Bei „Fridays for Future“ war der Schulstreik erwünscht und staatlich gefördert — jetzt drohen Schülern wegen Protesten gegen Wehrpflicht und Aufrüstung Ordnungsgelder. In Göttingen sammelte sich ein surrealer Protestzug aus Antifa, Schülern und Kriegsgegnern. Abermals wurde TE von einer Bühne aus als Feind markiert.
Göttingen, 8. Mai 2026. Auf dem Weg zur Gänseliesel hockt eine skurrile Figur auf dem Boden der Göttinger Innenstadt, die einen Vogel darstellen soll. Ein bizarrer Anblick, der zunächst abschreckend wirkt. Die Person hat eine pinke Decke über ihren Körper gespannt, die fast wie ein königlicher Umhang wirkt. Im Gesicht trägt sie eine Vogelmaske mit langem Schnabel. Immer wenn Menschen vorbeigehen, plustert sich die Gestalt plötzlich auf und stößt krächzende Laute von sich. Sekunden später sackt sie wieder in sich zusammen, hockt regungslos am Boden und blickt beinahe traurig ins Leere.
Passanten beobachten die Figur mit argwöhnischen Blicken. Je länger man die Szene betrachtet, desto weniger absurd wirkt sie: Erst laut aufplustern, große Versprechungen machen, Stärke demonstrieren – nur um kurz darauf erschöpft in sich zusammenzufallen: Erinnert das nicht irgendwie an die politische Lage im Land und an den, der sie verantwortet – Friedrich Merz?
Merz, der sich vor seiner Wahl zum Bundeskanzler als derjenige inszenierte, der Deutschland nach jahrelanger Unsicherheit wieder Stabilität garantieren, der alles unter Kontrolle haben würde.
Mittlerweile krächzt die Bundesregierung von „Kriegstüchtigkeit“, Wehrpflicht und Musterung — Themen, die viele junge Menschen bislang nur aus Geschichtsbüchern kannten.
Auch die Gänseliesel ist Antifaschistin
So grotesk wie die Vogelgestalt wirkt auch die Demonstration gegen die Wehrpflicht, die kurz darauf beginnt: Der „Schulstreik gegen Wehrpflicht“, der nur wenige hundert Meter weiter stattfindet.
„Merz, leck Eier“, schallt es einem schon von weitem durch die Innenstadt entgegen. Je näher man der Gänseliesel kommt, desto lauter wird der Kampfruf. Antifa-Fahnen werden geschwenkt, Jugendliche stehen am Rand und tuscheln belustigt miteinander. Über den grauen Straßen Göttingens liegt der süßliche Geruch von Cannabis und Zigarettenrauch.

Bereits zu Beginn der Kundgebung sammeln sich Schüler, Eltern, Passanten und Mitglieder linker Gruppen und Gewerkschaften. Auch der Verband der Verfolgten des Naziregimes ist vertreten. In der Mitte steht ein violetter Transporter, auf dessen Dach ein großer Lautsprecher mit Seilen befestigt wurde.
Während sich anfangs nur um die 150 Menschen auf der dem Kornmarkt zugewandten Seite des Platzes sammeln, entsteht auf der gegenüberliegenden Seite Bewegung. Wie eine zweite Front schiebt sich ein Pulk linker Schüler durch die Fußgängerzone Richtung Gänseliesel. Laut hallt „Siamo tutti antifascisti“ – „Wir sind alle Antifaschisten“ – zwischen den Häuserfassaden.
Viele stammen offenbar von der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule Göttingen. Einige tragen gelbe Warnwesten. Vorne koordinieren einige Jugendliche den Zug. Rechts daneben rollt langsam ein Polizeiwagen in Schrittgeschwindigkeit neben der Menge her.
