Windkraft-Industrie kollabiert – Politik soll helfen

Weil der Bau von neuen Anlagen fast zum Erliegen kommt, will die Branche bessere Förderung – und radikal weniger Gesundheitsschutz für Anwohner

Nachdem der deutsche Energie-Verband BDEW vor kurzem einen „regelrechten Zusammenbruch“ beim Zubau neuer Windkraftanlagen an Land festgestellt hatte, fordern Windkraft-Branchenvertreter, Unternehmen und der DGB Unterstützung durch die Politik. Dabei verweisen sie vor allem auf dem Job-Abbau bei Herstellern von Windkraftanlagen. In der vergangenen Woche musste Deutschlands größter Hersteller Enercon die Streichung von 3.000 Jobs bekanntgeben.

Vorher hatte schon der führende dänische Hersteller Vestas einen Abbau von 590 Arbeitsplätzen verkündet. Etwa 500 davon treffen den deutschen Vestas-Standort Lauchhammer. Bereits im Sommer meldete der Hamburger Windturbinen-Hersteller Senvion Insolvenz an.

Als Ursache für den dramatischen Rückgang sieht Stefan Gsänger, Generalsekretär des weltweiten Windenergieverbandes WWEA, den Wechsel des Förderungssystems in Deutschland. Seit 2017 gibt es keine einheitlichen auf 20 Jahre garantierte festen Einspeisegebühren mehr für neue Anlagen, sondern ein Ausschreibungsverfahren für festgelegte Kapazitätsmengen, bei dem nur die günstigsten Anbieter zum Zug kommen. Dadurch verringerte sich die Marge für Investoren drastisch, die Planung neuer Windräder wurde damit erstmalig ein wirtschaftliches Risiko. Auf viele Ausschreibungslose gibt es deshalb überhaupt keine Bewerbung mehr. Im Oktober meldeten sich nach Angaben des BEDW für 70 Prozent der ausgeschriebenen Windenergie-Kapazitäten keine Interessenten.

AUF DER KIPPE
Bis 2030: Hunderttausende Arbeitsplätze in der Autoindustrie fallen weg
„Die Ausschreibungspraxis verhindert den Windenergieausbau, anstatt ihn zu fördern“, klagte Gsänger bei einer Branchen-Veranstaltung am Dienstag in Wien. „Seit der Änderung des Fördersystems in Deutschland ist der Markt regelrecht zusammengebrochen.“ Dadurch werde die Windbranche in ganz Europa verunsichert“. Seit 2017, so Gsänger, seien europaweit schon über 35.000 Jobs in dem Bereich verloren gegangen. Auch andere Länder, in denen ebenfalls auf Ausschreibungen umgestellt worden sei, zeigten die gleiche Entwicklung. „Unternehmen verzeichnen weniger Nachfrage und können aufgrund des ruinösen Preiswettbewerbs kaum noch in Innovationen investieren“, stellt auch Stefan Schafferhofer fest, Leiter der Business Unit des österreichischen Windkraftanlagen-Zulieferers ELIN Motoren.

Am 12. November richteten BDEW, der deutsche Windkraftverband BEW, der Bundesverband Deutscher Industrie, der Verband Kommunaler Unternehmen und der Gewerkschafts-Dachverband DGB einen Appell an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), in dem sie angesichts der Branchenkrise fordern, den Schutz der Anwohnern vor den gesundheitlichen Auswirkungen von Windparks massiv zu beschneiden. Ein Mindestabstand von Windrädern von 1.000 Metern zum nächsten Wohngebäude sei viel zu hoch. Das bremse den Ausbau – neben dem neuen Fördersystem – zusätzlich.

„Der zur Erreichung der Klimaziele 2030 erforderliche Ausbau der Windenergie an Land braucht ausreichend Flächen“, so die Vertreter der Verbände: „Wie die UBA-Studie ‚Auswirkungen von Mindestabständen zwischen Windenergieanlagen und Siedlungen’ zu pauschalen Abstandsregelungen bereits im März 2019 dargestellt hat, werden durch einen Mindestabstand von 1.000 Metern, je nach Definition, 20 bis 50 Prozent der Flächen der Windenergie entzogen.“

Weiter heißt es in dem Schreiben an Altmaier:

„Es ist uns unerklärlich, dass an einer Regelung zu bundeseinheitlichen Mindestabständen festgehalten wird, obwohl klar ist, dass damit das Ziel von 65 Prozent Erneuerbare Energien in 2030 nicht gehalten werden kann… Sehr geehrter Herr Bundesminister, Energiewirtschaft, Industrie, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft erwarten, dass die Bundesregierung mit Entschlossenheit an einer modernen, zukunftsfähigen, CO2-freien Energieversorgung arbeitet.“

Der bundesweite Dachverband „Vernunftkraft“, der gut 10.000 Mitglieder von Bürgerinitiativen bündelt, wendet sich strikt gegen eine Verringerung des Mindestabstands. Der Vernunftkraft-Vorsitzende Nikolai Ziegler verweist darauf, dass bei neuen Windkraftanlagen, die mittlerweile eine Höhe bis zu 240 Metern erreichen, ein Abstand von 1.000 Metern zu einem Wohnhaus schon schwere Beeinträchtigungen durch Lärm und Schlagschatten mit sich bringt.


