Der Erdogan-Crash

Die Türkei schlittert in eine schwere Finanzkrise. Aber Neo-Sultan Erdogan meint, alle ökonomischen Gesetze missachten zu können und verbreitet antisemitische Verschwörungstheorien.

GEOFFROY VAN DER HASSELT/AFP/Getty Images

Recep Tayyip Erdogan hatte stets ein Doppelgesicht. Einerseits war er ein Reformer, der die Türkei für Investoren öffnete und modernisierte. Andererseits war er aber immer auch ein Islamist – nur wollten das im Westen viele gerne ignorieren. Als Jung-Politiker zitierte Erdogan das berüchtigte Gedicht von Moscheen als Kasernen und Minaretten als Bajonetten. Die Demokratie bezeichnete er als „Zug“, mit dem er zur Macht fahre. Er machte damit klar, dass die Demokratie für ihn nur ein Mittel zum Zweck der Machtergreifung war.

In den ersten Jahren nach seiner Regierungsübernahme 2003 lief es gut. Ministerpräsident Erdogan schaffte ein wirtschaftsfreundliches Klima und führte das Land nach der schweren Schulden- und Inflationskrise von 2001 auf einen kräftigen Wachstumskurs. Die Türken waren begeistert. Erdogans islamische AKP-Partei – in deren Signet eine Glühbirne leuchtet – hat das Land tatsächlich modernisiert, Infrastruktur in die entlegenen anatolischen Provinzen gebracht. Die Wirtschaft wuchs mehrere Jahre lang mit mehr als zehn Prozent.

Doch der Erfolg stieg Erdogan zu Kopf, er wurde langsam größenwahnsinnig. Zeitgleich mit dem wirtschaftlichen Aufstieg vergaß er nie seine islamische Agenda: Kopftücher an Universitäten, Alkoholverbote, der Ausbau der islamischen Prediger-Schulen – all das ging schleichend voran. Das kemalistische Militär wurde mehr und mehr entmachtet, damit war der Weg frei für eine dauerhafte Zementierung der AKP- und Erdogan-Macht.

Verkalkuliert
Erdogans Zeiger steht auf fünf nach Zwölf
Die EU hat sich stets selbst belogen, als sie glauben wollte, Erdogan „europäisiere“ sein Land. Die Verhandlungen über eine EU-Mitgliedschaft waren stets eine Farce, denn die Aufnahme eines 75-Millionen-Volks von stolzen Türken würde die EU kulturell, politisch und geografisch sprengen. Doch die deutsche rot-grüne Regierung, die den türkischen Beitrittswunsch kräftig unterstützte, hatte wohl insgeheim von einer multikulturellen Transformation der EU durch die Aufnahme eines islamischen Großlandes geträumt. Angela Merkel war zu schwach, um die Verhandlungen zu stoppen, sie wich aus mit ihrem Gerede von einer „privilegierten Partnerschaft“ als Alternative. Dann hat sie sich durch den „Flüchtlingsdeal” mit Erdogan 2016 in eine Abhängigkeit begeben, die sich bitter rächte.

Hierzulande trat Erdogan zunehmend fordernd, aggressiv und unverschämt auf, nicht nur wenn er „Deutsch-Türken” in scharfen Worten vor „Assimilation“ warnte („ein Menschenrechtsverbrechen“), sondern vergangenes Jahr die Bundesrepublik auch als Nazi-Reich diffamierte, weil man ihm und seinen Ministern keinen Wahlkampf in deutschen Städten erlaubte. In den fünfzehn Jahren Erdogan-Herrschaft hat sich der Stand der Integration der hier lebenden Türkei verschlechtert.

Seit dem Putsch-Versuch vom Juli 2016 hat Erdogan vollends die Maske fallen lassen und agiert wie ein Autokrat, der das Land von politischen Gegnern säubert und dabei die Demokratie zerstört. Hunderttausende Verhaftungen und Entlassungen aus dem Staatsdienst gab es. Erdogan selbst bezeichnete den Putschversuch als „Gottesgeschenk“ – denn endlich habe er nun die Gelegenheit, gründlich aufzuräumen mit allen Gegnern und Konkurrenten, zuvörderst mit den Anhängern seines einstigen islamistischen Weggefährten Fethullah Gülen. Militär, Polizei, Justiz, Universitäten und Medien: Alles hat Erdogan gnadenlos „gesäubert“. Die Türkei ist faktisch eine Diktatur geworden.

Nun aber ist Erdogan selbst in die Klemme geraten. Seit einem halben Jahr rutscht die Währung ab, weil die Türkei die Inflation nicht in den Griff bekommt. Die Inflationsrate liegt bei mehr als 15 Prozent – das ist dreimal so viel, wie die Zentralbank anstrebt. Aber Erdogan will keine Zinserhöhung, die nötig wäre, um die Inflation zu bremsen.

