Königin Elizabeth wirft sich dem großen Drachen zu Füßen – oder wie es ist, wenn die Globalisierung zurückschlägt.

Königin Elizabeth hatte Kopfschmerzen. Sie kniete seit 20 Minuten auf dem Pier, das Gesicht auf die hölzernen Planken gedrückt. Doch offensichtlich gab es ein Problem auf der Themse, da das Flaggschiff der chinesischen Kriegsflotte zu groß war, um in den East India Docks vor Anker zu gehen. Und dann stand Qiyings Gesandter vor ihr, so dicht, dass Elizabeth die Stickereien auf seinen Pantoffeln sehen konnte, kleine Drachen, die Rauch und Feuer spuckten. Der Gesandte las mit monotoner Stimme die offizielle Bekanntmachung aus Beijing vor. Elizabeth habe um die Gunst gebeten, Tribut und Steuern zu bezahlen, äußersten Gehorsam zu leisten, und der Kaiser habe sich bereit erklärt, ihr Land als eines seiner untergeordneten Herrschaftsgebiete zu behandeln und den Briten die Erlaubnis zu erteilen, sich der chinesischen Lebensweise zu befleißigen.

VON Roland Tichy | Mo, 25. Juni 2012

Endlich bewegt sich was in der Energiewende. Damit werden auch die ungeheuren Kosten und Belastungen sichtbar.

Nun endlich legt der neue Umweltbundesminister Peter Altmaier Zahlen und Fakten zur Energiewende auf den Tisch: Es müssen 3800 Kilometer Stromautobahnen gebaut werden; mit der Anbindung der Windparks in der Nordsee und regionaler Netze wird ein Betrag von über 60 Milliarden Euro fällig. Gleichzeitig räumt Altmaier auch ein, dass Deutschland um Haaresbreite an katastrophalen Blackouts vorbeigeschrammt ist.

VON Roland Tichy | Mo, 25. Juni 2012

Der Euro wird mit jedem Tag mehr zum Verhängnis für Europa, wirtschaftlich wie politisch. Wann endlich werden Alternativen überlegt?

Man muss und sollte Thilo Sarrazin nicht in jedem Punkt seiner Euro-Argumentation zustimmen. Aber auch seine entschiedensten Gegner müssen anerkennen: Endlich wird grundsätzlich über den Euro diskutiert. Solche Diskussionen dienen der Wahrheitsfindung und der gesellschaftlichen Konsensbildung. Demokratie funktioniert über Debatte, Auseinandersetzung, Demonstrationen – so bildet sich Meinung, so bildet sich aber auch Konsens. Jahrelang hat Deutschland in den Siebzigerjahren über die Ostverträge erbittert gestritten, demonstriert; in feinen Zirkeln ebenso wie am Stammtisch; es wurden sogar Abgeordnete bestochen. Am Ende bereiteten die erbittertsten Streitereien den Weg zum gesellschaftlichen Frieden. Oder die Nachrüstungsdebatte: Hunderttausende Menschen blockierten den Deutschen Bundestag in Bonn im Streit über die Stationierung von Pershing-Raketen mit Atomsprengköpfen. Am Ende haben wir darüber unseren Frieden gefunden. Auch dem Ausstieg aus der Kernenergie gingen jahrzehntelange Debatten voraus; er ist beschlossen, die Umsetzung schwierig, aber niemand stellt das Ergebnis infrage.

VON Roland Tichy | Fr, 25. Mai 2012

Der neue französische Präsident zwingt Europa auf Inflationskurs. Die Bürger spüren das längst und stellen sich darauf ein.

So schön kann Inflation sein. Der Flügel von Bechstein, die Uhr von Rolex, der glänzende Oldtimer in der klimatisierten Garage, der Gerhard Richter an der Wand: Wohlhabende Deutsche investieren in Villen, Kunst und Luxuskonsum, um sich vor Inflation zu schützen. Bei anderen reicht es bloß zum Baumarkt. Es wird renoviert, gefliest, gedämmt, gebaut – jedes Eigenheim zum Bunker gegen Wertverlust aufgerüstet. Im Keller werden die Goldmünzen vergraben; besonders Vorsichtige stapeln Büchsen (nahrhafte Bohnen), Haferflocken (haltbar) und H-Milch (geht immer) für den Tag X, an dem die Geldautomaten den Dienst verweigern, weil das Geldsystem kollabierte. Büchsenfleisch, Bilder, Immobilien, Wälder und Felder – Anfassbares und Begehbares zählen mehr als Kontoauszüge.

