Soll „Hitlers Teehaus“ wiederaufgebaut werden?

Nach dem mutmaßlich von einem Brandstifter verursachten Großbrand ist das berühmte Kehlsteinhaus oberhalb von Berchtesgaden nur noch eine Ruine. Jetzt soll es offenbar wiederaufgebaut werden. Darf man einen Nazibau rekonstruieren? Betrachtungen zu guter und schlechter Architektur im Nationalsozialismus. Von Georg Etscheit

picture alliance / Fotostand | Wassmuth

Die Nazis und ihre Baumeister scheinen ein Faible für goldglänzendes Interieur gehabt zu haben. Im Münchner „Haus der Kunst“, Hitlers monumentalem Kunsttempel, gibt es eine bestens erhaltene „Goldene Bar“, benannt nach Wandmalereien aus dem Jahre 1937, die auf goldfarbigem Hintergrund Landkarten jener Regionen zeigen, aus denen die hier seinerzeit ausgeschenkten Weine und Spirituosen stammten. Bis heute ist die „Goldene Bar“ ein beliebter Treffpunkt der Münchner Schickeria.

Gülden schimmert auch ein repräsentativer Saal in der Zeppelintribüne des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes. Und auch der Kehlsteinlift, ein Aufzug, mit dem man durchs Berginnere von einem 124 Meter tiefer gelegenen Portal effektvoll direkt ins Vestibül des Kehlsteinhauses auf 1881 Metern Höhe gelangen konnte, blitzt in der Farbe des Edelmetalls. Die Kabine, so heißt es noch auf der Homepage des Hauses, sei verspiegelt, mit Messing verkleidet und weitgehend original erhalten. Die gepolsterten Sitzmöglichkeiten blieben „wegen des hohen Besucheraufkommens normalerweise hochgeklappt“.

Mit dem Besucheraufkommen hat es sich einstweilen. Denn das Kehlsteinhaus, auch als „Hitlers Teehaus“ oder, bei Angelsachsen, „Eagle’s Nest“ bekannt, ist am vergangenen Wochenende bis auf die Grundmauern abgebrannt – TE berichtete darüber. Möglicherweise wurde auch der goldene Lift in Mitleidenschaft gezogen, mit dem Hitler wohl nur ein gutes Dutzend Mal himmelwärts geschwebt sein soll. Eva Braun war sicher öfter dort oben, um zusammen mit ihren Freundinnen die vom Odium des Dritten Reiches bis heute glücklicherweise unbeeinflusste Aussicht auf den Watzmann und Teile des Königssees zu genießen.

Nach ersten Meldungen soll das Kehlsteinhaus wiederaufgebaut werden, unter Einbeziehung von Historikern, denn es sei ja, so der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), nicht nur ein beliebter Ausflugs-, sondern auch ein von den Verbrechen des Naziregimes belasteter Erinnerungsort. Die Rekonstruktion eines zerstörten Nazi-Bauwerks wäre ein Novum, denn bislang hat man lieber dabei zugesehen, wie die steinernen und stählernen Relikte des Tausendjährigen Reiches langsam, aber sicher vor sich hin bröckelten. Darunter auch das bereits erwähnte Haus der Kunst in München, das dringend einer Generalsanierung bedürfte. Pläne dafür gibt es, sogar von der Hand eines Stararchitekten (David Chipperfield), doch offenbar kein Geld.

Dabei handelt es sich beim Haus der Kunst, von 1933 bis 1937 nach den Plänen von Paul Ludwig Troost (1878–1934) im Stil eines weitgehend schmucklosen Neoklassizismus erbaut, um ein ausgesprochen qualitätsvolles Bauwerk, auf jeden Fall architektonisch und architekturgeschichtlich ungleich bedeutender als das im alpenländischen Heimatstil errichtete Kehlsteinhaus samt goldenem Lift. Das befand jedenfalls der Münchner Architekt Stephan Braunfels in einem Interview, das der Autor dieses Artikels vor zehn Jahren für die Münchner Abendzeitung führte.

Troost, so Braunfels, sei ein guter Architekt gewesen, ganz im Gegensatz zu Albert Speer. „Speer hatte kein Proportionsgefühl, der baute wirklich gigantomanisch ohne Bezug zum Menschen, was ja auch ideologische Gründe hatte. Troost ist damit überhaupt nicht zu vergleichen. Das Haus der Kunst wie auch das heutige Gebäude der Musikhochschule und der Staatlichen Graphischen Sammlung am Königsplatz sind großartige Architektur. So gut wird in München schon lange nicht mehr gebaut.“

Kein Geringerer als Joseph Beuys sagte einmal, das Haus der Kunst sei weltweit das beste Ausstellungsgebäude, das er kenne. „Nachdem Beuys seinen berühmten Satz geprägt hatte, habe ich mich eingehender mit Nazi-Architektur beschäftigt“, so Braunfels. „Und ich habe meine Meinung dazu geändert. Klar, der Ungeist der Nazizeit bleibt ein Ungeist. Ich bin aber am Ende immer dagegen, schlechte Nazi-Architektur vielleicht nicht abzureißen, weil sie ein Geschichtsdokument ist und gleichzeitig gute Architektur aus dieser Epoche an den Pranger zu stellen. Für mich gibt es nur gute und schlechte Architektur.“

Ebenso provokante wie bedenkenswerte Worte sind das, die für viele Bauwerke aus der NS-Zeit Gültigkeit beanspruchen können. Darunter der ebenfalls von Troost geplante „Führerbau“ am Münchner Königsplatz mit seinem gegenüberliegenden Pendant. Troosts Bauten, schreibt der 2015 verstorbene Architekturkritiker Dieter Bartetzko in dem Sammelband „Hitlers Künstler“ (Insel 2004), „glichen durchaus jenen der späten Weimarer Republik, in denen die moderne Architektur eine Kehrtwende zum Neoklassizismus vollzogen hatte. Doch Troost verstand es, seinen Bauten bei aller Monumentalität eine federnde, gleichsam auf der Stelle vibrierende Kraft zu geben“, die einen „Gleichstand von Bewegung und Beharrung“ suggerieren sollte.