Erdogan meint, niedrigere Zinsen (!) seien die richtige Antwort. Das ist in etwa so, wie wenn ein Arzt einem Fieberkranken einen Saunabesuch empfiehlt.

Erdogan verrechnet sich
Türkei: Es fährt ein Zug nach nirgendwo
Die Lira ist seit Jahresanfang um mehr als 40 Prozent gegenüber dem Dollar und dem Euro abgestürzt. Das ist schlimm für die türkische Wirtschaft, weil viele Unternehmen große Fremdwährungskredite aufgenommen haben. Auslandskredite für mehr als 300 Milliarden Dollar drücken die türkische Wirtschaft. Wertet die Lira ab, wird die Schuldenlast immer größer. Es mehren sich die Firmenpleiten. Bald könnte die Türkei in seine Rezession stürzen. Der Tourismus läuft noch gut, weil der Türkei-Urlaub billig geworden ist, doch große Teile der restlichen Wirtschaft stehen auf der Kippe. Die Arbeitslosigkeit ist ohnehin schon hoch. Die von Donald Trump am Freitag verhängten Zölle (als Vergeltung für die Inhaftierung eines amerikanischen Pastors durch türkische Behörden) haben der Lira am Freitag einen neuen Schub nach unten gegeben, doch sind sie keineswegs die Ursache für den Absturz. Am Montag ging der Absturz weiter.

Erdogan sucht in bewährter Manier nach Sündenböcken und hat wieder einmal die gute alte „internationale Zinslobby“ als Schuldigen hervorgeholt. Mit „Zinslobby“ sind natürlich die Juden gemeint, das ist in der islamischen Welt sonnenklar. Einige Erdogan-Minister haben sich explizit antisemitisch geäußert. Erdogan, der mit seiner neo-osmanischen Außenpolitik weit in den Nahen Osten ausgreift, hat sich als beinharter Israel-Gegner positioniert und mit der israelfreundlichen Außenpolitik kemalistischer Politiker gebrochen.

Nun riskiert Erdogan sogar den Bruch mit der Nato und Amerika. „Ihr habt den Dollar, wir haben Allah“, donnerte Staatschef Erdogan den Finanzmärkten entgegen und forderte seine Anhänger auf, Dollar zu verkaufen und Lira zu kaufen, um die türkische Währung zu stützen. Das nutzte überhaupt nichts. Solange Erdogan der Zentralbank keine Zinserhöhung erlaubt, bleibt die Lira-Schwäche.

Erdogan dürfte seine Macht bei weitem überschätzen. Gegen die ökonomischen Gesetze helfen keine islamischen Beschwörungen, Drohungen oder Poltereien. Er rast in ein wirtschaftlich-finanzielles Desaster. Fünfzehn Jahre nach seinem Machtantritt hat er den Bogen überspannt.

Der Fallout eines Türkei-Crashs wird auch in Europa zu spüren sein, wo viele Banken – vor allem spanische, französische und italienische – große türkische Kreditpakete in ihren Büchern haben. Auch deshalb ist man in Europa nervös. Und nicht zuletzt wegen Erdogans Rolle als „Schleusenwärter“, der den Strom syrischer und nahöstlicher Flüchtlinge und Migranten auf- und zudrehen kann. Merkel ist hier abhängig von ihm.

Wenn Erdogan Ende September zum Staatsbesuch nach Berlin kommt und ihm dort der rote Teppich ausgerollt wird, können alle sehen, wie die deutsche Politik auf ihn reagiert – unterwürfig trotz all der vorangegangenen Beschimpfungen.


Robert Mühlbauer ist Ökonom und Publizist.

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Kommentare ( 112 )

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Ok. Und warum reist der Mann nicht nach Madrid, Rom oder Paris? Soll er doch dort um Geld betteln! Darauf läuft das Ganze nämlich hinaus. Deutschland ist ja sooo reich, dass wir jetzt außer Frankreich , Spanien und vor allem Italien (und bitte sehr, Griechenland nicht zu vergessen) auch noch Erdogans muslimisches Luftschloss und seine Minarette durchfüttern müssen. Entweder, dieser islamistische Despot kommt zur Vernunft und lässt die Deutschen unter den zu Unrecht Inhaftierten und den amerikanischen Pastor wieder ihres Weges ziehen, oder er soll mitsamt seinem Kalifat zur Hölle fahren. Mag sein, dass sich Putin nicht die Gelegenheit entgehen… Mehr

Schaden für Erdogan, gewiss. Er hat nur leider den kemalistischen Sicherheitsapparat enteiert und die Armee und Polizei in der Hand. Die EU muss liefern wie Trump, sonst wird das nichts mit „Oh, ich habe mich verkalkuliert“ und der Reiter grinst sich noch eins im Sattel.

Ich glaube ja, der Erdowan hat zu groß gebaut

Erdowan, laß ‚ andere ran !

