ÖRR diskreditiert Menschenrechtsorganisation: Desinformation im Faktencheck

Die Tagesschau verbreitet auf YouTube einen manipulativen „Faktencheck“, der suggeriert, dass Christenfeindlichkeit ein aufgebauschtes Problem sei. Ein Dorn im Auge ist den Machern vor allem die Arbeit der Organisation OIDAC, die christenfeindliche Vorfälle dokumentiert.

Screenprint via YouTube / Tagesschau

„Die Polizei ermittelt meistens gar nicht wegen Brandstiftung, sondern wegen Sachbeschädigung, wenn zum Beispiel jemand ein Buch angekokelt hat.“ Mit diesen Worten verharmlost Ciara Cesaro-Tadic auf Instagram das Anzünden von Bibeln oder Gesangbüchern in Kirchen.

Der vollständige Beitrag der Sendung Rabbit Hole – ein YouTube-Format der Tagesschau, produziert vom NDR – will widerlegen, dass christenfeindliche Anschläge in Deutschland zunehmen. Cesaro-Tadic geht darin der Frage nach, ob es stimmt, dass in Deutschland „reihenweise Kirchen angezündet“ werden. Diese Behauptung ist eine Erfindung ihrerseits, die sie Kritikern von Christenfeindlichkeit in den Mund legt. Von Beginn an ist also klar, wohin das Kaninchen läuft: Die Macher konstruieren selbst den Sachverhalt, den sie als Fake News entlarven wollen. Ein sogenannter „Strawman“.

Christenfeindlichkeit
Christenverfolgung: Auch in Deutschland immer mehr Brandanschläge
Als Aufhänger dient eine Zahl aus dem Jahresbericht 2025 von OIDAC. Das Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians in Europe dokumentiert Vorfälle, die sich gegen Christen und christliche Einrichtungen richten. Unter anderem werden 33 Brände im Beobachtungszeitraum 2024 aufgeführt. Auch TE hatte darüber berichtet.

OIDAC ist die einzige zivilgesellschaftliche Institution, die systematisch danach fragt, in welcher Form Christen in Europa aufgrund ihres Glaubens Nachteile erfahren, Opfer von Diskriminierung und Gewalt werden. Seit über zehn Jahren trägt die Organisation offiziell Daten zum Hate Crime Report des Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte (BDIMR, englisch: ODIHR) bei. Dies ist eine Einrichtung der OSZE.

Christenfeindlichkeit: Ein schwer fassbares Phänomen

Als „umstritten“ kann man das Observatory also schwerlich bezeichnen. Deshalb wird es vom ÖRR mit einem neuen Marker für redaktionelles Missfallen versehen: Es handle sich um eine „selbsternannte“ Beobachtungsstelle.

OIDAC berücksichtigt Daten aus Polizeistatistiken und Meldungen aus der Zivilgesellschaft, zum Beispiel aus Lokalzeitungen – einige der wenigen Quellen, aus denen man von zerstörten Wegkreuzen und beschmierten Kapellen erfährt. Cesaro-Tadic betont, diese Daten seien „selbst gesammelt“, mit dem skurrilen Subtext, dass dies problematisch sei.

Als Beleg für die Unglaubwürdigkeit der Zahlen führt Rabbit Hole an, dass die von OIDAC erfassten Brände von der deutschen Polizei nicht als christenfeindlich geführt werden. Doch die deutsche amtliche Polizeistatistik erfasst christenfeindliche Gewalt nur unter dem Aspekt politischer Motivation: „Straftaten, wie Sachbeschädigungen oder Brandstiftungen in bzw. an Kirchen, die ohne politische Motivation begangen werden, werden im KPMD-PMK nicht abgebildet“, bestätigt das Bundeskriminalamt selbst gegenüber OIDAC.

Die Erfassungslücke

Wird ein Hakenkreuz auf den Altar geschmiert, gilt das als „politisch“. Nicht aber, wenn in Weihwasserbecken uriniert oder Bibeln mit Kot beschmiert werden. Solche Vorfälle werden also regelmäßig nicht als christenfeindlich eingestuft. Trotz dieser Erfassungslücke verzeichnete auch die Kriminalstatistik von 2023 auf 2024 einen Anstieg politisch motivierter christenfeindlicher Gewalt von über 20 Prozent  – das erfahren die Zuschauer der Tagesschau nicht.

