Der DDR-Hymnen-Skandal ist keiner – die DDR-Verklärung in der AfD ist trotzdem grotesk

„Auferstanden aus Ruinen“ – der Text hat eine interessante Geschichte. Trotzdem: Mit Gewaltfantasien und Ostalgie sabotiert die AfD ihren Anspruch, regierungsfähig zu sein.

picture alliance/dpa | Jan Woitas
Ulrich Siegmund (l-r, AfD), Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 6. September, Tino Chrupalla, AfD-Bundesvorsitzender, und Uwe Steimle, Kabarettist, stehen bei einer Veranstaltung der AfD Sachsen-Anhalt auf der Bühne.

Der Skandal zum Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, den eigentlich jeder erwarten konnte, geht seit zwei Tagen durch die Medien. Nein, dieses Mal kein angebliches Geheimtreffen, sondern eine ganz offizielle Veranstaltung in Dessau mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, Parteichef Tino Chrupalla – und dem Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle. Der doppelte Vorwurf nach Dessau lautet: erstens, praktizierte DDR-Nostalgie durch Absingen ihrer Hymne. Und zweitens, ein implizierter Mordaufruf gegen Friedrich Merz und Angela Merkel, eingebettet in Steimles Bühnenmonolog. So jedenfalls liest sich der einhellige Tenor von „Süddeutscher“ bis SPIEGEL. Ein Redakteur der Münchener Zeitung rief sogar explizit nach dem Staatsanwalt. Die Behörde ermittelt allerdings schon.

Ein bisschen anders stellen sich die Ereignisse in Dessau beim genaueren Hinsehen schon dar. Trotzdem werfen sie insgesamt kein gutes Licht auf die Partei, die sich beim Wähler in Sachsen-Anhalt mit dem Versprechen der Regierungsübernahme bewirbt. Jetzt, so ihre Botschaft, beginnt die ernsthafte Phase.

Um mit der DDR-Hymne zu beginnen: Aus ihrem Vortrag lässt sich manches ableiten – aber bestimmt keine nachträgliche Begeisterung für Erich Honecker. Ihre Geschichte ist windungsreich. Sie entstand 1949, gedichtet von dem späteren Kulturminister Johannes R. Becher, vertont von Hanns Eisler; ihr Text erwähnt weder den Sozialismus noch die Partei. In seiner Tonlage unterscheidet er sich nicht wesentlich vom „Lied der Deutschen“, also „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Die zentralen Bezugspunkte der Becher-Hymne lauten wie in dem Text von Fallersleben: Volk und Einheit. Sie beginnt mit den Zeilen:

„Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt,
laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
und wir zwingen sie vereint,
denn es muß uns doch gelingen,
daß die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint.“

Für die politisch-lyrische Zurückhaltung gab es einen Grund. Bis Mitte der fünfziger Jahre versuchten erst der 1953 verstorbene Josef Stalin und dann seine Nachfolger, die frisch gegründete Bundesrepublik aus dem Westen herauszulösen. Ihre Offerte lautete: Vereinigung der beiden Staaten unter der Bedingung der militärischen Neutralität, Verzicht auf Wiederbewaffnung, kein Bündnis mit den USA und anderen westlichen Mächten. Das Lockangebot fiel im Westen Deutschlands durchaus bei vielen – auch Bürgerlichen und Konservativen – auf fruchtbaren Boden. Konrad Adenauer lehnte es mit dem berühmten Satz ab: „Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb.“

Er wusste, dass die Sowjetunion ein formal neutralisiertes Deutschland nach und nach mit Hilfe ihrer längst installierten Parteikader und Tarnorganisationen in ihre Einflusszone gezogen hätte. Offiziell stand das Wiedervereinigungsgebot auch in der ersten DDR-Verfassung, natürlich immer vor dem Hintergedanken, dass daraus ein sozialistischer Gesamtstaat entstehen sollte. Faktisch endeten diese Gedankenspiele mit der Gründung der Nato und des Warschauer Pakts 1956.

