Israel in der Corona-Krise: An Zores gewöhnt – ab heute keine Schmonzes

Netanyahu rief seinen Widersacher Gantz live zur Bildung einer „Regierung der Nationalen Einheit“ auf - ohne „shticks und tricks“. Im September 2021 will er „für Benny den Stuhl des Ministerpräsidenten“ räumen.

© David Silverman/Getty Images

Mit 1.238 gemeldeten Corona-Kranken und einem Toten steht Israel im internationalen Vergleich gut da. Die wirtschaftlichen Auswirkungen aber – das zeichnet sich schon jetzt ab – sind verheerend. Stündlich melden sich 5.000 Arbeitnehmer arbeitslos. In zwei Wochen stieg die Arbeitslosigkeit von 3,7 auf über 16 Prozent.

Israel ist an Zores gewöhnt. Zores – laut Duden ein Substantiv, maskulin, bedeutet Ärger, Gezänk, Wirrwarr – ist ein hebräisches Wort, das in der Bibel vorkommt und über das Jiddische Eingang gefunden hat ins Deutsche. Ein Land, das seit seiner Gründung vor knapp 72 Jahren von der noch nicht gebauten iranischen Atombombe bedroht ist, auf das geschätzte 150.000 Raketen der Hisbollah aus dem Libanon gerichtet sind, kann mit Bedrohungen besser umgehen als Völker, die in Panik verfallen, wenn der Zweiturlaub ausfällt. Seit dem Auszug aus Ägypten vor rund 3.000 Jahren kämpfen die Juden ums Überleben. Das macht erfinderisch, leidensfähig und lässt den inzwischen sprichwörtlichen jüdischen Humor gedeihen: Ein Jude rät seinem Glaubenspartner: Fang an Dir Sorgen zu machen – die Details liefere ich Dir später.

Israel hat – Stand 23. März früh – 1.238 Infizierte gemeldet und beklagt den Tod eines 88jährigen Shoah-Überlebenden. Im Vergleich dazu hat die Schweiz mit ebenfalls rund neun Millionen Einwohnern, aber fast doppelt so groß, 7.014 Infizierte und 60 Tote (Stand 22. März abends) registriert. Die Führung in Jerusalem hat mindestens eine Woche vor den meisten EU-Staaten und zwei Wochen vor Italien mit rigorosen Einschränkungen für die Bevölkerung wie Schließung aller Bildungseinrichtungen begonnen. Der amtierende Ministerpräsident Netanyahu, beraten und begleitet von einem ebenso umsichtigen wie TV-geeigneten jungen Generaldirektor im Gesundheitsministerium, hat sehr früh von einer Pandemie gesprochen und Vergleiche mit der „Spanischen Grippe“ am Ende des Ersten Weltkrieges herangezogen, die Millionen von Opfern forderte. Am vergangenen Samstagabend hat er seine Strategie erklärt: Wir müssen die Gesunden von den Kranken trennen. Dafür bedarf es eines strikten Ausgehverbotes und eines noch strikteren Begegnungsverbotes zwischen Alt und Jung, insbesondere zwischen Opa/Oma und Enkeln, wie es Verteidigungsminister Bennet formuliert.

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Es wird auch in Israel Opfer geben, aber „wir können es durch Einhalten unserer klaren Vorsichtsmaßnamen eingrenzen“. Deshalb hat Israel – führend in Cyber-Security – begonnen, Smartphones von Infizierten zu tracken. Will heißen: Wer das Krankenhaus oder seine Quarantäne verlässt, wird von der Polizei erfasst. Die 100-prozentige Lösung gibt es nirgends, aber eine einzelne Person, die infiziert in einen Vorortszug einsteigt, kann Dutzende anstecken. Israels Polizei hat inzwischen 126 festgenommen und in Zwangsquarantäne geschickt. Eine erfolgreiche Festnahme in einem Zug wurde zur Abschreckung in den sozialen Medien geteilt. Der Aufschrei der angeblichen Demokratie-Schützer war unüberhörbar. Weil – wegen des Versammlungsverbots – zu Fuß nicht mehr demonstriert werden darf, wollten Neun-Mal-Kluge mit dem Auto in Jerusalem protestieren. Die Polizei hat die Zufahrt nach Jerusalem umgehend gesperrt.

