Wie das Handelsblatt die USA mit Nazi-Deutschland gleichsetzt

Einen „Fiebertraum“ nennt das Wirtschaftsblatt den Auftritt des Audi-Chefs in den USA. Der Kommentar offenbart das Ausmaß der geschichtsvergessenen Wahnvorstellungen der Zeitung. Protokoll eines journalistischen Totalschadens.

IMAGO / imagebroker

Der Name „Hitler“ kommt zwar nicht vor. Das muss er aber auch gar nicht. Denn der Autor des Machwerks setzt ansonsten alles, aber auch wirklich alles daran, jede nur denkbare Assoziation an den „Führer“ und an das Dritte Reich zu wecken.

So oft, so dicht und so penetrant wie möglich.

Am Montag veröffentlicht das „Handelsblatt“, das vor ein paar Jahrzehnten mal eine durchaus respektable Wirtschaftszeitung war, einen Kommentar über einen Vorgang vom Samstag. Da hatte US-Präsident Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung in Perry im Bundesstaat Georgia verkündet, dass Audi in Georgia ein neues Werk bauen wird: 4,2 Milliarden Dollar schwer und ausgelegt auf 200.000 große SUV im Jahr.

Dazu hatte Trump den Audi-Chef Gernot Döllner auf die Bühne geholt. Es geht um Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Marktzugang. Doch das „Handelsblatt“ veröffentlicht dazu keinen Kommentar über Wirtschaft – sondern eine Vorlage für „Malen nach Zahlen“, und die einzige Farbe ist: Braun.

Wollt ihr den totalen Trump?

Die Rede des US-Präsidenten heißt im „Handelsblatt“ ernsthaft „Hasspredigt“. Das Publikum ist nur eine johlende Menge, angestachelt von Rassismus und Frauenhass. Und dann spielt das Ganze auch noch nachts: ein „Fiebertraum“.

Zur Erinnerung: Es handelt sich um die Investitionsankündigung eines deutschen Managers in den USA. Aber das „Handelsblatt“ beschreibt das wie in einem Frontbericht aus der „Wochenschau“ von 1939. Der deutsche Leser sieht vor seinem geistigen Auge unwillkürlich Fackeln und Fahnen und den Berliner Sportpalast. Und genau das soll er ja auch sehen.

Die böse Hauptfigur ist, Überraschung: Donald Trump. Den nennt der Text „einen rassistischen und offensichtlich korrupten, Europa attackierenden und Diktatoren hofierenden“ Machthaber. Ähnlich deutliche Kritik vom „Handelsblatt“ hätte man sich gewünscht, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem wirklich menschenverachtenden iranischen Regime per Glückwunsch-Telegramm zum 40. Jahrestag der „Revolution“ gratulierte.

Aber das war natürlich ganz was anderes.

Manager als Kollaborateur

Gernot Döllner ist für das „Handelsblatt“ erst erpresst worden, dann gekauft und schließlich vorgeführt. Für „Geld und Vergünstigungen“ habe der Audi-Chef „grundlegende Werte“ vernachlässigt.

Dann entblödet sich der Redakteur nicht, diesen Satz aufzuschreiben: „In Deutschland gab es diese Art der Verführung von Unternehmen schon einmal – den Ausgang kennen wir alle.“ Und damit auch der Letzte die Botschaft versteht, darf ein warnender Hinweis auf die AfD nicht fehlen: Wer heute Trump helfe, helfe morgen den Rechtsextremen.

Vom Weißen Haus zur Machtergreifung braucht es im „Handelsblatt“ nur einen Absatz.

Mit so viel Schaum vor dem Mund fällt das Denken schwer. Es kommt zu kognitiven Dissonanzen: Trump stehe vor den Zwischenwahlen mit dem Rücken zur Wand, die Demokraten lägen in vielen Staaten vorn, frohlockt der Kommentar.

Ein Diktator, der Umfragen fürchtet und Wahlen verlieren kann: Diese Nachricht hat die Redaktion in Düsseldorf tatsächlich mal exklusiv.

