Warum die fünf Weisen in die Wüste geschickt werden sollten

Jahrzehntelang gehörte das Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen zur mit Spannung erwarteten Pflichtlektüre. Heute ist es ein langweiliger Pflichttermin. Der Rat hat sich durch Gefälligkeit der Politik gegenüber selbst zerstört.

picture alliance / dts-Agentur | -

 Die CDU hat offenbar eine Wiederberufung der Wirtschaftsweisen Prof. Dr. Ulrike Malmendier im „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ blockiert. Ihre Amtszeit  endet am 28. Februar – eine Verlängerung soll es offenbar nicht geben, weil Union und Kanzleramt dagegen sind. Malmendier ist eine Spitzenwissenschaftlerin im Bereich Finanzmarktökonomie, forscht an der Universität Berkeley und gehört seit 2022 dem Rat an.

Schon bei der Berufung konnte man trotzdem Zweifel an ihrer Eignung für dieses Amt haben: Sie untersucht, wie menschliche Verhaltensmuster – kognitive Verzerrungen und psychologische Faktoren – wirtschaftliche Entscheidungen beeinflussen. Das ist alles wichtig und schön – aber der Sachverständigenrat hat die Wirtschafts- Haushalts- und Konjunkturpolitik zu beraten. Dazu hat sie fachlich wenig beizutragen. Malmendier mag mit Erfolg untersuchen, wie etwa Finanzvorstände zu Fehlentscheidungen kommen. Als Wirtschaftsweise hat sie die Maßnahmen der Minister und der Wirtschaftspolitik insgesamt zu bewerten.

Ihre auf Einzelpersonen ausgerichtete Forschung führt dazu, dass sie zu ständigen Handlungsempfehlungen neigt. Es ist letztlich das sozialdemokratische Credo, wonach Politiker die Volkswirtschaft steuern sollen wie ein Klempner seinen Handwerksbetrieb. Was bekanntlich nie funktioniert. Ihr ist ein interventionistischer Handlungsansatz eigen, während die Aufgabe des Sachverständigenrats nur sein kann, Leitplanken des Handelns festzulegen statt hektischer Einzelempfehlungen auf dünner Faktengrundlage und schwacher Umsetzungskompetenz.

Koalitionsgeschrei statt Wissenschaft

Der CDU fehlt bei ihr die ordnungspolitische Linie. Aber das ist vorgeschoben. Es geht um parteipolitische Hickhack, und insofern ist es ein Symptom der Lage der Koalition. Der ehemalige Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat auf X offen eingeräumt, dass schon frühere Berufungen blockiert wurden – einst habe die SPD verhindert, dass Prof. Lars Feld wieder in den Rat berufen wird. Wirtschaftsweise unterliegen der Koalitions-Taktik: Jede Seite will nur, was ihr genehm ist. Nicht um unabhängige Beratung geht es, sondern um Rechtfertigung und um Startvorteile in der öffentlichen Auseinandersetzung.

Damit sind die Weisen nicht mehr als die Fortsetzung von Koalitionsgezänk mit pseudoakademischen Argumenten. Das ist ziemlich genau das Gegenteil dessen, was der Gründer des Rats, Ludwig Erhard 1962 gefordert hat. Ludwig Erhard wollte „die Meinung der Wissenschaft nicht als vereinzelte Stimmen, sondern als starke, gebündelte Stimme in der öffentlichen Debatte vertreten sehen“. Sein Ziel war eine Versachlichung der wirtschaftspolitischen Debatten, „was eine ‘Erleichterung einer Wirtschaftspolitik der Vernunft’ zur Folge haben sollte“.  Der Sachverständigenrat aber ist keine unabhängige Stimme mehr, sondern längst politifiziert: Eine Position wird traditionell von den Gewerkschaften besetzt. Damit zeigte sich der Rat schon immer gespalten zwischen Vernunft und Lobby. Verhandlungen über Personalpositionen werden zu parteipolitischen Machtspielen, Berufungen hängen davon ab, ob es „ideologisch passt“.