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Kommentare ( 118 )

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118 Kommentare auf "Windkraft-Industrie kollabiert – Politik soll helfen"

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Bewohner raus – Windräder rein.

Die neue Form der „Klima-Migration“.

Arbeitsplätze in der Kohleindustrie waren nicht so wichtig da „böse“. Wenn es nach den grünen und linken Kommunisten ginge, wäre morgen die gesamte deutsche Rüstungsindustrie arbeitslos. Diese Krokodilstränen können sich diese Ideologen und Opportunisten der übelsten Sorte sparen.

Ich wohne in einer kleinen Stadt mit historischem Stadtkern. Über den Dächern der Stadt, auf einem ca. 50 Höhenmeter oberhalb gelegenen Berg, sollen nun 250 Meter Giganten thronen. Dass das hier nicht so gut ankommt: Keine Frage. 1000 Meter Abstand, wie einstimmig im Koalitionsausschuss beschlossen, würden uns hier sehr weiterhelfen. Ich will ja nicht die SPD kritisieren, die nun zurückrudert und wieder weniger will (das würde ich als Störung der Totenruhe empfinden), hätte mir allerdings gewünscht, dass auch die Autolobby so aggressiv vorgeht wie die Windenergielobby. Mit 40 Mikrogramm NOx pro cbm Luft und einem im Wesentlichen von der SPD… Mehr

Nicht der Markt ist zusammengebrochen sondern ein sozialistisches Subventionssystem. Die Kräfte des Marktes sind wiederhergestellt.

Der Zubau an volatilen Stromerzeugungsmaschinen hat kaum eine Steigerung der Einspeiseleistung gebracht. Auch eine Sockelbildung für die Grundlast ist nicht zu erkennen. Die aus dem Handgelenk erfundenen CO2-Ziele, die die Welttemperatur herunterregeln sollen, werden nicht erreicht werden, unabhängig davon wie viele dieser Maschinen errichtet werden.

Ist doch eine völlig normale Entwicklung. In der Betriebswirtschaft nennt sich das Produktlebenszyklus. Irgendwann kommt die Reifephase und die Wachstumsraten gehen zurück oder werden sogar negativ. Dann beginnt die Auslese bei den Anbietern. Das kommt auch so bei den Windkraftanlagenbauern. Und wenn nicht jetzt, dann halt etwas später. Daran wird langfristig auch die Subventionitis und alle Lobbyarbeit nichts ändern.

Interessant zu lesen: Hier etwas zum Thema Klimawandel und Industrie-Interessen

„The Greatest Scam In History“
https://cleantechnica.com/2019/11/14/the-greatest-scam-in-history/

Ich bin der Meinung, dass die Verteilung der zukünftig zu bauenden Windkraftanlagen anteilig nach den Stimmen für die Grünen pro Wahlkreis bzw. Wahlbezirk zugewiesen werden soll. Natürlich ohne Abstandsregel, im Sinne der Industie.

Ja das ist auch mein Traum. Wobei selbst das vermutlich nicht zum Umdenken führen würde. Wenn ich mir anschaue, wie die Grünen Schleswig-Holstein und Hessen verschandelt haben und die Umfragewerte dort immer noch hoch sind, verliere ich den Glauben an den gesunden Menschenverstand in diesen Ländern.

Es gibt da einen Herrn Wobben. Der zählte 2015 mit einem geschätzten Vermögen von 7,5Mrd.€ zu den 14 reichsten Deutschen. Man kann das im „völlig neutralen“ Wikipedia nachlesen. Landwirt, Bauarbeiter oder Bäcker ist/war er übrigens nicht… Bitte nicht falsch verstehen- ich gönne jedem Unternehmer seinen Erfolg. Aber wenn es auf Kosten der Allgemeinheit geht bzw. durch „Umlagen“ durch uns (Steuerzahler bzw. Kunden der Energieversorger) bezahlt werden MUSS, dann läuft seit Jahrzehnten was schief in dieser Wirtschaft. Und falls wir uns überhaupt noch in so etwas wie „Marktwirtschaft“ bewegen, gilt es hier endlich gegenzuhalten. Leider wird der blonde Michel nicht verstehen,… Mehr

Ich findest es gut, weniger nicht grundlastfähig Landschaftszerstörung bedeutet Umweltschutz für Landschaften, Menschen und Tiere. Dazu steigen die Energiekosten weniger. Eine super Situation.