Libyen – Die unterschätzte Gefahr

Im Hinterhof Europas lauert eine Mörderbande, die mit dem syrischen Bruder in Sachen Skrupellosigkeit gleichzieht. Höchste Zeit zu handeln, sagt Sebastian Antrak, nach Europa, insbesondere auch Deutschland, ist die Strecke nur kurz.

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„Und wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“. Die etwas abgeleierte Platte wird immer dann aufgelegt, wenn die Hoffnung auf eine Wende noch ein bisschen am Köcheln gehalten werden soll. Es wird nicht so schlimm werden, gute Zeiten sind schon im Anmarsch.

Wer sich allerdings neben Dauerkrisenherd Syrien auch mit dem nicht minder wichtigen Libyen beschäftigt, wird schnell merken, dass Hoffnung im Kontext mit dem nordafrikanischen Staat schnell gestrichen werden sollte. Um es kurz zu machen: Libyen ist ein Anarchostaat. Es gibt keine funktionierende, einheitliche Regierung, sondern zwei gegeneinander arbeitende Gruppierungen in Tobruk und Tripolis. Es gibt unzählige rivalisierende Clans, deren Warlords sich immerzu an die Gurgel wollen. Und es gibt den IS, der sich in Sirte eine komfortable Machtbasis gesichert hat.

Aus der Hafenstadt startet die Gruppe regelmäßig Aktionen gegen nahe Ölfelder und beobachtet wohl mit Genugtuung die Uneinigkeit ihrer theoretischen Gegner. Diese Einschränkung muss erlaubt sein. Denn einerseits hätte eine libysche Armee, sollte sie jemals existieren, der Terrorbande absolut nichts entgegenzusetzen. Die Ausrüstung marode, der Sold katastrophal niedrig und das Fehlen jeglicher Identifikation mit einem einheitlichen Staatengebilde lässt die Frage offen, für wen die Soldaten dann eigentlich kämpfen sollten.

Das Pulverfass vor der Haustür

Andererseits sind es zaghafte europäische Regierungen, deren Tatenlosigkeit dem IS in die Hände spielt. Natürlich hätte vor allem Italien als ehemaliger Kolonialherr und Großabnehmer libyschen Öls gerne militärische Präsenz gezeigt, zumal das südeuropäische Land auch als bevorzugtes Einfallstor einer künftigen Massenflucht aus Nordafrika gilt. Aber so ganz ohne Partner wolle man dann doch nicht, erklärte jüngst Premier Renzi. Überhaupt scheint man in den Hauptstädten Europas wieder einmal vorsichtig agieren zu wollen.

Damit das Wegducken nicht ganz so blamabel wirkt, liefert man sogleich eine Begründung für diesen seltsamen Ruhemodus. Erst die Bitte nach Unterstützung einer einheitlichen libyschen Regierung könnte dazu führen, sich wie auch immer im Kampf gegen den IS zu beteiligen. Aber genau diese ist durch ein klares Nein der Tobruk-Gruppe schon im Dezember letzten Jahres gescheitert. Machen wir uns also noch einmal in aller Deutlichkeit klar, welches Pulverfass direkt vor unserer Haustür kurz vor dem großen Knall steht.

Malta, und damit die Außengrenze der EU, ist weniger als 400 Kilometer entfernt. Ein Anschlag in Valetta würde, ähnlich wie die Attentate in Paris, zum perversen Renommee des IS in einschlägigen Kreisen weiter beitragen. Die Wirtschaft des kleinen Inselstaates, der sich fast vollständig auf den Tourismus verlassen muss, bräche zusammen. Zudem gewinnt Libyen als Rückzugsraum und Basis für terroristische Aktionen immer mehr an Attraktivität. So lange der Islamische Staat in Syrien zunehmend unter Druck gerät, sucht er sich unberührte Flächen, in denen er nach Belieben agieren kann.

Die Gründe sind mannigfaltig: seine wichtigsten Widersacher USA und Russland konzentrieren ihre Kräfte im Nahen Osten. Das starke Ägypten hält sich lieber zurück und hat mit dem IS-Ableger Ansar Bait al-Maqdis genug eigene Probleme. Libyens Bodenschätze sowie die fast unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten durch Waffen- und Menschenschmuggel sind weitere Pluspunkte im Kriterienkatalog der Dschihadisten. Ohne entschlossene Gegenpole würden wir, wie die Erfahrungen zeigen, vor einem weiteren humanitären und geopolitischen Katastrophenfall stehen.