VON Roland Tichy | Fr, 25. Mai 2012

Es ist ja wahr, der Börsengang von Facebook sieht ziemlich nach einer Blase aus. Aber hätten die Buchhalter Amerika entdeckt?

Facebook lässt sich nüchtern eigentlich gar nicht verstehen: 3,7 Milliarden Dollar Umsatz, eine Milliarde Gewinn, aber gleich 98 Milliarden Dollar Börsenkapitalisierung. Um daraus eine Kaufempfehlung abzuleiten, muss sich schon die schwarze Magie mit Größenwahn zu einem phantasmagorischen Gesamtkunstwerk verbinden. Gegen die Blase aus Spargroschen, die ein gigantischer Geldstaubsauger aufwölbt, sieht der längst vergangene Hype um die Deutsche Telekom aus wie eine mündelsichere Geldanlage. Die faulen Börsenblasen von EM.TV bis Intershop vom legendären Neuen Markt nehmen sich daneben aus, als hätten ein paar halbstarke Mopedjungs einen Kaugummiautomaten geknackt – während Profis einen randvollen Geldschrank sprengen wie im Krimiklassiker “Rififi”.

VON Roland Tichy | Fr, 25. Mai 2012

Die Menschen lieben Europa und den Euro – immer weniger. Der Grund sind die sozialen Kosten der gemeinsamen Währung.

Die Wahlen in Frankreich, Griechenland und demnächst in Holland sind auch eine Volksabstimmung über den Euro. Überall gewinnen derzeit Parteien und Politiker, die die gemeinsame Währung ablehnen, die Wiedereinführung von Grenzkontrollen fordern oder andere Errungenschaften des gemeinsamen Europas zurückdrehen wollen. Es ist eine Entwicklung, die Angst macht. Die Ursache dafür ist nicht ein irgendwie archaischer Nationalismus, sondern blanke Not: Es sind die steigenden sozialen Kosten der gemeinsamen Währung, die Europa jetzt zu zahlen anfängt. Denn wenn ein Land mit eigener Währung an globaler Wettbewerbsfähigkeit verliert, kann es abwerten; seine Produkte werden auf den Weltmärkten billiger, konkurrierende Importe teurer, selbst dann noch, wenn die heimischen Löhne immer weiter steigen. Die Wechselkurse passen an, was Regierungen, Unternehmen und Gewerkschaften nicht leisten wollen oder können. Eine eigene Währung ist ein Schleier, hinter dem sich verbirgt, was nicht wirklich funktioniert.

VON Roland Tichy | Fr, 25. Mai 2012

Lieber die FDP als marktwirtschaftliches Korrektiv oder besser die Piraten als Sprengsatz für das versteinerte Kartell der Altparteien?

Überzeugend ist ja die Leistungsbilanz der FDP nicht. Aber in den vergangenen Wochen zeigte sich, wie wichtig ein marktwirtschaftliches Korrektiv ist, um die große Koalition der Staatsinterventionisten zu stoppen: An FDP-Ministern scheiterte Gott sei Dank die Schlecker-Transfergesellschaft. Die Leidtragenden wären neben dem Steuerzahler die Schlecker-Frauen selbst gewesen, die so noch mehr Rechte und Löhne verloren hätten. Zynisch wird das Sozialstaatsargument missbraucht und mit tränenreichem Gestus eine Forderung scheinbar zugunsten sozial Schwacher vorgetragen, die ihnen aber in Wirklichkeit mehr schadet als nützt. In diesen Tagen geht das verlogene Sozialstaatsgerede beim Thema Mindestlöhnen weiter – nur die FDP kann noch das krude Unions-Konzept stoppen, das doch nur wieder Arbeitsplätze vernichtet. In Nordrhein-Westfalen hat sich die kleine FDP-Fraktion in einem Opfergang der rot-grünen Rekordschuldenmacherei entgegengestellt; dafür droht ihr jetzt bei den Landtagswahlen der Exitus. Der Wähler ist undankbar und flatterhaft.

VON Roland Tichy | Mi, 25. April 2012

Sie sollten Ihren Sommerurlaub am Mittelmeer verbringen – und schon mal im Club Med die Mediterranisierung der Wirtschaft üben.

