Altersvorsorge: Der Staat bevormundet und entreichert seine Bürger

Wer privat fürs Alter vorsorgen will, steht in der Regel vor der Wahl zwischen problematischen kollektiven Angeboten, wie kapitalgedeckten Versicherungen und Riester-Renten. Höchste Zeit, über individuelle Alternativen nachzudenken.

Hurra, der Rentensegen ist da: erst der Beschluss, die Rente mit 63 und die Mütterrente einzuführen, ab Juli dann die Erhöhung der gesetzlichen Rente um 2,1 Prozent im Westen und sogar um 2,5 Prozent im Osten. Wegen der Orientierung an den Bruttolöhnen, heißt es offiziell. Das ist zwar richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Die ganze: Es handelt sich auch um Wahlgeschenke. Letzten Endes haben wir das alles „Mutti“ zu verdanken, wie unsere Kanzlerin spaßeshalber genannt wird, weil sie sich um alle und alles kümmert: nach der Vati-Methode, bekannt unter dem Begriff Paternalismus, demzufolge Erwachsene wie Kinder behandelt werden. Der Psychologe Gerd Gigerenzer definiert ihn treffend so: „Paternalismus begrenzt die Freiheit der Menschen, ob es ihnen gefällt oder nicht – angeblich zu ihrem Besten.“




Auf die Altersvorsorge übertragen: Der Staat bevormundet seine Bürger, wo er nur kann; und die lassen sich das mehrheitlich gefallen. Statt selbst erst nachzudenken und danach – bis auf die gesetzliche Rente, die nur schwerlich umgangen werden kann – über individuelle Möglichkeiten der Vorsorge nachzudenken, ergeben sie sich lieber den Verlockungen kollektiver, weitgehend von mickrigen Niedrigst-, Null- oder Negativzinsen abhängiger Vorsorgesysteme, wie kapitalgedeckter Lebensversicherungen und Riester-Renten-Varianten.

Ein Steuergeschenk mit fatalen Folgen

Wohin das führen kann, veranschaulicht auf drastische Weise das folgende Beispiel: Im Jahr 1999 kündigte der damalige Finanzminister Hans Eichel an, die steuerliche Bevorzugung kapitalgedeckter Lebensversicherungen werde auslaufen. Daraufhin erlebten Versicherungsvertreter einen Sonderboom, weil sie ihren potenziellen Kunden mit dem Argument Druck zum Abschluss eines Vertrags machen konnten, doch bitteschön noch vor dem Jahresende das Steuergeschenk anzunehmen. Der Boom brachte der Versicherungsbranche 1999 mehr als zehn Millionen Neuverträge, ein Anstieg um über 39 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das Komische daran: Der geballten Lobbypower der Versicherungskonzerne gelang kurz vor Toresschluss doch noch die Verlängerung des Steuergeschenks. Erst 2005 war damit Schluss – was 2004 zu einem weiteren Abschlussboom führte mit einem Rekord von 11,7 Millionen an Neuverträgen gegenüber dem Vorjahr, entsprechend fast 37 Prozent Plus. Ähnliches, wenn auch nicht in so riesigen Dimensionen, wiederholte sich später, als der Garantiezins nach und nach bis zuletzt auf 1,25 Prozent sank. Anleger, die ihr Geld in kapitalgedeckte Versicherungen investiert haben, bangen nun um ihr Erspartes. Versicherer haben wegen des extrem niedrigen Zinsniveaus praktisch keine Chance, ihren Kunden mehr als nur abgemagerte Renditen zu versprechen. Und den Kunden bleibt keine andere Wahl, als auf bessere Zeiten zu warten, denn ihren Einsatz werden sie nicht so schnell zurückbekommen können.

Lockvogel Riester-Rente

Den Riester-Sparern geht es nicht besser. Auch sie sind im Kollektiv verfangen. Und wie! Zum einen mit Versicherungen, zum anderen mit Banksparplänen, deren Renditen ebenfalls unter den niedrigen Zinsen leiden. Immerhin bieten sich als Alternativen an: Wohn-Riester, Fondssparpläne und fondsgebundene Rentenversicherungen. Für alle Riester-Angebote gibt es gestaffelte staatliche Zulagen und Steuervorteile. Schließlich nicht zu vergessen: die betriebliche Altersvorsorge mit steuer- und sozialabgabenfreien Beträgen bis zu 2856 Euro jährlich.

Das liest sich zunächst so, als hätte man eine riesige Auswahl und bekäme auch noch etwas geschenkt. Doch das Überangebot hat seinen Preis: Niemand steigt mehr wirklich durch, und je komplizierter einzelne Angebote konstruiert sind, desto größer ist die Chance der Anbieter – Banken, Sparkassen, Versicherer, Fondsgesellschaften, freie Vermittler u.a. -, ihren Kunden hohe Provisionen und Gebühren aufs Auge zu drücken. Das ist sogar halbwegs verständlich, weil der Beratungsaufwand im Vergleich zu dem, was bei den Anbietern als Gewinn hängen bleibt, enorm sein kann. Hinzu kommt: Um mit Riester-Finanzprodukten zumindest mittelbar Geld zu verdienen, benutzen Anbieter sie mit dem Hinweis auf staatliche Geschenke gern als Lockvögel. Am Ende gehen ihre Kunden dann mit weniger komplexen ungeriesterten Angeboten nach Hause.

Lieber individuell als kollektiv vorsorgen

Der Paternalismus lässt sich zwar nicht mehr aus der Welt schaffen, aber begrenzen: Am besten auf die gesetzliche Rente, um die Grundversorgung im Alter zu sichern, gegebenenfalls zuzüglich einer Betriebsrente; diese soll ja demnächst reformiert und mehr gefördert werden. Darüber hinaus wird es höchste Zeit, individuell statt kollektiv vorzusorgen. Das erfordert ein ganz neues Denken weg von der Freiheitsberaubung durch Paternalismus, hin zur persönlichen Finanzplanung mit allen Facetten und Anlagemöglichkeiten. Wenn die zunehmende Vorsorgekrise aufgrund der extrem niedrigen Zinsen ein Gutes hat, dann ist es ihre Funktion als Wachrüttler.

Wie hat man sich die neue Vorsorgewelt konkret vorzustellen? Solange die Grundversorgung gesichert ist, empfiehlt sich eine in Deutschland unkonventionelle, in den angelsächsischen Ländern gängige Methode: Aktien kaufen, wenn ihre Kurse tief stehen (was derzeit leider nicht der Fall ist), Tagesgeld als Liquiditätspolster, ergänzt um inflationsgesicherte Bundesanleihen in derselben Funktion, eine selbst genutzte Immobilie, sofern sie kein Klumpenrisiko darstellt (keine vermietete, weil der Staat den Vermietern das Leben immer schwerer macht) und als Schutz vor dem auf riesigen Schulden aufgebauten Papiergeldsystem international gängige Goldmünzen oder -barren.




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