Warum Clausnitz nicht sein durfte

Clausnitz ist unerträglich - und auch jene, die in ihrer Unerbittlichkeit und Besserwisserei, ihrer Anklagerei und ihrem aufgeblasenem linkspolitischen Gestus vor allem eines organisieren: Dass die Mehrheit der noch denkenden, die fürsorglichen Menschen der Mitte als Regulativ nichts mehr taugen.

Nun gut, man könnte zu den Ereignissen in Clausnitz sagen, es ist ja nichts passiert. Es war nur widerlich. Könnte man, wenn nicht parallel ausgerechnet ein Flüchtlingsheim gebrannt hätte. Nun gut, man könnte ja sagen, das war noch nicht bewohnt, es war also nur Sachschaden. Könnte man alles. Und man läge faktisch möglicherweise nicht einmal falsch damit. Aber warum sollte man das tun? Man muss keine eigenen Kinder haben, um zu erkennen, instinktiv zu erfühlen, dass ein vom mitteldeutschen Dorfpöbel verschreckter, ein so verängstigter, ein weinender Junge einfach nicht sein darf. Zumindest nicht außerhalb eines Kriegsgebietes, das für sich sicher vielfach Anlass zum Weinen gäbe – nicht nur für Kinder.

Was sind das bloß für Deutsche dort in diesem beschaulichen Örtchen im Erzgebirge? Man schaut, man sucht und man findet im Netz beispielsweise das Ferienhaus einer Familie Eckhardt. Dort heißt es: „In Clausnitz werden die schönsten Tage des Jahres zum Wohlfühlerlebnis. Genießen Sie in unserem gemütlichen Erzgebirgs-Ferienhaus bei familiärer Atmosphäre einen Urlaub voller Behaglichkeit. Clausnitz ist ein ruhiges Erzgebirgsdorf im Osterzgebirge, in der Nähe zur tschechischen Grenze.“

Nein, für die ankommenden Flüchtlinge waren das nicht die schönsten Tage des Jahres. Sie hätten es aber sein können. Ankommen nach langer Reise. Aufgenommen werden in der Gemeinde. Eingeladen werden: Kultur kennenlernen. Der weinende Junge wäre ein lachender Junge gewesen, er hätte seine neuen Schulkameraden auf der Dorfstraße getroffen, man wäre vielleicht zum naheliegenden Flüsschen gegangen, hätte vielleicht gemeinsam eine selbstgebastelte Angel reingehalten, eine Fisch gefangen, der vorbeikommende Polizist hätte lächelnd ein Auge zugedrückt ob des fehlenden Angelscheins usw. All das wäre verdammt noch einmal normal gewesen! Weil es immer zwei Ebenen gibt: Die universell zwischenmenschliche. Und die politische. Also die Umarmende und die möglicherweise verachtende. Die protestierende. Beides geht zusammen, ohne schizophren zu sein.

Das ist kein ziviler Ungehorsam, sondern unzivilisiertes Verhalten

Denn was für ein verdammter ziviler Ungehorsam soll das sein, der sich nicht etwa gegen staatliche Organe oder die Staatsmacht richtet, der keinen Castortransport schottert oder Politikern Farbbeutel an die Wange pfeffert, sondern gezielt und mit voller Absicht Bilder produziert, die zwar im Prinzip keine kriminelle Haltung zeigen, aber eine moralisch verabscheuungswürdige?

Alleine, das es jetzt wieder Diskussionen gibt, ob irgendwer aus dem Bus möglicherweise den Stinkefinger gezeigt hätte. Unanständig war bereits der Aufmarsch dort vor dem Bus. Wer erklärt, Angela Merkel hätte Millionen Menschen ins Land eingeladen und damit übrigens einer Lesart des Vizekanzlers folgt, der soll sich doch bitte an die Kanzlerin selbst wenden, an die Regierung, der soll nach Berlin marschieren wie dereinst Hunderttausende nach Bonn, als es darum ging, die Stationierung von US-amerikanischen Pershing-Raketen in der Bundesrepublik zu verhindern. Niemand wäre damals auf die verrückte Idee gekommen, beispielsweise die privaten Unterkünfte der Familienangehörigen in Deutschland stationierter GI’s  zu Hunderten zu belagern und die unschuldigen Kinder zu beschimpfen oder gar daran zu hindern, ihren Kindergarten oder sonst was zu besuchen.

Nein, wir haben gelernt, den „Flirt mit der Gewalt“ auf eine Weise auszuleben, wie es Jakob Augstein in seinem Buch „Sabotage“ empfiehlt. Eine blütenreine Systemkritik. Was schreibt der Augstein da? Er befindet, dass man sich „auf die Politik als treibende Kraft einer zivilgesellschaftlichen Rückeroberung“ nicht mehr verlassen sollte. „Wir müssen unsere Sache selber in die Hand nehmen. (…) Wir müssen den Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit finden. Aber ohne Mut zur Radikalität wird das schwer. (…) ‚Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. (…) In der Finanzkrise haben wir, auch in Deutschland, den moralischen Meltdown des Systems erlebt. (…) Darum ist es an der Zeit, wieder zu kämpfen: für Gerechtigkeit, Gesetz, Gleichheit, Demokratie, Freiheit. Der Finanzkapitalismus hat uns diese Begriffe geraubt. Jetzt gilt es, sie zurückzuerobern. Bei der Bundestagswahl die Stimme abzugeben und danach zu schweigen – das ist zu wenig.’“ Schrieb er tatsächlich und lieferte gleich noch – kein Witz – einen Bausatz für Farbbeutel mit. Eine gute Analyse dazu von Frank Lübberding auf Evangelisch.de 

Nun darf man davon ausgehen, dass der gemeine Clausnitzer nicht Augstein gelesen hat. Nein, die haben nicht einmal die Werke von Götz Kubitschek oder sonst welcher nationalorientierter Vordenker gelesen. Aber was geht sonst vor in den Köpfen dieser zu Buhmännern- und –frauen konvertierten Provinzsachsen?