Tiefpunkt einer langen Talfahrt

Wir reden hier nicht über einen schlechten Kommentar im „Handelsblatt“. Das würde sich nicht lohnen, es kommt auch zu oft vor. Wir reden hier über eine Entgleisung. Einen journalistischen Skandal. Einen publizistischen Offenbarungseid.

Der Text ist ja kein Ausrutscher, sondern nur der Endpunkt einer langen Reise. Seit Jahren berichtet das „Handelsblatt“ über die USA weitgehend kenntnisfrei, aber dafür gesichert dauerentsetzt. Das Blatt betreibt einen eigenen „Trump-Watch“ als Podcast – ganz so, als wolle man einen Vulkan überwachen. Es schlägt pausenlos Alarm. Seine Redakteure schreiben, wie die deutsche linke Blase seit Jahren schreibt: kaum Ahnung, viel Meinung.

Dabei wird die eigentliche Geschichte zielsicher verfehlt.

Audi streicht bis 2029 in Deutschland 7.500 Stellen. Das Stammwerk in Ingolstadt ist für 450.000 Autos ausgelegt, doch in diesem Jahr sollen dort nur rund 300.000 vom Band rollen. Gleichzeitig entsteht in Georgia eine neue Fabrik auf der grünen Wiese. Warum baut ein deutscher Premiumhersteller in Amerika auf – und in der Heimat ab?

Die Antwort ist für Menschen mit dem Weltbild des durchschnittlichen „Handelsblatt“-Redakteurs denkbar unbequem. Sie lautet: Energiepreise, Steuerlast, Bürokratie, Regulierungswut aus Berlin und Brüssel. Hinzu kommt ein Konzern, der ein eigenes US-Werk ein Vierteljahrhundert lang erwogen und nie gebaut hat. Zu dieser Analyse ist die deutsche Linke samt der ihr angeschlossenen Medien nicht fähig. Denn erstens müsste sie dafür zugeben, dass ihre eigene Standortpolitik versagt hat: die Energiewende, das Verbrenner-Aus und insgesamt der Glaube, Wohlstand lasse sich verordnen.

Und zweitens fehlt unserer selbstgerechten Klasse die Reife für den Umgang mit echter Machtpolitik. Trump arbeitet mit Zöllen und Subventionen, mit Druck und Belohnung. Wer da mithalten will, muss seine eigenen Interessen kennen. Die deutsche Linke kennt nur ihre eigene Empörung.

Der Kommentar räumt sogar selbst ein, dass Trumps Zölle Audi und VW viele Milliarden kosten und dass das Werk in Georgia ein Ausweg aus dieser Kostenfalle ist. Das „Handelsblatt“ sieht also den Notausgang – aber es verurteilt jeden, der ihn nimmt.

Vom Pflichtblatt zur Meinungsschleuder

Der Kommentar verkennt die Pflichten eines Vorstandsvorsitzenden. Gernot Döllner schuldet den Eigentümern, den Kunden und den Beschäftigten Rechenschaft – aber ganz sicher nicht der hysterischen Gefühlslage einer Düsseldorfer Redaktion.

Der Kommentar setzt Fühlen über Fakten. Er rechnet nicht. Er nennt keine Marge, keinen Absatz, keine Kalkulation. In einer Zeitung, die ein Wirtschaftsblatt sein soll, ist das kein Versehen. Es ist Arbeitsverweigerung.

Das „Handelsblatt“ war einmal die Zeitung, die man las, um zu wissen, was in der Wirtschaft los ist. Die Zeiten sind vorbei. Heute ist das Blatt wie jedes andere Haltungsmedium der Republik: austauschbar, beliebig, nichtssagend. Derselbe moralinsaure Mist wie bei „Spiegel“ und „Zeit“. Die Leser sehen das auch so. Seit 1998 hat das Blatt fast ein Drittel seiner verkauften Auflage verloren.

Das ist kein Schicksal, sondern ein Urteil – gefällt von jenem Markt, den die Redaktion so wenig versteht.

Anzeige

Unterstützung
oder €

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen