Die Schienen zerfallen schneller, als die Bahn sie reparieren kann

Dass die Regierungen Merkel, Scholz und Merz das Land nicht nach vorne gebracht haben, gelinde gesagt, hat sich rumgesprochen. An keinem Beispiel zeigt sich das so deutlich wie am Schienennetz. Das zwingt die Bahn im laufenden Jahr zu noch mehr Verspätungen.

picture alliance/dpa | Marijan Murat

Käufer alter Häuser kommen im Kostenvoranschlag für die Sanierung irgendwann an den Punkt, an dem sie sich fragen: Lohnt sich das eigentlich oder wäre es nicht besser, die ganze Kiste abzureißen und neu zu bauen? Der Gedanke könnte der neuen Bahnchefin Evelyn Palla auch schon gekommen sein. Denn eigentlich soll sie dafür sorgen, dass in Deutschland die Züge pünktlicher fahren. Doch durch die ungenügende Arbeit christ- und sozialdemokratischer Regierungen stehen der Deutschen Bahn Jahre bevor, in denen die Unpünktlichkeit schlimmer statt besser wird – selbst wenn Bahn-Mitarbeiter und regierende Politiker jetzt anfangen würden, Dinge richtig zu machen.

Gegenüber der Zeit erklärte Palla, sie wäre schon froh, das jetzige Niveau erhalten zu können. Zur Zeit kommen vier von zehn Fernzügen der Bahn bereits mit Verspätungen von mehr als sechs Minuten im Zielbahnhof an. Unter der Regierung von CDU, CSU, SPD, FDP und Grünen sind Weichen ebenso marode geworden wie Oberleitungen oder Stellwerke. Das nötige die Bahn schon jetzt zu 28.000 Baustellen – allein in diesem Jahr. Die Infrastruktur der Bahn verfalle schneller, als sie diese reparieren könne, gibt Palla zu.

Dann verrät die Bahn-Chefin ein Detail, das erahnen lässt, wie blind die Mitarbeiter ihres Konzerns ans Werk gehen – ebenso wie die dahinter stehenden Verantwortlichen in der Politik: Palla will künftig bei 70 Prozent der Baustellen mit einrechnen, dass sie zu Verspätungen führen können. Jeder, der schon mal etwas geplant hat, es muss nicht mal die Sanierung eines alten Hauses sein. Ein Kindergeburtstag reicht schon. Der wird sich fragen: Wie kann ein Verkehrsunternehmen davon ausgehen, dass es durch Baustellen genau so schnell durchfahren kann wie über freie Strecken? Genau so plant die Bahn laut Palla aber bisher – bisher mit Ausnahme von 30 Prozent der Baustellen.

Palla gibt im Laufe des Interviews immer tiefere Einblicke darin, wie nah der Weitblick im deutschen Staatskonzern ist. Am Beispiel der Strecke Hagen-Köln. An der saniert die Bahn nun die Bahnhöfe und den Oberbau, nicht aber die Stellwerke. Obwohl die auch marode sind. Aber das repariert die Bahn dann später. Oder auch gar nicht. Zwischendrin fallen dann Züge wegen des maroden Stellwerks aus. Danach wegen der erneuten Sanierung. Wobei die Wahrscheinlichkeit von 30 auf 70 Prozent wächst, dass die Bahn mit diesen Ausfällen und Verspätungen dann rechnet.

Die grünen Abgeordneten Matthias Gastel, Tarek Al-Wazir und Victoria Broßart wollten von der Bundesregierung nun wissen, wie viele Strecken der Bahn als dauerhaft überlastet gelten. Das trifft seit 2008 auf offiziell 25 Strecken zu. Zwar gibt es sogenannte „PEK-Berichte“, die diese Situationen festhalten und deren Ersteller Vorschläge für ein Ende der Überlastung machen. Aber was passiert, wenn diese Vorschläge nicht umgesetzt werden? Gibt es dann etwa Bußgelder? „Nein“, antwortet die Bundesregierung lapidar. Angesichts der Wurschtigkeit, mit der Bahn und Politik das Schienennetz in Deutschland betreiben, wundert sich keiner mehr, wie schnell schon ein kleiner Sturm wie Elli die Bahn lahmlegen kann, sondern dass in Deutschland überhaupt noch Züge ankommen. Kein Besitzer eines Hauses würde sich dessen maroden Zustand so gelassen abfinden, wie es Bahn und Bundesregierung mit dem Zustand ihres Schienennetzes machen.

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Kommentare ( 25 )

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Karina Gleiss
1 Monat her

Die nächste Stufe des Irrsinns im potemkinschen Dorf: flächendeckendes Ausdünnen des Fahrplans wegen Strommangels. Analog zum Wäschewaschen nach Wetterlage.
Die Staatsmedien werden dem duldsamen und verblödeten Michel dann schon erklären, weshalb das gut sein wird fürs Klima und wir alle uns deshalb darüber freuen sollten.

