Politik und Medien schießen sich derzeit auf die AfD wegen Vetternwirtschaft ein. Sieht es bei den Altparteien anders aus? Der Bundestag predigt Integrität und verwaltet zugleich Schlupflöcher: Wer am lautesten empört, hat oft am wenigsten Interesse an Kontrolle, zeigt eine Analyse ausgerechnet der ZEIT.
picture alliance / SULUPRESS.DE | Marc Vorwerk
Als der Schriftzug „Dem Deutschen Volke“ 1915 ans Reichstagsgebäude kam, war der Platz über dem Portal längst da, reichlich sogar, nur der politische Ansatz war damals ein anderer. Heute liest man neben „Dem Deutschen Volke“ die Worte „tief und ungeniert in die Taschen greifen“ unfreiwillig mit.
Alle sind sich plötzlich einig. Parteien, Leitmedien, Talkrunden, Kommentatoren: Die AfD wird wegen Überkreuzanstellungen angegriffen, als sei damit der ganze Sumpf erklärt. Wer Verwandte und Schwäger über Parteikollegen in Jobs bringt, so der Tenor, missbraucht Steuergeld, baut Netzwerke, besorgt sich Loyalität. Der moralische Zeigefinger steht steil. Die Empörung ist zuverlässig, täglich abrufbar, fast schon gemütlich.
Nur hat Empörung einen Haken, sobald sie in Regeln übersetzt werden soll. Denn die Regeln, die diese Praxis ermöglichen, sind keine AfD Spezialität. Sie sind Bundestagsnormalität. Und damit wird die entscheidende Frage nicht: Was macht die AfD. Sondern: Wie sieht es denn aber bei den anderen Parteien aus?
Die ZEIT fragt in einer Recherche mit dem Titel „Wie verfilzt ist der Bundestag?“ nach. Die Autoren haben genau das überprüft und alle 630 Abgeordnetenbüros angeschrieben. Stand 23. Februar kamen 258 Antworten zurück, also 41 Prozent. Huch. Schon diese Zahl ist ein Befund. Wer im höchsten Parlament des Landes sitzt und mit öffentlichen Mitteln Personal bezahlt, sollte Fragen zur Verwendung dieser Mittel nicht wie eine unzulässige Belästigung behandeln. Doch die Bereitschaft, sich erklären zu müssen, ist sehr ungleich verteilt. Bei den Grünen antworteten über 80 Prozent, bei der SPD etwa zwei Drittel. Bei der Union nur ein Drittel. Am zurückhaltendsten reagierten AfD und Linke mit unter 20 Prozent. Transparenz ist im Bundestag kein Standard, sie ist eine Charakterfrage. Und Schweigen ist die bequemste Form von Schadensbegrenzung.
Was die ZEIT in den Antworten sichtbar macht, ist weniger ein einzelner Skandal als ein Systemfehler. Das Abgeordnetengesetz verbietet Abgeordneten, direkte Angehörige bei sich selbst zu beschäftigen. Gleichzeitig ist es bislang erlaubt, dass Verwandte oder Schwäger von Politikern in den Büros von Parteikollegen Geld verdienen. Dazu kommen Nebenjobs und Minijobs. Juristisch sauber, politisch faul. Denn wer nur den direkten Griff in die Familienkasse verbietet, aber die Umleitung über den Sitznachbarn erlaubt, schreibt das Schlupfloch gleich mit ins Regelwerk.
Damit wird die Debatte zwangsläufig schief. Man kann die AfD wegen Überkreuzkonstruktionen an den Pranger stellen und zugleich so tun, als sei das Problem damit erledigt. Ist es nicht. Sobald solche Muster häufiger werden, kippt der Eindruck von Einzelfällen in den Eindruck von Netzwerken. Und Netzwerke sind im politischen Betrieb nicht zufällig. Sie sind das Schmiermittel.