😀

Herrn Mühlbauer ist ein den Nagel auf den Kopf treffender Versprecher herausgerutscht:
„In den fünfzehn Jahren Erdogan-Herrschaft hat sich der Stand der Integration der hier lebenden Türkei verschlechtert.“

Sehr geehrter Herr Mühlbauer, bis auf einen Punkt möchte ich dem Artikel vollständig zustimmen. Denn das Kreditrisiko ist lange nicht so hoch, wie es die Panikmacher bestimmter Lobbyverbände uns glauben machen wollen. M.E. ist hier die reine Panikmache am Werk. Nehmen wir mal die BBVA als Beispiel. Im letzten Monat ist der Aktienkurz um 10% gefallen. Das Gesamtvermögen der Bank beträgt ca. 700 MRD €. Am 2. November 2010 wurde die Übernahme eines 24,9-prozentigen Anteils an der türkischen Garanti Bank durch BBVA bekanntgegeben. Garanti ist mit 9,5 Millionen Kunden, über 800 Filialen und einer Bilanzsumme von mehr als 60 Mrd.… Mehr

Das Risiko ist vielleicht dass das ganze System ein Schneeballsystem an der Kippe ist und dass hier der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings das verlogene und betrügerische Kartenhaus zum Einsturz bringen kann.

Alleine die „Spielschulden“ der Deutschen Bank (Derivate) betragen wohl ein Mehrfaches des deutschen Bundeshaushaltes, und obwohl die Deutsche Bank ein international agierendes Unternehmen ist, das keineswegs mehr nur in deutscher Hand ist, und durch Geschäftsstellen in Steuerparadiesen wie Irland es tunlichst vermeidet Deutsche Steuern zu zahlen, haftet der deutsche Bürger für diese Wettschulden.

Ich denke, dass es demnächst manchen Türken reut, dass er trotz aller Warnungen Erdogan gewählt hat.

„Gläubige“, speziell wenn eher wenig gebildet, lernen L A N G S A M bestenfalls.
Es sei denn, die Katastrophe ist GEWALTIG genug.
Und DAS ist noch lange nicht in Sicht.

Deutschland braucht weder die Türkei noch Türken. Es ist die Perversion der aktuellen deutschen Politik die das anders aussehen lässt.

Was ist denn eine „Perversion“ in Bezug auf Interessenspolitik? Ist Politik immer normal oder immer pervers?
Apropos brauchen… Sind sie Personaler? Na schön, entscheiden Sie mal für Ihr Unternehmen, aber bitte nicht für mich. Danke!
Was den Staat angeht. Ist ein neues Anwerbungsabkommen geplant? Oder dachten sie, das wäre geplant? Leben Sie im Deutschland des Jahres 1958?
Hier Leben Menschen, die haben Wurzeln in der Türkei. Also was ist mit denen? Mehr als 30 % sind umsichtig, die anderen nicht. Werden Sie mal konkret, was Sie meinen mit „brauchen wir nicht“? Sind Sie Gottkaiser, Richter und Henker in einem?

Ab Ihren Beitrag sieht man, wie Recht damals Helmut Schnidt hatte, wenn er 1977 die Türken den Familiennachzug verbieten wollte. Die Gastarbeiter-Generation sollte dasLand verlassen.

Leider wurde anders entschieden. Leider, wie man heute täglich erleben kann. Der Druck kam seinerzeit aus Kirchen und Verbänden.

Und aus der CDU.

Ich würde einen Zusammenbruch der Türkei begrüßen, auch wenn damit für mich einige wirtschaftliche Nachteile verbunden seien sollten. Dann wären der EU-Beitritt und hoffentlich auch Erdogan passés und die Vernunft hätte zumindest wieder eine Chance.

Dann weitere 80 Millionen subsidiär geschützte in Deutschland, die Wirtschaft wird brummen.

Nicht nochmal. Das nächste mal gibt es echten Widerstand. Das Thermometer steigt ja wieder, weil die Staatsgeld-Abzocker nach der Salami-Taktik weiter ihre Spielchen spielen… Der Wille zählt!

Warum fliegen die Leute weiterhin in die Tuerkei um Urlaub zu machen?
Mir ist es unverstaendlich, weil die Leute damit diesen ,,Terroristen?,, noch stuetzen.

Warum haben Gerd Schröder und C. Roth weiterhin ihre Villen in der Türkei!

Schmarotzer halt. Im System einst an die Töpfe gelassen, jetzt vollgefressen und schmatzend den Interessen fremder Staaten und fiktiver Super-Staaten dienend.

Die helfen da bestimmt „Geflüchteten“

Ich war noch niemals in der Türkei und auch in keinem anderen islamischen Land und das wird auch niemals passieren.

warten sie ab. deutschland ist auf dem besten wege ein islamisches land zu werden.