Wenn Aktienkurse von Emotionen getrieben werden

Scheinbar ist der drohende Abschied der Briten aus der EU daran schuld, dass die deutschen Aktienkurse purzeln. Tatsächlich spielen ganz andere Gründe die Hauptrolle. Gerade in Zukunft.

© Thomas Lohnes/Getty Images

Die Briten schreiten am 23. Juni zum Referendum; sie sollen über den Verbleib Großbritanniens in oder über den Austritt aus der EU abstimmen. Keine Frage, der Brexit, wie der denkbare Austritt genannt wird, würde viel mehr Schaden als Nutzen anrichten, ja sogar ein Beben an den Finanzmärkten auslösen. Das kann zwar niemand wollen; aber inzwischen findet die Brexit-Debatte auf der Insel derart hochemotional statt, dass rationale Argumente in den Hintergrund treten – schließlich stimmt ja nicht die politische, ökonomische oder sonstige Elite ab, sondern die Mehrheit des Volkes, und der ist nun mal eher emotional als rational beizukommen.

Das hat auch der tapfer gegen den Brexit ankämpfende Premierminister David Cameron längst erkannt. Also benimmt er sich wie ein schieres Temperamentsbündel, sobald die Anti-Europa-Aktivisten ihm mit Hasstiraden gegen die Brüsseler Bürokratie kommen: Indem er sie wortreich niedermacht – seinerseits mit emotionalen Argumenten, wie dem Hinweis auf die Milliarden, die Großbritannien dank eben dieser Bürokratie weiterhin zu erwarten habe. Und mit der Warnung, dem international dominierenden Bankenviertel Londons drohe Bedeutungslosigkeit, weil New York, Hongkong, Zürich und sogar Frankfurt in die Bresche springen würden.

Aktien von Vorzeigebranchen im Minus

Dagegen beschränkt sich die deutsche Brexit-Diskussion auf nüchterne Analysen und Prognosen, so, als spielten Emotionen überhaupt keine Rolle. Dabei entladen sie sich gerade auch in Deutschland, konkret: An der Börse geht die Angst um, scheinbar ein Reflex auf die penetranten Horrormeldungen zum Was-wäre-wenn rund um den Brexit, in Wahrheit allerdings vor allem die logische Konsequenz aus dreieinhalb Jahren Kursaufschwung von September 2011 bis März 2015: Gewinnmitnahmen sind angesagt, seit der deutsche Aktienindex Dax im Frühjahr die Hürde von 12.000 Punkten genommen und daraufhin mit Unterbrechungen zu sinken begonnen hat.

Derweil sind die Stimmen, die noch zu Beginn dieses Jahres den Unsinn verkündet hatten, Aktien seien alternativlos und ihre Dividenden die neuen Zinsen, nach und nach verstummt. Dividendenrenditen von 3 bis 6 Prozent, wie sie sich zurzeit aus vielen Dax-Aktien errechnen, bedeuten halt wenig im Vergleich zu schwindsüchtigen Kursen. Wobei ausgerechnet auch Aktien aus zwei deutschen Vorzeigebranchen, der Chemie- und Autoindustrie, seit ihrem Höhenflug vom Frühjahr 2015 bis jetzt starke Kurseinbrüche zu beklagen haben: BASF 31 Prozent, Bayer 40 Prozent, Daimler 41 Prozent und VW, natürlich auch bedingt durch den Abgasskandal, sogar 52 Prozent.

Ende der positiven Sondereffekte

Das hat nur am Rand mit dem Brexit zu tun, dessen heiße Diskussion sich jetzt allenfalls als Verstärker erweist und der allein in dem Fall, dass die Briten sich für ihn entscheiden, den Abwärtstrend der Aktienkurse verstärken würde. Vielmehr sind es vorrangig Gewinnmitnahmen angelsächsischer Großanleger, die auf die Kurse drücken – und wahrscheinlich weiter drücken werden, weil für sie die Party an der deutschen Börse gelaufen ist:

  • wegen der hohen in den vergangenen Jahren aufgelaufenen Kursgewinne,
  • wegen der immer noch vorhandenen Dominanz der Angelsachsen, die in der Spitze mehr als die Hälfte der Dax-Aktien besaßen und dieses Klumpenrisiko nun allmählich bereinigen,
  • wegen der nur noch marginalen Effekte der ultralockeren Geldpolitik der EZB
    und
  • wegen der Faktoren, die man in Bankenkreisen fundamentale Daten nennt und die mehr als alles andere die kommenden Unternehmensgewinne beeinflussen, von der mittlerweile schlapp werdenden Konjunktur im Allgemeinen bis zum Ende der positiven Sondereffekte, wie aufgrund des Booms in China oder des Ölpreisrückgangs.

Fazit: Wer glaubt, nach erfolgreicher Brexit-Abwehr würden die Kurse deutscher Aktien zum Freudensprung ansetzen, sollte sich die hier vorgebrachten Argumente gründlich durch den Kopf gehen lassen. Der Sprung könnte nämlich von nur kurzer Dauer sein.

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