Protest gegen antisemitische Hetze auf Documenta – Claudia Roth wiegelt ab

Ein Wandbild in Kassel zeigt Karikaturen im Stürmer-Stil. Die Kulturstaatsministerin bemüht sich, die Debatte mit Strohmann-Argumenten schnell auf ein anderes Gleis zu schieben.

IMAGO / Rüdiger Wölk

Der bundesweite Verein „WerteInitiative – jüdisch-deutsche Positionen“ fordert die Leitung der Documenta in Kassel dazu auf, ein in der Stadt öffentlich gezeigtes Wandbild mit antisemitischen Hetzbildern sofort zu entfernen. Außerdem hieß es in einer Pressemitteilung der WerteInitiative: „Die Verantwortlichen müssen Konsequenzen ziehen.“

Das Bild des indonesischen Kollektivs „Taring Padi“ zeigt unter anderem eine an den nationalsozialistischen „Stürmer“ erinnernde Karikatur eines Juden mit Schläfenlocken, gelben Reißzähnen und blutunterlaufenen Augen. Einziger Unterschied zu sehr ähnlichen Darstellungen aus der NS-Zeit: Auf dem Hut der Juden-Figur prangt zusätzlich noch die SS-Rune. Die Gleichsetzung von Juden mit Nationalsozialisten gehört zum Standardrepertoire von Antisemiten weltweit.

— Alexander Neubacher (@Alex_Neubacher) June 20, 2022

„Diese Darstellung ist klassischer Antisemitismus unter staatlicher Förderung und ein absoluter Dammbruch. Die Verantwortlichen müssen sofort dafür sorgen, dass dieses Kunstwerk nicht mehr länger zu sehen ist“, fordert der Vorsitzende der WerteInitiative, der Berliner Mediziner Elio Adler.

Die Documenta, die 2022 zum fünfzehnten Mal stattfindet und vom 18. Juni bis 25. September dem Publikum offen steht, kann aus einem Etat von 42 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln schöpfen. Kuratiert wird sie in diesem Jahr von dem indonesischen Künstlerkollektiv „Ruangrupa“, das wiederum andere Kollektive einlud – unter anderem auch die Maler des Wandbildes, das neben dem Juden mit Reißzähnen auch noch eine Figur mit Schweinskopf und Helm zeigt, der die Aufschrift „Mossad“ trägt.

Neben klassischem Judenhass gibt es auch israelbezogenen Antisemitismus: Der Künstler Mohammed Al Hawajri etwa vergleicht Luftangriffe der israelischen Armee auf Stellungen der Hamas dem Luftangriff der Legion „Condor“ auf die Luftangriffe Nazi-Deutschlands auf die spanische Stadt Guernica.

Die Kuratoren von „Ruangrupa“ luden zu der Ausstellung keinen israelischen Künstler ein – und zu den zahlreichen Veranstaltungen rund um die Documenta auch niemand, der eine kritische Position zu der Kunstschau vertritt. In seiner Eröffnungsrede kritisierte immerhin Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den offenen Antisemitismus auf der Documenta.

Die eigentlich zuständige Beauftragte der Bunderegierung für Kultur und Medien Claudia Roth bemüht sich indessen, die Debatte eilig auf ein anderes Gleis zu schieben. „Die Herkunft aus einem bestimmten Land sollte nicht vorab zu Verdächtigungen führen, möglicherweise antisemitisch zu sein“, erklärte die Grünen-Politikerin. Allerdings hatte das auch weit und breit niemand getan.

Roth schwurbelte außerdem, Antisemitismus dürfe „keinen Platz haben, vor allem nicht bei uns“ – und erklärte gleichzeitig, die Kunstfreiheit sei natürlich auch wichtig: „Es geht darum, dass man auf der einen Seite sehr klar ist, was Antisemitismus angeht, dass man auf der anderen Seite aber auch ernst nimmt, wie wichtig Kunstfreiheit in einer Demokratie ist.“

Auch Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der documenta GmbH, versucht die Kritik abzuwürgen. In einem auch sprachlich verquasten Statement beklagte er eine „nicht sachlich vom Zaun gebrochenen und aufgeheizten Debatte“.

In einer anderen Frage öffentlich gezeigter Botschaften zeigte sich Roth vor kurzem nicht so zurückhaltend. Kurz nach ihrer Amtseinführung polemisierte die grüne Staatsministerin in einem Interview mit dem Tagesspiegel gegen die Inschrift an der Kuppel des Berliner Schlosses, die mehrere Bibelverse zitiert, und gegen das Kreuz auf der Kuppel: Ihr sei „schleierhaft“, wie man so eine Kuppelinschrift machen könne, meinte Roth: „Und dann setzt man auch noch ein Kreuz oben drauf als Beleg der großen Weltoffenheit. Also, da will ich ran.“

Inschrift und Kuppelkreuz gehörten zu dem historischen Stadtschloss, dessen Wiederaufbau der Bundestag parteiübergreifend beschlossen hatte.

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