Deutschland muss Vorreiter sein

Es wird Zeit, Deutschland muss als europäische Regionalmacht alles dafür tun, solch ein bedrohliches Szenario einzudämmen. Mit seiner gewachsenen außenpolitischen Rolle steht es der Bundesrepublik nun zu, wichtige Verbündete im Kampf gegen des IS und damit für die Stabilisierung Libyens zusammenzubringen. An erster Stelle Ägypten, Marokko und Tunesien, denen siedend heiß eingefallen sein dürfte, was eine IS-Expansion auch für ihre relativ gefestigten Staaten bedeutete.

Eine schlagkräftige Allianz entstünde zusätzlich mit den beiden Mittelmeermächten Italien und Frankreich. Insbesondere letzteres hat in einem ähnlich gelagerten Fall bereits gezeigt, dass eine Zusammenarbeit mit afrikanischen Partnern durchaus Früchte tragen kann. In Mali intervenierte unser westlicher Nachbar zusammen mit den Truppen Benins, Togos, des Niger, Nigerias und aus dem Senegal erfolgreich gegen militante Islamisten. „Operation Serval“ könnte also durchaus als Blaupause dienen, wenn es darum ginge, Modelle für Libyen zu entwickeln.

Deutschland kann seiner gefestigten und gewachsenen Stellung innerhalb des europäischen Werteraumes nicht mehr ausweichen. Als ebensolche Regionalmacht sollte sich die Bundesrepublik dazu durchringen, aktiv den europäischen Frieden zu sichern. Das muss nicht zwangsläufig auch militärisches Eingreifen bedeuten. Es wäre schon viel damit getan, bei der Schaffung einer Anti-IS-Allianz eine Vorreiterrolle einzunehmen.

Warum wir im Falle Syrien nicht dasselbe getan haben? Syrien ist ein Brennpunkt im Nahen Osten, der so viele nuancenreiche Kenntnisse erfordert, dass gerade Deutschland mit seiner historischen Sonderrolle nur Zuschauer sein kann und muss. Aber in Libyen laufen die Dinge anders. Im Hinterhof Europas lauert eine Mörderbande, die mit dem syrischen Bruder in Sachen Skrupellosigkeit gleichzieht. Aber noch viel wichtiger: nach Europa, insbesondere Deutschland, ist die Strecke nur kurz. Beginnen wir endlich mit der Arbeit.

Sebastian Antrak ist nach vielfältigen Erfahrungen von Journalismus bis Werbebranche freier Autor.

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Kommentare {13}

  1. Sind wir nicht mit den Franzosen in Mali gegen den Willen der dortigen Regierung und Bevölkerung, um den Franzosen die Uranvorkommen zu sichern? Einen anderen Grund kenne ich nicht. Boko Haram tobt in Niger, aber nicht in allen Teilen Malis.

    Das Problem Afrikas besteht in der willkürlichen Grenzziehung der damaligen Kolonialherren, die ohne Rücksichtnahme auf gewachsene Strukturen auf dem Reißbrett ihre Beute aufteilten. Im Nahen Osten ging es nicht anders. Syrien ist ein Kunstgebilde der Engländer und Franzosen, das Sykes-Picot-Abkommen war 1916 noch viel weiter gefasst.
    Die Clanstrukturen gibt es in Afrika und im Nahen Osten. Man schaue nur nach Afghanistan, die US-Armee hat den großen Clans die Opiumfelder weitestgehend erhalten und unterdessen ist Afghanistan der größte Lieferant. Allerdings ist Demokratie auch dort noch immer ein Fremdwort und wird es noch lange bleiben.

    Könnte der Autor irgendwie glaubhaft darlegen, was wir um Himmels willen im Nahen Osten oder in Libyen zu schaffen haben? Komme er aber bitte nicht mit den gemäßigten Rebellen in Syrien, die sich in der sogen. Opposition mit ungemäßigteren tummeln.

    Merkel will mit Libyen reden, ist nur die Frage, mit wem sie dort reden will. Nachdem man Gadafis Warnung 2011 in Genf nicht ernst nahm, hat man nun das Nachsehen. Ich heiße Diktatoren wirklich nicht gut, allerdings waren Irak, Libyen und auch Syrien relativ stabile Staaten, solange sie anderen nutzten. Aber gut, das ist Jammern über verschüttete Milch.

