Im Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran achtet die Weltöffentlichkeit vor allem auf die Ölpreise und die Schifffahrt durch die Straße von Hormuz. Doch es gibt noch eine Gefahr. Angriffe auf die vulnerable Lebensmittel-Versorgung und Wasseraufbereitung der Golfstaaten.
IMAGO / VWPics
Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Katar, Bahrain, Kuwait und Oman – diese Länder sind aufgrund ihrer Klimabedingungen extrem abhängig von Lebensmittel-Importen und technischen Versorgungs-Lösungen wie Entsalzungsanlagen. Ein Angriff des Irans auf diese Infrastruktur könnte zu einer humanitären Katastrophe führen. Wie Berichte von CNN und eine Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) zeigen, sorgt der aktuelle Krieg für ein dramatisches Bedrohungsszenario für eine ganze Region.
Die Golfstaaten importieren etwa 85 Prozent ihrer Lebensmittel, bei Getreide sogar mehr als 90 Prozent. Dies ergibt sich aus den extremen klimatischen Bedingungen: Die Sommertemperaturen erreichen regelmäßig 50 Grad Celsius, und der jährliche Niederschlag liegt in den meisten Gebieten unter 100 Millimetern. Großflächige Landwirtschaft ist hier unmöglich. Der Oman, das Land mit dem höchsten Selbstversorgungsanteil, importiert dennoch den Großteil seiner Nahrung.
Die Straße von Hormuz, bekannt als der wichtigste Öl-Engpass der Welt, dient auch als Lebensader für diese Importe. Normalerweise passieren täglich 138 Schiffe die Meerenge, die nicht nur Öl und Gas, sondern auch einen großen Teil der importierten Lebensmittel transportieren, wie das Joint Maritime Information Center berichtet.
Seit Beginn des Krieges mit Iran und den iranischen Vergeltungsschlägen hat der Schiffsverkehr dramatisch abgenommen. Laut Lloyd’s List, einer Fachzeitschrift für Schifffahrt, liegen etwa 200 Schiffe vor Anker, und die meisten großen Reedereien haben Buchungen in den Nahen Osten ausgesetzt. Für Länder wie Irak, Kuwait, Bahrain und Katar gibt es kaum Alternativen: Die meisten maritimen Lebensmittellieferungen müssen durch Hormuz. Zusätzlich erschweren Sperren des Luftraums in mehreren Golfstaaten die Situation.
Langfristige Störung der Versorgung zu befürchten
Die Regierungen der Golfstaaten haben in den vergangenen Jahren versucht, diese Abhängigkeit zu mindern, und betonen nun die Stabilität ihrer Vorräte. Viele verfügen über große Notreserven an Getreide und Lebensmitteln, die mehrere Monate reichen könnten. Dennoch bleibt die Lage prekär, da langfristige Störungen zu Preisanstiegen und Engpässen führen würden.
Noch gravierender ist die Bedrohung der Trinkwasserversorgung: Natürliche Wasserressourcen sind in Saudi-Arabien, Kuwait, Katar, Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten knapp. Begrenzter Regenfall und übermäßiger Verbrauch haben das Grundwasser bis auf ein extrem niedriges Niveau erschöpft. Deshalb ist die Meerwasserentsalzung entscheidend für trinkbares Wasser: Die Länder des Golfkooperationsrats (GCC) besitzen 43 Prozent der weltweiten Entsalzungsanlagen (7.500 von 17.500), sie machen etwa 70 Prozent der globalen Produktionskapazität aus.
In Saudi-Arabien stammen mehr als 70 Prozent des Trinkwassers aus den Entsalzungsanlagen, die das Grundwasser als primäre Quelle abgelöst haben. Die größte Entsalzungsanlage der Welt, Ras al-Khair an der persischen Golfküste Saudi-Arabiens nördlich von Jubail, wurde 2014 in Betrieb genommen und produziert täglich 1,025 Millionen Kubikmeter entsalztes Wasser. Davon fließen täglich 800.000 Kubikmeter direkt nach Riad, der Rest in benachbarte Regionen. Die Anlage ist hybrid und nutzt eine Multistufenverdampfung sowie Umkehrosmose: Acht Einheiten erhitzen Meerwasser zu Dampf, der kondensiert wird, während 17 Umkehrosmose-Einheiten Wasser durch semipermeable Membranen pressen, um Natrium und Chlorid zu entfernen.
Bereits Kraftwerk für Entsalzungsanlage angegriffen
Diese extrem bedeutende Infrastruktur macht die Region jedoch anfällig für Angriffe. Im Kontext des Iran-Krieges haben Experten wiederholt vor der strategischen Vulnerabilität gewarnt. Der Iran hat bereits ein Kraftwerk in Fujairah (VAE) angegriffen, das eine der größten Entsalzungsanlagen der Welt versorgt, und in Kuwait verursachten Trümmer von abgefangenen Drohnen einen Brand in einer Anlage. Derartige Vorfälle unterstreichen die Risiken: Kuwait bezieht 90 Prozent seines Trinkwassers aus Entsalzung, der Oman 86 Prozent, Saudi-Arabien 70 Prozent und die VAE 42 Prozent.
Die Folgen eines gezielten Angriffs auf diese Anlagen könnten verheerend sein: Eine geleakte US-Diplomatennotiz aus dem Jahr 2008 warnte, dass ein schwerer Schaden an der Jubail-Anlage Riad innerhalb einer Woche zur Evakuierung der 7,8-Millionen-Metropole zwingen würde, da sie damals über 90 Prozent des Trinkwassers der Hauptstadt lieferte.
Auch das Middle East Institute betonte schon 2025, dass die zentrale Abhängigkeit von Entsalzungsanlagen eine klare strategische Schwäche darstellt. Und Al Jazeera nennt einen iranischen Angriff auf diese Einrichtungen ein „Albtraumszenario“ – das durchaus zu befürchten sei, da sich in den Golfstaaten bereits ein gewisser Munitionsmangel für die Raketenabwehrsysteme abzeichnet. Zusätzlich könnten Ölverschmutzungen oder radioaktive Kontaminationen die Meerwasserqualität beeinträchtigen, was die Entsalzung zusätzlich erschweren würde.
Die Golfstaaten haben Milliarden in die Diversifikation investiert, doch der Krieg unterstreicht ihre bestehenden Abhängigkeiten. Eine Eskalation könnte nun nicht nur wirtschaftliche, sondern existenzielle Krisen auslösen. Die Situation zeigt, dass in dieser Region Wasser und Nahrung strategische Waffen sein können – wesentlich wichtiger als Öl.

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