Interne Streitereien unter den „Wirtschaftsweisen“

Auch intern zerlegt sich das Gremium regelmäßig selbst: So berichtete TE mehrmals über hitzige Auseinandersetzungen zwischen der Vorsitzenden Monika Schnitzer und Veronika Grimm – nicht nur über inhaltliche Fragen wie Schuldenbremse oder Energiepolitik, sondern sogar über mögliche Interessenkonflikte, weil Grimm einen Aufsichtsratsposten bei Siemens Energy angenommen hat. Auch Schnitzer stammt aus der neuen Schule einer Ökonomie, die in formalen Modellen denkt und in ihnen verfangen ist – während Wirtschaftspolitik von gedanklicher Eleganz mathematischer Formeln lebt. Statt fachlicher Debatte liefern die angeblichen Weisen zänkische   Egoshow und Machtkämpfe ab – ein Armutszeugnis für ein angebliches Spitzen-Beratungsgremium.

Was bleibt von der Weisheit?

Der Sachverständigenrat veröffentlicht Gutachten, die teils über 400 Seiten lang sind, von denen niemand in der politischen Praxis mehr als die Zusammenfassungen liest. Die Politik ignoriert vielfach die Empfehlungen, weil sie in ihrer Welt politisch unbequem wären. Der Rat hat keinen durchsetzbaren Einfluss, aber er bietet politischen Akteuren Deckmäntelchen und Legitimation zugleich.  Es ist daher an der Zeit, den Sachverständigenrat fundamental zu überdenken oder aufzulösen.

Eine Institution, die weder unabhängig noch wirkungsmächtig ist, sondern politisch ausgeschlachtet und intern zerstritten, verdient ihren Namen nicht mehr. An die Stelle eines Schein-Beratergremiums sollten treten: Kürzere, fokussierte Expertengruppen, die klar definierte Aufgaben haben und daher transparente Auswahlprozesse nach Exzellenzkriterien, nicht Parteiproporz brauchen. 

Wissenschaft statt Parteipolitik

Aber möglicherweise ist das zu idealistisch gedacht. Längst hat sich die Parteipolitik jeglicher Gremien bemächtigt, zu Bestätigungsmaschinen umgebaut. Das jüngste Beispiel ist die Berufung von Richtern für das Bundesverfassungsgericht. Hier zeigt sich, dass es weder um sachliche Qualifikation noch Verfassungstreue geht, sondern um Fortsetzung der Parteipolitik in roten Roben. Egal ob Stephan Harbarth oder die jüngst berufene Ann-Katrin Kaufhold: Fachlich darf an beiden Zweifel angebracht werden. Für Harbarth war es die Belohnung der CDU für seinen parteiischen Einsatz im Migrationspakt. Von der als linker Ideologin bekannten Kaufhold erwartet sich die SPD Unterstützung bei Gesetzen wie der faktischen Enteignung von Immobilienbesitzern.

Sachverständigenrat und Bundesverfassungsgericht waren lange wichtige Säulen in der öffentlichen Debatte. Sie sind im Ansehen durch kleinliche Parteipolitik zerbröselt und verfallen – und damit auch die Stabilität des politischen Gemeinwesens.

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Kommentare ( 41 )

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rainer erich
6 Stunden her

Man kann natürlich immer wieder wie das Murmeltier am Befund bzw seinen Symptomen und Folgen herumknabbern, „menschlich“sehr verständlich. Es steht zu befürchten, dass keiner der “ Räte“ oder Gremien und Orgas aufgelöst wird bzw jeder “ Nachfolger“ den gleichen Wegnehmen wird. Warum wohl ? Vielleicht, weil es nur Symptome oder Indizien sind und „man“ sich unangenehmerweise mit den eigentlichen Ursachen, vielleicht sogar mit sich selbst, befassen müsste. Und noch unangenehmer wird es, wenn es um die Lösungen und deren Umsetzung geht. Egal, ob man sich mit dem ÖRR, dem Ethikrat oder den 5 Weisen ! befasst. Jedenfalls scheint die typisch… Mehr

Deutscher
1 Stunde her

Von mir aus kann man selbsternannte „Weise“ und „Räte“, ob links oder rechts, ob woke, konservativ oder neoliberal, gern allesamt in die Wüste schicken. Sie tragen keinerlei Verantwortung, haften nicht für ihr Geschwätz, sie sind nichts und niemandem gegenüber verpflichtet und sind daher auch käuflich. Ich hab sie nicht gewählt, sie sind nicht demokratisch legitimiert und sie können mich mal.

Last edited 1 Stunde her by Deutscher
Der Person
1 Stunde her

Es gibt nur einen Wirtschaftsweisen und der wird von Milei verkörpert. Dieser Weise sieht die Begrenztheit menschlichen Wissens, er erkennt den Markt als organisches System, das sich selber -ohne Steuerung- den Gegebenheiten anpasst und dabei wächst. Wie eine Pflanze, der man natürlich Raum geben muss, notfalls mit der Kettensäge.