Die 1968 überarbeitete DDR-Verfassung erwähnte die deutsche Einheit nicht mehr. Den Hymnentext, der schon längst nicht mehr zur realen Blockkonfrontation passte, änderte die DDR-Führung allerdings nicht. Er wurde nur seit Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre nicht mehr gesungen. Übrig blieb bei offiziellen Anlässen nur die Eisler-Melodie. Der Text verschwand damit von der Staatsbühne – aber nicht aus dem kollektiven Gedächtnis. Auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderswo im Herbst 1989 skandierte die Menge tausendfach die vierte Zeile der ersten Strophe von Becher: „Deutschland, einig Vaterland“. Die formal ja noch immer gültige Hymne gegen die Staatsführung zu wenden – das war ein feiner dialektischer Streich. Diese Geschichte mit ihrem doppelten und eigentlich dreifachen Boden schwingt mit, wenn heute jemand das Lied mit Text anstimmt. In Dessau erklang übrigens auch „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Soweit das eine.

In seinem Programm tönte Steimle, wenn er Friedrich Merz sehe, dann frage er sich: „Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn braucht?“ Da hilft der Hinweis wenig, dass in Deutschland ständig falsche und schiefe historische Anspielungen herumschwirren. Bei dem Satz handelt es sich um eine kaum verklausulierte Mordaufforderung gegen den Kanzler, außerdem um eine groteske Verharmlosung des Nationalsozialismus. Bei Steimles Merkel-Bemerkung können er und die Teilnehmer sich noch auf Satire berufen – das „an die Wand stellen“ bezog sich rhetorisch auf das Porträt der Ex-Regierungschefin, das seit ein paar Tagen im Kanzleramt hängt.

Gewiss, ein Sebastian Hotz alias El Hotzo bedauerte öffentlich, dass der Attentäter an Trump knapp vorbei geschossen hatte; Jan Böhmermann fand die Formulierung „Nazis keulen“ lustig; auch in der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ gab es schon satirisch verpackte beziehungsweise camouflierte Tötungsfantasien. Nur: Darüber regte sich die AfD auf, und nicht nur sie. Wenn sich ihre Repräsentanten jetzt bei ganz ähnlichen Bemerkungen auf die Schenkel schlagen, weil es aus ihrer Sicht die Richtigen trifft, dann praktizieren sie genau die Doppelmoral, die sie bei anderen anprangern.

Und eine ganz grundsätzlich dissonante Botschaft sendet die AfD aus, wenn sie die DDR nicht nur mit Simson-Mopeds alltagskulturell beschwört, sondern auch den SED-Staat in ein mildes Licht taucht. „In der DDR gab es Vertrauen, es gab innere Sicherheit, es gab soziale Sicherheit“, erklärte der aus dem Westen stammende Björn Höcke kürzlich von der Bühne herab. Anders als der Thüringer AfD-Chef erlebte der Autor dieses Textes die DDR bis 1990 (und ab dem 25. September 1989 die Leipziger Montagsdemonstrationen). Nein, Vertrauen gab es nicht allgemein, nicht in der Schule, nicht am Arbeitsplatz, sondern nur in privaten Zirkeln. Und das aus guten Gründen.

„Soziale Sicherheit“ bedeutete für Hunderttausende, in abbruchreifen Altbauten zu wohnen; wer einen besser bezahlten und höhergestellten Posten innehatte, konnte ihn jederzeit aus politischen Gründen verlieren. Junge Leute, die politisch unangenehm auffielen, brauchten sich keine Hoffnung auf ein Studium zu machen. Für die „innere Sicherheit“ sorgte ein Polizei- und Stasi-Staat, zu dem der staatlich angeordnete Totschlag an der innerdeutschen Grenze gehörte. Das alles müsste auch der Geschichtslehrer Höcke wissen. Ihm geht es darum, ein ostdeutsches Sonderbewusstsein zu schaffen und politisch zu bewirtschaften. Das passt allerdings weder zu „Deutschland, einig Vaterland“ noch zu „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Wenn AfD-Vertreter durchaus zu Recht die Politisierung des Verfassungsschutzes beklagen und dabei Parallelen zum DDR-Spitzelstaat ziehen – wie reimt sich das dann auf die DDR-Verklärung? Es reimt sich überhaupt nicht.

In einem breiten Bündnis von Linkspartei bis hinein in die CDU zerbricht man sich den Kopf, wie sich ein Wahlerfolg der AfD auf den letzten Metern noch verhindern lässt. Die Antwort lautet: Das kann eigentlich nur die AfD selbst noch schaffen.

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