Norbert Röttgen würde Angela Merkel zur Ehrenvorsitzenden küren

Der Bewerber für den Posten des CDU-Chefs wagt keine Kritik an der Kanzlerin, im Gegenteil. Er hat offensichtlich Angst vor Merkels langem Arm, wenn sie in ihrem Berliner Pensionärsbüro im Bundestagsgebäude Unter den Linden 71 insgeheim weiter regiert.

IMAGO / Sven Simon
Fotomontage: Friedrich Merz, Norbert Röttgen, Helge Braun

Zum dritten Mal tritt Außenpolitiker Norbert Röttgen an, um sich für den CDU-Vorsitz zu bewerben. Er steht damit nicht allein: Neben dem 56-jährigen aus dem Rhein-Sieg-Kreis bewirbt sich ebenfalls zum dritten Mal der Wirtschaftsliberale Friedrich Merz, zu Hause im Hochsauerland. Und dann kam urplötzlich auch noch Angela Merkels linke Hand, Kanzleramtsminister Helge Braun aus Gießen, dazu. Das sei kein Zufall, erzählen CDU-Kreise. Merkel habe ihren Paladin ins Rennen geschickt, damit Braun eine Stichwahl zwischen Merkels Intimfeind Merz und Röttgen erzwingt. So würden womöglich die Mitgliederstimmen ihres Kanzleramtsministers im zweiten Wahlgang nicht dem Wirtschaftsliberalen aus dem Hochsauerland, sondern dem Rheinländer zugutekommen. Merz wäre erneut verhindert.

Denn vor Weihnachten sollen nicht willige Parteitagsfunktionäre Merkels Kandidaten wie Annegret Kramp-Karrenbauer oder Armin Laschet an die CDU-Spitze hieven, sondern diesmal stimmt zuerst die Mitgliedsbasis über den nächsten CDU-Vorsitzenden ab.

Vom 18. November bis 2. Dezember stellen sich die drei Bewerber bei Versammlungen der Parteimitglieder vor. Vom 4. bis 16. Dezember stimmt die Basis über sie ab. Aber nur wer im ersten Wahlgang mehr als 50 Prozent bekommt, wird dem Parteitag gleich zur Wahl als CDU-Chef vorgeschlagen. Eine Stichwahl ist daher nicht unwahrscheinlich.

Ein Grund mehr für Norbert Röttgen, schon jetzt voll auf Tour zu sein. Er tingelt bereits durch politische Kreise in Deutschland und in der Bundeshauptstadt Berlin, um für sich als künftigen CDU-Vorsitzenden zu werben. Eine politische Abrechnung mit der langjährigen CDU-Vorsitzenden und Kanzlerin Angela Merkel hat er dieser Tage dabei nicht auf seiner Agenda. Im Gegenteil: Er biedert sich auf seiner Tour durch interessierte Kreise regelrecht beim Merkel-Lager an. Sein Loblied auf die gut 16 Jahre Deutschland regierende und über 18 Jahre die CDU im Vorsitz führende Merkel gipfelt jüngst sogar in der Botschaft: Wenn er, Norbert Röttgen, zum CDU-Chef gewählt werde, könne er sich Angela Merkel für ihre Verdienste als Ehrenvorsitzende der Christlich Demokratischen Union vorstellen. Denn sie habe „Großes für die Partei geleistet“.

Ein nachdenkendes CDU-Mitglied müsste sich hier fragen: Welche Verdienste und welche Leistung? Die niedrigsten CDU-Wahlergebnisse und Umfragewerte aller Zeiten? Die Spaltung der deutschen Gesellschaft durch Merkels Politik? Die alternativlos ausgereichten und verlorenen Griechenland-Milliarden, die grenzenlose und millionenhafte Asyleinwanderung ins Sozialsystem oder etwa die Steigerung der Energiepreise und des Blackoutrisikos durch baldige Abschaltung aller Atomkraftwerke und fast gleichzeitigen Ausstieg aus der Kohleenergieerzeugung? 

Sicher: Dafür hat eine CDU-Politikerin wahrlich eine Ehrung verdient – für entscheidende Schritte zur Schwächung Deutschlands.

Bloß nicht Merkel für ihre umstrittene Politik kritisieren

Doch Röttgen ficht das alles nicht an. Kritische Fragen nach der Verantwortung der langjährigen CDU-Vorsitzenden und Kanzlerin für das schlechteste Wahlergebnis aller Zeiten bei einer Bundestagswahl – nur noch 24,1 Prozent für die Union – wischt er bei seinen Auftritten einfach beiseite. Dabei hatte Merkel schon bei der Bundestagswahl 2013 als CDU-Chefin und Kanzlerin der Union mit nur 32,9 Prozent das schlechteste Wahlergebnis aller Zeiten mit ihrer Politik erzielt. 

Soweit zurück reichen Röttgens Erinnerungen allerdings nicht, ein klassischer Fall von politischem Gedächtnisverlust. Lieber parliert der grünaffine CDU-Politiker ablenkend darüber, dass er sich nie hätte vorstellen können, dass die Union jemals so schlecht dastehe.

