Der VW-Konzern fordert die globale Automobilindustrie heraus. Die Produktionsschlacht könnten andere Europäer verlieren.

Die Granden der Autoindustrie gehen gern freundlich miteinander um: Man besucht sich auf den Automobilmessen in Genf oder Detroit; sitzt im Neuwagen des Erzkonkurrenten mal Probe und lobt ein bisschen, wenn auch nicht sehr. Seit Kurzem ist das anders: Fiat-Chef Sergio Marchionne beschimpft VW-Chef Martin Winterkorn, der richte mit einer Rabattschlacht „ein Blutbad“ an. Milliarden von EU und der französischen Regierung erbettelten Renault und Peugeot. Selbst ein Bündnis mit Fiat und Opel wird diskutiert – alles Abwehrmaßnahmen gegen „Das Auto“. Etwas überheblich klingt es ja, wenn der VW-Konzern mit diesem Slogan wirbt, als ob andere allenfalls Seifenkisten herstellen könnten, aber eben kein „Auto“.

VON Roland Tichy | So, 25. November 2012

Die Konjunktur läuft immer holpriger. Doch das größte Risiko für Arbeitsplätze und Wachstum droht von der Finanz- und Euro-Politik.

In der vorherrschenden Meinung der dieses unser Land regierenden und kommentierenden Klasse gelten Unternehmer und Manager als unsolide Gesellen: Wenn’s gut geht, laufen sie mit stolzgeschwellter Brust herum und protzen mit Geld; wenn’s schlecht geht, schlüpfen sie husch, husch wie weiland die Investmentbanker unter den muffigen Rock des Staates, wo sie sich wärmen und durchfüttern lassen. Doch die Wirklichkeit hat schon längst gedreht: Nach dem Schock der Finanzkrise haben die Unternehmen ihre Bilanzen solide finanziert, Kosten vorausschauend flexibilisiert, Produktion und Produkte modernisiert und Absatzmärkte globalisiert – irgendwo läuft immer irgendwas. Ein langsamer Rückwärtsgang haut kaum einen mehr um.

VON Roland Tichy | Do, 25. Oktober 2012

Die Bundestagswahl wird zur gesamtgesellschaftlichen Neiddebatte. Der Streit um Peer Steinbrücks Honorare ist erst der Anfang.

Es gibt wenige Politiker, denen man so gerne zuhört, dass man dafür bezahlt. Peer Steinbrück ist einer von ihnen; mit der Melange von grandios überspitzter Rhetorik, auf Bestellung abrufbarer Empörung und vor Wut zuverlässig zitternder Stimme hat er eine seltene Kunstform perfektioniert: die Publikumsbeschimpfung. Denn er redet den zahlenden Bankern nicht nach dem Mund; er haut ihnen ihre Sünden so krawallig um die Ohren, dass sie sich lustvoll im Versagen baden, sich nach einer masochistischen Stunde der Selbsterniedrigung bis zur Selbstgeißelung, aber auch so gereinigt und geläutert fühlen dürfen, dass sie weitermachen wie bisher. Kein Wunder, dass Steinbrück einer der bestbezahlten ambulanten Vortragskünstler werden konnte, und vermutlich ist es das, was seine parteiinternen Gegner ihm noch mehr neiden als Geld und Würden. Andrea Nahles weiß, dass sie einem Publikum eher Geld anbieten müsste, damit man ihr zuhört.

VON Roland Tichy | Do, 25. Oktober 2012

Schon den ersten Konflikt um die Staatsfinanzierung aus der Notenpresse droht die Europäische Zentralbank zu verlieren – wir alle zahlen.

Der Papst – wie viele Divisionen hat er? Mit dieser rhetorischen Frage soll Josef Stalin die Teilnahme des Vatikans an den Verhandlungen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs abgelehnt haben.
Wie viele Divisionen kommandiert Mario Draghi? Als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) liebt er kriegerische Wortspiele in der Geldpolitik, wie das von der Dicken Berta, dem gewaltigen Kriegsgeschütz. Aber seine starken Worte kaschieren nur, dass er wenig Macht hat – und deshalb vermutlich schon im Oktober vollmundige Versprechungen von August kassieren muss. Da hat Draghi durchgesetzt, dass zukünftig die EZB “unbegrenzt” Staatsanleihen der Strauchelländer aufkaufen wird.

VON Roland Tichy | Do, 25. Oktober 2012

CDU/CSU haben keine Quote, aber viele Frauen. SPD und Grüne sind Frauenquotenfans ohne Frauen. Was lehrt das die Wirtschaft?

