Dieses Buch kann Ihren Blick auf den Kapitalismus verändern

In „Zero Sum Mindset“ geht der Historiker und Soziologe Rainer Zitelmann den Grundirrtum der Linken frontal an – ebenso präzise wie unterhaltsam.

Die Abteilung Wirtschaft großer und kleiner Buchläden bietet fast überall Variationen eines immergleichen Themas: Antikapitalismus, mal grün, mal eher klassenkämpferisch rot eingefärbt. In dieser Szene gilt der Franzose Thomas Piketty als Star, der in seinem jüngsten Werk zur Weltklimarettung ein globales Umverteilungsgremium empfiehlt. In diesem weitgehend gleichgerichteten Bücherstrom fällt jede Gegenbewegung auf, zumal sie im deutschsprachigen Raum noch seltener vorkommt als in der Anglosphäre.

„Zero Sum Mindset“ von Rainer Zitelmann sticht wiederum aus dieser seltenen Sorte heraus: Der Historiker und Soziologe geht darin den Ur- und Falschglauben der Linken sämtlicher Schattierungen frontal an – nämlich die Überzeugung, dass jemand ökonomisch nur dann gewinnen kann, wenn jemand anderes dafür verliert. Aus dieser Logik folgt zwingend, dass sich Gerechtigkeit in einer Gesellschaft nur durch Umverteilung herstellen lässt. Wohlstand verstehen die Anhänger dieser Lehre als fixe Größe. Niemand fasste diese Gesellschaftsauffassung – denn die Formel reicht weit über das Ökonomische hinaus – so griffig zusammen wie Bertolt Brecht, den Zitelmann am Anfang seines Buchs zitiert: „Reicher Mann und armer Mann/standen da und sah’n sich an/und der Arme sagte bleich/wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Ohne Privateigentum kein ökonomischer Anreiz
"Auch im Weltraum wird Sozialismus nicht funktionieren"
Die Wohlstandsentwicklung seit dem Beginn des Kapitalismus zeigt das Gegenteil: Der Wohlstand nahm über die gesamte Breite der Gesellschaft zu, verglichen mit vormodernen Zeiten. Die Zahl der absolut Armen sank – später auch in Ländern wie China, Südkorea und Singapur – , was, wie Zitelmann schreibt, nach der Brecht’schen Logik auch die Zahl der Reichen hätte reduzieren müssen. Bekanntlich geschah genau das Gegenteil. Trotzdem, das belegt Zitelmann mit etlichen von ihm zitierten Untersuchungen, gehört der Nullsummenglaube zu den so genannten sozialen Axiomen: Viele hängen ihm an, weil sie sich in einem Grundgefühl bestätigt sehen.

Er nennt beispielhaft eine Studie von drei polnischen Wissenschaftlern von 2015, die Studenten aus 37 Ländern Aussagen vorlegten wie: „Das Leben ist wie ein Tennisspiel – jemand gewinnt nur, wenn der andere verliert.“ Je stärker die Probanden allgemein zu kollektivistischen Überzeugungen neigten, desto stärker stimmten sie der Behauptung zu. Nach dem ebenfalls aufgeführten US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Paul H. Rubin wurzelt die Nullsummenüberzeugung deshalb so tief in der Matrix, weil es über hunderttausende Jahre in der menschlichen Geschichte kaum Innovationen gab, die den allgemeinen Wohlstand steigerten. Es herrschte das Gesetz der begrenzten Ressourcen, in dem tatsächlich ein Mehr für die einen zum Mangel bei den anderen Mitgliedern einer Gruppe führte. Nur: Seit gut 300 Jahren gilt das nicht mehr.

