Duell Deutschland : Türkei

Für Distanzierung von der AfD gibt's mehr Beifall als für ein Fußballtor und aus den Niederlanden wird die türkische Ministerin ausgewiesen. Deutschland 2017.

© Guido Bergmann/Bundesregierung via Getty Images

Die alte Tante Hertha hatte neulich schon die Bayern an den Rand einer Niederlage gebracht, die Lederhosen nutzten erst die Verlängerung der Verlängerung von satten fünf Minuten, um einzulochen zum Unentschieden. Damals sprachen viele noch von Glück für die Hertha. Nun haben die Berliner gestern Dortmund vom Platz gefegt. BILD titelte: „Plattenhardt schießt Dortmund platt.“

Platter geht’s wohl kaum, aber das ist auch nicht die Story. Denn nachher fühlte sich der Hertha-Torschütze zum 2:1 selbst abgeschossen. Ausgerechnet von der Berliner AfD. Deren Abgeordneter Frank Scheermesser (Bezirk Berlin-Kreuzberg), wohl ein Hertha-Fan, machte nach dem Spiel ein Selfie mit dem Torschützen, ohne sich vorzustellen, und stellt es mit folgendem Kommentar beim Twitteraccount der AfD Fraktion Berlin ein: „Unser Abgeordneter mit dem Siegtorschützen. Langsam wird die Serie unheimlich.“

Plattenhardt las das wohl und retweetete panisch:

@AfDFraktionAGH Foto bitte sofort löschen! Ihr hatte keine Ahnung, wer sich da mit mir fotografieren lässt! Ich distanziere mich klar!
— Marvin Plattenhardt (@Platte21) 11. März 2017

Dafür erntete er dann fast mehr mehr Zuspruch, mehr Lob, Tweets und Kommentare als für sein Siegtor, für seine sportliche Leistung. Und das ist schade. Denn zum einen hätte wohl trotz Foto niemand Plattenhardt unterstellt, er sympathisiere mit der AfD. Denn Politikerfotos mit prominenten Sportlern passieren in der VIP-Lounge ebenso, wie auf der Straße Fotos einfacher Bürger oder Neubürger mit führenden Politikern, ohne dass diese nun einzeln hätten im Vorfeld überprüfen können, mit wem sie sich da ablichten.

Und folgerichtig müsste Hertha der AfD den Zugang zum Stadion komplett verwehren und noch mehr den in die VIP Lounge. Hausverbot lebenslang für AfD-Abgeordnete und Sympathisanten. So wie es die Maritim-Hotelkette gemacht hatte.

Und was soll erst der Sponsor Audi sagen, dessen Logo vielfach im Hintergrund dieses Selfies zu sehen ist? Wird es nun wieder jemanden geben, der dieses Mal Audi empfiehlt, aus der Situation schnell Kapital zu schlagen, indem man mit großer Welle ebenfalls interveniert, das Foto zu löschen? Oder einen, der es Nike empfiehlt? Denn immerhin trägt der Schütze eine Mütze, um mal besser zu reimen als die BILD.

Mit oder ohne Plattenhardts Empörung, die AfD fällt in der aktuellen Sonntagsumfrage zur Bundestagswahl noch einmal um zwei Punkte auf 8 Prozent zurück. Das ist mindestens merkwürdig, denn angesichts Erdogans verbalem Amoklauf hätte man vermuten können, dass die AfD daraus bundesweit Kapital schlägt, aber offensichtlich nimmt der Bürger den Wahlkampf des türkischen Präsidenten doch nicht so wichtig. Vielleicht ist dessen Umgang mir dem Begriff „Nazis“ auch zu inflationär geworden, wenn nun schon die Holländer solche sein sollen, weil man dem türkischen Außenminister Cavusoglu die Landung auf einem Flugplatz in den Niederlanden versagt hatte. Oder sind AfD-geneigte Wähler inzwischen umfragephob?

Aber es kommt noch besser: Jetzt wurde auch noch die türkische Sozialministerin Fatma Betül Sayan Kaya aus den Niederlanden nach Deutschland abgeschoben. Nicht etwa, weil sie Asyl beantragt hätte, Deutschland als Wunschland angegeben oder ein Selfie mit der Kanzlerin wollte, nein, Frau Kaya wollte alternativ für ihren Außenminister in Rotterdam „für Zustimmung der Türken beim anstehenden Referendum über die umstrittene Verfassungsänderung trommeln“. Und sie war nunmal über Deutschland eingereist. Also zurück mit ihr, dachten die Niederländer, ohne dabei an Schengen zu denken.

Der Rotterdamer Bürgermeister Ahmed Aboutaleb erklärte: „Sie wurde in das Land abgeschoben, aus dem sie eingereist ist.“ Ironie am Rande: Der muslimische Bürgermeister Aboutaleb hat die doppelte Staatsbürgerschaft, die der Niederlande und die Marokkos. Und damit wären wir dann in den Maghreb-Staaten angekommen. Die gelten jetzt in Deutschland laut Bundesrat doch nicht mehr als sichere Herkunftsländer. Glück für Aboutaleb. Denn in den Niederlanden ist er noch sicher. Und er dürfte dort sogar als so etwas wie ein Vorzeige-Migrant gelten, besser integrieren kann man sich ja kaum als bis ins Bürgermeisteramt.