    Der IS hat sich längst in Europa eingerichtet, das ehemalige Jugoslawien und da besonders Bosnien ist eine weitere Bastion, gestützt von der dortigen Bevölkerung. Ziehen wir dann dort auch wieder in den Krieg und bitteschön mit was.

  2. Ein Anfang wäre, wenn man, ähnlich wie im Falle Syriens, von der Chimäre Abschied nähme, von Europäern errichtete Kolonialgebilde würden ohne koloniale Aufsicht oder einen brutalen Diktator funktionieren. Es gibt kein „Libyen“ so wenig wie es ein „Syrien“ gibt, und keine „Libyer“. Der Staat ist ein Kunstgebilde an der nordafrikanisachen Küste, mit dem die drei Kolonialmächte Frankreich, Italien und Großbritannien 1911 ihre Interessengebiete in Nordafrika abgesteckt hatten. Nur deswegen und aus keinem anderen Grund gibt es die Grenze zwischen Tunesien und Libyen, nur deswegen gibt es auch diese beiden Staaten überhaupt. Niemand in Libyen fühlt sich als Libyer, es gibt keinerlei Loyalität zu einem solchen Staat. Schon die Physiognomie des Staates zeigt es, beinahe auf dem ersten Blick: Zwei isolierte Siedlungszentren an der Küste, weit voneinander entfern (Tripolis und Bengasi) dazwischen Wüste mit wenigen Oasen. Die Grenzen im Süden in der Sahata ist ohnehin rein willkürlich mit dem Linieal gezogen und zudem mit dem Tschad umstritten. Nicht einmal Krieg könnte man dort führen. Im Zweiten Weltkrieg, wo Deutsche und Briten um das Land kämpften, ging es stets nur um diese beiden Regionen. Wurde eine verloren, musste man tausend Kilometer zurück, bis man in Tripolis oder Tobruk wieder einen Verteidigungspunkt hatte. Rommels Wüstenkrieg bestand daher überwiegend aus endlosem Fahren durch Wüstensand.
    Daher sollte Libyen aufgelöst werden. Eine mehrjährige Besatzungsphase, im Westen Italiener und Franzosen, im Osten die Ägypter muß folgen, wobei eine Annektion des Ostteils durch Ägypten wünschenswert wäre. Der Rest könnte mit dem ebenfalls gescheiterten Tunesien einen neuen Staat bilden, oder besser aber eine Föderation von Clans, vergleichbar mit den Golf-Emiraten. Die Clans als wahre Organisationsform der Araber sorgen in ihrem Stammesgebieten schon für Ruhe. Boko Haram oder der IS hätten keine Chance. Doch wir Multikulti-Europäer, ganz besonders die Deutschen, faseln von „unverletzlichen Grenzen“ die es gar nicht gibt, wollen so verzweifelt „Frieden“, so wie der alte Mann, der sich „nur mal ein bißchen ausruhen“ will, bevor er sich mit dem Rollator 50 Meter weiter schleppt. Und gleichzeitig wäre die Küste von Tunis bis Alexandria für Migranten aus Afrika wieder dicht. Die Clans für diese “Dienstleistung“ zu bezahlen wäre weitaus billiger als Millionen von Einwanderen hier im Land zu haben mit allem Folgen, die wir sehen. Bei Erdogan und den Türken machen wir es doch nicht anders.