In der CDU gibt es nur die schwächste Form einer Frauenquote für politische Ämter – trotzdem ist die Union die Partei der Frauenpower. Da ist Angela Merkel, die aus der Rolle der Parteivorsitzenden und Bundeskanzlerin längst in das Fach Staatsfrau auf Europaniveau gewechselt ist. Im Bundeskabinett sitzen vier Frauen vier Männern gegenüber und darunter mit Ursula von der Leyen eine mit Anspruch aufs höchste Amt. Auf Landesebene führen mit Annegret Kramp-Karrenbauer und Christine Lieberknecht zwei CDU-Ministerpräsidentinnen. In der zweiten Reihe warten Frauen wie die rheinland-pfälzische Oppositionschefin Julia Klöckner auf den Tag ihrer Machtübernahme.

VON Roland Tichy | Di, 25. September 2012

Wie gut ist Bio wirklich, und hilft Nachhaltigkeit bei Zukunftsfragen? Auch ökologische Themen müssen jetzt ökonomisiert werden.

Bio, Nachhaltigkeit und Grün stehen für das Gute, den Fortschritt, das Überleben der Menschheit. Es schwingt ein wohliger Grundklang mit diesen Begriffen, der sich so hoffnungsfroh und idealistisch abhebt vom kalten Leben der Technokratie im globalen Kapitalismus. Aber viele Apologeten der grünen Revolution und Minnesänger der Nachhaltigkeit sind nachdenklich geworden – und ungewohnt selbstkritisch. Es klaffen Widersprüche zwischen dem so leidenschaftlich Gewollten und dem hässlich Erreichten: Der Bioladen an der Ecke verschwindet, seit die Supermarktketten die Preisschlacht mit ihren Bioregalarmeen gewinnen.

VON Roland Tichy | Di, 25. September 2012

Europa verändert sein Gesicht: Der marktwirtschaftliche, wettbewerbsorientierte Ansatz deutscher und englischer Prägung ist zerstört.

Das Bundesverfassungsgericht ist gesprungen wie ein Löwe – aber gelandet sind die Richter als Bettvorleger. Kleinlaut mussten sie durchwinken, was Kanzlerin, Parlament und das politische Establishment fordern. Dafür darf man sie nicht schelten – den Druck hält keiner aus.

VON Roland Tichy | Di, 25. September 2012

Renten- und Krankenversicherungen haben Probleme, wenn kein Geld da ist – und noch größere, wenn die Kasse überquillt. Warum bloß?

Es hat wie so vieles mit Konrad Adenauer angefangen: Er gilt als Vater der dynamischen Rente von 1957; sie gilt als Musterbeispiel einer gelungenen Sozialreform. Es waren die Jahre des Wirtschaftswunders; Adenauer beteiligte die Rentner an den Erfolgen. Aber von Anfang an war der Wurm drin. Entgegen den Plänen des Wirtschaftswissenschaftlers Wilfrid Schreiber, der das Umlageverfahren konzipiert hatte, wurden die Renten weit höher als ursprünglich geplant gesteigert.

VON Roland Tichy | Di, 25. September 2012

Dass es Air Berlin schlecht geht – das heulen die Turbinen beim Start- wie beim Landanflug. Aber im Fluglärm geht unter, dass der Carrier peinlich bemüht ist, Aktionäre und Anleger über seine wahre Lage im Unklaren zu lassen.

 Ich berichtete in meinem montäglichen Newsletter WiWo-Agenda (zur kostenlosen Bestellung hier) dass Air Berlin die WiWo-Reporterin Melanie Bergermann von einer Veranstaltung für Analysten und Journalisten ausgeschlossen hatte – ein grobes Vorgehen, dass Verärgerung bei  teilnehmenden Unternehmen hervorgerufen hat: Wer nichts zu verbergen hat, schätzt die Veranstaltung als Bühne, um Interesse für das Unternehmen zu wecken.

VON Roland Tichy | Di, 25. September 2012

Die Euro-Krise ähnelt immer mehr der Finanzkrise: Diesmal geht es nicht um eine Bank wie Lehman Brothers – nur um Griechenland.

Jede elementare Krise hat ihre Besonderheiten – und doch gibt es Gemeinsamkeiten. So ähnelt die Stimmung heute auf eine fatale Weise etwa der im Spätsommer des Jahres 2008, kurz vor der Pleite der Bank Lehman Brothers: Damals wurde der breiten Öffentlichkeit das wahre Ausmaß der Krise im Bankensektor bewusst. Im Laufe zweier Jahre hatten immer neue Banken, deren Namen oder Bedeutung man vorher gar nicht kannte, von den Staaten gerettet werden müssen, und zwar mit immer höheren, schwindelerregenden Milliardenbeträgen.