Inzwischen liegt sie im Schnitt nur noch bei 21 Prozent in Umfragen – so tief wie noch nie. Warum nur?

Jedoch mit Merkel habe das alles nichts zu tun – bloß nicht, wird sich Röttgen denken. Nicht ein Wort der Kritik an ihrer Politik und Person kommt über seine Lippen. Offensichtlich hat er, der von Merkel für seine vergeigte NRW-Wahl 2012 aus dem Kabinett geworfene Bundesminister, eine Heidenangst vor dem langen Arm der Altkanzlerin. Sie will weiter aus ihrem Pensionärsbüro im Bundestagsgebäude Unter den Linden 71 auf die Politik Einfluss nehmen. Die Ausstattung ihrer Diensträume ist gewaltig. Neun Mitarbeiter, die zum Teil über 10.000 Euro monatlich verdienen sollen, stehen der Altkanzlerin zur Verfügung. Das sind weit mehr gut bezahlte Helferlein als Merkels Vorgänger Gerhard Schröder je zur Seite standen. So etabliert sich Merkel mit rund 15.000 Euro Ruhegehalt praktisch zum Kopf einer staatlich finanzierten Nicht(mehr)-Regierungsorganisation (NGO) .

So viel Macht beeindruckt den Vorsitzkandidaten aus dem Rheinland, und jagt ihm offensichtlich Furcht ein. Aus Röttgens Sicht ist Merkel daher für das desaströse Wahlergebnis nicht verantwortlich. Schließlich habe die Kanzlerin ja nicht zur Wahl gestanden, kaschiert er Merkels Verantwortung.

Nein, nein, nein – die Aufstellung und Präsentation der Union bei der Bundestagswahl sei es gewesen, und nicht Merkels Politik.

Hier kurz erläutert zum besseren Verständnis: also die grüne Politik der Kanzlerin, die viele Unionswähler dazu trieb, gleich das Original „Die Grünen“ zu wählen.

Im Hintergrund schwingt bei Norbert Röttgens einseitiger Wahlkampfkritik auch immer mit – Schuld daran sei obendrein nur der Armin Laschet aus Aachen. Mit dieser Merkel-freundlichen Taktik will sich Röttgen, obwohl einst von der Kanzlerin aus dem Kabinett gefeuert, die Stimmen ihrer Truppen an der Basis sichern, damit sie für ihn voten und an der Befragung teilnehmen, statt sich zu enthalten.

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Aus Röttgens Sicht gibt es noch einen anderen Grund für die Niederlage: Die Union wäre zu wenig jung und weiblich gewesen. Ja, und das wolle er später als CDU-Chef ändern. Selbst wenn nur 30 Prozent der Parteimitglieder weiblich seien, erzählt er seinen Zuhörern, strebe er dann eine 50 Prozentquote für Frauen in Parteiämtern und den Parlamenten an. Man könne es sich nicht leisten, meint Röttgen, 50 Prozent der weiblichen Bevölkerung nicht entsprechend zu repräsentieren.

Aber dafür müsse er erst gewählt werden – gerne von Frauen. Wenn ihm das gelingt, will er kein Übergangsvorsitzender sein, sondern für längere Zeit als Parteichef wirken, um seine Reformen – also weiblicher, jünger und grüner – durchzusetzen.

Ganz nebenbei hat Norbert Röttgen mit seiner Langfriststrategie auch noch seinen Anspruch als Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 2024 zementiert. Ob die Parteimitglieder diesem Vorsitzenden und seinen Weg folgen wollen, darüber kann die Basis jetzt bis zum 16. Dezember entscheiden.

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Kommentare ( 52 )

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Michaelis
7 Tage her

Gut, dass hier mal Klartext zur Person Röttgen gesprochen wird. Der Mann ist voll auf der Linie des politisch-korrekten Mainstreams, und – was im Artikel unerwähnt blieb – in außenpolitischer Hinsicht zudem voll auf Nato-Kurs und (wie die grünen Chaoten) ein radikaler Anti-Putin-Hetzer, der auch bereit wäre, aus ideologischer Unvernunft russische Gaslieferungen zu torpedieren. Mich interessieren die Prozesse bei CDU/CSU eigentlich nicht mehr die Bohne, diese Partei ist für mich vollkommen irrelevant geworden. Aber sie wird immer noch einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Politik in Deutschland haben, und deshalb wäre es wichtig, dass solche Figuren wie Röttgen auf die… Mehr

Alf Egner
7 Tage her

Bitte nicht „voten“ schreiben. Es heißt wählen!

usalloch
7 Tage her

Was man Röntgen eigentlich zugute halten muss ist, dass was er sagt, auch wirklich glaubt. Das trifft bei vielen seiner Zunft nicht zu. Leider wird aber dieser Sancho Panda in den nächsten Tagen von seinem Esel steigen müssen und sich anderen Abenteuern zuwenden müssen.

Gisela Fimiani
8 Tage her

Merz ist gewiß nicht „das Gelbe vom Ei“. Seine Gegenkandidaten wären jedoch eine Katastrophe für die Partei, sondern auch für das „Klima“ im Land.

