Israel zeigt, wie Einwanderung und Integration auch gehen kann

Israel öffnete seine Tore für Einwanderer aus Äthiopien. 3000 sollen es bis November sein – jeder wird gründlich kontrolliert: Nur Juden mit Familienangehörigen in Israel werden in ein langwieriges Integrations-Programm aufgenommen.

IMAGO / Xinhua
Äthiopische Juden bei der Ankunft in Israel am Ben-Gurion-Flughafen Tel-Aviv, 01.06.2022

Die ersten beiden Flugzeuge mit 350 Juden aus Äthiopien sind dieser Tage in Israel gelandet. 3000 sollen es bis November werden. Jeder Einzelne, der sein Glück in Israel sucht, wird noch in seiner Heimat auf Herz und Nieren geprüft. Der Rassismus-Vorwurf liegt belastend in der Luft. Aber Israel hat eine klare Strategie, freilich eine Sisyphus-Arbeit: Nur Juden mit Familienangehörigen in Israel werden in ein langwieriges Integrations-Programm aufgenommen. Über die Frage, wer Jude ist, wird seit Jahrzehnten viel diskutiert. Eine allgemeingültige, alle zufriedenstellende Antwort gibt es immer noch nicht.

Die Freude am Ben-Gurion-Flughafen nahe Tel Aviv ist groß. Man hat sich in manchen Fällen 10 Jahre nicht gesehen. Jetzt ist man dort angekommen, wovon man seit Jahrzehnten träumt: in Israel. Die ersten beiden Flugzeuge sind aus Addis Abeba gelandet. Auf der Flugzeugtreppe mit dem Davidstern sind Menschen in ihrer farbigen nationalen Tracht zu sehen, Frauen mit Kindern in ihren Armen, Männer, die teilweise gestützt werden müssen. Sie sind die ersten des Einwanderungsprogramms, das die Regierung in Jerusalem im November 2021 wiederbelebt hat. Speziell für die Falash Mura, Juden aus Äthiopien.

Jeder Einzelne wird überprüft

Leichter gesagt als getan. Im Gegensatz zu weiten Teilen Europas, die jeden, der das Wort Asyl aussprechen kann, politisch willkommen heißen und wie in Deutschland großzügig alimentieren, überprüft Israel jeden Einzelnen, der einen Einwanderungsantrag gestellt hat. Jerusalem hat eine strikte Zukunftsvision von Israel, von einem Land der Juden, dem einzigen Land weltweit, das den Nachkommen von Abraham, Isaac und Jakob, den jüdisch-biblischen Vorvätern, eine sichere Heimstatt gewährt. Militärisch und wirtschaftlich.

Es hat ein halbes Jahr gedauert bis die Familien-Verhältnisse der Neueinwanderer aus Äthiopien geklärt waren. Denn, nur wer einen nahen Verwandten, der bereits in Israel lebt, nachweisen kann, bekommt ein Flugticket. Außerdem wird er oder sie einer strengen ärztlichen Untersuchung unterzogen, notfalls geimpft. Das bedeutet: Israel unterhält in Addis Abeba und Gondar – dort leben die meisten der 3000 Ausreisewilligen – ein eigenes 30-Mann-starkes Team, das die alte Sprache beherrscht, mit der die modernen Überprüfungspraktiken verständlich gemacht werden.

Das alles ist aufwendig und kostet Geld, viel Steuer-Geld, das in einer Demokratie mit Zustimmung der Mehrheit besorgt werden muss. Am rechten Flügel der Mitte-Rechts-Regierung Naftali Bennetts, die mit acht Koalitionsparteien stets vor der Gefahr steht, die Mehrheit zu verlieren, regt sich Widerstand. Ein Widerstand, der nach Innen und Außen immer wieder mit dem Rassismus-Vorwurf konfrontiert wird und der die Neuankömmlinge oft als Wirtschaftsflüchtlinge herabwürdigt.

Alle Ministerpräsidenten Israels verteidigen seit über 40 Jahren die Aliya (Aufstieg) aus Afrika, wie die Einwanderung im Hebräischen genannt wird. Das Oberste Gericht in Jerusalem hat die Falash Mura als Juden längst anerkannt. Die Richter haben entschieden, dass es sich bei den Falash Mura um Juden handelt, die von aggressiven Christen im 19. Jahrhundert zum Übertritt gezwungen wurden. Inzwischen sind 95.000 Neueinwanderer aus dem afrikanischen Land aus dem Straßenbild Tel Avivs, Jerusalems und Haifas nicht mehr wegzudenken. Eine von ihnen ist bereits zur Miss Israel gekürt worden, andere haben einen Platz im Parlament oder als Minister in einer Regierung der letzten Jahre gefunden. In den Israel Defence Forces (IDF) gehören sie ohnehin längst dazu und haben Offiziersränge erreicht.