Bald muss wieder die Euro-Feuerwehr ausrücken. Diesmal brennt es in Spanien. Die Anleihezinsen dort lodern auf bis zu sechs Prozent – die Höhe, die Griechenland, Irland und Portugal unter die Schutzschirme gezwungen hat. Aber Spanien ist größer, und sein König schießt nicht mickriges Kleinvieh, sondern Elefanten. Daher werden die Löschmittel – allein Deutschland bürgt für 320 Milliarden Euro – wieder nicht ausreichen, und alle Rettungsleitern werden wieder zu kurz sein. So wird schon in den nächsten Wochen die Europäische Zentralbank wieder für zweistellige Milliardenbeträge Staatsanleihen kaufen oder wieder viele Hunderte Milliarden frisch gedrucktes Geld einsetzen beim Versuch, das Feuer zu ersticken.

VON Roland Tichy | Mi, 25. April 2012

Deutschland zwingt die Euro-Staaten zum Sparen. Dabei halten wir das nicht einmal zu Hause durch – zum Schaden der Euro-Zone.

Mit der Stabilitätsbremse made in Germany soll sich Europa gesundsparen. Aber was ist, wenn die Sparerei den Deutschen selbst nicht mehr schmeckt? Genau danach sieht es aus: Der fette Zuschlag von 6,3 Prozent bis auf die für den öffentlichen Dienst wird auf Pump finanziert, und alle. Weniger aus Nächstenliebe zum Stadtkämmerer freuen sich Konto: Wenn die von Verdi mit Müllwerker, eher mit Blick auf das eigene der Sechs nach Hause gehen, brauchen die Bosse der Gewerkschaften Chemie und Metall sich mit einer Vier gar nicht erst blicken lassen.

VON Roland Tichy | Mi, 25. April 2012

Wie viel darf ein Manager verdienen? Die Frage ist schwer zu entscheiden, denn sein wahrer Verdienst zeigt sich erst am Ende.

Der jüngste Protest gegen die Managervergütungen entzündet sich an VW-Chef Martin Winterkorn – 17 Millionen Euro ist ja ein Betrag, für den muss Oma lange stricken. Aber Winterkorn hat den Gewinn von 1,8 auf 18,9 Milliarden Euro gesteigert. VW ist eine Erfolgsgeschichte schon vor Winterkorn. Anfang der Neunzigerjahre fast pleite, überredete der Personalvorstand Peter Hartz die Gewerkschaften dazu, die 28,8-Stunden-Woche zu akzeptieren. So befreite er den Konzern von erdrückenden Kosten. Am Ende musste Hartz wegen Bordellbesuchen dieser Betriebsräte vom Hof flüchten. Wie viel ist seine Leistung wert?

VON Roland Tichy | So, 25. März 2012

Der Bundespräsident lebt eine ungeheuerliche Neuerung vor: Optimismus. Sofort fragen Schwarzseher: Kann das gut gehen?

Erst hat das Ausland angefangen, uns Deutsche für die seltene Kombination aus Lockerheit, Lebenslust und Wirtschaftskraft zu bewundern. Und jetzt haben wir auch noch einen Präsidenten, der sich freut, gelegentlich ein recht männliches Tränchen der Rührung verdrückt und uns vorhält, dass es uns doch eigentlich gut geht, dass wir eigentlich stolz sein sollen. Das ist ungewohnt bis zur Ungehörigkeit. Aber er hat recht: Noch nie in der Geschichte dieses Landes ist es so vielen Menschen so gut gegangen. Man traut es sich ja kaum auszusprechen – die Verelendung der Massen findet auf höchstem denkbarem Konsumniveau vor dem Flachbildschirm statt. Die Hartz-IV-Gesetze haben keine soziale Katastrophe ausgelöst, sondern mündeten in ein Jobwunder – zugegeben zu oft noch geringen Löhnen. Aber der beschworene Verteilungskonflikt entzündet sich in Form von lästigen, aber gesitteten Streiks, bei denen die Beschäftigten 6,5 Prozent mehr Lohn verlangen.

VON Roland Tichy | So, 25. März 2012

Als Bundeskanzlerin punktet Angela Merkel bei den Wählern – die aber der CDU in den Ländern davonlaufen. Wie lange geht das gut?

