Die neue Pazifik-Politik der USA

US-Präsident Biden hat klargestellt: Die Vereinigten Staaten werden ihren langjährigen Partner, die auf der Insel Taiwan beheimatete Republik China, nicht im Stich lassen. Damit folgt Biden der bereits von Trump eingeleiteten Politik, US-Interessen nur in Regionen zu sichern, in denen die Demokratie bereits fest verankert ist.

IMAGO/Zuma Wire

„Die Amerikaner waren von diesen Erfolgen verwöhnt und glaubten, es müsste überall funktionieren“, sagt der US-Analytiker Stefan Prystawik. Was sie nicht bedachten: Auch wenn die Deutschen unter den nationalen Sozialisten Hitlers einen Rückfall in den Staats-Tribalismus erlebt hatten, waren sie gleichwohl eine geeinte Kulturnation. Ähnliches galt im fernöstlichen Kulturkreis für die imperialen Japaner. Nach der jeweiligen totalen Niederlage konnte es so gelingen, in Deutschland demokratische Strukturen zu reanimieren beziehungsweise in Japan zu implantieren. Die anhaltende US-Präsens über die Einbindung in gemeinsame Militärstrukturen tat das ihre, um nationale Rückschläge in antidemokratische Vorstellungen unter Kontrolle zu halten.

Verzicht auf gewaltsamen Demokratie-Import

Die Neudefinition der außenpolitischen Interessen seit Trump hat diese Erkenntnis nun zur Grundlage ihres künftigen Handelns gemacht. Die Feststellung, dass islamisch geprägte Regionen und Länder so lang demokratie-unfähig sind, wie die archaischen Dogmen dieser Lehre fest in den Traditionen des Volkes verankert sind, ist dabei ein wesentliches Kernelement.

Die Entscheidung, Afghanistan sich selbst zu überlassen, auf Demokratie-Import und Nation-Building angesichts der Aussichtslosigkeit solcher Ziele zu verzichten, greift weit über den Hindukusch hinaus. Ob Pakistan oder die zentralasiatischen Ex-Sowjet-Republiken, aber auch die Saharazone mit Ländern wie Mali über Libyen bis Somalia, bleiben ihrer Entwicklung oder den Europäern überlassen, solange sie nicht zur unmittelbaren Bedrohung vitaler US-Interessen werden. Statt auf künstlich aufgesetzte Demokratien zu hoffen, stehen in den islamischen Ländern vor allem gemäßigte Diktatoren wie Mohammed ibn Salman oder der Ägypter Abd al Fatah a’Sisi als Partner bereit. Ihre Aufgabe aus US-Sicht: Den weltweiten Islam-Terror in ihren Ländern zu unterbinden und den schiitischen Terrorexport aus dem Iran im Rahmen ihrer Möglichkeiten klein zu halten. Dafür bieten die USA bevorzugte Partnerschaft unter Verzicht auf die Einmischung in die innere Entwicklung dieser Länder. Eine Doktrin, die selbst für die afghanischen Taliban gilt, solange sie sicherstellen, dass das zentralasiatische Land nicht wieder zur Heimat von weltweit agierenden Terroristen wird.

Der US-Paradigmenwechsel

Deutlich anders jedoch gestaltet sich der Umgang mit jenen Ländern, die infolge US-amerikanischer Politik die Umgestaltung zur Demokratie bereits erfolgreich abgeschlossen haben. Hierzu zählen vor allem die indopazifischen Partner Japan, Süd-Korea, Indien und eben auch Taiwan.

Der Pekinger Jubel angesichts des US-Rückzugs aus Afghanistan mag zwar verständlich sein – begründet ist er nicht und er sollte schnell verstummen. Anders als das Vereinigte Königreich, dem die militärischen Mittel fehlen, um die durch Peking gebrochenen Zusagen an Hongkong erfolgreich einzufordern, haben die USA den Kommunisten im Reich der Mitte umgehend signalisiert: Die Demokratien vor eurer Haustür bleiben US-Einflussgebiet. Jeder Versuch einer Übernahme wird zwangsläufig die entsprechenden US-Reaktionen hervorrufen. Die Trump-Biden-Doktrin der neuen US-Außenpolitik lautet: Demokratie sichern statt Demokratie exportieren. Es ist ein Paradigmenwechsel, der vor allem von Europa ein grundlegendes Umdenken einfordert.

