meisten aber gar nicht richtig verstehen.

Die Menschheit hat ein paar Jahrtausende gebraucht, um vom Grunzen zur Literatur zu gelangen. Nun arbeiten wir uns mit großem Enthusiasmus zurück zur Höhlenmalerei. Ein paar gelbe Gesichter haben sich zwischen den Menschen und seine Sprache geschoben. Dort sitzen sie nun und grinsen.

Zwinker-Smiley.

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