  3. Ha ha ha, dreimal laut und bitter aufgelacht. Frau Schunke wird dies bestimmt nicht lesen, Herr Grisogono 😉
    Ohne Ihren Beitrag hätte ich mich kaum heute getraut, meine Gedanken, die mich seit längerem unwohl fühlen lassen, zum Ausdruck zu bringen.
    Ein wenig schäme ich mich heute dafür, dass ich mich über Jahrzehnte habe mitreißen lassen von den Rufen nach dem “besseren” Geschlecht in der Politik, angestachelt durch den vorherrschenden Anblick älterer, grauer Herren in unserem Parlament und der Überzeugung, daß Männer immer wildpi… ich meine natürlich immer ihre Kriegsspiele brauchen.
    Mittlerweile ist alles schön bunt und ich sehe nur noch – Entschuldigung! – Weiber, Weiber…. Frau Merkel, von der Leyen, Roth, Göring-E., Kraft, Käßmann und viele, viele mehr. Möglichst noch mit Kirchen-Background, was ich bei den derzeitigen Herausforderungen überhaupt nicht hilfreich finde.
    Die Überlegung, welche Auswirkungen diese Tatsache auf die deutsche Weichei-, Plüschteddy- und rosa Einhorn-Politik hat, treibt mich seit geraumer Zeit um. Schon im vergangenen Herbst habe ich in einem Brief an Frau Merkel meiner Meinung Ausdruck verliehen, daß auch Härte zu den erstrebenswerten Eigenschaften eines Staatslenkers gehören sollte.
    Der Anblick der vielen weiblichen Polizisten bereitet mir manches Mal geradezu körperliches Unbehagen. Wer (Frau Kraft?) kommt in einem NRW mit zunehmender muslimischer Bevölkerung auf die glorreiche Idee, bedingt durch knappes Personal 2 (!) Polizistinnen in eine Migranten- Familienstreitigkeit zu schicken? Denen es dann so ergeht, wie wir es gelegentlich von Polizei-Insidern erfahren.
    Wir sind nur noch zu vorsichtig, zu zurückhaltend, zu rücksichtsvoll, zu langsam, diskutieren statt zu handeln und wollen bloss niemandem wehtun. Keine Weitsicht, kein Durchsetzungsvermögen; den uns zumindest noch bis vor einigen Monaten entgegengebrachten Respekt aus dem Ausland verdanken wir weiß Gott nicht unseren Politikern/innen.
    Deutschland mutiert zur Lachnummer.
    Es verwundert nicht, wenn Rußland gerne mal seine Grenzen austestet – zumindest von Deutschland hat Putin nichts zu befürchten.
    Und einer großen Anzahl der muslimischen Einwanderer werden wir s o niemals Respekt abringen.
    Deutschland kann sich unter den gegenwärtigen Umständen m. E. nur sehr bedingt in Libyen einbringen. Dazu sind wir zu wenig “gerüstet”, und das meine ich durchaus nicht ausschließlich militärisch. Wir bevorzugen z. Z. nicht die Politik der kleinen Schritte, nein… der GANZ kleinen Schritte, wie ich heute aus dem dt. Parlament höre. Und was wird aus deutscher Scheckbuch-Politik, wenn die Konten leer sind?
    Die Idee eines schlagkräftigen Küstenschutzes, den wir seit Jahren gebraucht hätten, findet in den Köpfen unserer Entscheidungsträger/innen nicht einmal statt (zumindest offiziell nicht, “unschöne Bilder”).
    Übrigens wurde das erwähnte Multitasking von führenden Hirn- und Gedächtnisforschern längst ins Reich der Mysterien geführt. Entweder Masse oder Klasse, alles andere ist Augenwischerei.
    Frau Renate Simon (auch eine nicht allzu große Freundin von uns “Weibern” hier im Forum), wollen Sie mir nicht beispringen ?

    1. Sehr geehrte Frau VV!

      Sie sagten alles so schoen. Ohne erforderliche Haerte wird Angst fehlen und auf Respekt braucht man dann nicht zu hoffen. Wer das intuitiv nicht sofort weiss wird immer ratlos bleiben wenn nichts funktioniert wie z.B. “Integrationsvertraege”. Was fuer ein Wort! Dafuer muesste man jemanden auspeitschen! Ich sehe, ich benutze undenkbare Worte, und mache jetzt Schluss.

  4. Das interevolutionäre Wachstumsrisiko destabilisiert die Weltordnung: es bildet u. a. in Libyen kriegsähnliche Zustände aus.

    Im Kleinklein-Betrachtungen, wie Libyen, Syrien, etc., kommen Sie auf keinen grünen Zweig. Jede Kleinklein-Lösung ohne Ursachenbekämpfung ist chancenlos.
    Im Zukunftsdialog 2012 wurde Fr. Merkel eine Ursachenbekämpfung vorgeschlagen und war damals dem öffentlichen Diskurs zugänglich: die Beteiligten, inkl. Bundesregierung, setzten lieber andere Prioritäten.

  5. Solange Europa oder die UNO nicht Protektorate, damit meine ich rechtsichere Räume in Afrika schafft, wird sich der Migrationsdruck noch erhöhen.