Um der Welt die neue Rolle der USA zu dokumentieren, schloss Biden gemeinsam mit dem Vereinigten Königreich und Australien ein pazifisches Verteidigungsbündnis. „Quad“ oder AUKUS nach den Initialen der drei Gründungsmitglieder genannt. Im Rahmen dieses Bündnisses wird Australien mit atomwaffenfähigen U-Booten ausgestattet – sehr zum Leidwesen Frankreichs, welches ursprünglich konventionelle U-Boote liefern sollte. Das Bündnis ist der Sockel einer künftigen Indo-Pazifischen Verteidigungsorganisation – und es zielt gegen Peking. Neben den drei angelsächsischen Gründungsmitgliedern sind Indien und Japan als Partner im Gespräch. Folgen könnten Neuseeland, Südkorea, Indonesien und auch das demokratische Taiwan, welches sich bereits beworben hat. Selbst für ein Land wie Vietnam soll die Teilhabe nicht ausgeschlossen sein, sollte sich das kommunistisch beherrschte, von China bedrohte Land auf den Weg zur Demokratie machen. Für die USA gilt, den rotchinesischen Imperialismus im Zaum zu halten und den indopazifischen Raum als demokratische Zone zu sichern.

Die Abkehr von der Weltregierungs-Chimäre

Die Globalisten, die in UN und EU sitzen, haben den Paradigmenwechsel der USA nicht einmal im Ansatz begriffen. Statt die neuen Konfliktlinien zu realisieren, träumen sie immer noch von der UN-Weltregierung einer One-World- One-People-Zukunft. Unverdrossen und als untaugliche Reaktion auf das Indo-Pazifische Bündnis, das Frankreich bereits als Fortsetzung der Trump-Politik beschimpfte, beschloss ausgerechnet die jeglicher demokratischen Legitimation unverdächtige EU-Kommission Ende September 2021, bis 2027 einen Betrag in Höhe von 1,562 Milliarden Euro für den globalen Kampf für „Menschenrechte und Demokratie“ bereit zu stellen. Die Begründung dieser massiven Förderung jener als „Zivilgesellschaft“ verkauften NGO-Räte: Die EU wolle „dem Demokratieabbau, der Zunahme von Menschenrechtsverletzungen, Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung“ nicht untätig zusehen.

Auch wenn das in EU-Europa, an dessen Wesen nun einmal mehr die Welt genesen soll, noch nicht angekommen ist: Trumps „America first“ gilt nach wie vor. Nur lautet es weltpolitisch heute „Anglo-American Democracies first“. Wer dazu gehört, entscheiden nicht mehr missionarische Apostel aus dem US-imperialen Off, sondern jene Völker, die den Weg dorthin bereits gegangen oder aus eigener Kraft zu gehen bereit sind. Das schafft einerseits Spielräume für Potentaten und lang anhaltende Regionalkonflikte. Doch es stellt gleichzeitig sicher, dass die Vereinigten Staaten von Amerika sich nicht länger weltpolitisch verzetteln und sich dabei zur Freude Russlands und Chinas selbst beschädigen.

Abgetreten von der Weltbühne sind die USA nicht. Sie haben lediglich ihre Rolle neu und im Sinne ureigenster US-Interessen definiert. Eingeleitet hatte diesen Prozess nach dem Zögerer Obama der in Europa ungeliebte Trump. Biden führt ihn zur Vollendung. Der Blick geht über den Pazifik – nicht mehr über den Atlantik. Die EU wird sich entscheiden müssen: An der Seite der USA den Kampf gegen die neuen Imperialisten aufnehmen – oder sich an der Seite Chinas gegen die USA positionieren.

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Kommentare ( 74 )

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Hieronymus Bosch
1 Jahr her

China und Russland verstärken gerade ihre militärische Zusammenarbeit und führen ein gemeinsames maritimes Manöver durch! Beide Staaten beklagen dramatisch schlechte Beziehungen zum Westen! Wenn das so weitergeht, kann sich das amrikanische Militärbündnis warm anziehen!