Misslungene innerdeutsche Integration

Liegt es am Ende daran, dass diese ehemaligen DDR-Bürger und ihre Nachfahren diese Erfahrung gelebter Demokratie wie ihre deutschen Landsleute im Westen nicht machen konnten? Wie lange darf es bitteschön dauern, bis die mitteldeutschen Genossen im kapitalistischen Westen angekommen sind? Noch einmal 25 Jahre? Wer will angesichts der Bilder aus Clausnitz behaupten, die Integration solch bösartiger Menschen ins fremde System hätte funktioniert?

Und andersherum stimmt es leider auch: Wer jetzt behauptet, es würde nur wenige Jahre dauern, bis wir Millionen Muslime, die noch weiter von unserer Kultur entfernt sind,  integrieren können, der glaubt an Einhörner, Elfen und sonstwas. Der ist weltfremd. Der Welt entfremdet. Wenn das, was wir in Clausnitz angewidert beschauen durften via Youtube-Videos das Ergebnis einer 40-Jährigen Sozialisierung a la DDR ist, dann ist das zunächst mal die beste Werbung für den westlichen Kapitalismus, wie wir ihn kennen und auch für unser politisch-demokratisches System. Für eine aufgeklärte Gesellschaft in Wohlstand.

Aber ich fürchte, der Grund für diese Clausnitzer Pöbelei ist noch ein ganz anderer. Denn es gibt noch eine zweite Lesart, die noch weniger erfreulich ist. Zunächst einmal steht, was in Clausnitz passiert ist, in keinem Verhältnis zu den Ereignissen in Köln. Dieser Blickwinkel mag weh tun, aber er ist wichtig. Da darf nichts relativiert werden. Möglicherweise gehen sich die bis an den Rande der Hysterie Empörten, jene die schon von „Barbarei“ sprechen – wie will man demgegenüber das Tun des IS in Zukunft noch steigern? – selbst auf den Leim.

Jakobiner

Den diese schreibende und politisierende Klientel, diese Schreibtischtäter, sind mit einem Misstrauen gegenüber unserer Gesellschaft ausgestattet, das am Ende selbsterfüllend ist. Sie sind es, die in ihrer ganzen Unerbittlichkeit und Besserwisserei, in ihrer Anklagerei und ihrem aufgeblasenem linkspolitischen Gestus vor allem eines organisieren: nämlich dass die Mehrheit der noch denkenden, dass die fürsorglichen Menschen der Mitte als Regulativ nichts mehr taugen.

Wenn jede irgendwie geartete Kritik an der Einladungspolitik der Kanzlerin sofort „Nazi“ ist, wenn sich Fernsehdebatte an Fernsehdebatte und Artikel an Artikel reiht, diese demokratiefeindliche Stigmatisierung noch zu betonieren, dann ist das der Motor einer Eskalationsspirale, die solche unschönen Bilder wie Clausnitz en Masse produziert. Die Kinder zum Weinen bringt, die wir so doch immer noch mit Leichtigkeit zum Lächeln bringen könnten. Einfach weil uns noch die Mittel dazu zur Verfügung stehen. Was ist schöner als individuell helfen, wenn der Staat die Voraussetzungen dafür nicht auf so desolate Weise konterkariert und kontaminiert?

Wenn Helfen zur Staatsreligion erhoben wird, dann züchten wir weitere Clausnitz. Wenn die gemäßigten, die ausgleichenden Stimmen nicht mehr zulässig sind, wenn die Kontroverse um ein gesellschaftlich so überaus bedeutsames Thema tabuisiert wird, dann verstummen diese Mehrheits-Stimmen auch als funktionierendes Regulativ gegen die sozialfernen Menschen der Gesellschaft. Das Böse, das Ablehnende, das Spaltende und Trennende gewinnt dann Oberwasser. Dann wird nur noch gepöbelt und geschrien, ohne dass die Pöbler dafür von ihren Nachbarn rechts und links – aus der Mitte der Gesellschaft – gemaßregelt und durch gesellschaftliche Ächtung sanktioniert werden.

So gesehen sind es leider auch Vertreter der Medien und die Politiker dieser Einwanderungspolitik, die dort in Clausnitz mitgepöbelt haben. Einfach, weil sie das Kontrollinstrument der Gesellschaft, weil sie die Mitte nicht etwa nur radikalisiert hätten, sondern schlichtweg ausgeschaltet, verstummen lassen haben. Geschrei – egal von welcher Seite – hat noch kein Kind glücklich gemacht. Nirgendwo auf der Welt. Aber Probleme totschweigen ist viel schlimmer.

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