Münchner Sicherheitskonferenz: Wieder platzt eine Seifenblase

Die Münchner Sicherheitskonferenz verwechselt seit Jahren Inszenierung von imaginärer Macht mit tatsächlicher Macht. Jetzt sagt der wichtigste Gast ab und übrig bleiben, im eiligst angeschaltetem und zu hellem Notlicht, aufgeschreckte Komparsen in aus der Zeit gefallenen und deutlich angestaubten Kulissen.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Andreas Stroh

Macht hat drei zwingend notwendige und sich gegenseitig bedingende Eigenschaften: Wirtschaftliche, militärische und politische Stärke. Sie zu haben reicht aber nicht aus. Damit Andere wissen, dass man mächtig und auch die Eigenen davon überzeugt sind, dass sie mächtig sind, muss Macht inszeniert werden. Und zwar mit Bildern und Personen, die weit vom Alltäglichen entfernt sind.

Tatsächliche Mächte haben das in der Geschichte erfolgreich praktiziert. Kleinere Mächte und ganz besonders Länder ohne Macht verfallen hingegeben oft dem Irrtum, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Sie glauben, dass sie durch eine hübsche und aufwendige Inszenierung tatsächlich mächtig wären.

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Eine solche hübsche und aufwendige Inszenierung ist mittlerweile die Münchener Sicherheitskonferenz. 1963 als informeller und nicht inszenierter Austausch von NATO-Vertretern während des Kalten Krieges gegründet, wurde aus ihr, je unnötiger sie wurde, eine Showveranstaltung von nur mehr in der Selbstwahrnehmung bedeutender Politiker westlicher Länder in Gegenwart von wenigen Politikern aus tatsächlich mächtigen Ländern.

Einer dieser Politiker aus einem tatsächlich mächtigen Land, der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance, versuchte 2025 dieser Konferenz etwas an Ernsthaftigkeit zurückzugegeben, indem er in seiner Rede die Probleme der selbstgefälligen westlichen EU-Länder ansprach. Die Reaktionen darauf waren entmutigend. Zwar haben sich ausschließlich die Richtigen angesprochen gefühlt, doch, leider, kamen die Antworten, ohne auch nur kurz Innezuhalten, und über das von Vance Gesagte nachzudenken.

 

Und so haben sich diese Politiker selbst, in die dritte Kategorie der von Machiavelli definierten dreigeteilten menschlichen Ordnung eingeordnet. Die, die verstehen, ohne dass sie es erklärt bekommen, die, die verstehen, nachdem es erklärt wurde und zuletzt die, die auch nachdem es erklärt wurde, nichts verstanden haben.

Jetzt hat der amerikanische Vizepräsident – den die Sicherheitskonferenz selbst auch als wichtigsten Besucher sieht, den er ist, zumindest noch, auf dem Titelfoto der Webseite bei seiner damaligen Rede zu sehen – seinen diesjährigen Besuch abgesagt. Offensichtlich hat er wenig Hoffnung, dass die sich mächtig wähnenden Politiker aus den westlichen EU-Ländern über ihre durchaus alles andere als vorteilhafte Situation nachdenken würden.

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Zu sehr sind sie gefangen in ihrer bedeutungslosen Semantik von “regelbasierter Ordnung”, “Multipolarität”, Völkerrecht und anderen beliebigen Begriffen, dass sie sogar glauben, dass wenn andere, wie der chinesischer Botschafter, ihre Begrifflichkeit nutzen, diese darunter auch dasselbe verstehen würden wie sie.

„Ohne Normen oder Regeln kann man gestern noch am Tisch sitzen, aber morgen schon auf der Speisekarte landen.“ Mit diesen Worten unterstrich dieser sein Plädoyer für eine regelbasierte Ordnung auf der Münchner Sicherheitskonferenz von 2025. „Einige Länder glaubten“, sagte Chinas Außenminister in einer wenig verschlüsselten Anspielung auf die USA, „dass den Mächtigen das Recht gehöre.“ Damit hätten sie die Büchse der Pandora geöffnet, „das Recht des Dschungels.“ China hingegen halte das internationale Recht aufrecht und stehe für den wahren Multilateralismus.

Das durchaus Naheliegende, dass es die EU sein könnte, die, wie vom chinesischen Außenminister angedeutet, auf der Speisekarte landen könnte, halten EU-Politiker und Politiker von westlichen EU-Ländern für gänzlich ausgeschlossen. Auch, dass China, in deren konfuzianischen System ein jeder seinen festen Platz in der Hierarchie hat, unter “regelbasiert” ausschliesslich die chinesischen Regeln meinen könnte, ist den von ihrer eigenen Erzählungen trunkenen EU-Politikern nicht klar.

Wo sie für die chinesische Führung in deren Hierarchie stehen, könnten ihnen allerdings, würden sie die Handlungen chinesischer Offizieller in China bei ihren jeweiligen Besuchen etwas genauer beobachten, durchaus zu Bewusstsein kommen, bedenkt man, wie EU-Politiker und solche aus manchen EU-Ländern, besonders aus Deutschland, in China bei ihren Besuchen abgefertigt werden.