Christenfeindliche Attacken nehmen zu
Christenfeindlicher Angriff auf Küster in Rodgau: Kein Einzelfall
OIDAC arbeitet hingegen nach den methodischen Standards der OSZE. Anja Tang, Geschäftsführerin von OIDAC, erklärt gegenüber TE, dass diese Methodik „mutwillige Angriffe auf Kirchen, Moscheen, Synagogen und andere religiöse Gebäude aufgrund des Symbolcharakters von Religionsstätten als ‚Bias Indicator‘ wertet“, also als Indikatoren, die auf eine mögliche Hassmotivation hinweisen können.

Diesen Sachverhalt erläuterte sie auch ausführlich gegenüber dem NDR-Rechercheteam. Aus der TE vorliegenden Mailkommunikation geht hervor, dass Tang zugleich darum bat, bei Kritik an der Methodik kenntlich zu machen, dass dies die offizielle Vorgehensweise der OSZE bzw. des ODIHR ist – und keine aus der Luft gegriffene.

Das Gegenteil tut der NDR. „Die Erklärung zu unserer Methodik sowie zur OSZE-Statistik findet im gesamten fast zwölfminütigen Beitrag keine Erwähnung“, kritisiert Anja Tang. „Für das Verständnis wesentliche Informationen fehlen teilweise völlig, das Wort OSZE kommt nicht einmal vor. Wahrscheinlich, weil es peinlich wäre, zuzugeben, dass eine internationale Organisation ebenso Quelle für die große Anzahl antichristlicher Hassverbrechen in Europa ist.“

Tang betrachtet den Tagesschau-Beitrag als „krasses Beispiel für tendenziösen Journalismus“. Als „besonders gravierend“ bezeichnet sie „die Kombination eines ’seriöse Recherche‘-Settings und des völlig durchsichtigen Narrativs einer Verharmlosung von Gewalttaten gegen Gläubige und Orte gelebten Glaubens. (…) Wenn in einer Kirche eine Bibel auf einem Altar angezündet wird, sollte die Frage nicht sein, weshalb OIDAC diese Fälle registriert, sondern weshalb die deutschen Behörden sie nicht registrieren und wieso die Tagesschau sie herunterspielt“, so Tang.

Ein aufgebauschtes Problem?

Tatsächlich kommt der Tagesschaubeitrag zur Unzeit: In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober zerstörten auf Korsika zwei Jugendliche eine Marienstatue und filmten sich dabei. Das Video verbreitete sich in Windeseile im Netz. Einer der Jungen sprang auf die Statue, simulierte Bewegungen, als ob er einen Geschlechtsakt an ihr vollziehen würde und schlug ihr mehrfach feixend ins Gesicht. Ein heftigerer Affront gegen das Christentum als eine symbolische Vergewaltigung der Jungfrau Maria ist kaum denkbar.

Jahresberichte von OSZE und OIDAC Europe
Diskriminierung, Selbstzensur, Gewalt: Christen als Zielscheibe
 In der Nähe von Grainau in Oberbayern rissen Unbekannte Ende September den 120 Jahre alten Korpus von einem Wegkreuz und schlugen es in Stücke. In Thüringen wurde ein fast 400 Jahre altes Kruzifix zerstört, immer mehr Kirchen bleiben außerhalb der Gottesdienstzeiten geschlossen, weil sie wiederholt Ziel von Vandalismus wurden.

Doch der Hass auf den christlichen Glauben beschränkt sich nicht auf Gegenstände.  Am 24. September wurde in einem Benediktinerkloster in Jarosław ein polnischer Priester erstochen, fünf weitere Personen wurden verletzt. Ein Ukrainer wurde als tatverdächtig festgenommen. Nur zwei Tage stieg ein weiterer bei dem Angriff verletzter Priester mit blauem Auge und bandagiertem Kopf wieder auf die Kanzel, um zu Vergebung aufzurufen.

Auch diese Fälle landen in der Datenbank von OIDAC. Eine wichtige Ressource, um einen Überblick über das Ausmaß christenfeindlicher Angriffe europaweit zu gewinnen.