Das Virus schafft im bedrohlichen politischen Nahost-Szenario Lösungsmöglichkeiten, die man vor drei Wochen noch für undenkbar gehalten hat:

  • Israel hat die Grenzen und Übergänge zu Gaza und dem Westjordanland geschlossen – hilft aber der palästinensischen Führung, Corona gemeinsam zu bekämpfen. Die ersten in Bethlehem aufgetretenen Fälle sind inzwischen gelöst. Seit drei Wochen gab es keinen Terroranschlag mehr und der Raketenbeschuss aus Gaza ist (vorläufig) eingestellt.
  • Der schier unlösbare Streit nach drei Parlamentswahlen in einem Jahr, wer die nächste Regierung bildet und führt, hat am Samstagabend zu einer TV-Premiere geführt: Netanyahu lud seinen Widersacher Gantz live – von der gewitzten Moderatorin dazu angestachelt – zur Bildung einer „Regierung der Nationalen Einheit“ auf – ohne „shticks und tricks“. „Im September 2021 räume ich für Benny den Stuhl des Ministerpräsidenten“. Und Netanyahu versprach sich bei diesem Satz nicht einmal. Dafür bekam der TV-Zuschauer über Netanyahus Ausdrucksweise einen tiefen Einblick in die Denk- und Handlungsweise der politischen Kontrahenten Bibi und Benny. „Shticks“ stammt sprachlich aus dem Deutschen „Stücke“ und ist über das Jiddische ins Hebräische hineingewachsen. In der politischen Gossensprache heisst es: also jetzt ist Schluss mit Fisimatenten. Ab jetzt geht’s ehrlich und ohne Schmonzes (siehe Duden).
  • Die TV-Sendung hatte noch am gleichen Abend ein säkular-religiöses Nachspiel. Denn Netanyahu forderte die Bevölkerung auf, für eine schnelle und gründliche Bekämpfung des Covid-19-Virus zu beten. Worauf die Moderatorin schnippisch erwiderte: Vielleicht sollte man eher im Weizmann-Institut (eine weltberühmte Forschungseinrichtung für Biochemie in Rehovot nahe Tel Aviv) nach Lösungen suchen. Dafür musste sie sich auf ihrer Facebook-Seite umgehend entschuldigen. Denn ein Rabbiner, der mit seiner Partei ein möglicher Koalitionspartner Netanyahus ist, polterte lautstark gegen die sprachgewandte Journalistin.

Tatsächlich geht es um den Jahrtausende alten Streit im Judentum: Wer hat Vortritt? Diejenigen, die in erster Linie an Gott glauben oder jene, die den Bund mit Gott als Aufforderung verstehen, praktische Lösungen im Diesseits zu finden. Oder wie es der vielbesuchte Rabbiner Manis Friedman in den USA formuliert: „Gott hat uns Juden aufgefordert intelligent zu sein. Glauben kann jeder, so viel er will“.

Netanyahu wollte sich nicht neuen Zores aussetzen und zog sich diplomatisch aus der Affäre: „Das eine schließt das andere nicht aus“.

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Kommentare ( 11 )

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11 Kommentare auf "Israel in der Corona-Krise: An Zores gewöhnt – ab heute keine Schmonzes"

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Wir müssen uns doch derzeit nicht gegenseitig beweisen, dass wir Super-Demokraten sind. Wir müssen gemeinsam den Virus bekämpfen, schieres Überleben. Zuhause bleiben, Abstand halten und keine Autokorsos organisieren. Wenn wir das gemeinsam geschafft haben, streiten wir wieder darüber, wer der bessere Demokrat ist. Glauben Sie mir: ich stehe dann in der erste Reihe und erhebe hörbar meine Stimme.

Israel ist Überlebenskünstler. Jahrzehntelang trainiert.
Die Arbeitslosenzahlen werden bei uns ähnlich aussehen. Die Auswirkungen auch.
Was anders aussieht, sind die Ansteckungszahlen und Toten. Also irgendwas haben die Israelis wohl richtig gemacht.