Zum 125. Geburtstag
Ludwig Erhard führte Deutschland aus den Ruinen zum Wohlstand
Reichtum akkumuliert sich eben nicht einfach, wie Karl Marx es ausdrückte. Viele Produkte verbesserten und verbessern bis heute das Leben derjenigen, die sie kaufen – vom Kunstdünger und dem Antibiotikum bis zum Mobiltelefon. „Im Kapitalismus entscheiden die Verbraucher, die Kunden, wer reich wird“, so der Autor: „Wenn Sie die Liste der reichsten Menschen der Welt durchgehen, werden Sie feststellen, dass die meisten von ihnen reich geworden sind, indem sie Nutzen für viele Menschen gestiftet haben.“

Auch hier sagt der tiefverwurzelte instinktive Glaube das Gegenteil: Nur elf Prozent der Befragten einer Studie mehrerer US-Universitäten vermuteten einen positiven Zusammenhang zwischen der Gewinnhöhe eines Unternehmens und seinem Nutzen für die Gesellschaft. Profit steht bei dem meisten unter dem Verdacht, dass er erstens nur auf betrügerische Weise und beziehungsweise oder auf Kosten von anderen zustande kommt. Betrügerische Unternehmen gibt es zweifellos, siehe Enron in den USA – aber ihre Geschäftsmodelle brechen relativ schnell zusammen.

Der in „Zero Sum Mindset“ detailreich beschriebene Gegensatz von Statistiken und Untersuchungen einer- und diffusem Glauben andererseits gibt eine Antwort auf die Frage, an wen sich Rainer Zitelmann mit seinem Buch wendet: Es schärft auf der einen Seite das Bild der Leser, die den Kapitalismus allen staatsgelenkten Versionen für überlegen halten, indem es ihnen geschärfte Argumente an die Hand gibt, gerade in Zeiten, da sich die Befürworter von Umverteilung von New York bis Berlin im Aufwind fühlen. Zum anderen findet es hoffentlich auch Käufer, die Lust verspüren, ihre Kapitalismusskepsis zu überprüfen. Beide schauen nach der Lektüre wahrscheinlich anders auf ökonomische Fragen als vorher.

Sozialismus führt zwangsläufig zu Despotismus
Der Urvater des Antifaschismus Hayek warnt vor der Knechtschaft
Wie schon in seinem Buch „Weltraumkapitalismus“ nimmt Zitelmann auch in „Zero Sum Mindset“ den Aufstieg der privaten Raumfahrt mit Elon Musks SpaceX als Beispiel, wie auf der einen Seite ein hoch profitables Unternehmen entsteht, das aber mit seinen Innovationen gleichzeitig die Kosten für alle dramatisch senkt, die Satelliten in den Orbit befördern oder Raumfahrt betreiben wollen: beide Seiten profitieren. In einem Kapitel widmet sich der Autor dem Paradebeispiel des modernen Nullsummenglaubens schlechthin: der Entwicklungshilfe. Nach deren Logik gewinnen ärmere Länder Wohlstand, wenn die reicheren ihnen etwas abgeben, also Geld ohne Gegenleistung zuleiten. Die im Buch aufgeführten Untersuchungen belegen allerdings, was auch jeder an den Wirtschaftszahlen der almosenabhängigen Länder ablesen kann: dort entsteht gerade kein nachhaltiger Wohlstand. Länder, die dauerhaft der Armut entkommen sind, etwa Südkorea, arbeiteten und handelten sich buchstäblich aus dem Elend.

Die Nullsummenideologie korreliert eng mit dem uralten Phänomen Neid. „Wirklichen Neid oder Missgunst wird man nur ganz ausnahmsweise zugeben“, schreibt Zitelmann. Der Ruf nach Umverteilung unter dem Stichwort „Gerechtigkeit“ dient seiner Überzeugung nach als gefällige Verpackung, um den ursprünglichen, aber auch schambehafteten Affekt zu verbergen. Den Neider unterscheidet er vom Bewunderer: Der letztere würde gern zu jemandem aufsteigen, der erste denjenigen, den er als Überlegen wahrnimmt, zu sich herunterziehen. Laut einer von Zitelmann selbst angestellten Untersuchung herrscht der geringste Neid auf Erfolgreichere in Vietnam, der größte – nein, nicht in Deutschland: Hier liegt Frankreich am anderen Ende der Skala. Immerhin: ein leichter Trost.

Der Leser von „Zero Sum Mindset. Die Nullsummenfalle – warum wir alle gewinnen, wenn wir anders denken“ lernen viel über Wirtschaft, aber auch über Psychologie und Gesellschaft. Und denken womöglich anschließend anders.

