Frank-Walter Steinmeier begeht an diesem Mittwoch den „Tag der Demokratiegeschichte". Bleibt zu hoffen, dass er das nicht wörtlich meint – sonst feiern wir demnächst, dass die Demokratie in Deutschland Geschichte ist.
picture alliance / Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr
Frank-Walter Steinmeier, der Präsident der Mauerparteien, findet, dass unsere Demokratie bedroht ist. Man möchte hinzufügen, nicht nur unsere, sondern die Demokratie. Das also, was wir nicht im Sinne der DDR oder der Linken, Grünen und SPD, sondern im bürgerlichen Sinne unter Demokratie verstehen. Frank-Walter Steinmeier hat recht. Doch ist das kein Kunststück, denn er muss es wissen. Schließlich hat kein Bundespräsident vor ihm die bürgerliche Demokratie – mit Ausnahme des fragwürdigen Gauck – in der Bundesrepublik frondiert.
Dort, wo Steinmeier über den Parteien stehen müsste, ist er ganz Parteimann der Vereinigten Linken. Dort, wo Steinmeier integrieren müsste, desintegriert er: WIR – und eben nicht sie. Dort, wo Steinmeier einen müsste, spaltet er, grenzt er alle rechts von der SPD aus. Andersdenkende nannte er dann auch „Rattenfänger“ („Wir stehen zu unserer Demokratie, wir verteidigen dieses Deutschland und wir lassen uns dieses Land nicht von extremistischen Rattenfängern kaputtmachen“).
Die historische Wahrheit jedoch, dass Walter Ulbricht den „stalinistischen Albtraum aus Verdächtigungen und Säuberungen“ erst nach Ostdeutschland brachte, sucht man an dieser Stelle vergebens, und auch, dass Ulbricht in Moskau wacker mittat beim stalinistischen Alptraum in Moskau und in Berlin auch. Ulbricht war nicht Opfer, er war Täter, in Moskau und in Berlin, einer der perfidesten. Ganz zu schweigen davon, dass dem faktischen Parteichef vor Verkündigung die Urteile in den großen Schauprozessen vorgelegt wurden.
Am 14. Juni 1955 erhielt Walter Ulbricht beispielsweise die dreiseitige Hausmitteilung über den Prozess, der am 24. und am 25. Juni 1955 wie bei einem Schauprozess üblich vor erweiterter Öffentlichkeit stattfinden sollte und in dem es vor Prozessbeginn schon hieß: „Die Beschuldigten sind Agenten des RIAS und haben durch die Lieferung von Spionageinformationen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Charakters die Durchführung von Sabotage- und Diversionsakten unterstützt und zur Vorbereitung eines neuen Krieges beigetragen … Folgende Strafen sind beabsichtigt: Wiebach – lebenslängliches Zuchthaus, Baier – fünfzehn Jahre Zuchthaus, Krause – lebenslängliches Zuchthaus, Gast – zwölf Jahre Zuchthaus, Vogt – acht Jahre Zuchthaus.“
Ulbricht strich „lebenslängliches Zuchthaus“ bei dem 29-jährigen Dekorateur aus Ost-Berlin Joachim Wiebach durch und schrieb: „Vorschlag: Todesurteil. Einverstanden/W. Ulbricht“. Pieck lehnte das Gnadengesuch, das Wiebachs Eltern gestellt hatten gegen das Votum des Obersten Gerichts, ab, das sich sogar ganz und gar untypisch für eine Gnadengewährung ausgesprochen hatte. Die Eltern erhielten über die erfolgte Hinrichtung keine Nachricht. Nach einem zweiten Gnadengesuch und einem verzweifelten Brief der Mutter an Generalstaatsanwalt Melsheimer wurde der Vater mündlich über die Hinrichtung seines Sohnes in Kenntnis gesetzt.
