Wie eine neue Ifo-Studie Integration zur Bringschuld des Staates macht

Die neue Ifo-Studie behauptet, dass eine möglichst frühe Einbürgerung die Jugendkriminalität von Ausländern senke. Abseits der dünnen Datenbasis, die sich die Forscher hier zurechtgedeutet haben, wird der deutsche Pass so zum Rohstoff einer funktionierenden Einwanderungsgesellschaft herabgewürdigt.

picture alliance / Eibner-Pressefoto | Eibner-Pressefoto/Jonas Lohrmann

Wenn mehr Speiseeis verkauft wird, steigt die Zahl an Sonnenbränden. Das ist so ein Beispiel, das auch für Schüler und Studenten konkret nachvollziehbar macht, dass eine Korrelation keine Kausalität ist. Denn Eiskonsum dürfte kaum zu einer entzündlichen Hautreizung führen – beides häuft sich nur zufällig, wenn die Sommersonne scheint.

Aber manchmal brauchen anscheinend auch gestandene Forscher eine Erinnerung an solche grundlegenden Sätze der Wissenstheorie. Das Münchner Ifo-Institut hatte einmal einen Ruf als unbestechlicher Beobachter des deutschen Wirtschaftslebens, was wohl insbesondere mit seinem langjährigen Direktor Hans-Werner Sinn zu tun hatte. Aber seit einiger Zeit sinkt die Qualität der erstellten Studien merklich, und dies umso mehr, je stärker sie ins Politische ausgreifen.

Vor allem bei einem Thema scheinen die Ifo-Leute schwach zu werden: Wo es um die höhere Kriminalität von Ausländern geht, die aus vielen Pressekonferenzen von Innenministern, Landeskriminalämtern und des BKA hervorgeht, da wacht ein bestimmter Widerspruchsgeist in dem Institut auf. Es soll offenbar nicht so sein, vielleicht weil es nicht sein darf und sich mit einer Linie der Befürwortung unbeschränkter Zuwanderung beißt. Da setzt dann das Denken aus oder es wird nach Belieben angekurbelt, Zahlen und Graphiken werden neu interpretiert, was das Zeug hält.

Im letzten Februar kam so eine Studie des Instituts heraus, die von der scheinbaren Verdünnung der Ausländerkriminalität in „deutschen“ Kriminalitäts-Hotspots sprach. Fazit: Die höhere Kriminalität von Ausländern liegt nicht an den Ausländern, sondern an ihrem speziellen Wohnort. Hanebüchener geht es kaum – dachte man.

 

Aber es scheint zu gehen. In diesem Jahr gibt es eine Nachfolgestudie, diesmal speziell zur Jugendkriminalität bei Ausländern und der Frage, wie man diese verringern kann. Diesmal versucht man sich aber nicht mit Statistik-Verdrehung, sondern in der kreativen Nutzung statistischer Daten. Und so kommen wir wieder zurück zu Korrelation und Kausalität. In der zugehörigen Pressemeldung heißt es: „Der Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft durch Geburt senkt offenbar die Kriminalität von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.“ Offenbar, augenscheinlich, höchstvermutlich – aber reicht das aus? Die Studie des Ifo-Instituts und der Universität Passau sowie eines Forschers der Uni San Diego soll es zeigen.

Forscher wollen politische Debatte korrigieren

In dem hier veröffentlichten Beitrag geht es um die Auswirkungen der rot-grünen Reform des Staatsangehörigkeitsrechts aus dem Jahr 2000. Die Reform zielte auf Kinder von Ausländern, die seit acht Jahren legal in Deutschland leben. Und man erinnert sich auch, dass das damals vor allem Türken waren. Das bis dahin geltende Abstammungsprinzip (ius sanguinis) wurde durch ein Element des Geburtsortsprinzips (ius soli) ergänzt. Den hier geborenen Kindern ausländischer Eltern wurde bis zum 23. Lebensjahr die doppelte Staatsangehörigkeit gegeben, danach mussten sie sich dann entscheiden. 2024 strich die Ampel diese Optionspflicht: Mehrstaatigkeit wurde zur Regel erhoben. Schon in der rot-grünen Reform des Jahres 2000 wurde übrigens die automatische Weitergabe der deutschen Staatsbürgerschaft an im Ausland geborene Kinder deutscher Eltern eingeschränkt. Das wurde nicht zurückgenommen. Auch so wurde das bis dahin in Deutschland geltende Abstammungsprinzip weiter geschwächt.