Frontenbildung im Einheitsblock
Für einen kurzen Moment wirkt der Platz wie in zwei Lager geteilt. So wird die Demonstration selbst zum Spiegelbild eines gespaltenen Landes – denn auch die politische Stimmung in Deutschland scheint zunehmend von Fronten geprägt zu sein: Regierung gegen Bürger, links gegen rechts, Kriegstüchtigkeit gegen Pazifismus, Aktivisten gegen den Staat.

Der Platz füllt sich. Gegen 12.30 Uhr zählen die Veranstalter rund 600 Teilnehmer.
Eine ältere Frau beobachtet das Geschehen schweigend vom Rand des Platzes aus. „Die da oben wollen doch, dass die Leute sich gegenseitig bekämpfen“, sagt sie schließlich leise. Früher hätten die Menschen gemeinsam gegen die Herrschenden protestiert. Heute werde alles nur noch in Lager aufgeteilt. „Teile und herrsche“, murmelt sie. „So verhindert man, dass sich die Leute gemeinsam wehren.“
Tatsächlich scheint sich dieses Gefühl der Spaltung durch den gesamten Nachmittag zu ziehen.
Potpourri des Widerstands
Auf dem Lautsprecherwagen verschmelzen Reden zu Wehrpflicht, Antifaschismus, Feminismus, Kapitalismuskritik und Nahostkonflikt zu einer großen politischen Gesamtkritik.
Unternehmen wie Rheinmetall oder Airbus werden als Profiteure des Krieges bezeichnet. Immer wieder fällt das Wort „Widerstand“.
Die Demonstration richtet sich offiziell gegen die neuen Wehrdienstpläne der Bundesregierung. Seit diesem Jahr erhalten alle 18-jährigen Männer verpflichtende Fragebögen der Bundeswehr. Wer sie nicht beantwortet, muss mit Bußgeldern in Höhe von 250 Euro rechnen. Gleichzeitig bereitet die Bundesregierung die Rückkehr verpflichtender Musterungen vor.
Doch schnell wird deutlich, dass an diesem Nachmittag nicht die Wehrpflicht allein im Mittelpunkt steht.
Auch Gruppen wie die autonome feministische Organisation „Rheinmetall entwaffnen“ sind vertreten. Eine Frau mit kurzen grauen Haaren fordert vom Lautsprecherwagen aus, den Protest „um eine feministische Perspektive zu erweitern“. Immer wieder fällt das Wort „FLINTA“. Immer wieder wird gegendert, von „Schülerinnen“, „Teilnehmerinnen“ und „Aktivist*innen“ gesprochen.
Das eigentliche verbindende Element der Demonstration ist der Antifaschismus.
Immer wieder hallen Parolen wie „Alerta, alerta, antifascista“ oder „Hoch die internationale Solidarität“ über den Platz. Dazwischen wehen Flaggen der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend durch die Menge. Als ein Redner mit Palästinensertuch die Bundesregierung als „zweitgrößten Waffenlieferanten Israels“ bezeichnet und zur nächsten „Free Palestine“-Demonstration am 15. Mai aufruft, brandet Applaus auf. Jugendliche reißen die Arme hoch, andere pfeifen zustimmend, skandieren „Free, free Palestine“.

„Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“, wird immer wieder rhythmisch vom lilafarbenen Transporter gerufen. Auch dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch den Nachmittag. Der Feind, das sind nicht nur Bundesregierung und Bundeswehr, sondern auch „die Reichen“.
„Während ihr in maroden Schulen sitzt, machen die da oben Milliarden mit Waffen“, ruft ein Sprecher. Die Menge klatscht, einige Jugendliche stellen sich auf die umliegenden Bänke, um besser sehen zu können.
Ein Redner zieht historische Parallelen zum Dritten Reich. Unternehmen wie Bayer hätten damals vom System profitiert und sogar Gas für die Nationalsozialisten bereitgestellt. „Heute sind es wieder Kapitalisten, die bereit sind, über unsere Leichen zu gehen“, ruft er ins Mikrofon. Die Menge applaudiert.