Zu den „Ikonen“ der NS-Architektur zählen auch das grandios-schlichte Oval des Berliner Olympiastadions von Werner March oder der von Ernst Sagebiel in den Jahren 1935 bis 1939 erbaute Flughafen Berlin-Tempelhof. „Die Architektur des Flughafens Tempelhof vereine zwei architektonische Strömungen der 1930er Jahre“, heißt es in einer Darstellung des Berliner Landesdenkmalamtes. „Die zur Stadt ausgerichtete Seite ist eher traditionalistisch und repräsentativ gestaltet. Hier bediente sich Sagebiel eines sachlich vereinfachten Klassizismus mit scharfkantigen Linien und glatten, ornamentlosen Wandflächen. Einen anderen Eindruck erweckt die zum Flugfeld gerichtete Seite. Hier ist eine der eindrucksvollsten zeitgenössischen Ingenieurkonstruktionen verwirklicht worden. Mit diesen beiden Seiten, der repräsentativen und zugleich hochmodernen Bauweise, verdeutlicht der Flughafen die Ambivalenz der Architektur in der Zeit des Nationalsozialismus.“

Neben diesen „Ikonen“ der NS-Architektur existieren noch zahlreiche weitere, durchaus qualitätsvolle Bauwerke wie das Saarländische Staatstheater, das heutige Bundessozialgericht in Kassel, die Italienische Botschaft in Berlin oder die frühere „Akademie für Jugendführung“ in Braunschweig. Von den Bauten Albert Speers, der nach Troost zu Hitlers Lieblingsbaumeister, später zum Rüstungsminister und sogar zum potenziellen Nachfolger des „Führers“ avancierte, ist dagegen nicht mehr viel übrig geblieben außer der unvollendeten Ruine des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes. Sein „Hauptwerk“, die Neue Reichskanzlei zu Berlin, wurde im Krieg zerstört und restlos beseitigt.

Was kein Schaden ist, denn Speers Bauten fehlte, wie Braunfels zutreffend analysiert, jeder Bezugspunkt zum menschlichen Maß. Sein Neoklassizismus ist wirklich monumental und erdrückend und vor allem, wie seine „Lichtdome“, auf Effekt angelegt, eine gigantomanische Kulissenarchitektur für die repräsentativen Bedürfnisse eines verbrecherischen, von der eigenen, angemaßten Größe berauschten Regimes. Ihren „Ewigkeitscharakter“ erhielten diese Bauten dabei meist nicht durch Marmor, wie in der Antike oder im Klassizismus, sondern durch Natursteinverkleidungen aus deutschen Landen – Granit, Muschelkalk, Travertin, Sandstein.

In Bartetzkos Bild vom „Gleichstand aus Bewegung und Beharrung“ ist sehr gut eingefangen, was das Wesen und den Kern der NS-Architektur ausmacht: eine zuweilen fast bizarre Verbindung von reaktionärem Traditionalismus, einer klassischen Formensprache und industrieller Moderne. Der sich schließlich als Leitstil der Diktatur herauskristallisierende (mehr oder weniger) monumentale Neoklassizismus hatte sich indes schon in den zwanziger Jahren angebahnt, als konservative Gegenbewegung zur funktionalen Moderne vom Typ des von den Nazis verfemten Bauhauses.

Eine echte „Gleichschaltung“ gab es auf dem Felde der Architektur nicht. Was es gab, waren verschiedene bevorzugte Stile für verschiedene Zwecke: monumentaler Neoklassizismus für repräsentative Staats- und Parteibauten, der traditionalistische sogenannte Heimatschutzstil für Wohnungs-, Siedlungs- und Kasernenbau sowie eine moderate funktionale Moderne für Zweckbauten.

Vermutlich wird jetzt eine langwierige Diskussion darüber ausbrechen, ob und wie man das Kehlsteinhaus wiederaufbauen soll, ungeachtet der möglichen Motive, die den noch in der Brandnacht gefassten mutmaßlichen Brandstifter zu seiner Tat veranlasst haben könnten. Darf man das überhaupt, einen Nazibau rekonstruieren, auch wenn es sich nur um eine gehobene Almhütte handelt, womöglich originalgetreu? Oder ist es jetzt an der Zeit, mit der braunen Geschichte von „Hitlers Teehaus“ aufzuräumen und auf dem Kehlstein ein ganz neues, vor allem an massentouristische Bedürfnisse angepasstes Bergrestaurant zu errichten? Eingedenk der weisen Worte eines Stephan Braunfels: Man sollte Architektur nicht an den Pranger stellen. Es gibt nur gute oder schlechte Architektur.

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