Der Etat für das Einbürgerungs-Programm steht, dank der staatlichen Mittel, der Unterstützung durch jüdische NGOs und Großspendern vor allem aus den USA. Der Flug ist das geringste Problem. Die eigentliche Arbeit beginnt in den zwölf Integrationszentren, die in zeitraubender, mühevoller Arbeit Menschen aus einer völlig fremden Kultur zuerst die Sprache pauken lassen, um sie so schnell wie möglich in den Arbeitsprozess einzugliedern.

Die neue Einwanderungswelle wurde im März 2021 durch eine Klage des rechts-religiösen „Israeli Immigration Policy Center“ unterbrochen, die behaupteten, dass die Neuankömmlinge aus Afrika keine Juden seien und deshalb kein Recht auf Einwanderung hätten. Das Oberste Gericht wies die Petition zurück und die Einwanderungs-Ministerin Pnina Tamano-Shata konnte ihre Arbeit fortsetzen. Sie hat den mühevollen Weg von Äthiopien nach Israel, den die jetzigen Einwanderer vor sich haben, längst hinter sich gebracht. Als Dreijährige kam sie mit ihrem Vater und fünf Brüdern in der berühmten „Operation Moses“ ins Heilige Land, schaffte die Ausbildung zur Rechtsanwältin und machte sich auch einen Namen als TV-Journalistin. Als Mitglied der Partei „Yesh Atid“, die heute mit Yair Lapid den stellvertretenden Ministerpräsidenten stellt, gelang ihr 2013 der Sprung ins Parlament.

Pnina Tamano-Shata ließ es sich nicht nehmen und holte die erste neue Gruppe aus Addis Abeba persönlich ab. “Wenn ich diese Kinder und ihre Eltern sehe und ihre Lebensgeschichte höre, dann spüre ich wie ihr Kampf auch mein Kampf ist – und das sollte der Kampf des gesamten Staates Israel sein.“ 

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 10 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

10 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Peter Silie
25 Tage her

Ich glaube da nicht dran. Ich glaube, daß auch diese Form von Einwanderungspolitik scheitern wird. Wenige Leistungsträger müssen immer mehr Schwache durchbringen. Keine kluge Strategie, meiner Meinung nach. Die ehemals einihermaßen homogene Gesellschaft wird zerschlagen in zahlreiche Gruppen und Untergruppen verschiedener Nationalitäten und Kulturen. Die integrative Klammer des gemeinsamen Glaubens ist mMn nur ein ganz dünner Firniss, der dem ersten Sturm schon nicht mehr standhalten wird. Ich glaube auch nicht, daß die Äthioper des gemeinsamen Glaubens wegen nach Israel wollen. Das scheint mir doch ein wenig naiv zu sein. Eine solche Einwanderungspolitik führt nur zur Absenkung der durchschnittlichen Leistungsfähigkeit, Kompetenz,… Mehr

Aegnor
26 Tage her

Der Artikel vermischt mehrere Dinge miteinander. Juden – und zwar nur Juden haben das Recht auf Einwanderung & Staatsbürgerschaft nach Israel. Es ist nun richtig, dass es in Äthopien Gruppen gibt (Beta Israel), die sich selbst als Juden betrachten. Deren Bräuche unterscheiden sich jedoch vom „klassischen“ Judentum (Ashkenasi/Sephardim). Historiker sind sich nicht einig, ob diese Gruppen Nachfahren von jüdischen Einwanderen aus Himyar (Jemen) waren und sich der christlichen Umgebung anpassten oder einfach ein alttestamenstarischer Zweig der koptischen Christen die sich mit den Juden identifizierten (ähnlich den Judenchristen). Diese Beta Israel wurden nach langer Diskussion als Juden anerkannt und durften nach… Mehr

Hannibal Murkle
26 Tage her

„ Die Richter haben entschieden, dass es sich bei den Falash Mura um Juden handelt, die von aggressiven Christen im 19. Jahrhundert zum Übertritt gezwungen wurden.“

Anscheinend träumt nicht nur Islam von einem Kalifat – wenn es christlichen Religionen möglich war, haben die sich 1:1 der gleichen Methoden bedient. Es läuft übrigens weiter – mit dem Unterschied, dass der Herr mit Brotvermehrung in der Antike als nicht modern genug vom Klima und Genderei ersetzt wurde – die Einzig Wahre Religion ist es aber nach wie vor.