Hochpolitisch und doch unentschieden
Zwischen den Demonstranten verteilen zwei vielleicht achtjährige Kinder Sticker gegen Krieg und Aufrüstung. Neben ihnen schiebt sich eine junge Frau mit Vokuhila-Haarschnitt und weiten Jeans durch die Menge. Andere sind halb vermummt, manche haben bunt gefärbte Haare.
Die Demonstration wirkt gleichzeitig hochpolitisch und seltsam beiläufig.
Viele der Jugendlichen scheinen sich untereinander zu kennen. Manche hören aufmerksam den Reden zu, andere lachen, machen Selfies oder diskutieren darüber, wo man später noch hingehen könne. Vor einem Kiosk bilden sich kleine Gruppen, aus Lautsprechern dröhnen dumpfe Bässe, und immer wieder der Geruch nach Cannabis

Am Rand bleiben immer wieder ältere Passanten stehen, viele zwischen vierzig und sechzig Jahre alt. Sie beobachten das Geschehen schweigend.
„Ob ich mich da jetzt dazustelle oder nicht, ändert doch eh nichts“, sagt eine Frau im Vorbeigehen. Die Wehrpflicht habe es früher schließlich auch gegeben. Ihr Mann habe ebenfalls dienen müssen. Das ganze Aufsehen verstehe sie nicht.
Besonders viel Applaus erhält die Erwähnung eines Vorfalls aus München, bei dem Schüler bei Protesten gegen Wehrpflicht von der Polizei abgeführt worden sein sollen, nachdem sie Schilder mit der Aufschrift „Merz, stirb selbst an der Ostfront“ getragen hatten. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, rufen verschiedene Redner immer wieder ins Mikrofon.
Freie Presse? Unerwünscht!
Einige der Teilnehmer sind offen für Gespräche mit der Presse. Als zwei Männer beginnen, Fragen zu beantworten, drängen sich zwei andere dazwischen. Als sie erfahren, dass eine Reporterin von Tichys Einblick Fragen stellt, verbieten sie den beiden, mit ihr zu sprechen. Doch unsere Anwesenheit erregt Aufmerksamkeit: Bald hat sich herumgesprochen, dass Tichys Einblick vor Ort ist, um Meinungen zu dokumentieren. Die Stimmung ändert sich schlagartig: „Denen Angst machen, die Angst haben sollen“, ruft ein Aktivist vom Lautsprecherwagen herab.
Dort greift ein junger Mann zum Mikrofon. Es befinde sich eine Journalistin eines rechten Mediums auf der Demonstration, ruft er in die Menge. Sollte die betreffende Person gesehen werden, möge man sich beim Pressesprecher melden. „Tichys Einblick“ vermag er allerdings nicht korrekt auszusprechen. Zahlreiche Köpfe drehen sich gleichzeitig um.
Trotz aller aggressiven Parolen hatte die Kundgebung bis zu diesem Zeitpunkt fast den Charakter eines politisierten Straßenfestes. Das ist jetzt vorbei. Nach dem Warnruf gegen TE findet sich auch kein Gesprächspartner mehr – die Antifaschisten haben die Journalistin nicht einschüchtern können, aber sie erfolgreich als Feind markiert.
Dabei hatte die Kundgebung wenige Minuten zuvor noch von Solidarität und Einheit gesprochen.
Eine bizarre Protestkulisse
Bereits gegen 13.15 Uhr beginnen erste Gruppen, den Platz zu verlassen. Die Demonstration wird sichtlich kleiner. Einige Jugendliche ziehen Richtung Bahnhof weiter.
Über die Lautsprecher erklingt das Lied der „Moorsoldaten“. Die Melodie erzeugt eine melancholische Stimmung und wirkt im Kontext der Demonstration ein wenig unstimmig und an den Haaren herbeigezogen.