Der grau gewordene Bürgerschreck Daniel Cohn-Bendit hat genau beobachtet, warum die Spitzen der CDU mit den Grünen flirten: “Wir Grünen und die CDU treffen uns immer auf Vernissagen und Opernpremieren. Da sind die Sozialdemokraten, diese Banausen, nie dabei.” So schön würde es Angela Merkel nie formulieren. Aber sie hat ihre Politik auf dieses neue schwarz-grüne Lebensgefühl in den Metropolen ausgerichtet – dort soll Ursula von der Leyen die jüngeren Frauen abfischen und Norbert Röttgen die neureichen Umweltbewussten im SUV zum Kreuz bei der Union bewegen. Es ist ein kluges Rezept gegen das langsame Verdämmern der CDU, die von älteren Menschen in Kleinstädten gewählt wird.

VON Roland Tichy | So, 25. März 2012

Ist ein Chefarzt in erster Linie Arzt, Chef oder Manager? Davon hängen immerhin Leben und Gesundheit der Patienten ab.

Beim Vergleich einer dieser blitzsauberen Automobilfabriken oder einer Flugzeugwerft mit einem Krankenhaus oder einer Uniklinik drängt sich schnell der Gedanke auf, dass man lieber am Fließband krank wäre als im Spital. Keimverdacht kommt spätestens dann auf, wenn man sieht wie eine sichtlich unterbezahlte, der deutschen Sprache kaum mächtige Hilfskraft mit dem Feudel über die Gänge schmiert.

VON Roland Tichy | So, 25. März 2012

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat die Welt erschüttert – und Deutschland verändert: Folgen der radikalen Energiewende.

Die Deutschen sind schon immer ein Volk der Bastler und neuerdings der Wetter-Beobachter: Das Wetter hat mit der Energiewende jene schicksalhafte Bedeutung zurückgewonnen, die es in landwirtschaftlichen Gesellschaften und zuletzt in der maroden DDR hatte: Packen die Kraftwerke den Winter gerade noch? Bei klarem Wetter und reicher Solarernte lautet die Antwort Ja; bedeckter Himmel, Schneedecke oder Windflaute drohten im Januar das Land und seine Nachbarn in eine existenzielle Energiekrise zu stürzen.

VON Roland Tichy | So, 25. März 2012

Joachim Gauck ist kein Mann der Wirtschaft. Aber er kann ihr etwas zurückgeben: eine Selbstvergewisserung ihres ethischen Fundaments.

Es ist die große Stunde der Textexegeten und Bedeutungsinterpreten. Jedes Wort des Joachim Gauck wird jetzt gewogen und bemerkenswerterweise von denen für zu leicht befunden, die ihn vor die Pforte des Amts getragen haben. SPD und Grüne zweifeln an ihm. Eher verwundert reiben sich Konservative und Liberale die Augen und bestaunen das Geschenk in Person eines Präsidenten, das ihnen die Opposition gemacht hat. Denn Joachim Gauck vertritt Werte wie Freiheit, Verantwortung, Selbstbestimmung und eine politische Unkorrektheit, die für etwas stehen, was uns verloren gegangen ist: ein ethisches Fundament auch der Marktwirtschaft.

VON Roland Tichy | Sa, 25. Februar 2012

Der Fall Deutsche Bank gegen Leo Kirch zeigt: Die größten Schweinereien passieren, wenn sich der Staat in die Wirtschaft einmischt.

Viele werten es als gerechte Strafe, dass die Deutsche Bank die riesige Summe von 800 Millionen Euro an die Erben des legendären Medienmoguls Leo Kirch ausschüttet – es deutet vieles darauf hin, dass dessen Kreditwürdigkeit schlechtgeredet wurde. Dabei wird übersehen, dass die Bank nur einer der Beteiligten am großen Spiel um Geld und Medienmacht war: Leo Kirch mit seinen Fernsehsendern war dabei, sich auch den Springer-Konzern mit „Bild“ und „BamS“ zu unterwerfen und damit einen gewaltigen konservativen Medienblock nach dem Vorbild von Silvio Berlusconi zu schmieden. Damit wurde Kirch, ein persönlicher Freund des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl, für dessen Nachfolger von der SPD, Gerhard Schröder, gefährlich. Das Beispiel Berlusconi vor Augen, sollte Kirch ausgebremst werden – mithilfe seiner Konkurrenz von RTL, die damals als der SPD zugeneigt galten. Also trafen sich Politik, Bank und Konkurrenz in der Gastwirtschaft Wichmann in Hannover, um zu besprechen, wie eine Medienlandschaft mit großen Gewinnen und ohne Kirch aussehen könnte.

