„Christus steht im Zentrum“ – Heiner Wilmer ist neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Am Dienstag haben die deutschen Bischöfe den Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Der norddeutsche Ordensmann setzte in seiner ersten Stellungnahme vor allem geistliche Akzente.

picture alliance / epd-bild | Daniel Peter

Die deutschen Bischöfe haben am Dienstag im Rahmen der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt.

Wilmer gehört der Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Priester an. 2015 wurde er zum Generaloberen der Gemeinschaft gewählt, nachdem er seit 2007 Leiter der deutschen Ordensprovinz war. 2018 trat er in Hildesheim die Nachfolge von Bischof Norbert Trelle an. Nun folgt er dem Limburger Bischof Georg Bätzing im Amt des DBK-Vorsitzenden nach.

Ein Ordensmann an der Spitze der DBK

Seine erste Stellungnahme als DBK-Vorsitzender eröffnete Wilmer mit dem Eingangsvers des Gloria, das dem Lukasevangelium entnommen ist: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade“. Aus diesen Worten gehe eine „doppelte Bewegung“ hervor, die einerseits Gott, andererseits den Menschen in den Blick nehme. Wilmer bezeichnete diesen Vers als seinen „Kompass“.

Wiederholt betonte er, dass Gott im Zentrum stehen müsse, um von dieser Mitte aus in die Welt hinein zu wirken. Ihn ins Zentrum zu stellen betrachte er als Hauptaufgabe.

Als politische Herausforderung benannte Wilmer unter anderem die Notwendigkeit eines auf Gerechtigkeit basierenden Friedens in der Ukraine. Als innerkirchliche Aufgabe thematisierte er die Weiterführung der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Kirche und betonte, dass die Stimme der Betroffenen gehört werden müsse. Alle Aufmerksamkeit habe den „Menschen mit verwundeten Herzen“ zu gelten. Befragt nach seiner Haltung zu einem Weiheamt für Frauen, zu dem er sich bereits an anderer Stelle ablehnend – und im Sinne des Lehramts – geäußert hatte, wich Wilmer aus.

Aus seiner pastoralen Erfahrung heraus bezeichnete Wilmer die Kirche als Anker und als Säule der Gesellschaft und machte auf ihren hoffnungsstiftenden Charakter aufmerksam.

Katholische Soziallehre als „prophetische Stimme“

Wilmer wies auf die katholische Soziallehre als „prophetische Stimme für alle Menschen“ hin. Damit folgt er Leo XIV., der sich mit der Wahl seines Papstnamens zu seinem Vorgänger Leo XIII. (1810-1903) bekannte, der sich um die Ausformulierung der katholischen Haltung zu einer gerechten sozialen Ordnung besonders verdient gemacht hat.  Damit einher geht der Anspruch, konstruktiv auf die Gesellschaft einwirken zu können. Dies impliziert, dass die Kirche nicht politisiert wird, sondern den politischen Diskurs von ihrer Perspektive aus prägt.

Die gesamte Ansprache war dementsprechend eher spirituell angelegt: Glaube, Hoffnung, Christus; auch vom Heiligen Geist war immer wieder die Rede.

Dieser Grundtenor zeigte sich auch angesichts der drängenden innenpolitischen Themen: Ihn sorge der „innere Unfriede“ in Deutschland, so Wilmer. Eine explizite Nennung der AfD oder Charakterisierung der Partei als Bedrohung, wie sie noch Bischof Georg Bätzing in der Auftaktpressekonferenz am Montag vorgenommen hatte, unterließ der Hildesheimer Bischof.

Reizwort „Synodalität“ und die Konflikte mit Rom

Verschiedene Quellen aus dem Umfeld der Deutschen Bischofskonferenz lassen verlauten, dass sich Wilmer nach drei Wahlgängen gegen den Essener Bischof Franz-Josef Overbeck durchgesetzt habe.

Dies lässt den Schluss zu, dass sich mit der Wahl Wilmers innerhalb der DBK jene durchgesetzt haben, die den Konfrontationskurs gegenüber Rom, den insbesondere der ehemalige DBK-Vorsitzende Bischof Georg Bätzing und die Vorsitzende des Zentralkomitees der Deutschen Katholischen (ZDK), Irme Stetter-Karp, eingeschlagen hatten, nicht, oder zumindest nicht in dieser Schärfe fortführen wollen.

Darauf deutet auch Wilmers Wortwahl in Bezug auf „Synodalität“ hin, die er als „geistliche Haltung“ beschreibt.