Last edited 1 Monat her by Karina Gleiss
Sonny
1 Monat her

Es ist ja nicht nur die marode, deutsche Bundesbahn, die so mit Sicherheit keine Alternative zum überbordenden Straßenverkehr werden kann. Schaut man sich die Straßen und vor allem die Autobahnen an, ist einem zu Heulen. Vor allen Dingen, wenn man in endlosen Staus auf der A2 und der A7 vor sich hinvegetiert. Dezember 2025, A2: Verspätungen auf A2 von Wolfsburg nach Hannover (85km) an drei von 4 Tagen: Jeweils um 1,5 h. Statt rund einer Stunde also mehr als die doppelte Zeit. Unfälle, idiotische, kilometerweite Absperrungen ohne größere, erkennbare Tätigkeit und kurzfristige sowie langfristige Baustellen: Das ist keine Autobahn, sondern… Mehr

Last edited 1 Monat her by Sonny
joly
1 Monat her

Diese Frau – Quotentussi will ich sie nicht nennen! – saß schon wie lange im Vorstand bevor sie hochgeschubst wurde? Wusste sie davon denn nichts? In diesem Fall hat sie sich um nichts gekümmert. Wusste sie es hat sie sich nicht getraut oder ihr waren die Passagiere shit-egal. Warum öffnet sie sich jetzt?

CasusKnaxus
1 Monat her

Machen wir uns nix vor: die Deutsche Bahn ist voll im A..h! Spätestens seit dem Zauberlehrling Mehdorn gings rapide bergab. Regionallinien streichen, Stellwerke marode, Werkstätten wurden geschlossen, Zugfahrer weg. Hemdsärmlige picklige Möchtegernmanager erzählten per Powerpoint was von Malen nach Zahlen und alle lauschten andächtig den Scharlatanen. Heutiger Istzustand im einstigen Hightechland Murkselland: Züge andauernd unpünktlich oder fahren gar nicht, Weichen frieren ein, nach Stürmen sind Strecken gesperrt weil Schlaumeier Bäumchen ganz nah an der Bahntrasse gepflanzt haben. Die Österreicher und die Schweizer haben keinen Bock mehr, auf die noch einigermaßen funktionierenden ICEs zu warten. Wir haben fertig.

Michaelis
1 Monat her

So typisch deutsch: aus ideologischem Fanatismus den Privatverkehr mit (Verbrenner-) PKWs schickanieren bis zum Erbrechen, und parallel dazu die öffentlichen Verkehrsmittel in einem völlig unzureichenden Zustand belassen, noch dazu mit ständig steigenden Nutzungspreisen – UNFASSBAR!!!

Rob Roy
1 Monat her
Antworten an  Michaelis

Die Grünen waren im Bund und in den Ländern jahrzehntelang mit an den Regierungen beteiligt. Bis auf leere Worte kam bezüglich Ausbau von Bahn und öffentlicher Verkehrsmittel gar nichts, obwohl sie es sind, die das Autofahren verurteilen.
Unter ihrer Regie wurden Bahnstrecken stillgelegt und Güterumschlagplätze wie z.B. Containerbahnhöfe verscherbelt. In Berlin gibt es nicht einmal genug Abstellflächen für Züge, so dass nachts ICEs einfach nur im Kreis herumfahren.

Last edited 1 Monat her by Rob Roy
Manfred_Hbg
1 Monat her

Zitat: „Gegenüber der Zeit erklärte Palla, sie wäre schon froh, das jetzige Niveau erhalten zu können . (………). Unter der Regierung von CDU, CSU, SPD, FDP und Grünen sind Weichen ebenso marode geworden wie Oberleitungen oder Stellwerke.“ > Nachdem was jene Frau Palla seit ihre Beförderung so alles von sich gegeben hatte was sie doch tun wollte um der DB auf die Sprünge bzw auf die Schiene zu helfen, und wo ich dann nun mit Blick auf obiges Zitat auch noch den Eindruck bekommen habe das die Frau scheinbar von all dem Elend bei der DB nichts gewußt hatte, frage… Mehr

Chrisamar
1 Monat her
Antworten an  Manfred_Hbg

„Evelyn Palla: „Ich reinige immer die Toiletten dahingehend, dass ja oft auch Papier am Boden liegt, dass es Wasserspritzer am Waschbecken gibt. Und da kann man einfach auch mal drüberwischen mit dem Papiertaschentuch – oder das, was am Boden liegt, aufheben. Und dann sieht die Toilette für den Fahrgast, der die Toilette dann benutzt, auch wieder viel besser aus.““ https://www.bild.de/politik/inland/bahn-chefin-evelyn-palla-es-sind-auch-meine-gaeste-in-den-zuegen-6931869d76c2ae9f577fb5ca II. € 140 Millionen für: „Bahn-Chefin garantiert mehr Qualität in Zügen:Palla setzt Chefaufseher für saubere Toiletten ein“https://www.bild.de/politik/inland/bahn-chefin-palla-setzt-chefaufseher-fuer-saubere-toiletten-ein-693a7f6311f914c89b859e68 Aber: „…Die Modernisierung der Schieneninfrastruktur und damit eine deutlich bessere Pünktlichkeit seien aber eine längere Wegstrecke.“ Zur Erinnerung: „Zunächst wurden vom „WC-Panorama-Sichtgerät“ sechs… Mehr