Auffällig ist, wie schnell sich die Empörung parteipolitisch instrumentalisieren lässt. In der SPD überbietet man sich im Anprangern der AfD-Verhältnisse, spricht von „Clan-Kriminalität“, wobei sie reale Clan-Kriminalität gerne anders benennen würde. Johannes Fechner, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, formuliert das besonders drastisch. „Dass die AfD hoch dotierte Stellen, die aus Steuermitteln finanziert werden, an unqualifizierte Verwandte vergibt, grenzt an Clan-Kriminalität. Deshalb werden wir sehr bald mit der Union über Verschärfungen des Abgeordnetengesetzes beraten“, schrieb er der ZEIT. Der Satz wirkt wie ein Schlag ins Gesicht der Steuerzahler. Er wirkt aber auch wie ein Versuch, den Skandal so zuzuschneiden, dass am Ende die SPD als Saubermanntruppe dasteht und die Union als Bremser.
Denn ausgerechnet dort, wo es um echte Konsequenzen geht, beginnen die Ausweichmanöver. Nach ZEIT-Angaben sprachen sich auf die Anfrage hin nur zehn Prozent der CDU-Abgeordneten für schärfere Regeln aus. Der Rest bleibt still, unentschlossen oder erklärt die bestehenden Mechanismen für ausreichend.
Friedrich Merz äußerte sich zunächst zurückhaltend. In einer Mail aus seinem Bundestagsbüro hieß es, er halte die bestehenden Transparenz und Kontrollmechanismen für geeignet. Zwei Tage und einige Enthüllungen später klingt er offener, schärfere Gesetze wolle er nicht ausschließen. Das ist nicht Führung, das ist Reaktion. Erst verteidigen, dann nachjustieren, wenn der Druck steigt und hoffen, dass es wieder versandet wie der Filz um seinen beschädigten Amigo Wolfram Weimer.
Das ist besonders unerquicklich, weil die Kontrolle im Bundestag nach ZEIT Darstellung faktisch auf Selbstangaben basiert. Abgeordnete müssen lediglich eine Erklärung ausfüllen, in der sie versichern, dass es sich bei ihren Mitarbeitern nicht um Angehörige handelt. Eine systematische Kontrolle durch die Bundestagsverwaltung gibt es nicht. Sie wird erst tätig, wenn Hinweise auf mögliches Fehlverhalten eingehen. Das ist die perfekte Architektur für Grauzonen. Wer ehrlich sein will, muss es aus eigenem Antrieb sein. Wer tricksen will, hat Raum und Zeit.
Die Debatte wird dann gern in einen Nebel aus Begriffen gerettet, die nach Freiheit klingen. „Berufsverbot“ fällt in den Antworten häufig. Als ob es ein Menschenrecht wäre, ausgerechnet im Bundestag zu arbeiten. Als ob es keinen Unterschied gäbe zwischen freier Berufsausübung und einem Job, der aus öffentlichen Budgets finanziert wird und politische Nähe fast automatisch in Vorteil ummünzt. Niemand verbietet dem Ehepartner eines Abgeordneten, zu arbeiten. Es geht darum, ob das Parlament als Arbeitsplatz für Verwandtschaftsnetzwerke taugt.
Auch die Grünen wirken in der ZEIT-Recherche überwiegend zufrieden mit den bisherigen Regeln. Na sowas. Ein Grüner bringt es zwar scharf auf den Punkt und erinnert daran, dass Personalgelder für Fachleute gedacht seien, nicht dafür, „damit der Vater halbtags die Post aufmacht“. Gleichzeitig hängt über solchen Sätzen das Problem der Glaubwürdigkeit, sobald Vetternvorwürfe im eigenen Umfeld auftauchen. Moralische Strenge ist in Berlin oft eine Frage der Blickrichtung.
Die Linke zeigt sich zurückhaltend bei Verschärfungen, warnt ebenfalls vor einem Berufsverbot, will aber prüfen, ob ein Verbot von Überkreuzanstellungen ins Abgeordnetengesetz gehört. Man habe parteiintern geprüft und nichts Auffälliges gefunden. Das mag stimmen. Es ist aber kein Ersatz für klare Regeln und für Kontrolle. Wer Transparenz ernst meint, braucht Verfahren, nicht Behauptungen.