Denn um diesen Begriff entfaltet sich seit 2019 eine Krise innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland, die auch auf die Weltkirche abstrahlt. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob die Kirche nach politisch-demokratischen oder nach geistlichen Prinzipien funktioniert.

„Synode“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Zusammenkunft“ oder „Beratung“, von „syn-“ (zusammen) und „hodos“ (Weg). Eine Synode bezeichnet in der katholischen Kirche eine Versammlung von Bischöfen. Mit Synodalität hingegen ist eine Form der Entscheidungsfindung gemeint, die den Fokus darauf legt, dass dieser Prozess gemeinschaftlich zu erfolgen habe.

Uneins sind sich innerkirchliche Lager darüber, ob damit gemäß der hierarchischen Verfassung der Kirche gemeint ist, dass nach gemeinsamer Beratung die Entscheidungsgewalt nach wie vor beim jeweiligen Verantwortlichen verbleibt, also je nach kirchlicher Ebene beim Priester, Bischof bzw. Papst; oder ob auch die Entscheidung selbst getroffen werden muss, indem „alle“ eingebunden werden.

Zudem stellt sich zum einen die Frage, wie die Beteiligung der Gläubigen sichergestellt werden soll, und zum andern, wer Anspruch darauf erheben kann, als Repräsentant der Gläubigen zu gelten.

Gerade in Deutschland, wo einflussreiche Gremien der katholischen Laien als primäre Gesprächspartner der Bischöfe wahrgenommen werden, wird kritisiert, dass hier unter der Maßgabe, die Gläubigen zu beteiligen, zumeist nur ein kleiner Kreis von Kirchenfunktionären tatsächlich einbezogen wird. Zudem besteht in Deutschland und in der Schweiz, wo demokratisch organisierte protestantische Leitungsmodelle verbreitet sind, die Tendenz, Kirche parlamentarisch organisieren zu wollen.

In diesem Sinne arbeitete auch der von DBK und ZDK installierte „Synodale Weg“: Ein Forum, das ohne kirchenrechtliches Fundament offiziell keine verbindlichen Entscheidungen zu treffen vermochte, allerdings quasi-verbindlich Einfluss auf die bischöfliche Letztverantwortung nehmen wollte und sogar danach strebte, diese durch eine Selbstverpflichtung der Bischöfe faktisch außer Kraft zu setzen. Dagegen hatte Rom klar Stellung bezogen.

Ziel war ursprünglich unter anderem, im deutschsprachigen Raum langgehegte Wünsche nach Veränderungen der kirchlichen Lehre durchzusetzen – auch in Bereichen, in denen Rom eine Änderung ausschließt, da sie den Kern des Glaubens beträfe, der laut katholischer Lehre außerhalb der Verfügungsgewalt der Menschen und der Kirche steht. Zudem ergibt sich aus stärkerer Mitbestimmung auch größerer Einfluss auf die Verwendung kirchlicher Gelder und der Kirchensteuereinnahmen, und damit verbunden entsprechende Machtfülle und Machtsicherung für die Beteiligten.

Sanfter im Ton, Kontinuität in der Sache?

Regelmäßig aus Rom ergehende Mahn- und Warnrufe gegen diese Bestrebungen wurden insbesondere von Bischof Georg Bätzing gegenüber der deutschen Öffentlichkeit als Bestätigung und Bestärkung umgedeutet. Andersdenkende Bischöfe wurden der Spaltung bezichtigt und mitunter scharf zurechtgewiesen, so dass der Eindruck entstehen konnte, der Vorsitzende der DBK sei zugleich der Vorgesetzte der anderen Diözesanbischöfe. Dies ist allerdings nicht der Fall.

Die betont geistlichen Worte des neuen DBK-Vorsitzenden lassen daher erwarten, dass Wilmer sowohl in der Amtsführung als auch in den theologischen, kirchenrechtlichen und -politischen Fragen, die der synodale Weg aufgeworfen hat, konzilianter agieren könnte.

Die Bischöfe scheinen zudem darauf Wert gelegt zu haben, einen Amtsbruder zu wählen, der über gute Verbindungen in Rom verfügt. Bätzings Vorgänger im Amt des DBK-Vorsitzenden, Kardinal Marx, hatte 2015 noch verlauten lassen, die katholische Kirche in Deutschland sei „keine Filiale von Rom“.