W aus der Diaspora
1 Monat her

Die Bahn kaufte die ungarische Bahn. Sie kaufte auch in anderen Ländern, z.B. in China ein. Das kostete Geld, dass damit hier für die Sanierung nicht mehr zur Verfügung stand. Nach der Privatisierung der Bahn ging es nun einmal nur noch um Gewinne und nicht mehr um Funktionalität für Jahrzehnte.
Es gibt nun mal Dinge, die nicht Privatisiert werden sollten – dazu gehört die Grundbildung von Kindern, die Sicherheit, Energie und eben auch der öffentliche Verkehr.

Or
1 Monat her
Antworten an  W aus der Diaspora

Der Shinkansen Japans ist privatisiert.
Und er ist nicht nur profitabel, sondern auch extrem pünktlich und sauber.
Und gleichermaßen sieht‘s dort mit der Energieversorgung aus.

Und am Rande, bevor realitätsblinde und lernresistente Politikdarsteller glaubten, daß Stromnetz besser zu beherrschen, wie die angestellten Ingenieure der großen Stromversorger, galt das auch für die hiesige Energieversorgung.

hansgunther
1 Monat her
Antworten an  W aus der Diaspora

Entlassen Sie bitte nicht die Politiker aus ihrer Verantwortung. Sie wirtschaften schon seit Jahren dieses Land in Grund und Boden, verschleudern das erarbeitete Volksvermögen für Dritte im In- und Ausland und für sinnlose Projekte und Politabenteuer in der ganzen Welt. Dabei verrottet hier die gesamte Substanz, die über Jahrzehnte geschaffen wurde! Sie beschäftigen sich mit Phantastereien, als könnten sie Wetter und Klima nach Gusto ändern, die Jahreszeiten in ihrem Verlauf beeinflussen. Sonne, Mond, Regen und Schnee, Wind und Wärme, Kälte – alles wollen sie regeln. Oder bilden es sich ein. Oder stimmt das gar nicht? Wollen sie nur ihre Kassen… Mehr

Last edited 1 Monat her by hansgunther
Danton
1 Monat her

Als undressierter Dieselfahrer kenne ich die Nöte der Bahnfahrer nur vom hörensagen. Ich kann aber insofern mitreden, weil seit dem Jahrtausendwinter dieses Jahr mit echtem Schnee und gefrorenem Wasser so ziemlich alle Strassen im Vordertaunus/Frankfurt mit tiefen und großen Schlaglöchern übersäht sind. Da wir hier keine Privatstrassen haben deren Besitzer sofort mit heißem Teer/Asphalt für Füllung sorgen, wartet man auf Kommune, Land oder Bund das die ihre Mannen, Frauen und Diversen losschicken um die Gräben zu schließen. Und da geht es zu wie bei der Bahn. Für eine Milliarde hat man Stromtrassen zw. FFM und Darmstadt gebaut, für LKWs mit… Mehr

Dundee
1 Monat her

Es ist logisch, dass „die Schienen schneller zerfallen als die Bahn sie reparieren kann“. Wenn schon eigentlich jeder Zug später kommt als er geplant war zu kommen, dann können natürlich auch die Monteure nicht pünktlich mit der Arbeit beginnen. Also sind die Monteure schon bei Arbeitsbeginn, soweit hinter dem Plan hinterher, dass sie ihn nie mehr einholen können, mit dem unabwendbaren Ergebnis, dass ihre Arbeit IMMER frustrierend zu spät erfolgte. Weil sie zu spät zur Arbeit kommen. Das gleiche gilt für einen Lokomotivführer der zu spät zur Arbeit kommt. Auch der wird seinen zu späten Arbeitsbeginn an diesem Tag nicht… Mehr

Last edited 1 Monat her by Dundee
Diogenes
1 Monat her

Das industrielle Zeitalter begann mit der Eisenbahn und endet damit. Spätestens seit des staatlicherseits abgeworfenen Ballstes jeglicher „unlukrativer“ Bundes-Unternehmen, sei es eben z.B. die Bahn, oder das gesamte Gesundheitssystem oder die Gelbe Post oder die Kommunikations-Abteilung etc.etc. Ist ALLES im Eimer. Diese und andere staatliche Unternehmungen wurden bis auf einen extremen Erhaltungsrest ausgeraubt und privaten Hallodris zum Fraß vorgeworfen. Nicht nur das, sondern es wurden in den folgenden Jahrzehnten immer höhere Tribute von den nun „privatisierten“ Wrack AGs gefordert, was jegliches „private Interesse“ an deren Schein-Dienstleistungen nahe Null brachte. So ruiniert man ein Land! So funktioniert schon seit langem das… Mehr