Für mich stellt sich beim Virus auch die Frage, welche Folgeschäden ein junger Mensch in Israel aufgrund einer Corona-Invizierung davon tragen könnte ? Ich denke da also nicht nur an die älteren Menschen mit Vorerkrankungen, die ja nachweislich besonders gefährdet sind. Könnte zum Beispiel das Virus dauerhaft die Lungenfunktion eines jungen Israelis bzw. Israelin beeinträchtigen ? Wird das Virus Soldaten und Soldatinnen in Israel körperlich so schwächen ? Das hätte dann auch unmittelbare Auswirkungen auf die Verteidigungsfähigkeit Israels. Da muss man schon sehr wachsam sein und proaktiv vorgehen. Verminderte Lunkenfunktionen und eine durch das Virus verursachte allgemeine körperliche Schwäche bei… Mehr

Neunmalkluge? Angebliche Demokratieschützer? Solche diffamierenden Worte hoffte ich eigentlich bei TE, einem der letzten “Sturmgeschütze der Demokratie”, nicht lesen zu müssen, noch dazu, wenn wir gerade die Defizite unserer Jubeljournalisten beklagen. Und zwar unabhängig davon, wie man über die Maßnahmen in Israel denkt.

Israels Geheimdienst Mossad hat tausende Corona-Test Kits aus dem Ausland beschafft, weil man in Israel vor allem die Anzahl der Testverfahren weiter erhöhen will. Dadurch erhofft sich Israel eine bessere Bekämpfung des Virus. Die zuletzt erhöhten Zahlen in Israel haben vor allem mit den verstärkten Testverfahren zu tun. Zur Mossad-Operation siehe hier: https://www.ynetnews.com/article/H13Ri5eIL Die frühen harten Gegenmassnahmen in Israel haben zumindest jetzt zu der internen Einschätzung geführt, dass Israel einem Schicksal wie in Italien entgehen könnte. Der harte israelische Grenzschutz und auch die Isolierung der Einreisenden bzw. der Verdachtsfälle habe sich wohl bezahlt gemacht: https://www.israelhayom.com/opinions/israel-can-escape-italys-fate/ Die BRD hingegen hat die… Mehr

Könnte mich nicht daran erinnern, dass Israel vor dem Sturz des Schahs von einer iranischen Atombombe bedroht wurde. Soweit ich mich erinnern kann haben Israelis damals ganz gut mit den Iranern zusammengearbeitet, genau wie die IDF vor Erdogans Machtantritt mit den türkischen Streitkräften. Meines Wissens hatten vor 20 Jahren Türken und Israelis noch gemeinsame Flottenmanöver abgehalten.

Die Israelis haben mit dem Schah-Regimes nicht nur gut zusammengearbeitet, sondern es gab zu jener Zeit eine große jüdische Diaspora im Iran, die allerdings alle geflohen sind als die antisemitischen Mullahs de Chomeini die Macht ergriffen haben.

„Netanyahu wollte sich nicht neuen Zores aussetzen und zog sich diplomatisch aus der Affäre: „Das eine schließt das andere nicht aus“ ???
Da gab es nichts, sich aus der Affäre ziehen zu müssen, er hat einfach Recht. Leider nur wird das vom religiösen Teil der Bevölkerung viel strenger gesehen, wie die Proteste gegen die Moderatorin ja auch nur aus dieser Gruppe kamen, als von dem eher libertär dankenden Teil der Bevölkerung, die sich beide die Waage bei etwa 50% halten.

Jetzt bin ich auf die Reaktion von Benny Gantz schon ganz gespannt 😉
Sie sind schon ein wunderbares „Völkchen“, meine lieben jüdischen Freunde
L’chaim! 😀

Sie haben das Doppelspiel der Namen nicht erkannt.
Beide heißen mit verkürztem Vornamen „Benny“, Benny Gantz und Benjamin(Benny) Netanjahu. Es ist daher doppeldeutig süffisant wenn Benjamin(Benny) Netanjahu sagt,
dass er 2021 die Macht an „Benny“ übergeben wird.

Ich kenne das Wort als „Zorres“ und es ist soweit ich weiß, im deutschen Sprachraum nur im Pfälzischen (Mainz, Kaiserslautern, Kurpfalz) und Badischen Sprachraum üblich, da wo früher die traditionell deutsch-jüdische Kultur ihren Hauptsitz hatte. Aber eindeutig, es klingt schon ohne viel Wissen, eindeutig jiddisch.