    Und- ob das z.B. mit Blauhelmen aus Indien, Russland oder China verwirklichen ließe darf wg. möglicher Korruption der Truppen auch noch bezweifelt werden.

    Ich will nicht wissen was so z.B. in türkischen, jordanischen oder libanesischen Flüchtlingslagern so abläuft.

    Und- an Soziologen etc. mangelt es ja an unseren Unversitäten nicht, wie wäre es, würden die sich mal statt Gender mit Möglichkeiten gerechter Verwaltungsstrukturen unter Berücksichtigung der kulturellen Voraussetzengen der Betroffenen Menschen in Afrika beschäftigen?

  6. Lieber Herr Antrak,

    ich interpretiere aus Ihrem Artikel einerseits eine durchaus berechtigte Sorge, dass uns in Europe bald die nächste Katastrophe bevorsteht und das, obwohl es an Katastrophen derzeit wahrlich nicht mangelt.

    Anderseits bleibt Ihre Sorge in dem Beitrag aber direkt als “Schnellschuss” stecken, weil aus meiner Sicht nicht zu Ende gedacht.

    Mal angenommen, eine dt. Regierung würde Ihren Gedanken folgen und die arab. Nachbarländer und FRA + ITA zusammenbringen, um zu intervenieren.

    Und die Deutschen organisieren das Ganze vorab und treten dann vornehm zurück und begleiten den Krieg dann mit Plüschteddys für die dann folgenden Flüchtlinge dieses Krieges?
    Militärisch haben wir nichts beizutragen – keine Technik, kein Personal und auch keine strategisch denkenden Politiker.
    Oder ist mein Eindruck falsch?

    Aber es gibt noch einen weiteren, wichtigeren Grund, Ihren Artikel zu kritisieren.

    Wir bleiben bei Ihrem erwähnten und von mir aufgegriffenen Vorschlägen.
    Der Westen in Gestalt von FRA+ ITA + Maghreb interveniert in Libyen.
    Und ich unterstelle, der IS-Ableger würde zwar nicht komplett besiegt, aber zurückgedrängt, d.h. er verliert Gelände.

    Wer soll dieses Gelände denn besetzen stattdessen? Sie beschreiben selbst die vielen unterschiedlichen Clans und Stämme in dem Land und die fehlende Identifikation mit diesem Kunstgebilde.

    Welchen Plan gibt es für das DANACH ?
    Und wer soll diesen dann ggf. umsetzen und sich einer Kriegsführung durch die Islamisten nach afghan., irak., somal., nigerian. und syr. Muster auseinandersetzen?

    FRA hat im Verbund mit den USA federführend diesen Staat samt seines Führers/Diktators Gadhaffi zerlegt, vernichtet und ins Chaos gestürzt.
    Der Westen wollte wohl die Demokratie in dieses Land bringen…
    Was qualifiziert nun gerade uns zu einem weiteren Versuch ?

    Gegenvorschlag:

    Wir leisten uns mit anderen europ. Ländern mal eine richtige Küstenwache, die diesen Namen auch verdient.
    Damit beschützen wir die Seegrenze im Mittelmeer und bringen Flüchtlingsboote samt Passagieren direkt wieder zurück.
    Das spricht sich ganz schnell herum und die Zahlen gehen deutlich zurück, wenn auch nicht auf Null.
    Dann hören wir auf, ständig über die “westlichen Werte” zu faseln und hören ebenfalls auf, uns überall einzumischen und Waffen in diese Krisenherde zu exportieren.
    Gleichzeitig beginnen wir, diversen Ländern auf Augenhöhe Angebote zu machen – z.b. in dem wir deren Waren fair bezahlen (Stichwort Agrarsubventionen in Europa), auch humanitäre Hilfe vor Ort leisten -insbesondere jedoch Hilfe zur Selbsthilfe.
    Wenn z.b. die Maghreb Staaten endlich überzeugt würden, mal ein paar Reformen (z.B. Rechtssicherheit) anzugehen bzw. wir denen dabei – wenn gewünscht – mit Rat und Tat zur Seite stehen, könnte die europ. Wirtschaft geneigt sein, mehr zu investieren und somit den Wohlstand vor Ort zu heben.