fatherted
1 Jahr her

Immer langsam….die USA hat im Pazifik Raum so gut wie keine Unterstützer. Die Japaner „dulden“ die USA (immer noch als Kriegsgewinnler) in abgegrenzten Arealen. Taiwan braucht die USA für die Behauptung gegen China….hat aber sonst mit den USA nichts am Hut. Australien macht zwar „mit“ aber immer mit angezogener Handbremse….sollte China die Kohle und Erzimporte aus Australien boykottieren…..wäre das Land von heute auf morgen pleite. Bleibt noch Süd-Korea….die mit Hilfe der USA eine mögliche Invasion aus NK vorbeugt. Aber auch dort ist die USA nicht gerade „beliebt“. Die restlichen Pazifik Staaten haben sich längst Richtung China ausgerichtet…und fahren zur Zeit… Mehr

Georg J
1 Jahr her

Die USA und die EU müßten sich selbst dringend stabilisieren. In ihrem heutigen, innerlich destabilisierten Zustand, sind sie und ihre Streitkräfte nicht einmal ansatzweise fähig, einen großen Krieg zu führen. In diesem Artikel ist so Vieles inhaltlich unausgegoren, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. Daher will ich nur einige Anmerkungen machen. 1. „…1945 wurde es gegen den Willen der Bevölkerung erneut China zugeschlagen…“ Der Autor möge sich vorstellen, mit diesem Argument in Europa einen Krieg zu rechtfertigen. 2. Die Kriege der USA hatten nie und haben auch heute Nichts mit Demokratie zu tun. 3. Afghanistan hatte also nur… Mehr

Last edited 1 Jahr her by Georg J
ChrK
1 Jahr her

Wer hat mehr bei einem Waffengang zu verlieren? Ich meine, daß das heutzutage genauso entscheidend sein kann, wie die potenziellen Gewinne.

Milton Friedman
1 Jahr her

Die uns konservativ-Liberalen eigene Überzeugung, westliche Werte verleihen automatisch westliche Stärke, ist naiv. Überheblich wird es, zu glauben, Chinas Führung denke das gleiche, und sähe deshalb am Ende immer von einer Konfrontation ab. Geostrategisch wird ein kommunistisches Taiwan das südliche Festland unangreifbar machen und gleichzeitig Dominanz gegenüber Korea und Philippinen projizieren. Vor allem aber gegenüber Japan. Denn wer in Taiwan seine Truppen hat, kann leichter Okinawa einnehmen, wer Okinawa einnimmt, halbiert Japans Seeterritorium. Japan muss bei Angriff auf Taiwan handeln und bastelt bereits kräftig an der Atombombe. Machen wir uns also auf eine militärische Eskalation bereit. Denn die KPC wird… Mehr

Kuno.2
1 Jahr her
Antworten an  Milton Friedman

Nur weil die Einheitspartei in China immer noch den alten Namen beibehalten hat, muss man nicht glauben dass Staat und Wirtschaft heute noch „kommunistisch“ seien.

Milton Friedman
1 Jahr her
Antworten an  Kuno.2

Ich verstehe Ihren Punkt nicht den Sie versuchen zu machen?

Spielt das irgendeine Rolle wie Theorie-getreu die KPC Marx oder Engels Lehre auslegt? Wohl kaum.

„kommunistisches Taiwan“ meint hier doch eindeutig ein von Festland eingenommenes Taiwan.

Ob in China super-woke Latteschlürfer herrschen, Rassisten oder islamistische Mullahs spielt geostrategisch keine Rolle.

EinBuerger
1 Jahr her

Die USA waren noch nie eine große Kriegsmacht. Sie haben ihre Gegner immer nur mit einer erdrückenden materiellen Überlegenheit geschlagen. Die USA selbst sind durch 2 Ozeane geschützt. Ich würde nicht darauf wetten, dass die USA ernsthaft irgendetwas verteidigen.

Memphrite
1 Jahr her

Wie toll die „Demokratien“ USA, Australien, Neuseeland usw. sind hat bzw. zeigt die Coronapolitik gerade eindeutig.
Sind diecUSA überhaupt in der Lage einen richtigen Krieg gegen China zu führen?
Alle bisherigen Kriege wurden nur mit Hilfe von Bündniss(boden) Truppen gewonnen.
Wo es keine gab, hat man verloren.
Wie würde ein solcher Konflikt den aussehen?
Seeblockade gehen China?
US- Börse implodieren.
Luftangriffe auf chinesische Städte?

Taiwan in irgendein Verteidigungsbündniss aufzunehmen wäre eine rote Linie, wie die Natomitgliedschaft der Ukraine für Russland.