Deutscher
8 Tage her

Ob Röttgen, Merz, Laschet oder Braun: Sie alle hingen wie Schulbuben an Muttis Rockzipfel.

Die Union ist auf Jahrzehnte hinaus vermerkelt, zumal sie auch als Politrentnerin weiterhin den Kurs bestimmen wird – und keiner ihrer Buben wird sich dem widersetzen, denn letzlich hat keiner die nötigen E..r in der H..e.

Putin, Erdogan, Orban, Lukaschenko, Trump, Johnson: Das sind Männer, die das Format haben, mit Merkels anmaßender Art angemessen unzugehen.

Last edited 8 Tage her by Deutscher
Michaelis
7 Tage her
Antworten an  Deutscher

Immerhin hat Merkel versucht, mit Putin und Lukaschenko zu reden. Röttgen würde so etwas nicht wagen oder nicht einmal zustande kriegen. Ansonsten volle Zustimmung hinsichtlich Ihrer Charakterisierung genannter Männer!!

country boy
8 Tage her

Schlimmer noch als dieser Vorschlags Roettgens sind seine langatmigen und nichtssagenden Ausführungen in den Talkshows von NDR und WDR. Leider ist er das Lieblingskind der dortigen Redaktionen und wird ständig eingeladen.

P. Pauquet
8 Tage her

Oh Tichy-Redaktion, wer sucht bei euch die Fotos aus. Sie sind oft so unfassbar gut und pointiert. – Links ein Gesicht von Einem der aussieht wie: ich weiß was und kann es machen, aber ich sag‘ noch nicht was, ist ein Geheimnis. In der Mitte jemand, der glaubt, er hätte gerade eine Erleuchtung und das Idol seiner feuchten Träume wäre ihm im Schlaf erschienen. Rechts Jemand, der hat grade die größte Schweinshaxe seines Lebens gegessen (erinnert mich ein bisschen an Hermann G.). – Faszinierend ist der Ausdruck der Gegensätzlichkeit. Für mich ist der feiste Rechte der Gefährlichere, die Mitte der… Mehr

Mausi
8 Tage her

20% in Umfragen: Weder die Aussage, der niedrige Wert sei das Resultat von AMs Politik, noch die Aussage mit AM lägen die Zahlen höher, lässt sich beweisen. Die CDU stochert im Wählernebel. Sie steht für nichts. „Breit“ aufstellen unterscheidet es sich von grenzenloser Toleranz und Umsetzung von gefühlten, mediengemachten Mehrheiten? Die CDU versucht herauszufinden, womit sie Wähler gewinnen kann. Mehr nicht. Nicht das Programm soll die Wähler anziehen. Der Prozess läuft genau umgekehrt. Und der Wähler ist zum grossen Teil eine von den Medien gesteuerte Masse. AM hat mit den Medien als verstecktem Koalitionspartner regiert. Und dummerweise hat die CDU… Mehr

Last edited 8 Tage her by Mausi
Michaelis
7 Tage her
Antworten an  Mausi

In der Tat: entweder die Partei oder ein politisches Programm. Geht es (nur) um die Partei, richtet man sich an (vermeintlichen) „Mehrheitsmeinungen“ aus, am massenmedial propagierten Mainstream sozusagen, an einer „veröffentlichten Meinung“. Ginge es einer Partei um ein politisches Programm, müsste sie alles tun, um die Wähler davon zu überzeugen. Falls nötig auch gegen den „Zeitgeist“. Die Union hat offenbar die erste Option gewählt: anpassen um jeden Preis. Nicht unbedingt an Volkes Wille, aber irgendwie an die veröffentlichte Meinung linksgrün geprägter Medienpropaganda. Weil ihre Strategen glauben, auf diese Weise das Überleben der PARTEI sicherzustellen.

Robert Ballhaus
8 Tage her

Es ist in Wirklichkeit vollkommen egal, ob Braun, Röttgen oder Merz den Vorsitz übernehmen. Diese drei Laienschauspieler sind eh nur Marionetten einer globalen sog. Elite und verkaufen deren menschenfeindliche Politik im „besten Deutschland, das es jemals gab“. Die Richtung ist immer gleich: Sukzessive Abschaffung des Nationalstaates, massive Grundrechtseinschränkungen, Massenüberwachung, Genderismus, sukzessive Abschaffung des Bargelds, digitales Zentralbankgeld (gebunden an Vorgaben), ‚Gesundheits’diktatur (Volkskörper).

Rasparis
8 Tage her

Erinnert in kafkaesker Weise an die Ränkespiele der Hitler-Paladine 5 Minuten vor dem „Endsieg“…
Drei charakterlich, intellektuell und politisch kastrierte Lemuren, die längst in einer Welt angekommen sind, die zur Resonanzblase der Selbstbeschau der eigenen Mediocrität und Kompromittierung geworden sind.
Eingedampft vom langen, bösen Schatten der Frau aus der SED-Retorte.
Die und diese ganze antichristliche,abgerissene und verrotete Unions-Bande mögen den Weg der Democrazia Cristiana gehen – je schneller dieser ganze, pseudo-konservative Unrat auf dem Müllhaufen der Geschichte landet, desto hoffnungsfroher für das geschundene Land.