    Das wären alles Dinge, die (bis auf unseren Schutz durch eine richtige Küstenwache) etwas Zeit in Anspruch nehmen und sicher etwas weit hergeholt klingen.
    Aber wie lange war die BW in Afghanistan und hat unsere Sicherheit am Hindukush verteidigt? Und was hat der Spass in all den Jahren gekostet?
    Und welcher Erfolg ist am Ende gleich dabei herausgekommen??

    Dieses Geld und diese Zeit ist also da und nun sollten wir nicht denselben Fehler wiederholen, sondern es mal auf anderem Weg versuchen.

    Nur so ein Gedanke von mir :-)

    1. @jo
      Genau das wäre auch meine Kritik zu dem Artikel gewesen. Einfach mal raushalten und mehr in Eigenschutz investieren..

    2. @Jo
      Das Problem von Afrika sind nicht europäische Agrarsubventionen, wo keine funktionierenden Märkte sind, können sie auch nichts kaputt machen. Wenn durch fehlende Infrastruktur viele Lebensmittel verderben bevor sie überhaupt am Markt ankommen, wenn wegen fehlender größe und veralteter Anbautechnik die Bauern kaum Überschüsse ernten bzw. erwirtschaften, kurz gesagt wenn diese Länder auf Nahrungsmittel Importe angewiesen sind weil sie sonst die eigene Bevölkerung nicht ernähren könnten, dann liegt die Schuld dafür nicht bei denen die Nahrungsmittel an diese Länder verkaufen.

      Bildung, aufbrechen der Klanstrukturen, beenden der Vetternwirtschaft, Rechtssicherheit usw. Die Dinge sind notwendig damit diese Länder sich entwickeln können. Aber das können diese Länder nur selbst erreichen und anscheinend fehlt in vielen der afrikanischen Länder aber die Einsicht und oder der Wille dies zu tun.

  7. Wie Herr Gallina bereits geschrieben hat, es waren vor allem die Franzosen, die den Schlamassel in Lybien angerichtet haben. Sarkozy wollte den starken Mann markieren. Jedenfalls ist die Strategie des Westens gescheitert, die Arabellion zu nutzen, oder anzufachen, um rund um Europa eine Kette befriedeter und halbwegs demokratischer arabischer Staaten zu schaffen. Im Gegenteil, von Tunesien abgesehen, reicht die Kette der Failed States nun von Lybien bis in den Irak; und sogar weiter in die Ukraine. Und im eigenen Haus hat man mit Erdogan noch einen unsicheren Kantonisten, von dem man nicht weiß, ob er Fisch oder Fleisch ist. Wenn der Westen nichts tut, den Kampf verweigert, wird er in fünf Jahren von einem übermächtigen IS (mit Saudischer Unterstützung und unseren Waffen) umzingelt und von Terror-Attentaten zuhause durchgeschüttelt sein. Wenn der Westen ohne gemeinsame Strategie und militärische Schlagkraft weitermacht, wird er nichts erreichen. Nur, Deutschland ist das am wenigsten geeignete Land, eine Streitmacht anzuführen. Es hat keine innere Geschlossenheit, kein Zutrauen und keine Armee, die den Namen verdient hätte. Aber auf die Amerikaner brauchen wir nicht mehr zu zählen, die sagen, das ist euer Hinterhof, liebe Europäer, nun macht mal schön. Was wird passieren? Es wird keine gemeinsame europäische Streitmacht und keine Strategie geben, bis uns im Jahre 2025 die Araber an der Gurgel haben…

  8. Alle Staaten, in denen der Westen militaerisch interveniert hat oder oppositionelle Gruppen indirekt unterstuetzt hat, sind heute “failed states”, ohne die geringste Hoffnung, dass diese Staaten wieder zu funktionierenden Staatsgebilden werden koennen. Somalia, Afghanistan, Irak, Libyen, gefolgt von Aegypten und Syrien sind starke Zeugen der Fehleinschaetzung, Selbstueberschaetzung, militaerischer Inkompetenz, politischer Kurzsichtigkeit und Konzeptionslosigkeit des Westens.

    Bei den Amerikanern frage ich mich, warum sie es immer wieder versuchen. Ausser Grenada hatten die Amerikaner keinen einzigen militaerischen Erfolg in Jahrzehnten. Manchen Protagonisten reicht aber der persoenliche wirtschaftliche Erfolg, wenn der amerikanische Steuerzahler fuer Konjunktur bei den Ruestungsfirmen sorgt.