VON Roland Tichy | Di, 25. September 2012

In Frankfurt schraubt sich ein riesiger Doppelturm in den Himmel; der höchste der Stadt will er werden. Es ist der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB), ein preisgekrönter Entwurf.
Doch plötzlich erscheint der Bau von zweifelhafter Symbolik: Die Türme sind gegeneinander verdreht, wie von Riesenhand gestaucht und aus dem Lot gebracht – wie die Vorwegnahme einer Geldpolitik in Europa, die neuerdings unbegrenzt Geld für überschuldete Staaten drückt. Es ist ein monströser Bau auf den Feldern, von denen einst die Familie Johann Wolfgang von Goethe ihr Grünzeug bezog. Der neue Glaspalast wirkt wie ein Ufo - gerne möchte die EZB so mächtig sein wie die FED in New York. Aber ihr fehlt der Unterbau, der gemeinsame europäische Staat. Ohne gemeinsame europäische Wirtschafts- und Fiskalpolitik bleibt sie ein Torso, aufgepropft und ausgeplündert von nationalen Partikularinteressen.

VON Roland Tichy | Di, 25. September 2012

An der Börse ist Science-Fiction längst Realität: Der unheimliche Krieg Computer gegen Computer. Wo bleibt da noch Raum für Anleger?

 Nein, eigentlich gibt es nur wenig Neues an der Börse: “Wer in diesem Spiel gewinnen will, muss Geld und Geduld haben, da die Kurse so wenig beständig und die Gerüchte so wenig begründet sind”, schrieb der spanisch-niederländische Schriftsteller Joseph de la Vega schon 1688 über die Amsterdamer Börse mit dem wunderbaren Titel “Confusión de Confusiones”, die “Verwirrung der Verwirrungen”.

VON Roland Tichy | Sa, 25. August 2012

Die Bauern im Münsterland warten noch mit dem Verkauf ihrer Maisernte.

Jeden Tag steigt der Preis an der Warenterminbörse (siehe unsere Titelgeschichte Seite 74). Ist das wirtschaftliche Klugheit oder moralisch verwerfliche Spekulation mit Lebensmitteln, gar ein Geschäft auf Kosten der Hungernden, wie es erboste Aktivisten den Banken vorwerfen? Wohl kaum – schließlich spekulieren wir ja alle gelegentlich am Wochenmarkt darauf, dass am Abend die Erdbeeren billiger werden.

VON Roland Tichy | Sa, 25. August 2012

Der politische Radau um die Frauenquote wirkt: Frauen werden befördert, Männer ausgesondert. Müssen wir Kerle jetzt trauern?

Männer, jetzt ist EdeKa: Weil viele Großunternehmen Top-Jobs nur noch an Frauen vergeben, stehen hoffnungsvolle Männer vor dem Ende der Karriere. Der politische Druck Richtung Frauenquote wirkt; rabiater vielleicht sogar als eine gesetzliche Regelung, die noch Hintertürchen ins Vorstandsbüro öffnen würde. Nicht ohne Spott beschreibt unsere Reporterin Cornelia Schmergal, wie Frauen die Macht erobern und Männer im Vorzimmer bleiben müssen. Ist das jetzt die ausgleichende Gerechtigkeit für zig Jahrhunderte Machismo? Muss eine verlorene Generation von Männern jetzt büßen, dass ihre Vorväter Frauen ausgebremst haben?

VON Roland Tichy | Sa, 25. August 2012

Das Bundesverfassungsgericht bremst die Euro-Retterei der Regierung Merkel – und stärkt gerade dadurch Merkel den Rücken.

Es ist immer ein großer Tag für die Demokratie, wenn die Bundesregierung in Person eines Ministers vor dem Bundesverfassungsgericht aussagt wie sonst ein Mietnomade vor dem Amtsgericht. Politik ist nicht allmächtig, so lernen wir, sondern muss sich überprüfen lassen. Und schon ist etwas Ruhe eingekehrt: Das Gericht prüft erst mal drei Monate lang, was die Bundesregierung in nächtlichen Krisensitzungen so zusammenverhandelt hat und was die Abgeordneten des Deutschen Bundestages husch, husch in einem Tempo durchs Parlament paukten, wie sonst nur eine Maggi-Minutenterrine garen muss.

VON Roland Tichy | Mi, 25. Juli 2012

Ist die Bundeskanzlerin nun in der Euro-Frage vor der lateinischen Front der drei Schuldenstaatsmänner Monti, Hollande und Rajoy eingeknickt oder nicht?