Aber der Spiegel hat natürlich längst den Schuldigen gefunden. Nein, nein, nicht Erdogan, sondern den Vorsitzenden der rechtspopulistischen Partij voor de Vrijheid, Geert Wilders: „Die gestrige Nacht zeigt, was Populisten anrichten können. Man stelle sich nur vor, nicht der um Contenance und eine politische Lösung bemühte Rutte wäre Premierminister, sondern der Provokateur Wilders. Dann wäre jetzt Vergeltung angesagt, dann würden alle diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten abgebrochen – die seit Jahrzehnten NATO-Partner sind.“

Ja ne, ist klar: Unter Nato-Partnern darf man sich ruhig mal als „Nazi“ beschimpfen, kommt ja in den besten Familien vor.

Enden wir nun aber wieder versöhnlich beim Fußball, da titelt der Tagesspiegel zur EM-Bewerbung 2024: „Deutschland duelliert sich mit der Türkei“ Der türkische Verbandspräsident Yildirim Demirören erklärte: „Der türkische Fußballverband hat bereits drei Bewerbungen für Europameisterschaften eingereicht. Wir hoffen, dass wir beim vierten Mal Glück haben werden.“ Na ja, einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte er sich wohl kaum aussuchen können. Also EM 2024 in Deutschland? Wir freuen uns drauf. Vielleicht wird ja zwischenzeitlich Jogi Löw auch ein Auge auf Plattenhardt geworfen haben.

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Kommentare ( 6 )

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Man sollte Plattenhardt hier kein Unrecht angedeihen lassen. Unabhängig von Partei und persönlicher Vorliebe ist es das gute Recht „am eigenen Bild“, nicht ungefragt auf einer Parteihomepage oder auch nur einer Werbeseite im anderen Bereich aufzutauchen. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden ungefragt auf einer Seite mit Stegner und/oder Schulz auftauchen …….. nö – das darf bitte jeder selbst entscheiden.

Wer ist das Plattenhardt? Antidemokrat?

Angst freie Demokratie wünsche ich uns ab September 2017.

An schiere Angst musste ich auch bei der Reaktion dieses Fussballers denken, der sich unwissentlich mit seinem Fan aus dem Kreis der Leibhaftigen fotografieren liess. Hat er vor dem vielfältigen Lob fürs Bravsein schon ein paar dezente Hinweise auf erfahrene Entglaser in seiner Region bekommen? Wie auch immer, eine klare Kennzeichnung der Unberührbaren unserer freien und weltoffenen Gesellschaft würde inzwischen doch einiges vereinfachen und unbescholtenen Bürgern solche unzumutbaren Begegnungen ersparen. Diese kleinen Plaketten in rotblau als Pflicht am Jackett würden genügen, die sind preisgünstig und es wären nicht die früheren aufwändigen Handnäharbeiten erforderlich. Mich widert inzwischen dieses hochaggressive und hasserfüllte… Mehr

Sie haben vollkommen recht. Hochaggressiv und hasserfüllt trifft es haargenau. Am liebsten würden diese „Demokraten“ einen noch anspucken oder weitaus schlimmeres, wenn man sich als Andersdenkender outet. Die panische Reaktion des Fussballers zeigt überdeutlich, in was sich unsere Gesellschaft verwandelt hat: in Morlocks und Eloys aus der Zeitmaschine.

Ja, es gibt zum einen die Nato, da sind die EU-Staaten und die Türkei dabei. Und es gibt die EU, da ist ausser den Niederlanden noch so manches europäische Land dabei. Jedoch die EU-Größen, Junker und Tusk schweigen. Die Grenznachbarn der Niederlande schweigen. Wenn es doch für Erdogan keine Rolle spielt, ob man ihn und seine Minister gewähren lässt oder nicht, dann könnte man doch EU-weit das Auftreten der türkischen Regierungsmanschaft zu Wahlkampfzwecken untersagen. Aber man könnte natürlich auch, statt vom Präsidialsystem vom Ermächtigungsgesetzt reden. Jedoch – allgemeines Schweigen. Wenn das heute schon aus Angst passiert, was wird dann erst… Mehr
Die Niederländer haben jetzt die A…karte. Sie sind nach der türkischen Ministerin Tyrannen und Unterdrücker. Das freut die deutsche Regierung, sie ist nur Nazi. Da gibt es durch die integrierten Türken wenigstens nur in den Niederlanden die Eroberung der Straße für Erdogan, Allah und das Sultanat Türkei. Der marockanisch-stämmige Bürgermeister wartet erst garnicht auf den Wahlkampfauftritt der Politiker aus dem Maghreb, oder gar auf Assad. Frau Merkel wird aber zumindest auf Erdogans politischen Freund, Herrn Assad reagieren. Beide Präsidenten gehen ja gegen ihre Terroristen vor, ob mit Fassbomben oder anderen Kalibern. Erdogan ist aber unser Freund, die Türken unsere Nachbarn,… Mehr