Ideologische Manipulation

Aus Sicht der Tagesschau handelt es sich bei Christenfeindlichkeit jedoch lediglich um die Fehldeutung von kleinen Bränden, die durch zündelnde Kinder entstehen: Erwähnt wird ein Fall, in dem sich der Sachschaden auf lediglich fünf Euro belief. Nicht erwähnt wird, dass es auch durchaus fünf Millionen sein können – so viel kostetet die Restaurierung der katholischen Pfarrkirche in Wissen, die im Februar 2023 in Brand gesteckt worden war. Wie praktisch, dass dieser Zeitpunkt außerhalb des Beobachtungszeitraums liegt. So muss sich die Tagesschau keine Unehrlichkeit vorwerfen lassen.

Doch warum ist die Arbeit des Observatory der Tagesschau ein solcher Dorn im Auge, dass man den Werkzeugkasten der Desinformation voll ausschöpft?

Zum einen ist im linken Bewusstsein das Christentum als „Täterreligion“ vor allem gegenüber unterdrückten kolonialisierten Massen fest verankert. In diesem Weltbild ist schlicht kein Platz für Christenfeindlichkeit, gleich, ob es sich um die weltweite Christenverfolgung oder um den Anstieg vandalistischer Akte vor der eigenen Haustür handelt.

Die eigentliche Stoßrichtung: Exkulpierung des Islam

Hinzu kommt die eigentliche Stoßrichtung des Tagesschau-Beitrags: Sein Ausgangspunkt ist Kritik an Online-Gerüchten, dass brennende Kirchen in Europa etwas mit der Islamisierung des Kontinents zu tun hätten.

Diesen – zumindest für Deutschland unsinnigen – Verdacht schürt der OIDAC-Report an keiner Stelle. Gegenüber dem NDR distanziert sich Anja Tang explizit von Spekulationen. Sie betone in Interviews „ausdrücklich, dass sich angesichts der niedrigen Aufklärungsquote keine pauschalen Aussagen über Tätergruppen treffen lassen (…)“. OIDAC benennt regelmäßig das Problem der unklaren Motivlage.

Tatsächlich findet die Tagesschau offenbar keine einzige Aussage von OIDAC, die nahelegt, dass die Organisation Muslime verantwortlich macht oder sich an Online-Gerüchten beteiligt. Dennoch soll OIDAC dafür haftbar gemacht werden, welche Schlüsse andere aus den Daten ziehen.

Von einem Unbekannten erstochen
Irakischer Christ vor laufender Kamera ermordet
OIDAC dient letztlich also nur als Bauernopfer, um nicht nur sichtlich unseriöse, sondern jegliche Islamkritik zu delegitimieren. Denn dass es islambedingte Christenfeindlichkeit gibt, ist kaum zu leugnen. Vor gut einem Jahr wurde Ashur Sarnaya vor laufender Kamera erstochen, als er über sein Handy in den sozialen Medien von seinem Glauben erzählte. Der irakische Christ war vor dem IS nach Frankreich geflohen und an den Rollstuhl gefesselt. Den islamistischen Schergen entkam er nicht.

Bereits vor zehn Jahren wurde dem französischen Priester Jacques Hamel in seiner Kirche von Muslimen die Kehle durchgeschnitten. In Deutschland wurde erst letzten Monat ein 24-jähriger Iraker festgenommen. Es soll sich um einen ISIS-Anhänger handeln, der einen Anschlag auf eine Kirche in Bremen geplant haben soll. Ohne die Arbeit von OIDAC würden auch solche Fälle noch seltener von überregionalen Medien aufgegriffen.

Sicherlich ist zu begrüßen, wenn radikale Islamisten in Europa keine Kirchen anzünden. Die Tagesschau verliert wohlweislich kein Wort darüber, dass sie dafür ab und an Christen umbringen. Der Tagesschau-Beitrag beschränkt sich bewusst auf einen Sachverhalt, der mit dem Islam nichts oder wenig zu hat, nämlich auf die 33 Brände, die 2024 Kirchen betrafen. Damit soll der gesamte Komplex islambedingter Christenfeindlichkeit zur Fiktion erklärt werden. Zur Sicherheit diskreditieren die Macher dieses „Faktenchecks“ die Datengrundlage und balancieren dabei am Rand zur Verleumdung.

Abgesehen davon, dass der ÖRR wieder einmal schamlos Desinformation verbreitet, kann man die hier aufscheinende Haltung mit Blick auf die weltweite Christenverfolgung nur als zynisch bezeichnen. Mit Blick auf Europa mindestens als kurzsichtig.



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