Grexit: Kleines Land, große Wirkung

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Es gibt kaum noch eine echte Wirtschaft in Griechenland außer ein paar Hotels; das griechische Bruttosozialprodukt beträgt nur zwei (2!) des europäischen, die griechische Krise köchelt seit 5 Jahren vor sich hin – worüber regen sich eigentlich Börsianer auf? Woher kommt die Angst vor Ansteckung und Kursverlusten? Denn eine echte Ansteckungsgefahr besteht nur in Wirtschaften, die noch schwächer sind als Griechenland. Bosnien-Herzegowina fürchtet um seine Banken, die griechische Staatsanleihen besitzen und im übrigen sind die Länder miteinander wirtschaftlich verflochten. Aber ein Argument für die Weltbörsen ist das auch nicht. Tatsächlich hat Griechenland keine wirtschaftliche Bedeutung – wohl aber politische.

Griechenland und der Euro, das scheint auf Anhieb nur eine Affäre zu sein und eine komische Liaison dazu: hier ein kleines Land, da die große Eurozone, und zwischen beiden tobt seit mehr als fünf Jahren ein erbitterter Kampf. Alles nur von Wichtigtuern inszeniert? Keineswegs. Griechenland ist Nato-Mitglied und hat allein schon durch die geografische Lage eine enorme strategische Bedeutung.

Ein Burg am griechischen Strand

Nicht minder wichtig: Es handelt sich um einen souveränen Staat, dem andere Staaten, die Brüsseler Bürokratie, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds nicht einfach ihren Willen aufzwingen können. Jetzt zeigt sich der Konstruktionsfehler der Europäischen Währungsunion: Wenn einer nicht mitspielt, wenn eine linke Chaoten-Truppe übernimmt, dann wackelt das ganze System. Immer deutlicher wird: Der Euro ist auf den Sand griechischer Strände gebaut, und da halten Burgen nicht lange. Die notwendige Gemeinsamkeit, die eine gemeinsame Währung voraussetzt – die gebot es beim Euro nicht. Die Gemeinschaft lebt vom Gemeinschaftsgeist und vom Wohlwollen der Teilnehmer.

Diese Karte spielt jetzt die Regierung Tsipras voll aus, im Zweifel bis zum eigenen Untergang. So etwas erzeugt Emotionen, hüben wie drüben. Nicht mehr um Griechenland geht es, sondern um den Euro. Alles in allem also eine äußerst komplexe Situation. Sie wird für den Fall, dass die Griechen sich pro Grexit entscheiden, noch komplexer, weil dann griechische Altschulden in Euro schlagartig nicht mehr bedient werden und allein Deutschland schätzungsweise knapp 90 Milliarden Euro in den Wind schreiben müsste. Wie macht man so etwas der Bevölkerung klar? Bestimmt nicht mit der Merkel-Parole „Scheitert der Euro, scheitert Europa“. Dann wackelt also auch die deutsche Bundeskanzlerin im Volkszorn. Und nicht nur sie.

Denn mit einem Schuldenschnitt steigen die Staatsschulden in anderen europäischen Ländern. Deutschland wird die 90 Milliarden schon verkraften; immerhin hat es unter Wolfgang Schäuble einen ausgeglichenen Haushalt erreicht. Aber für Italien und Frankreich sieht es anders aus. Beide mit Defiziten jenseits des Erlaubten – da geht die Angst um, das treibt die Gefühle in die rote Zone.
Die werden umso heftiger, je mehr das Land auf humanitäre Hilfe angewiesen ist. Denn es sieht so aus, als ob Griechenlands Wirtschaft buchstäblich zum stehen kommt. Ohne Importe, und dafür braucht es viele, viele Euros, ist auch das Leben in den Hotels nicht gerade attraktiv für Touristen; jeden Tag Tsatsiki und Tomaten ist nicht verkaufsförderlich.

Und die Griechen haben es verstanden, auch andere Partner tief in ihren Sumpf der Erfolglosigkeit zu ziehen.

Der IWF ist angezählt

Der Währungsfonds blamiert sich ein ums andere Mal, an der Spitze seine Chefin Christine Lagarde. War da nicht noch etwas? Ach ja, die Französin hat Dominique Strauss-Kahn beerbt, ebenfalls aus Frankreich stammend und in eine Sexaffäre verwickelt, woraufhin er das Feld räumen musste. Die Amerikaner, die den Währungsfonds mit ihrem Vetorecht dominieren, mögen die Franzosen nicht besonders, auch wenn die ihnen die Freiheitsstatue geschenkt haben. Doch das ist lange her, jetzt wird sogar der französische Präsident von den Amis abgehört.
Von wem Lagarde beerbt wird, steht zwar noch nicht fest, aber die Reform des angestaubten Währungsfonds ist überfällig, und dann stehen Schwellenländer Schlange, um in ihm endlich stärker vertreten zu sein.

Keine Frage, Griechenland ist mehr als eine marode Volkswirtschaft, Griechenland ist ein internationales Politikum. Es stellt den Euro und Europa in Frage; die Nato gleich mit und den IWF sowieso. Das alles sind monumentale Ungewissheiten. Und so etwas fürchten die Börsen; sie handeln mit der Zukunft und hassen Ungewissheiten. Von denen gibt es aber jede Menge; dafür reicht die griechische Winzökonomie allemal.

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