Für das rasch verglühende Prestige des München-Sicherheits-Festivals trug allerdings auch die Auswahl des Führungspersonals bei. Die letzten Jahre war der Merkel-Protegé Christoph Heusgen, der seinen, allerdings schlecht gealterten, Karriere-Höhepunkt 2018 bei der UN-Rede des amerikanischen Präsidenten Donald Trump hatte, als er zusammen mit dem damaligen Außenminister Maas, Trump über seine Aussagen zur deutschen Energieversorgung auslachte. Den Deutschen, die damals so herzlich mitgelacht haben, ist das Lachen darüber mittlerweile allerdings gründlichst vergangen. Sogar auch dem aktuellen deutschen Kanzler.

Die Frage die sich für München nun stellt, ist folgende: Wieviele andere Persönlichkeiten, die sich ranggleich oder zumindest rangähnlich mit Vance wähnen, werden jetzt auch absagen. Denn sie werden, nicht zu Unrecht, einen Prestigeverlust für sich befürchten, wenn sie auf einer Veranstaltung erscheinen, die von dem bedeutendsten Teilnehmer durch Absage so deutlich und offensichtlich herabgestuft worden ist.

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Kommentare ( 130 )

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jensberndt
1 Monat her

Diese selbsternannten „Wir Europäer“ sind von ihrer eigenen Bedeutsamkeit derartig besoffen, dass sie das Offensichtliche zu erkennen nicht mehr in der Lage sind – insofern sollte Signor Machiavelli noch eine vierte Kategorie einführen. Und unsere selbsternannte „Elite“ ist nicht willens oder fähig zu erkennen, dass es eine sogenannte europäische Identität niemals geben wird, da jedes Land sein eigenes Süppchen kocht und über den Topf mit dieser Brühe einen blaugefärbten Deckel drüber stülpt, damit es nicht so stinkt – hier allen voran die Franzosen. Und genau DAS haben die Amerikaner klar erkannt, deswegen verhandeln sie mit Putin direkt und deswegen tut… Mehr

brummibaer_hh
1 Monat her

So langsam werdet Ihr albern. Diese Schadenfreude, dass J. D. Vance nicht zur Münchner Sicherheitskonferenz erscheinen wird, ähnelt einem kindischen „Ääääätschibäääätschi, da hat er es Euch wieder gezeigt“ von Euch. Dass stattdessen der König von Amerika selber teilnehmen wird habet Ihr dabei scheinbar nicht auf dem Schirm gehabt. Was wohl wichtiger ist, der großartigste Trump aller Zeiten oder sein Vertreter auf Erden? Natürlich wird Trump, ähnlich Vannce im letzten Jahr, die One-Man-Show abziehen und die Welt wieder wie dumme Jungs behandeln. Aber man erinnere sich an das ganze Zoll-Brimborium letztes Jahr und was davon am Ende übrig geblieben ist. Klar… Mehr

Fritz Goergen
1 Monat her
Antworten an  brummibaer_hh

München und Davos verwechselt?

Raul Gutmann
1 Monat her

… ist den von ihrer eigenen Erzählungen trunkenen EU-Politikern nicht klar.

Exactement.
Auch wenn niemand die Zukunft kennt, zu der Erkenntnis, daß die Politik der EU und damit auch die jener Staaten, die sie ideologisch essentiell tragen, insbesondere der „Hippiestaat“ ‘schland ins Verderben führt wird, gehört nicht viel. Der Strudel ihrer Hybris wird sie verschlingen. Und schon jetzt dünkt, man vernehme das dann erklingende Wehklagen der gutmenschlichen Heuchler .
Auch Staaten müssen für alles bezahlen. Nichts in der Welt ist umsonst. Außer Gottes Gnade…

Unglaeubiger
1 Monat her

Sie werden dankbar sein, dass Vance nicht kommt, können sie sich doch dann ungestört selber beweihräuchern und sich gegenseitig ihre Wichtigkeit versichern! Sie werden wieder ihre üblichen Sprechblasen bemühen, rumschwurbeln und reden, reden ohne was zu sagen, denn zu sagen haben sie schon lange nix mehr! Leider haben sie das bis heute nicht begriffen, im Gegenteil, je weniger sie nix zu sagen haben desto lauter, frecher und dreister werden sie mit ihren Lügen. Bezeichnend dafür, dass sie zumindest Soziopathen, wenn nicht gar lupenreine Psychopathen sind, ist der Fakt, dass sie selbst an ihre Wahnvorstellungen glauben und mehr als beratungsresistent, leider… Mehr

Haba Orwell
1 Monat her

Die Amis drehen mittlerweile komplett durch: „Das Wall Street Journal wirbt für Bürgerkrieg im Iran

> „… Der erste Versuch ging schief, aber das WSJ wirbt weiter dafür, aufständische Kräfte im Iran mit Waffen zu versorgen, um eine Zerschlagung des Landes in einzelne Teile, eine Balkanisierung, zu erreichen. Das würde den Iran vom geopolitischen Schachbrett nehmen und Russland und China schwächen. Natürlich alles nur wegen Demokratie und Freiheit! …“

Der Welt ist weit mehr gedient, sollten die USA zerfallen. Dafür muss man allerdings keine Waffen liefern, vor Ort gibt es genug davon.