Das Abstract der Studie beginnt mit dem Satz: „Wenn Jugendkriminalität in den Fokus der öffentlichen Debatte rückt, fordern Politiker*innen häufig ein härteres Durchgreifen der Polizei und strengere Strafen. Dabei bleibt die Wirksamkeit frühzeitiger Prävention zur Verringerung von Kriminalität oft unberücksichtigt, etwa durch Investitionen in Bildung, Beschäftigungsmöglichkeiten, institutionelles Vertrauen und die Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls.“

Eine Anmerkung hierzu: Nicht alle Politiker fordern unisono ein härteres Durchgreifen, es gibt auch andere Vorschläge, um der höheren Kriminalität von Nicht-Deutschen zu begegnen. Aber die Grundkoordinaten der hier betrachteten Studie dürften damit klar geworden sein. Die politische Diskussion wird angeblich falsch geführt, und die Gründe für eine notwendige Umorientierung hält der Wissenschaftler bereit. So weit, so bekannt.

Wenige Geburtsmonate vermessen: Ist das überhaupt statistisch relevant?

Eine möglichst frühe Vergabe des deutschen Passes hilft demnach beim Kampf gegen Kriminalität. Das ist schon ein Satz, der eine gewisse intellektuelle Gegenreaktion hervorruft. Die Forscher sehen die Vergabe eines Passes vor allem als „frühzeitige Intervention“, offenbar als eine Art Ermutigung der jungen Ausländer, die „Chancen, Zugehörigkeit und Vertrauen stärken“ kann und soll. Aber selbstverständlich ändert ein vom Staat vergebenes Papier nichts an den Menschen, auch nicht so sehr an ihren Lebensbedingungen. Die Forscher scheinen anderer Ansicht. Sie sind wohl keine Basis-und-Überbau-Marxisten. Sie stützen ihre These allerdings auf eine Datenbasis, die eher dünn und löchrig wirkt.

Folgt man ihnen, dann wurden Jugendliche der zweiten und dritten Einwanderergeneration nach Inkrafttreten der Reform tatsächlich „rund 70 Prozent seltener von der Polizei als Tatverdächtige registriert als vergleichbare Jugendliche zuvor, die noch keinen deutschen Pass hatten“, so Ifo-Forscher Helmut Rainer. Und das ist schon der Gipfelpunkt, an dem sich die Korrelation mit der angeblich vorliegenden Kausalität trifft. Nur stellen die beiden völlig verschiedene Wege zum Gipfel dar.

Ganz so eindeutig ist übrigens noch nicht einmal die von den Forschern behauptete Korrelation. Blickt man auf die Graphik aus der Studie, dann springt die Jugendkriminalität von „Deutschen“ (die obere blaue Kurve) eben doch deutlich an für jene Geburtsmonate, die als erste von der Reform profitierten. Daneben arbeiten die Forscher mit einer stark gemittelten Kurve, die Punkte liegen also ohnehin abseits der idealisierten Mittellinie. Man hat das Gefühl, dass diese Unterschiede statistisch nicht wirklich relevant sind. Zweifel müssen erlaubt bleiben. Die Wahrheit kann nicht einfach vom Katheder der Wissenschaft herab postuliert werden. Sie müsste durch mehr Anhaltspunkte erhärtet werden.

Die Forscher betrachten zudem mit voller Absicht nur wenige Geburtsmonate um den Stichtag 1. Januar 2000, um ihre Ergebnisse nicht durch andere Effekte zu verunreinigen. Aber damit wird zugleich die Datenbasis immer schmaler: Wenige Geburtsmonate sollen uns etwas über eine grundlegende Frage des deutschen Staatsrechts sagen, sie sollen den Wähler und die Politik zu weiteren Erleichterungen bei der Einbürgerung treiben. So hat man den Eindruck.

screenshot/ ifo Institut

 