VON Roland Tichy | Sa, 25. Februar 2012

Der Fall Wulff zeigt, was passiert, wenn klare Grenzen zwischen Staat und Unternehmen, Politik und Geld verwischen.
So wie der sprichwörtliche Elefant den Porzellanladen zerdeppert, gefährdet ein tapsiger Wulff das Schloss Bellevue: Manche empfinden schon Mitleid mit dem Gejagten, der mit verschwurbelten Aussagen haarscharf an Wahrheit wie Lüge gleichermaßen vorbeizielt und mit jeder Entschuldigung neue Verdächtigungen auslöst.
Bundespräsident Christian Wulff schlingert ohne eigenes Maß entlang der schwammigen Grauzone zwischen legitimer Interessenvertretung und problematischer Einflussnahme. Seit Jahrzehnten sind die Sommerfeste der Bundespräsidenten wahre Orgien des Sponsorings; Leistungsschauen deutscher Winzer, Bierbrauer, Würstchenfabrikanten und Autobauer. Jeder Besucher erhält einen Regenschirm geschenkt. Darf man auch der Präsidentengattin ein Kleidchen spenden, am liebsten mit Logo, logischerweise?

VON Roland Tichy | Sa, 25. Februar 2012

Der Euro spaltet Europa - und Deutschland polarisiert: Bewunderung in Frankreich kontrastiert mit Hass in Italien und Griechenland

Einmal pro Minute, errechnete kürzlich „Le Monde“ aus Paris, habe Nicolas Sarkozy Deutschland in seinem Wahlkampf-Auftakt zum Vorbild für Frankreich hochgejubelt. Das Modell Deutschland also ist Sarkozys Wahlprogramm für die wirtschaftlich lahmende Grande Nation? Da reibt man sich verwundert die Augen und erinnert sich an die Montagsdemonstrationen gegen die jetzt so vorbildlichen Hartz-Reformen und an den neuen Revisionismus in der SPD, die die eigenen Veränderungen wieder zurückdrehen will. Aber gut, es läuft ja tatsächlich gut in Deutschland, und gerne gönnt man dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder die späte Genugtuung. Aber diese Bewunderung, die auch in Großbritannien, Norditalien, den Niederlanden und sogar in Spanien geäußert wird, kontrastiert mit einem ganz anderen Deutschen-Bild, das in Griechenland und Teilen Italiens gemalt wird: Da nennt “Il Giornale” die Bundeskanzlerin “Fettarsch”, Angela Merkel kommt in Zeitungen als Nazi-Schlampe oder mit Hitler-Bärtchen vor. Werden Hilfsmilliarden nicht bedingungslos überwiesen, wird dies in Griechenland als Einmarsch der Wehrmacht diffamiert.

VON Roland Tichy | Sa, 25. Februar 2012

Konflikte sucht man nicht; meist schlittert man hinein. Das ist das Gefährliche am aufflammenden Währungskrieg.

Währungskriege schaden allen Beteiligten. Und doch erzwingt ihn die innere Logik der Interessenkonflikte fast unvermeidlich. Das Drehbuch ist geschrieben, die ersten Kapitel sind schon bittere Realität: Die Notenbanken der USA und von Großbritannien kaufen massenhaft die Staatsanleihen ihrer Regierungen auf. Das macht das Schuldenmachen für die Regierungen leicht, es soll die Wirtschaft ankurbeln und schwemmt Dollar und Pfund in den Markt. Weil Abermilliarden dieser Währungen durch die Welt vagabundieren, sinken die Kurse für Dollar und Pfund – und steigt der Kurs anderer Währungen.

VON Roland Tichy | Do, 16. Februar 2012

Die Italienisierung der Europäischen Zentralbank hat sich schon gelohnt: Die Euro-Krise verlängert ihren Weihnachtsurlaub bis Ostern.

So entspannt schien die Lage schon lange nicht mehr: Die Staatsschuldenkrise gebannt, der Euro stabil, der Dax auf Erholungskurs, Italien und Spanien konnten neue Anleihen gut verkaufen. Dieses Glück verdanken wir der Europäischen Zentralbank (EZB), die Mitte Dezember den Banken 489 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt hat. Die Summe entspricht der Wirtschaftsleistung, die die Schweiz und Ungarn zusammen jährlich erwirtschaften. Die Banken erhielten diese Milliardenspritze für drei Jahre und zum Schnäppchenpreis von einem Prozent. Wenig überraschend, dass sich seither die Zinsen der italienischen Staatsanleihen für diesen Zeitraum halbiert haben.

VON Roland Tichy | Mi, 25. Januar 2012