Nibelung
1 Jahr her

Asien ist die Zukunft und wir sind nach Rumsfeld das alte sozialistische Europa, wo es sich nicht mehr lohnt sich zu engagieren. Die USA müssen Taiwan zu Hilfe eilen, sollte dieser Inselstaat angegriffen werden, denn tun sie es nicht ist ihr Ruf weltweit dahin und dann brauchen sie sich nirgendwo mehr sehen lassen, weil ihre Zuverlässigkeit in Frage gestellt wird. Im übrigen werden die Japaner und die Südkoreaner aus eigenen Sicherheitsinteressen heraus nicht tatenlos zusehen, wenn die Festlandchinesen auf die Idee kämen, Taiwan anzugreifen. Das allein würde schon ausreichen um erst recht aktiv zu werden und das ganze könnte in… Mehr

Tomas Spahn
1 Jahr her
Antworten an  Nibelung

Das Problem beim Säbelrasseln nach Innen: Irgendwann glaubt es das Volk und erwartet Umsetzung. Kommt die nicht, verliert der Säbelrassler sein Gesicht. Und in China gibt es kaum etwas schlimmeres.

Thomas Hellerberger
1 Jahr her

Was wir in Europa benötigen, ist eine Rückkehr zu einem klaren Nationalismus. Wer nun sofort wieder „Juli-Krise“ oder 1939 ruft, versteht nicht, daß die damaligen Kriegsszenarien eben Ausfluß des hohen Überschusses an jungen Männern waren, den zumindest bis zum Ersten Weltkrieg auch die Auswanderung in die USA nicht beseitigte, sondern den unvermeidlichen Krieg nur hinauszögerte. Davon ist der geburtenschwache und dekadente Kontinent meilenweit entfernt. Die Überalterung ist inzwischen so stark, das mindestens zwei volle Generationen (also mindestens 50 Jahre) an deutlichem Geburtenüberschuß notwendig wären, um wenigstens auf eine Demographie wie in den 1920/30er Jahren zu kommen. Darüber hinaus dämpft die… Mehr

Babylon
1 Jahr her
Antworten an  Thomas Hellerberger

Europa hatte seine Hochzeit in der Epoche der europäischen Kolonialreiche, UK und Frankreich in erster Linie, in zweiter Linie Holland und Belgien mt dem Besitz von Indonesien und Begisch.Kongo, Spanien und Portugal hatten ich mit den südamerikanischen Unabhänigkeitsbestrebungen schon früher aus einer führenden Rolle verabschiedet. In Abfolge WKI und WKII verloren sowohl Frankreich in Subsahara, Algerien, Vietnam ihren imperialen Status ebenso wie UK mit der indischen Unabhänigkeit, Verlust der afrikanischen Kolonien aus notgedrungener Einsicht, diese nicht mehr halten zu können. Russland war immer janusköpfig, Spätestens seit Peter dem Großen und der Gründung von St.Petersburg schaute ein Gesicht nach Europa, das… Mehr

the NSA
1 Jahr her
Antworten an  Thomas Hellerberger

Sie verpacken aber gar viel zusammen in Ihren Comment, und nicht alles passt zusammen.
Trotzdem, ich wurde sogar ihnen mehr Punkte geben, weil ich es richtig finde, wenn Leser ihre Gedanken hier niederschreiben.

ChrK
1 Jahr her
Antworten an  Thomas Hellerberger

und Rußland, das kein Teil Europas ist und nie war, übrigens auch nicht

Das kann man bedauern. Da Sie auf 1917 angespielt haben, erlauben Sie mir einen weiteren Ausflug in den Konjunktiv, in dem sich das Deutsche und das Russische Reich ins Benehmen gesetzt und verständigt hätten. Diese Kombination wäre wohl schwerlich zu Stoppen gewesen, weswegen die angelsächsisch dominierten Mächte alles versuchten (und Erfolg damit hatten), daß es dazu nicht kam.

C’est la vie, Sellerie…wieder einmal.

W aus der Diaspora
1 Jahr her

Die EU wird sich weder für das eine noch für das andere entscheiden. Sie wird weiter zwischen den Stühlen stehen und jammern, dass niemand sie zum Sitzen auffordert!
Die EU ist dermaßen mit sich selbst beschäftigt, dass sie sich in keinster Art und Weise mit iher tatsächlichen realen Umgebung beschäftigen kann.