Dem Staat wird Verantwortung für Integration aufgehalst

Vor allem müssten sich Forscher-Autoren wie Clara Albrecht, Leander Andres (beide ifo) oder auch der Public-Economics-Professor Stefan Bauernschuster von der Uni Passau die Frage stellen, wie ihre Studie in der aktuellen politischen Lage wirkt. Man muss davon ausgehen, dass sie genau das getan haben. Was ist also das Signal der neuen ifo-Studie? Ähnlich wie die vorausgehende Studie vom letzten Jahr ist auch hier die Grundthese, dass die Kriminalitätsrate von (jungen) Ausländern nicht auf einer quasi ontologischen Qualität beruht, sondern auf den äußeren Bedingungen ihres Lebens in Deutschland. Der frühzeitig vergebene deutsche Pass soll hier also etwas zum Guten verändern.

Aber wer sagt eigentlich, dass der deutsche Staat zu allererst dazu verpflichtet ist, es seinen ausländischen Bewohnern recht zu machen und sie vom kriminellen Unruhestiften abzuhalten? Das, könnte man sagen, ist die Aufgabe der Jugendlichen selbst und ihrer Eltern. Schon hier ist also ein Argument zu streichen, welches die Studienautoren ungefragt eingeführt haben: Die Verantwortung für Integration liegt bei den Ausländern, nicht bei den Inländern und auch nicht bei Staat und Politik.

Die Vergabe des deutschen Passes – vielleicht der schlechthin hoheitliche Akt eines Staates – betrachten die Forscher als „präventive Maßnahmen zur Bekämpfung von Jugendkriminalität“, die „das soziale Vertrauen stärken und die Chancen auf Bildung, Beschäftigung und politische Teilhabe verbessern“ könne. Es gibt anscheinend kein Wunderding, zu dem der Staat – die Politik, natürlich mit geeigneter Unterstützung von Medien und Wissenschaft – nicht in der Lage wäre. Und wenn der Staat etwas kann, dann muss er es auch tun. Der deutsche Pass wird hier zum Rohstoff einer funktionierenden Einwanderungsgesellschaft herabgewürdigt.

So werden auch aus den ifo- und Uni-Forschern am Ende umstandslos Politiker, die mit einer fast fertigen These an die Machthaber herantreten. Philosophen sind sie damit jedenfalls nicht mehr, sondern Kooperateure der Macht.

Auch der Drittmittelservice will gewährleistet sein

Clara Albrecht ist übrigens laut Ifo-Seite „Fachreferentin“ und unter anderem zuständig für den „ifo Drittmittelservice“, Leander Andres als Doktorand am Ifo-Zentrum für Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsökonomik beschäftigt. Damit wäre dann auch die Ausrichtung dieser Studie, die sich so gut in den polit-medialen Betrieb einfügt, geklärt.

Keine Fragen stellt die Ifo-Studie interessanterweise zur Abschaffung der Optionspflicht seit 2024 durch, wie gesagt, die Ampel-Koalition. Seither ist die dauerhafte Mehrstaatigkeit auch über das 23. Lebensjahr bei in Deutschland geborenen Ausländern die Regel. Das führt übrigens dazu, dass die Abteilung „Deutsche“ in jeder Statistik immer weiter aufgeblasen wird, weil darin sehr viele Doppelstaatler stecken. Hatte die Ampel-Reform der rot-grünen Reform am Ende einen gegenteiligen Effekt als den für die Monate um den 1. Januar 2000 von den Forschern „gemessenen“? War das auch ein Signal, das „Chancen, Zugehörigkeit und Vertrauen“ der jungen Ausländer gestärkt hat oder eben nicht? Für die Antworten müssen wir wohl auf die nächste Ifo-Studie warten. Vermutlich wird sie sich aber einen anderen Aspekt herauspicken, der den Forschern gerade ins Konzept und – böse gesagt – in die Drittmittelbörse passt.

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Hieronymus Bosch
16 Minuten her

In Bayern verschickten die Finanzämter bisher immer Bescheide über Steuervorauszahlungen. Das wurde im Februar still und heimlich eingestellt. Natürlich wurden die Steuerzahler darüber nicht informiert, stattdessen bei vergessener Zahlung gleich saftige Säumniszuschläge erhoben! Wer von diesem Staat noch immer nicht genug hat, dem ist wahrlich nicht zu helfen!