Oder wurde sie gar reingelegt, weil nachts um vier die Beschlüsse der Regierungsschefs nur vom italienischen Regierungssprecher gemäß seiner Interpretation vorgetragen wurden, während Merkels Medienmann Steffen Seibert schon wohlverdient im Brüsseler Schlummerbettchen lag? Das sind Fragen, über die man lachen könnte, wenn es im europäischen Schuldentollhaus nicht um lebenswichtige Fragen ginge. Darüber gehen manche Themen verloren: Etwa, dass wir zwar an der Regierungskunst herummäkeln – aber das totale Oppositionsversagen gar nicht mehr bemerken. 

VON Roland Tichy | Mi, 25. Juli 2012

Alle reden von Familienpolitik – aber Kinder kommen keine: Die Dynamik des Geburtenrückgangs ist nicht mehr zu bremsen.

Irgendwie tun alle furchtbar überrascht, wenn Jahr für Jahr weniger Kinder geboren werden. Dabei braucht man nicht einmal Statistik, um zu wissen, dass keine Kinder eben keine Kinder kriegen. 1964 zählte man in Deutschland noch knapp 1,4 Millionen Neugeborene; 1974 waren es schon über eine halbe Million Geburten weniger. Und 2011 wurden mit 663.000 Kindern nur halb so viel geboren wie 1964. Weil also immer weniger Kinder geboren werden, beschleunigt sich der Bevölkerungsfall in diesem Land ohne Zutun.

VON Roland Tichy | Mi, 25. Juli 2012

Die Euro-Krise ist nicht mehr mit Geld, sondern nur noch mit einer politischenUnion lösbar. Die Not mit dem Geld schafft den Euro-Staat.

Vordergründig geht es derzeit um technische Fachbegriffe wie EFSF und ESM, um Euro-Bonds, Euro-Bills, Target-Salden und Bankenunion. Aber selbst die dreistelligen Milliardensummen, die damit bewegt werden, vermögen den Euro nicht zu retten. Die Eskalation der Schuldenkrise erzwingt eine politische Union, in der das wirtschaftsstarke Deutschland für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und Überschuldung des Südens haftet. Oder der Euro zerbricht mit unabsehbaren Folgen – eine Verantwortung, die niemand übernehmen will. Daher hofft die deutsche Allparteien-Politik, die Katastrophe für Wirtschaft und Gesellschaft wenigstens dadurch erträglich zu machen, dass sie für die Hingabe des Wohlstands dieses Landes wenigstens eine Art europäischen Superstaat eintauscht. Dessen Institutionen sollen an sich die ärgsten Auswüchse nationaler Ausgabenpolitik und Misswirtschaft eindämmen. Die europäische Finanz- und Wirtschaftspolitik soll solide Haushaltspolitik durchsetzen.

VON Roland Tichy | Mo, 25. Juni 2012

Die Deutschen mauern sich ein und betonieren am persönlichen Schutzwall gegen die Krise. Das wertvollste Kapital ist Vertrauen.

Der private Wohnungsbau boomt wie schon seit der Wiedervereinigung nicht mehr; wer nicht bauen oder kaufen kann, renoviert oder modernisiert Heizung und Fassade. In München, Düsseldorf, Frankfurt und Berlin wird es eng vor Geld und Nachfrage, der Luxus lässt der Krise keinen Raum, wie unsere Reportage entlang der teuersten Straßen Deutschlands zeigt: Lieber das Geld bei Versace oder Gucci versenken, als es den Griechen schenken, so lautet das Motto der neuen Freude am Luxuskonsum.

VON Roland Tichy | Mo, 25. Juni 2012

Wie gut, dass die Deutschen die Welt nicht erobern wollen! Aber warum verlangen alle, dass wir sie retten? Das geht auch nicht gut.

Es ist ein bizarres Bild: Einerseits schrumpft Deutschland – die Bevölkerung, weil wir lieber konsumieren statt Kinder aufzuziehen, und die Wirtschaft im Weltmaßstab, weil die aufstrebenden Länder Asiens und Südamerikas ungefähr zehn Mal so schnell wachsen wie wir mit unseren 0,9 Prozent Miniwachstum. Wir schrumpfen auch, weil wir uns selbst Fesseln anlegen und jedem, der was unternimmt und dabei Lärm macht, gerne ein Bein stellen – die dynamischen Unternehmerpersönlichkeiten der Welt haben heute indische, chinesische oder mexikanische Pässe. Aber je länger wir also unsere mörderischen Welteroberungsjahre hinter uns lassen, kommod verschweizern und Gipfel allenfalls mithilfe eines von der Krankenkasse finanzierten Treppenlifts erklimmen wollen – desto lauter fordern alle, dass wir die Welt retten.

VON Roland Tichy | Mo, 25. Juni 2012