    Warum der Autor aber eine deutsche Vorreiterrolle ausgerechnet in Libyen sieht, kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Aber auch gar nichts spricht dafuer! Weder haben wir eine historische Rolle noch Verpflichtung. Wir haben keine militaerische Kompetenz und keine militaerischen Resourcen. Wir haben auch keine wirtschaftlichen Resourcen, einen jahrelangen Wuestenkrieg gegen unsichtbare Gegner zu fuehren, die sich in der Bevoelkerung verstecken und vielleicht deren Sympathie geniessen. Ueber unsere Verteidigungsministerin will ich lieber kein Wort verlieren.

    Und vielleicht der wichtigste Punkt: Wir haben kein Konzept fuer die Zeit nach einem ohnehin unwahrscheinlichen militaerischen Erfolg. Wer sollte Libyen regieren? es gibt dort keinen selbst noch so winzigen liberal-demokratischen Kern, aus dem eine demokratische Regierung nach westlichen Vorstellungen entstehen koennte.

  9. Auch wenn Frau Schunke meine Worte sicherlich schrecklich findet, es waere ein Befreiungsschlag wenn sich Deutschland von Kanzlerinnen und Verteidigungsministerinnen erholen koennte! Wir haben leider keine Margaret Thatcher unter unseren Politikerinnen bis jetzt gehabt!

    Der Autor hat recht, Deutschland scheint zu treumen und ist scheinbar nicht in der Lage mehrgleisig zu denken. Schade, obwohl die Damen sollen besonderes talentiert fuer Multitasking sein. Lybien ist dabei sich vor unseren Augen in ein Syrien zu verwandeln. Deutschland scheint nicht in der Lage nach vorne zu schauen sondern ist noch immer ratlos wegen US “Fehlern” in Lybien! Nicht weiter fuehrende Gedankengaenge, aehnlich wie wenn es um Syrien ging. In Syrien haette man schon 2013 gemeinsam intervenieren muessen.

    Eine diplomatische Offensive, gut vorbereitet und mit voller Unterstuetzung der EU-Regierungen waere erforderlich. Diese Offensive haette nur Sinn wenn dahinter schlagkraeftige und startbereite Militaerunterstuetzung stuende. Hier soll man von Vova Putin lernen! Keine Brunnenbauer und Bananenverteiler! Aber hier wird es schon schwieriger!

    Eine intensive und schnelle Modernisierung der BW Waffensysteme und Personalstaerke ist erforderlich. Sinvoll waere auch Widereinfuehrung von Wehrpflicht! Ich kann mich nur noch fragen ob desolate Zustand der deutschen Politik, besonderes wenn es um Sicherheit, Verteidigung, Aussenpolitik geht, ein Zufall oder Absicht ist? Ich denke es ist Absicht um bequem inaktiv bleiben zu koennen und zu hoffen dass man mit “Loesegeld” alle Probleme regeln und bezahlen kann. Solche Politik kennt das Wort “Souveraenitaet” und “Fuehrung” nicht. Deswegen braucht Deutschland Veraenderungen um die wichtige zukunfts Aufgaben auch wahrnehmen zu koennen. Eine der ersten Aufgaben ist unsere Sicherheit. Auf Sicht zu fahren wie bisher ist nur etwas fuer Leichtmatrosen.

  10. Frankreich. Man mag mir den Einwurf verzeihen, aber war es nicht gerade Sarkozy, der entscheidend den Sturz des libyschen Diktators herbeiführte, nach britischer Hilfe rief, und zuletzt die Amerikaner brauchte, um das Projekt umzusetzen? Italien hat gewarnt, und war erst am Vorabend des Angriffs aus Zwang zur atlantischen Seite übergewechselt, obwohl schon Berlusconi wusste, was passieren würde. Letzterer hat aus gutem Grund Gaddafi bezahlt, damit es nicht zu jenen Mittelmeerszenen kam, die wir jetzt erleben. Die Italiener kann man daher schnell für eine Expedition gewinnen, aber die Franzosen sollten mal bitte dieses Mal zur Kasse gebeten werden, für das, was die da angestellt haben, und nicht nach Deutschland rufen; es war nämlich auch der viel gescholtene Westerwelle, der sich damals enthielt.