Unter Bätzings Amtszeit war die Beziehung zum Vatikan und zur Weltkirche weiterhin von Spannungen geprägt. Dies betraf nicht nur konkrete Anliegen, sondern insbesondere auch das Auftreten der Deutschen, das als undiplomatisch wahrgenommen wird und auf wenig Verständnis stößt.

Die Wahl Wilmers könnte an dieser Stelle als Versuch gewertet werden, kompromissbereiter zu wirken. Ob damit auch tatsächlich eine stärkere Orientierung am römischen Lehramt verbunden sein wird, ist indes eine andere Frage – während des Synodalen Weges votierte Wilmer nicht im Sinne des Lehramts.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 44 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

44 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Bo Joachim
19 Stunden her

Hilmer ist der, der den Opfern des rituellen Missbrauchs in Hildesheim, Münster usw. die Wahrnehmung/Plausibilität der Berichte abgesprochen hat. Das ist der, der sich der satanischen False-Memory-Theorie (falsche Erinnerungen) angeschlossen hat. Das ist der, der sagt, dass den Opfern die Taten nur von den Therapeuten eingeredet wurden. So hat man Argumente um nicht zahlen zu müssen.

Michaelis
2 Stunden her
Antworten an  Bo Joachim

Ich wusste gar nicht, dass der Herr Wilmer so vernünftige Ansichten hat!! Aber im Ernst – wie geht das mit folgendem Zitat in der TAZ überein:

„Klimaschutz, Frauenweihe, Homosexuelle, Zölibat: Mit Heiner Wilmer wählt die katholische Bischofskonferenz einen progressiven Vertreter an ihre Spitze.“

Last edited 2 Stunden her by Michaelis
Wilhelm Roepke
20 Stunden her

Papst Franziskus hat zur DBK alles Nötige gesagt: „Deutschland hat schon eine protestantische Kirche; sie braucht keine zweite.“

Klaus Uhltzscht
21 Stunden her

In seiner ersten Stellungnahme sagt Wilmer irgendwas von Gott, um danach gleich zu einem irdischen politischen Thema überzugehen, dem Krieg in der Ukraine, der mich gar nicht interessiert.
Also manchmal fragt man sich wirklich, was Frau Merkel da an Fachkräften auf den Posten verteilt.

MartinKienzle
21 Stunden her

Fräulein Diouf, bitte keine Hoffnung hegen: Der neue sogenannte „Oberhirte“ instrumentalisiert ebenso Spiritualität, um auch diejenigen Maßnahmen zu ergreifen, die unsere Gesellschaft zersetzen (https://taz.de/Neuer-Chef-der-Bischofskonferenz/!6157615/)!

Epouvantail du Neckar
21 Stunden her

Ich werde den Bratröllchen-Slang von Bätzing vermissen.

Michaelis
23 Stunden her

Wie man anderswo liest, freut sich der (linke) Mainstream über diese Wahl eines „Fortschrittlichen“. Der Herr Wilmer soll zu den sog. „Reformern“ in der katholischen Kirche zählen, ähnlich wie Bäzing. Hat sich da jetzt irgendwas verändert, ist da irgendwo mit Neuem zu rechnen, vielleicht sogar mit einer Art Korrektur des bisherigen Opportunismus gegenüber dem Zeitgeist??

yeager
23 Stunden her

Warum sollte die Kirche, oder auch Teile davon, demokratisch organisiert sein?
Es wird oft so getan als sei demokratische Teilhabe überall wünschenswert, dabei gibt es genug Beispiele für das Gegenteil, von der Fußballmannschaft bis zum Großkonzern.

Deutscher
23 Stunden her

Und?
Werden wieder Vulven gemalt werden?
Wird Gott noch queerer werden?
Wird nächstes Weihnachten in irgendeiner Kirche gar eine Nachgeburt als bedeutungsvolle Kunstinstallation in der Krippe liegen?
Das wäre doch mal progressiv! Das wäre doch mal ein Statement für wahre Weltoffenheit und wirklich christliche Werte!

Marcus Iunius Brutus
23 Stunden her

Christus steht im Zentrum – und damit im Weg … hoffen wir, dass sich dieser blöde Witz hier nicht bewahrheitet!

Lesterkwelle
23 Stunden her

Nach den Herren Marx und Baetzig kann eigentlich nur noch Besseres kommen.

Deutscher
18 Stunden her
Antworten an  Lesterkwelle

Genau! Wie wenn nach Merz Linnemann oder Amthor kommt.
😆