Sonny
26 Tage her

Israel hält anscheinend gar nichts von „Diversität“.
Gut so. Schließlich wollen sie ihr Land zu einer sicheren Heimstatt für Verfolgte machen. Die Feinde von außen sind immerhin zahlreich – da braucht man innen nicht auch noch welche.
Und: Die Einwanderer werden nicht mehr oder weniger sich selbst überlassen. Sie werden sogar zur Integration „sanft“ gezwungen.
So geht vernünftige Einwanderung.

Manfred_Hbg
26 Tage her

Zitat: „Die eigentliche Arbeit beginnt in den zwölf Integrationszentren, die in zeitraubender, mühevoller Arbeit Menschen aus einer völlig fremden Kultur zuerst die Sprache pauken lassen, um sie so schnell wie möglich in den Arbeitsprozess einzugliedern.“ > FINDE den Unterschied: a) Schon alleine diese israelischen Vorgaben und Forderungen trennt die Spreu vom Weizen so das sich Israel ziemlich sicher sein kann das bei denen dann wirklich nur eine Bereicherung ins Land kommt und das diese dann auch die Rentenkassen auffüllen wird. b) In Dummland dagegen ist dank unserer politischen „Altparteienelite“ jeder ins Land flutende -vor allem muslimische und afrikanische- Asyl-Tourist, Kriminelle,… Mehr

Ralf Poehling
26 Tage her

Die Juden haben etwas, was sie eint: Sie sind Juden. Wenn man den gleichen Ansatz in Deutschland fahren würde, dürfte man eigentlich nur noch Abkömmlinge europäischer Germanenstämme einreisen lassen. Und das würde dann genauso gut funktionieren, wie die Aliya der Juden nach Israel. Völker haben ein sehr langes Gedächtnis, was sich weit weniger in politischen Großwetterlagen, als vielmehr im alltäglichen Miteinander bemerkbar macht. Je näher man sich historisch steht, desto weniger muss „das Miteinander täglich neu ausgehandelt werden“, was das Zusammenleben drastisch vereinfacht. Dabei geht es nicht um Hautfarbe oder um Genetik, nicht einmal um Sprache, sondern vielmehr um Verhaltensweisen,… Mehr

Schwabenwilli
26 Tage her

Da zeichnet Herr Rosenberg aber ein Bild das nach meinen Informationen so nicht stimmt.
Es gibt ein großes Konflktpotential bzgl dieser „schwarzen“ Juden.
Einfach mal über Google recherchieren.

Elki
26 Tage her

Der Autor möchte die Leser sicher neidisch auf die israelische Einwanderungspolitik machen – das ist ihm vmtl. überwiegend gelungen. Besonders in den südlichen und östlichen EU-Ländern wäre ähnliches gar vorstellbar, bekämen dann aber vmtl. auch keinen Cent EU-Förderung mehr. Der Plan der Globalisten dürfte Israel ohnehin nicht betreffen, Europa dürfte mehr entgegen stehen.

Exilant99
26 Tage her

Israel nimmt nur Juden auf. Gut, Juden aus Äthiopien sprechen wahrscheinlich kein Hebräisch und sind auch keine Sephardic oder Ashkenazi Juden, die beiden häufigsten jüdischen Gruppen in Israel, aber sie feiern eben die gleiche Feste, haben eine gemeinsame Geschichte. Das ist so als würden nur Norweger, Polen oder Niederländer nach Deutschland einwandern. Ähnliche Kultur, ähnliche Geschichte, gleiche Religion, andere Sprache. Israel macht im Punkto Einwanderung alles richtig. Wer kein Jude ist, wird niemals einwandern dürfen. Es gibt Ausnahmen, wie z.b. Sushi Köche aus Japan die auf einem Arbeitsvisum kommen dürfen, oder ausländische Ehepartner von Juden im Ausland dürfen unter bestimmten… Mehr

Iso
26 Tage her

Israel, das muss man lobend anerkennen, hat scheinbar ein Einwanderungskonzept, was es in Deutschland nicht gibt. Hier reicht es aus, mit klappernden Zähnen an der Grenze zu stehen. Woher man kommt, wer man wirklich ist und ob man ein reines Gewissen hat, interessiert genauso wenig, wie die Absicht der Einreise oder eine eventuelle Qualifikation. Erstklassig in Israel, in Deutschland eine einzige Katastrophe, inklusive kollektivem Versagen der Behörden.