Ein geheimes Autokartell mit Website und Steuernummer?

Die Spiegel-Story über Absprachen bei der Abgasnachbehandlung ist weder neu noch exklusiv. Der Spiegel selbst hatte 1996 schon darüber berichtet – und wenig auszusetzen.

© Christof Stache/AFP/Getty Images
Dieter Zetsche, CEO of the German car maker Daimler AG, Harald Krueger, CEO of the German car maker BMW and Matthias Mueller, CEO of German car maker Volkswagen AG, speak together during a talk at the so-called Auto-Gipfel - automotive meeting - in Munich, November 9, 2016

Das Urteil scheint gesprochen. Die deutschen Autobauer seien ein Fall für die Strafverfolgungsbehörden, „Abteilung organisierte Kriminalität“, sagte Klaus Kleber, Moderator des „Heute-Journal“, in einem Interview mit dem Baden-Württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann. Das ging dem Grünen Politiker, nicht gerade ein Freund der Autobranche, dann doch zu weit. Man müsse erst die Untersuchungsergebnisse abwarten, bremste Hermann den aufgebrachten ZDF-Journalisten. Die könnten tatsächlich Überraschendes zutage fördern, wie ein Blick ins Archiv zeigt.

Das „Kartell“ der fünf deutschen Autobauer Porsche, Volkswagen, Audi, Daimler und BMW agierte offenbar doch nicht so sehr im Verborgenen, wie die Berichterstattung im „Spiegel“ nahelegt. Zum Thema Abgasreinigung betreiben die fünf Hersteller seit 1996 sogar ein Gemeinschaftsunternehmen mit Namen „Abgaszentrum der Automobilindustrie“ (ADA). Die Gesellschaft mit Sitz im Porsche-Entwicklungszentrum Weissach hat eine Steuernummer und eine eigene Website. „Wir haben Weissach gewählt, weil Porsche damals noch eigenständig war und für die anderen beteiligten Hersteller keine Konkurrenz darstellte“, erinnert sich ein Manager von damals.

Die Gesellschaft wurde bei der Gründung sogar vom Kartellamt überprüft. Das US-Unternehmen Ford und die GM-Tochter Opel wurden von dem Gemeinschaftsunternehmen ausgeschlossen. Opel schaltete daraufhin das Kartellamt ein, das den Fall ein Jahr lang prüfte. Die Behörde fand jedoch keinen Grund, die Sache kartellrechtlich zu verfolgen.

„Im Auftrag unserer Gesellschafter betreiben wir Vorentwicklung auf dem Gebiet der Abgasnachbehandlung an Otto- und Dieselmotoren in Personenkraftwagen“, heißt es in der Satzung der ADA. Das klingt nach einem der Hauptvorwürfe, den der „Spiegel“ erhebt: Die Autohersteller hätte sich in kartellartigen Absprachen verabredet, bei der Abgasreinigung Hand in Hand zu gehen. So sei verabredet worden, nur relativ kleine AdBlue-Tanks für die Abgasbehandlung von Dieselmotoren einzubauen, um Kosten zu sparen und die Konkurrenz auf diesem Gebiet auszuschalten. Zudem seien die zu kleinen Tanks ursächlich für den Dieselskandal, mutmaßt der „Spiegel“. Denn dadurch sei die Menge des verwendeten AdBlue zu gering, um genügend der schädlichen Stickoxyde aus dem Abgas zu filtern.

Ein Vorwurf, den einer der Zulieferer solcher Tanks glatt bestreitet: „Nicht die Größe des Tanks ist entscheidend für die Kosten des Systems. Da spielen ganz andere Parameter eine Rolle“, sagt der Chef des Unternehmens. Zudem sei es das gemeinsame Ziel der Hersteller gewesen, die Tankintervalle für AdBlue möglichst lang zu halten, damit die Kunden nicht zwischen den Inspektionen die Flüssigkeit nachfüllen müssen, was gegen kleine Tanks spricht. Und: „Die meisten Autos haben einen mindestens 10 Liter großen Tank, weil das dem Gebinde entspricht, das man an Tankstellen kaufen kann“, erinnert sich ein Beteiligter an den Hintergrund der Absprache zwischen den Autobauern.