Unsere Wirtschaftswaisen glauben dagegen, dass eine Pflanze schneller wächst, wenn man an ihren Blättern zieht. Dass man ihr jede Sekunde Wachstumstropfen verabreichen muss, berechnet auf den letzten Nanoliter. Dass ein Himbeerstrauch auch Kokosnüsse produzieren kann, wenn man tropische Bedingungen schafft.

Michaelis
5 Stunden her

„Ludwig Erhard wollte ‚die Meinung der Wissenschaft nicht als vereinzelte Stimmen, sondern als starke, gebündelte Stimme in der öffentlichen Debatte vertreten sehen‘.“ Kritisiert wird (a), dass das Gremium politisiert sei, und (b), dass es „zerstritten“ sei. Irgendwie passt mir beides nicht richtig zusammen: unterschiedliche Auffassungen gibt es auch in der Wissenschaft (zumal wenn es um so „weiche“ Bereiche wie die Wirtschaftspolitik geht), warum also soll dieses Gremium „mit einer Stimme sprechen“? Letzteres würde umso mehr die Gefahr bergen, dass es gänzlich durch den linken Zeitgeist „gekapert“ wird. In einem bin ich aber d’accord, dass nämlich diese „Weisen“ so überflüssig sind… Mehr

Last edited 5 Stunden her by Michaelis
Julian Schneider
5 Stunden her

So ist das halt in einer sozialistischen Räterepublik. Wer in den Rat kommt, wird garantiert nicht nach Qualifikation oder Zufall ausgewählt. Nicht vergessen: Die Partei hat immer Recht…

Nibelung
6 Stunden her

Es müßte ein Rat völlig unabhängiger Fachleute sein, die den Zustand so analysieren wie er ist und nicht sein sollte um die Politik vor ihren eigenen Fehlern zu schützen, denn Gesundbeterei hat noch nie geholfen, weil man sich dann in falscher Sicherheit wiegt und die Finger müssen ohne wenn und aber auf die Wunde gelegt werden, als erster Weg zum Heilungsprozeß, ansonsten könnte man es auch als Quaksalberei betrachten, wo der Heiler schon weiß, daß es ehedem nicht hilft. So ergänzt eine falsche Seite die andere falsche Seite und dem Land und seinen Bürgern wird dabei nicht geholfen, denn der… Mehr

Klaus D
5 Stunden her
Antworten an  Nibelung

Es müßte ein Rat völlig unabhängiger Fachleute sein….das problem ist das es keine menschen gibt die völlig unabhängig sind. Und sie müssten dazu auch wertefrei sein sprich keine eigene meinung haben denn diese beeinflusst ja auch das handeln.

Hans E.
6 Stunden her

Die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht. Es beginnt beim örtlichem Wasserversorger und der Sparkasse und endet noch lange nicht beim Verfassungsgericht. Wer wie die AfD bürgerliche Partei sein will, sollte deshalb den Nepotismus als Wurzel des Übels, nicht als lässliche Sünde einstufen.

Klaus D
5 Stunden her
Antworten an  Hans E.

Und wer steht hinter den parteien – DIE lobbyisten.

Budgie
6 Stunden her

Die 5 Weisen: Eine „ZDF“ Liveübertragung aus Bonzenhausen!

Egal ob „1984“ in Orwells Ozeanien, 1989 in Honeckers DDR oder 2026 in Merzens BRD, es ist immer wieder das Gleiche, Totalitarismus.

Last edited 6 Stunden her by Budgie
Waehler 21
6 Stunden her

Das System Kohl, stark verbessert durch Merkel, hat sich bis in die letzten Bollwerke der Verteidigung unserer Demokratie gefressen.
Biedenkopf zu Fall zu bringen hat einigen Leuten gute Posten verschafft, aber uns den Hals gekostet.

wegmitdenaltparteien
6 Stunden her

Eine Bestandsanalyse, dessen was in diesem Staat (?) nicht dysfunktional ist, wäre einfacher.

Unglaeubiger
7 Stunden her

Tja, wenn Weisheit durch Geld und Pfründe ersetzt wird, bleibt halt für die Weisheit nix mehr übrig. Ist doch in der Justiz, der Rechtsprechung, etc. das Gleiche. WessBrot ich ess, dess` Lied ich sing. Und sie singen alle aus voller Kehle, falsch, schrill, schräg, einfach nicht mehr zum Anhören!