Und die AfD. Dort ist die Meinung gespalten. Ein Abgeordneter sagt, er würde Bewerber aus erweitertem beruflichem oder familiärem Umfeld von Kollegen in Betracht ziehen, wenn die Qualifikation stimme. Alice Weidel begrüßt laut ZEIT eine Debatte über den Verhaltenskodex und ist offen für Reformen, auch mit dem Hinweis, bei anderen Parteien gebe es ähnliche oder gravierendere Vorfälle. Das ist Selbstverteidigung, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Genau deshalb ist die ZEIT Recherche so wichtig. Sie bricht die Erzählung auf, der Filz sei nur ein Problem der AfD.
Das eigentliche Skandalon bleibt: Der Bundestag hat Regeln, die nach Anstand aussehen, und eine Praxis, die Anstand zur Privatsache erklärt. Direkt verboten, über Kreuz erlaubt. Kontrolle auf Zuruf. Empörung als Ersatzhandlung. Wenn man Vetternwirtschaft wirklich verhindern will, muss man die Einfallstore schließen, nicht nur die offensichtlichste Tür. Verbot von Überkreuzanstellungen, transparente Offenlegung relevanter Beschäftigungsverhältnisse, echte Prüfmechanismen. Sonst bleibt es bei der Berliner Lieblingsdisziplin: laut auf andere zeigen und leise die eigenen Schlupflöcher verteidigen.


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Frau Joana Cotar hat in ihrem Buch „Inside Bundestag“ sehr schön als Insider berichtet. Da läuft vieles sehr falsch. Wird aber von den Günstlingen nie reformiert. Der Bürger zahlt ja und die Politiker nehmen gerne – und zwar überall. Mit inhaltsleeren Reden wird der Raubzug umkränzt. Genug ist halt nie genug. Der Platz auf der Liste macht es möglich. Demgemäß wird die Politik ausgerichtet. Insbesondere von denen die im Leben wenig bis nichts zuwege gebracht haben.
Und wer steht dahinter – die lobbyisten. Das sieht man doch am besten wenn die hochbezahlte jobs bekommen wo man nix tun muss.
Hier wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht! Punkt aus! Was interessiert mich WEN oder WAS Abgeordnete für sich anstellen!!! Das ist MIR Wurstsuppe… ist der Abgeordnete das nächste mal nicht mehr da… sind die auch alle weg… Wer sich hier über diese Anstellungstätigkeit echauffiert sollte mal über sein Leben nachdenken! Was allerdings NICHT geht, ist dass man Familienmitgliedern Aufträge Zuschustert wie es seit EWIGKEITEN bei der CSU Usus ist! Oder dass man Freunde und Familienmitglieder in STAATSSEKRETÄRSPOSTEN hieft! Noch dazu Menschen die von ihrer Arbeit keinen blassen Schimmer haben, wie ein Gewisser Greichen!!!! Und wenn ich von einem SPD-Kasper… Mehr
[Friedrich Nietzsche ueber den „Staat“] „Staat heisst das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: „Ich, der Staat, bin das Volk.“ Lüge ist’s! […] Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er’s. Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beisst er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide. Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! Wahrlich, es… Mehr
Es fehlt mir etwas das Hintergrundwissen, in wie weit Mitarbeiter von Abgeordneten für deren Belange und nicht für öffentliche Belange zuständig sind. Ich gehe davon aus, dass Mitarbeiter, wie beispielsweise im Privaten eine Putzkraft, aus dem eigenen Budget bezahlt werden und bestimmte Dienste für den Abgeordneten erfüllen. Beschäftigt der Abgeordnete eine Putzkraft (privat), die schlecht oder gar nicht putzt, ist das zunächst einmal dumm und nutzlos. Aus Sicht der Steuerzahler ist es sicherlich ärgerlich, wenn Abgeordneten ein Budget für nützliche Dienstleister gegeben wird, das unter nutzlosen Kostgängern verteilt wird. Es entspricht auch nicht der verfolgten Absicht. Nur ist Nutzlosigkeit eine… Mehr
Wer würde denn bei der AfD arbeiten, der nicht aus dem AfD „Clan“ kommt?