Hier war keine geschlossene politische Bewegung aktiv. Es scheint, als sei eine Bühne gesucht und gefunden worden für unterschiedlichste Ängste und Projektionen: Wehrpflicht, Antifaschismus, Gaza, Kapitalismuskritik, Feminismus, soziale Ungleichheit und Angst vor Krieg verschmelzen an diesem Nachmittag zu einer einzigen Protestkulisse – die auch schnell wieder in ihre Fragmente zerfällt, wenn jeder wieder seinen eigenen Interessen nachgeht.
Und plötzlich drängt sich wieder das Bild vom Beginn des Nachmittags auf.
Die groteske Vogelgestalt mit ihrer pinken Decke, die sich hektisch aufplustert, laut krächzt und kurz darauf wieder in sich zusammenbricht.
Ein bizarrer Anblick, der zunächst fast lächerlich wirkte, der sich nun, nach der Demonstration, perfekt ins Gesamtbild einzufügen scheint. Er wirkt gar nicht mehr so verrückt, der Vogelmann. Ein unfreiwilliges Sinnbild für Friedrich Merz, für Deutschland, für diesen Nachmittag: laut, widersprüchlich, erschöpft und auf eigentümliche Weise orientierungslos.


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Wie viel von dieser Friedensbewegtheit Tiefrotgrüner zu halten ist, haben doch 50 Jahre ‚Ostermärsche‘ unter grüner Regie ausreichend gezeigt: „Frieden schaffen ohne Waffen“ / „Schwerter zu Pflugscharen“ – und das schon damals typisch infantile „Hopp hopp hopp Atomraketen Stopp“ … All das war in der Gegenwart umgehend keinen Pfifferling mehr wert, als ausgerechnet die Grünen forderten, so rasch wie möglich Streumunition an die Ukraine zu liefern. Streumunition. Ausgerechnet! Die hauptsächlich wegen Zündversagern Zivilisten NACH dem Krieg tötet! Komme mir kein Grünlinker jemals wieder mit Friedensbekundungen – schon damals war aufmerksamen Beobachtern völlig klar, dass die nicht gegen Atomraketen als solche… Mehr
Fahnenschwingende Vollidioten, die eine Dauerempörungsvolklore entwickelt haben und offenbar nix mehr raffen – es geht um die Verteidigung unseres Vaterlandes .. was diese bekifften Nerver offenbar nicht verstehen können. Dazu gehört auch ein funktionsfähiger Statt und ein Zusammenhalt der Bürger dieses landes. Die Linksbunten (ca. 20%) haben sich davon losgesagt .. dann darf es für diese Leute auch keine Staatsknete und – Job mehr geben und auch kein Harzen und faulenzen in der sozialen Hängematte. Schüler die aus freien Stücken nicht zum Unterricht erscheinen, sollten entfernt werden. Es gibt ja auch Privatschulen …
Laut Bundesregierung haben 90 Prozent der Männer auf den Bundeswehrbrief geantwortet. https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-05/wehrdienst-bundeswehrbrief-antwort-frauen-maenner 90% heißt aber schon, dass eine überwältigende Mehrheit der jungen Männer das wollen. Somit erübrigt sich jegliches Gejammere : nur die Jüngeren müssten … Wem der Mut fehlt, eine ganz normale Briefsendung der Bundeswehr erstmal zu ignorieren, soll sich bitte nicht mehr beschweren. Nach einer Mahnung kann der Fragebogen immer noch entsprechend ausgefüllt werden, dass man garantiert nicht gemustert wird oder in di AfD eintreten oder das Geschlecht ändern oder oder oder . Wir bösen Boomer waren einst kreativ und das in einer Zeit, als bei Bewerbungsgesprächen oft… Mehr
Die Erfolglosigkeit im Ukraine Krieg könnte Putin aus Verzweiflung veranlassen, die Nato zu testen. Deutschland ist Aufmarsch- Gebiet und treuer Unterstützer. Berlin liegt in Raketen Reichweite von Russland . Es wird spannend .
Tja, blöd halt, wenn die Linken für den Krieg sind und die Rechten dagegen. Was macht man denn da als geistig minderbemittelter Sozialist? Alles gar nicht so einfach… 🙂