Frank-Walter Steinmeier hat recht: „Walter Ulbricht hatte den stalinistischen Albtraum aus Verdächtigungen und Säuberungen unter den Emigrierten im Moskauer Hotel Lux überstanden und erhielt nun den Auftrag der KPdSU, Partei und Staat im Osten Deutschlands zu errichten.“ Oder wie es in der DDR-offiziellen „Geschichte der SED. Abriß“ heißt: „Als wichtigste Aufgaben wurden festgelegt, den Aufruf der KPD zu verbreiten und zu erläutern, die Parteiorganisationen in den Bezirken aufzubauen, einheitliche freie Gewerkschaften zu gründen, einen Block der antifaschistisch-demokratischen Parteien zu bilden …“ (Seite 87).
Und was schreibt das Mitglied einer Partei, die sich in Ostdeutschland 1946 mit den Kommunisten zur SED vereinigt hatte, nämlich Frank-Walter Steinmeier in einem aktuellen Gastbeitrag für das Redaktionsnetzwerk Deutschland? Er schreibt: „Unsere Art zu leben, unsere Freiheit und Demokratie sind heute so bedroht wie seit Langem nicht mehr – durch Verächter der Demokratie im Innern, durch imperiale Großmächte von außen.“
Ungewollt hat Steinmeier recht, wenn er erwähnt, „was Menschen mit ihrem Engagement bewegen können, welche Mauern sie zum Einsturz bringen können“. Steinmeier nicht, aber viele Ostdeutsche, die Steinmeier verachten dürfte, weil sie den „extremistischen Rattenfängern“ folgen oder sogar, wie es Steinmeiers Genosse Miersch einmal ausdrückte, den „rechten Mob“ bilden, haben die Mauer zum Einsturz gebracht. Steinmeier hatte daran keinen Anteil, er trug kein Risiko, er hat nur davon profitiert.
Aber Steinmeier hat recht, dass es für die Demokratie essentiell ist, dass Mauern fallen: 1989 der Antifaschistische Schutzwall in Berlin, wie heute in Deutschland die Brandmauer. Wer Mauern errichtet, schützt nur seine Herrschaft auf Kosten der Demokratie. Steinmeier hat auch hierin recht: „Unsere Art zu leben, unsere Freiheit und Demokratie sind heute so bedroht wie seit Langem nicht mehr.“ Unsere Art zu leben ist bedroht, durch die Masseneinwanderung aus dem muslimischen Bereich, durch die Bevorzugung von Deutschen mit Migrationshintergrund gegenüber Deutschen ohne Migrationshintergrund, durch eine Art Lex Migrant mit auffallend vielen allzu milden Urteilen und fragwürdigen Beschlüssen, durch die von der Regierung vorangetriebene Pauperisierung des Mittelstandes, durch die Deindustrialisierung; unsere Freiheit ist bedroht durch Cancel Culture, durch NGO-Finanzierung, durch Zensurgesetzgebung und durch die Einschüchterungsversuche gegenüber Intellektuellen und Journalisten, die von der Sanktionierung bis hin zu Hausbesuchen reichen; und die Demokratie selbst ist bedroht durch die Behinderung der AfD und die Existenz der Brandmauer.
Steinmeier ruft zu einem „demokratischen Patriotismus“ auf – aber auch den hatten wir im Osten schon mal, da nannte ihn die „demokratische Presse“ noch „sozialistischen Patriotismus“. Doch Patriotismus bedarf so wenig wie Demokratie eines Attributs, entweder man ist demokratisch oder man ist es nicht, entweder man ist patriotisch oder man ist es nicht.
Der Präsident der Spaltung wird nicht mehr der Präsident der Einigung, der Integration sein. Er ist nur noch Özils Zweitpräsident, der Präsident einer Elite, die längst einen Anachronismus darstellt. In den Tagen der großen Krise, in denen es nottäte, die unterschiedlichen Kräfte Deutschlands an einen Tisch zu versammeln, wird es nicht mehr der Bundespräsident sein können, denn in Frank-Walter Steinmeiers Denken kommt die Forderung nach Überparteilichkeit nicht vor. Er hat aus dem Amt des Bundespräsidenten ein Parteiamt gemacht.
Er mag reden, was er will, ihm hören immer weniger zu. Er mag einladen, wen er will, immer weniger werden seiner Einladung folgen.