Rainer Zitelmann. Zero Sum Mindset. Die Nullsummenfalle – warum alle mehr gewinnen, wenn wir anders denken. Deutscher Wirtschaftsbuchverlag, Paperback, 224 Seiten, 18,00 €


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Kommentare ( 54 )

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giesemann
25 Tage her

Rainer Zitelmann ist sehr umtriebig, als DoppelDoc. https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Zitelmann

Nibelung
25 Tage her

Sozialismus und Kapitalismus stehen sich konträr gegenüber und beide Formen sind keinesfalls die Ideallösung und wurde über Ludwig Erhard darüber gemildert indem er die soziale Marktwirtschaft einführte, wo beide Seiten sich einigermaßen gleichberechtigt gegenüber standen und somit ein Mittelmaß erreichten, wo man noch damit leben konnte. Das hat sich über die Sozialisten der Neuzeit drastisch verändert, die mehr ausgeben wollten als erwirtschaftet wurde und das Ende vom Lied ist der Untergang unserer Wirtschaft, wo das Kapital zugesehen hat, ohne zu reagieren und die Sozialisten hausten, als gebe es kein Morgen mehr. Das Kapital trägt die Eigenschaft in sich, daß man… Mehr

giesemann
25 Tage her
Antworten an  Nibelung

Ja, „Wohlstand für alle“ ist eben nicht rein kapitalistisch. Aber ein bisschen schon, sonst gibt es gar keinen Wohlstand für niemand.

Michaelis
26 Tage her

Also meinen Blick auf den Kapitalismus verändern diese Ausführungen NICHT. Wie vieles in der Welt gilt auch für den Kapitalismus (wie für den Sozialismus usw.), dass sie vergänglich sind, und vor allem: dass sie einen Anfang, eine Hochperiode und eine Spätphase haben. Natürlich ist völlig unbestritten, dass der Kapitalismus nahezu allen Menschen (die in solchen Systemen leben bzw. gelebt haben) ein wohlständigeres Dasein ermöglicht hat! Bezweifeln tun das nur die Dummen und diejenigen, die vor allem oder ausschließlich auf die „Reichtumsunterschiede“ abheben, also die sog. „neue Linke“ mit ihrer „relativen Armut“ usw. Man braucht ja „Argumente“. Für mich zählen andere… Mehr

Last edited 26 Tage her by Michaelis
Phil
26 Tage her
Antworten an  Michaelis

Der Marktwirtschaft (Kapitalismus) die Fehler der Politik, des Etatismus und Korporatismus an die Brust zu heften, ist übelste politische Propaganda. Der Liberalismus in seiner ursprünglichen Form ist kein Votum für eine bestimmte Politik, sondern für die Abwesenheit von Politik, die individuelle Verantwortung und Entscheidungsfreiheit. Es ist kein Wunder das die moderne Zivilisation, die technische Revolution und der Kapitalismus in christlich geprägten Ländern ihren Ursprung haben, stehen doch 5 der 10 wichtigsten göttlichen Gebote im Zusammenhang mit dem Eigentum an sich selbst und an den Errungenschaften die man selber oder in Beziehung mit anderen erreicht hat. Die heilige Schrift ist sozusagen… Mehr

Michaelis
21 Tage her
Antworten an  Phil

Mag sein, dass die „Heilige Schrift“ das Privateigentum befürwortet. Es gibt aber auch Interpretationen, die in Jesus einen der ersten „Kommunisten“ sehen. Und nicht zuletzt gab es v a. in Südamerika die sog. „Befreiungskirche“, die einen „dritten Weg“ propagierte. In dieser Hinsicht wäre ich also vorsichtig.

Im übrigen geht es mir nicht um eine grundsätzliche Ablehnung des Kapitalismus, sondern um die kritische Betrachtung „spätkapitalistischer“ Auswüchse. Sollte eigentlich klar geworden sein. Einer dieser Auswüchse (dem System leider inhärent und noch nicht erwähnt) ist z.B. der Zwang von „Unternehmen“, Arbeitskräfte wegen des Wettbewerbdrucks „freizusetzen“ – mit den bekannten Folgen für den Steuerzahler.