Mit dieser Frage ist die Situation, auf Angehörige von AfD Mitgliedern zurückgreifen zu müssen doch schon beantwortet. Auch die AfD benötigt Verwaltungsmitarbeiter. Ausserdem habe ich bislang nur von Minijobs gehört. Sind das die hochdotierten Mitarbeiter, von im Artikel die Rede ist? Alles nur Heuchler die endlich abgewählt gehören.
War es nicht schon immer so, dass die, welche am lautesten aufschreien, den meißten Dreck am Stecken haben? Wer glaubt, dass soetwas (Vetternwirtschaft) nur bei der AfD vorkommt, ist einfach nur geistig total unterbelichtet und verblödet und wird auch nichts mehr dazu lernen.
Ein Blick ins Abgeordnetengesetz bringt Aufklärung. Die bisherige Regelungen wurden samt den extra installierten Schlupflöchern von den Altparteien beschlossen. Die Regelung verbietet es Parlamentariern lediglich, Mitarbeiter gegen Bezahlung zu beschäftigen, mit denen sie selbst „verwandt, verheiratet oder verschwägert sind oder waren“. Dasselbe gilt laut Gesetz für Lebenspartner oder früheren Lebenspartner. Die bezahlte Anstellung von Angehörigen bei anderen Abgeordneten der Partei (Überkreuzanstellungen) ist gemäß Abgeordnetengesetz zulässig. Nun haben die Altparteien ihre selbst geschaffenen Schlupflöcher jahrelang reichlich genutzt. Aber wehe die AfD nutzt die von den Altparteien nur für sich selbst geschaffenen Schlupflöcher. Es sind bald Wahlen. Also versucht man der AfD… Mehr
Wie war das eigentlich mit dem Regierenden Bürgermeister Kay Wegner (CDU) und seiner Lebnsgefährtin Katharina Wünsch, die er zur Senatorin machte?
Die hat unser Homeoffice-Boris, der aus der Kaelte kam und sein Buero nicht findet, ja nicht fuer vielleicht „zwei-fuenf“ im Monat „beschaeftigt“, sondern fuer zwanzig Mille im Monat plus leistungslose Altersbezuege, Dienstwagen und Chauffeur einen Posten zugeschoben. Das ist natuerlich etwas anderes; saubere, demokratische Korruption.
Die suchen halt nach billigen Argumenten um sich die Konkurrenz vom Hals zu halten und man sollte nicht im Glashaus mit Steinen werfen und jeder Sachverhalt sollte untersucht werden und am besten man fängt gleich oben bei Klingbeil und Merz an und geht die Leiter abwärts in Richtung Scholz und Merkel, wo man überall fündig werden könnte, wenn man denn wollte. Die anderen in den Ländern wäre fast eine Lebensaufgabe von Ungereimtheiten, was man nur kennen sollte, wenn man die Politik der letzten 65 Jahren bewußt miterlebt und verfolgt hat und die ganzen Sauereien kennt, die nicht neu sind sondern… Mehr
Präsident Trump hat dich auch seinen Schwiegersohn angestellt. Weil er ihm vertraut. Ob jetzt amtlich oder irgendwie finanziert, ist mir da eigentlich egal.
Ich finde da eigentlich nichts daran verwerflich. Man sollte jedem Abgeordneten eine Bürokraft und einen persönlichen Adjutanten zum fixen Lohn erlauben. Ob jetzt verheiratet, verliebt, befreundet oder „nur“ geeignet, das ist das Problem des Abgeordneten.
Einfach die Anzahl an Abgeordneten reduzieren, dann können sich die Fraktionen auch keine Hinterbänkler erlauben, die nicht professionell ihr Mandat ausfüllen. Was machen z.b. Herr Heil oder Frau Esken so ?
Oder Herr Scholz?
Ein absolut korrekter Bundestag ist eine Utopie und mit den existierenden Menschen nicht zu verwirklichen. Weder in der Vergangenheit war es möglich, noch in der Zukunft wir er jemals existieren so lange Menschen ihn betreiben. Deshalb, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.