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Das Wesen dieses, in dieser Form und „Haltung“ schon jahre alten und bei Verstand kaum noch auszuhaltenden Steinmeiers, ist für die Bürger in Deutschland bzw. für eine potentiell echte Demokratie, eine eklatante Zumutung.
Steinmeier selbst bestätigt das, bzw. sich selbst immer wieder, dass er für den Job des Bundespräsidenten nicht geeignet ist.
Das zum Thema Rattenfänger – Steinmeiers eigene Wortwahl.
Worin besteht der Unterschied zwischen Herrn Kraus‘regelmäßiger Beschreibungen der desolaten Zustände „deutscher“ Schulen respektive der Bildungssituation in toto und dem kritischen Blick auf die Amtsführung des derzeitigen Bundespräsidenten?
Der silberhaarige Staatsoberhauptdarsteller zehrt leider für eine große Mehrheit mit seinen Maßanzüge und honorigen Umgebung, die sein öffentliches Auftreten einrahmen, moralisch und staatspolitisch von der Person, die er, demokratisch transformiert, historisch fortführt: den Kaiser.
Daß vielen „Bürgern“ diese historische Politkontinuität nicht bewußt sein dürfte, verstärkt angesichts vorstehender Analyse das Bedürfnis, ja gar Notwendigkeit, den Sozialist in Schloß Bellevue zu dekuvrieren.
niemand wird Steinmeier vermissen. wirklich niemand.
Mich stört es als Ossi nicht, wenn Steinmeier mich verachtet, im Gegenteil, von solchen Leuten verachtet zu werden, kommt schon fast einem Ritterschlag gleich. Im Übrigen kann er mich niemals so verachten, wie ich ihn verachte.Man kann Steinmeier gut gerne mit Ulbricht und Honecker auf eine Stufe stellen. Steinmeier hätte Krenz als Staatsratsvorsitzender definitiv getoppt.
Hier möchte man fast mit einstimmen, in den Schrei nach Buntheit und Vielfalt, angesichts dieser Farblosigkeit und diesem Konformismus.
Sie werden staunen, was Angela Merkel erst aus diesem Amt macht, wenn sie Bundespräsident ist!
Dann wird umgebaut.
Siehe UvL.
Diese Figur besudelt meiner Ansicht nach das Amt des Bundespräsidenten. Er ist ein Parteisoldat der SPD, er ist einer, der niemals hätte in der ersten Reihe stehen dürfen. Wenn man seine kommunistische Vergangenheit anschaut, erst recht nicht. Er ist der Präsident von Merkels Gnaden und steht ihr in Bezug auf das Schleifen demokratischer Gepflogenheiten in nichts nach. Wäre er doch nur der „Prickel“ (Quelle: Wikipedia) beim TuS 08 Brakelsiek geblieben, dann hätte er nicht so viel Schaden angerichtet.
Der andere Walter (Ulbricht) war da konkreter und kam ohne Schwurbelei aus .
„Es muss demokratisch aussehen ,aber wir müssen alles in der Hand haben“.
Herrn Steinmeier schätze ich als das ein, was in GB als“selfish“ bezeichnet wird. Herr S. hat bisher keine staatsmännischen Reden gehalten, zeigt nach meiner subjektiven Deutung ein politische Linksposition. Selbst eine neutrale politische Haltung ist bei ihm nicht erkennbar.Dürfte ihm egal sein, er steht pensionsicher Im Leben, dazu angenehme Begleitumstände , das bis zu seinem biiologischen Ende. In der Geschichte wird er eine Randnotiz bleiben. Absolut unauffällig, d.h, positiv/negativ ohne weitere Bedeutung.
Herr Fritz Goergen formulierte hier einmal den Satz: Wenn die Deutschen nicht mit den Parteien fertig werden, werden die Parteien mit den Deutschen fertig. Am Ende dieser unsäglichen Koalition wird das auch so sein, das die Demokratie Geschichte ist, sehr geehrter Herr Mai.