Last edited 21 Tage her by Michaelis
Metric
27 Tage her

1) Womit man Postkolonialisten schön verwirren kann: Sehr viele Afrikaner sind absolut sowie relativ zu Europäern arm. Stimmt. Das waren sie aber auch schon, bevor der erste Europäer seinen Fuß dorthin gesetzt hatte. 2) Trotzdem eine teilweise Widerrede: Ja, es gibt reiche Menschen (wie zB Musk), die durch ihre Produkte reich wurden. Es sei ihnen gegönnt. Es gibt aber auch viele Reiche (wie zB von Klatten), die einfach nur ein glückliches Händchen bei der Wahl ihrer Eltern hatten. Und es gibt Reiche (wie zB Soros), die durch Finanzspekulationen, die für niemanden wirklich Wert schaffen, reich wurden. Ach und es gibt… Mehr

maru
27 Tage her

Da ist bestimmt was dran, dass konformistisches Gleichheitsdenken eine kompensatorische Strategie für NEID ist.
In der Psychologie gibt es den „positiven“ und den „negativen“ Neid.
Ersterer wirkt wie eine Motivierung „das will ich auch“, Letzterer ist Missgunst „was ich nicht habe, sollst du auch nicht haben“.

ChamSys
27 Tage her

Ich kann das Wort „Umverteilung“ nicht mehr hören. Die Migrationsgesamtkosten belaufen sich derzeit auf 55 bis 62 Milliarden Euro jährlich. Bund, Länder, Kommunen und sogenannte „versteckte Kosten“ wie zB. die Krankenversicherung.Knapp 48% der Bürgergeldempfänger, zu denen umverteilt werden soll, sind Ausländer. Dazu kommt noch einmal gut 17% Deutsche mit Migrationshintergrund. Das ergibt 65%. Es ist auch kein Geheimnis, dass vor allem Zugewanderte aus islamischen und afrikanischen Ländern viel mehr Kinder in die Welt setzen als die durchschnittliche autochthone Familie und die Frauen aufgrund patriachaler Strukturen seltener arbeiten gehen. Die kinderarme autochthone Familie und gut integrierte Zuwanderer dürfen die Party allerdings… Mehr

Klaus D
27 Tage her

Wärst du nicht reich, wär‘ ich arm….wärst du nicht arm wäre ich nicht reich!

Freigeistiger
27 Tage her

Natürlich hat die wissenschaftlich-technische Entwicklung mit all ihren Innovationen zu einer enormen allgemeinen Wohlstandssteigerung in jenen Ländern geführt, die sie vorangetrieben haben, erst westliche, viel später auch asiatische. Kapitalismus und Marktwirtschaft waren dabei der entscheidende Motor. Doch schon bald stellte sich in der Phase der Industrialisierung die Gerechtigkeitsfrage, beginnend im 19. Jahrhundert. Arbeiterparteien wurden gegründet, um die Ausbeutung durch Unternehmer zu reduzieren und mehr Rechte und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für die werktätige Schicht zu erreichen. Das führte schließlich zu Entstehung von umfassenden Sozialsystemen wie wir sie heute kennen. Ludwig Erhard stand für soziale Marktwirtschaft, unternehmerische Freiheit einerseits, Sozalverpflichtung der… Mehr

Last edited 27 Tage her by Freigeistiger
Michaelis
26 Tage her
Antworten an  Freigeistiger

Ich gebe Ihnen insofern völlig recht, dass man dringend zwischen globalistischem Finanzkapitalismus (Beispiel Soros & andere) und wertschaffenden (kapitalistischen) Unternehmungen differenzieren muss! Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich allerdings sehe ich überhaupt nicht als das „wesentliche“ Problem des Kapitalismus an – siehe mein Kommentar oben.

Ohwehnene
27 Tage her

Phantastisch!
Der Anti-Marx.
Hat lange gedauert, bis so eine Arbeit erschien. Hat sich wohl keiner getraut, den Marxisten zu widersprechen.
Verteilt das Buch an Schulen!

Michaelis
26 Tage her
Antworten an  Ohwehnene

Der „Anti-Marx“?? Bitte übertreiben Sie nicht!

Schmidtrotluff
27 Tage her

Das man darüber noch reden muss, zeigt wie tief die Kommunisten den Humus des Lebens verseucht haben. Jeder kann in seiner Stadt die historischen Gebäude ansehen. Aus reiner Gewinnsucht wären die niemals entstanden. Linkssein und Antikapitalismus sind ein Gehirndefekt, eine Geisteskrankheit. Gute Besserung, liebe Idioten