CasusKnaxus
1 Monat her

Was sollen sich beide mit uns Europäern abgeben? Desolate Armeen, kaputte Infrastruktur, Deindustrialisierung Millionen Heer von „Fachkräften“ die nicht arbeiten wollen. Sowas kommt in China nicht gut an. Da warten Arbeitslager. Aber vielleicht können wir noch für irgendwas per Sondervermögen bezahlen?

Donostia
1 Monat her

Deutschland war in der Vergangenheit militärisch unbedeutend, politisch als maximal mittelmäßig und wirtschaftlich als relevant bekannt. Mittlerweile sind wir wirtschaftlich unrelevant, militärisch noch schlechter aufgestellt als nach der Wende und politisch nur noch eine Lachnummer. Wir dienen maximal als Zahlmeister um irgendwelche Folgeerscheinungen die durch andere entstanden sind zu bezahlen. Der Wiederaufbau der Ukraine, oder die Migrationswanderungen ausgelöst durch US-Kriege im Nahen Osten und Nordafrika, sind hierzu passende Beispiele. Ein Volk, dass sich Genderlehrstühle leistet während sein Militär verlottert, dass meint es gäbe 72 Geschlechter die man beliebig auch wechseln kann, dieses Volk braucht sich nicht einbilden, dass es irgendeine… Mehr

Last edited 1 Monat her by Donostia
jensberndt
1 Monat her
Antworten an  Donostia

… 5000 Geschlechter, so viel Zeit muss sein!

Waldorf
1 Monat her

Geschwätz ist die Lieblingswaffe der Schwachen oder Machtlosen, im Volksmund die bellenden Hunde, die nicht beißen (können), die Kläffer. Jeder kennt die Kleinsthunde, die einen Lärm machen, als seien sie Doggen, alles und jeden vollplärrren, als ob sie einen gleich angreifen und aufessen. Es ist die einzige Hoffnung für Winzlinge, wenigstens groß zu wirken, um nicht auf der Speisekarte oder Opferliste wirklich Stärkerer zu landen und dahinter steht eben diese Angst, weggeschoben oder ausgeknipst zu werden, ohne irgendwas dagegen tun zu können. Und was da alles in Hundesprache gekläfft wird, ist genauso belanglos, wie in Menschensprache. Irgendwas von Rechten oder… Mehr

Reinhard Schroeter
1 Monat her

Aber eine ist es schon, sich es ein paar Tage in den besten Hotels in München auf Kosten des Steuerzahlers , gut gehen zu lassen.
Da wäre auch ich doch glatt dabei !

Mermaid
1 Monat her

Nach seiner Rede in München im vergangenen Jahr schätze ich den amerikanischen Vizepräsidenten wegen seiner klaren Ansichten und der unmißverständlichen Kommunikation sehr. Alles in Ruhe vorgetragen, selbstbewusst und anständig.
Er ist sicher in der Lage, bei aller Loyalität seinem Präsidenten gegenüber, die USA ruhig und zielstrebig zu positionieren.
Donald Trump wird nicht ewig Präsident bleiben; Vance wäre mein Kandidat für dessen Nachfolge.
Gegen ihn wirken manche unserer „Größen“ hier wie Gartenzwerge. Kann man leider nicht anders sagen. Ich hätte natürlich auch ein paar Namen und könnte das begründen, aber die Schere im Kopf…
Sie wissen schon.

Last edited 1 Monat her by Mermaid
Soistes
1 Monat her
Antworten an  Mermaid

Ja, die Führungskräfteauswahl in Deutschland war nie besonders. Mir fallen als überdurchschnittliche politische Köpfe in den letzten 150 Jahren nur Bismarck, Stresemann, Adenauer, und Helmut Schmidt ein. Aber das lag seit 1918 an den Wählern.

jensberndt
1 Monat her
Antworten an  Mermaid

Mir fällt kein wahrscheinliches Szenario ein, warum J.D.Vance nicht Donald Trump nachfolgen sollte. Und so wie man in unseren Leitmedien nachlesen darf, macht man sich zunehmend Sorgen um Onkel Donnies Gesundheit, vielleicht rückt er noch in dieser Amtsperiode nach, wer weiß. Und wenn dann dieser Fall eingetreten ist, dann werden sich unsere „Elitären“ noch an die gute alte Zeit mit dem ach so beschränkten Onkel Donnie mit seinem erratischen Verhalten und seinem beschränkten Wortschatz zurücksehnen.