In der vergangenen Woche haben mehrere Medien an dem Kartell-Thema, ausgelöst durch eine Art Selbstanzeige von Volkswagen und Daimler, recherchiert. Die wegen der Skandale der jüngsten Vergangenheit sensibilisierten Rechtsabteilungen der Konzerne sind sich offenbar unsicher, ob solche Zusammenarbeit legal ist und wollten auf Nummer sicher gehen. Der „Spiegel“ war mit der Veröffentlichung am schnellsten. Hat die legendäre Dokumentation des Magazins, die eigentlich jede Story penibel auf Wahrheitsgehalt und Nachprüfbarkeit abklopft, vielleicht deshalb übersehen, dass sogar das eigene Blatt über die „Abgaszentrum der Automobilindustrie“ schon berichtet hatte – am 22. Januar 1996, unter der Überschrift „Giftige Minute – Fünf deutsche Autohersteller machen gemeinsame Sache: bei der Reinigung von Abgas.“ Das einzige, was der „Spiegel“ 1996 daran auszusetzen hatte: Der Aufbruch in die gemeinsame Abgasforschung komme „mit reichlicher Verspätung“.

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Kommentare

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  • Dirk Röder

    Danke für den Link: Du wohnst offensichtlich nicht in der Stadt.

    Apropos Link: woher kommen die 950? Bitte ein Quelle für die Angabe. Schlussendlich ist das auch egal, denn es geht hier nicht um #whataboutism sondern um den Grenzwert für den Strassenverkehr. Der wird überschritten, fertig.

  • Martin

    Ich sehe das ganz einfach: Die Rechtsabteilungen können die Situation selbst nicht zu 100% einschätzen („Vor Gericht und auf hoher See…“), also betreiben sie vorsorglich Schadensbegrenzung. Dafür werden sie bezahlt. In dem Moment, in dem Staatsanwaltschaften aktiv sind bleibt eben keine Zeit, die Fragen in Ruhe intern abzuklären. So tickt halt unsere Welt. Dass dabei mal Börsenkurse einbrechen, sei’s drum. Der TE-Artikel hat lediglich dem marktschreierischen Spiegel-Artikel ein bisschen den Zahn gezogen. Der Spiegel weiß nämlich genau so wenig über kartellrechtliche Aspekte dessen was er berichtet. Sollten beispielsweise tatsächlich die Preise bei einem Zulieferer gemeinsam gedrückt worden sein hat zumindest der Kunde eher einen Vorteil, kann daraus also keine Schadensersatzansprüche ableiten.

  • Sören Hader

    „Diese Tatsache negiert zu haben, war eine klassische Management-Fehlleistung des VW-Vorstandes, die ich nicht verteidige. Zumal VW immer konkurrenzfähige Benziner für den US-Markt hatte und es besser gewesen wäre, ein Gegenmodell zum Dodge RAM oder Ford F150 zu entwickeln (gerne dann auch mit W12-Motor) anstatt beim Diesel zu betrügen.“

    Da sind wir uns beide einig.

    „Meines Erachtens hätte die EU realistische Grenzwerte vorgeben müssen, dann aber auf Basis eines robusten Testverfahrens, das den Normalbetrieb abbildet und nicht umgangen werden kann.“

    Was die Testmethode angeht, stimme ich Ihnen auch zu.

  • Peter Zinga
  • Fritz Goergen

    Auto ist demnächst breiteres Thema.

  • CG

    Spiegel und Kleber blamiert bis auf die Knochen. Saubere Arbeit!

  • Dirk Röder

    Wow, soviele Themen in einem Aufwasch.
    Was haben Schwule mit diesem Skandal zu tun. Richtig, nichts!

    Bisher steckt die Autobranche wie ein Profi ein, denn noch steht sie.

    Ein Industriezweig der vorsätzliche Gesetze bricht, verdammt nochmal. Frau Merkel wird hier – zu recht – wegen ihrer Euro- und Flüchtlingspolitik kritisiert, weil hier auch Gesetze ausgehebelt wurden. Aber wenn das die Autobranche macht…oho, dann ist das was anderes. *kopf Tisch*

    Die Regierung hat unser Wohl im Sinne. Wie hat er Reiter aus München richtig festgehalten. „Wir können nicht die gesamte Bevölkerung von München wegen 170.000 Dieselfahrer in Geiselhaft nehmen“. Asthmatiker haben halt einfach keine Lobby.

    Welch geheime Kraft will denn D ruinieren? Ist es nicht vielmehr die Autoindustrie selber, die die wichtigsten Trends der letzten 10 Jahre aktiv verschlafen, ignoriert, dann bekämpft hat und nun hinterherhechelt?

    Ich halte die Politik von Frau Merkel für schlecht, allerdings trifft sie hier nur eine Schuld, dass Sie die Industrie nicht richtig auseinander nimmt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Wer notorisch Salami schneidet, sollte man zerschlagen.