Der Überwachungsstaat expandiert: Denunzianten heißen nun Mängelmelder

Was für eine Entwicklung von Bismarcks berühmtem Spruch zu dieser App: Von "Überall kommt Bildung durch, nur nicht bis nach Mecklenburch" zum Überwachungsstaat: "Bürger überwachen Bürger".

IMAGO / agefotostock

„Ob Ordnungswidrigkeiten oder der Ärger über unachtsame Mitmenschen“, schreibt der Nordkurier: „In Mecklenburg-Vorpommern sollen Bürger und Ämter in Zukunft per App besser zusammenarbeiten.“ Dazu werde  digitale Mängelmelder „Klarschiff“ gestartet.

„Erfahrungen aus großen Städten wie Rostock zeigten, dass Mängel so schneller gemeldet würden und fixer behoben werden könnten. Nutzer könnten ihre Anliegen online loswerden, ohne sich um Zuständigkeiten kümmern zu müssen, hieß es vom Schweriner Ministerium für Digitalisierung. Als „Modellämter“ wurden Röbel (Mecklenburgische Seenplatte), Krakow am See (Landkreis Rostock) und das Amt Recknitz-Trebeltal mit Standorten in Tribsees und Bad Sülze (Vorpommern-Rügen) ausgewählt.“, so der Nordkurier.

Egal was es ist, das erste was den Obrigkeiten einfällt: Eine App muss her. Aufgrund des hoffungslosen IT-Rückstandes des Rückentwicklungslandes Deutschland blieb es bei einer Amts-App nach der anderen bei der Ankündigung, lautlos verstummten auch sie und verschwanden in der Versenkung.

Dieser „Mängelmelder“-App ergeht es hoffentlich genau so, denn sie ist die reinste Einladung zur Denunziation. Den ungeliebten Nachbarn anschwärzen wird so bequem gemacht, wer will, kann sich anonymisieren, selbst wenn das nicht so vorgesehen ist. „Klarschiff“ soll der digitale Denunziator heißen, die Überschrift des Nordkurier sagt im Klartext, worum es geht: „Bürger überwachen Bürger“. Ich habe vergessen, auf wie viele Bürger der DDR ein Stasi-Mitarbeiter und ein IM kam, aber bei dieser App sollen nach den Vorstellungen der Obrigkeit gleich alle mitmachen.

Mecklenburg-Vorpommern ist nicht der Nabel der Welt, nicht einmal der von Deutschland, aber nichts verbreitet sich schneller als so ein Denunziationsding. Was für eine Entwicklung von Bismarcks berühmtem Spruch zu dieser App: Von „Überall kommt Bildung durch, nur nicht bis nach Mecklenburch“ zu Bürger überwachen Bürger“.


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Kommentare ( 81 )

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Georg J
1 Monat her

Seit Corona dürfen wir an einem real ablaufenden Experiment teilnehmen das die so häufig gestellte Frage „wie konnte das damals geschehen?“ eindeutig beantwortet: es war ganz einfach, ganz normale Menschen können bei ausreichender Propaganda für ALLES instrumentalisiert werden. Liebe Bundesregierung, bitte brecht das Experiment nun ab. Wir haben verstanden, dass auch wir 1933 „verführt“ worden wären.

Malte
1 Monat her

Man muss sich schon sehr wundern, was heutzutage so als demokratisch gilt. Die Mehrzahl will es so. Mangels international tauglicher Ausbildung bleibt nur die innere Migration. Ganz wie in der DDR. Eines möchte ich aber dringend betonen: Das Maß persönlicher Freiheitsbeschränkung und staatlicher Gängelei ist in der real existierenden Staatswirtschaft deutlich höher, als im real existierenden Sozialismus. Hätte ich 1989 nicht für möglich gehalten. … und: damals gab es den freien Westen als Alternative. Die heute angebliche freie Welt kann man vergessen.

Maja Schneider
1 Monat her

Na bitte, es geht aufwärts im besten Deutschland ever, hoch lebe das Denunziantentum, da hat der deutsche Michel reichlich Erfahrung! Jetzt schon scheint es angeraten, wo und vor allem wem man was erzählt. Laut sollte es auch nicht sein, wenn man an der Straßenecke Bekannte trifft oder im Restaurant mit Freunden oder Verwandten zusammensitzt, von denen man inzwischen auch nicht mehr bei jedem einzelnen so ganz genau weiß, was man ihnen anvertrauen kann oder was sie wirklich denken. Es ist nur noch erschreckend, wie sehr sich Land und Gesellschaft verändert haben, ein Ende scheint bei der geringen Gegenwehr nicht absehbar!

daldner
1 Monat her

Der Bürger als unbezahlter Mitarbeiter des Staates. So können noch Stellen eingespart werden beim Strassenverkehrsamt, Ordnungsamt… Ich würde denen was husten aber sicher gibt es einige, die da gerne mitspielen.

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  daldner

Dr. Osten empfahl ja bereits ganz zu Coronazeiten, dass jeder Bürger quasi eine (Stasi-)Akte mit all seinen Terminen und Treffen mit anderen Menschen selbst führen sollte, damit die Kontaktnachverfolgung gesichert wäre.
Damals ist das noch im Sande verlaufen.

Klaus D
1 Monat her
Antworten an  daldner

aber auch logisch nach 20 jahren konervativ-liberaler politik….weniger staat…..WIR erinnern uns

Wolfgang Richter
1 Monat her

Daß „Ossis“ nach den Lehren aus der SED-Diktatur diesen Sch… mitmachen, verwundert mich schon sehr. Bisher dachte ich, die Blockwart-Anlaufstellen zum Anschwärzen von MItmenschen, wie sie z.B. die Stadtverwaltung von Worms eingerichtet hat, seien nur in „Hell-Deutschland“ möglich. Was für eine unsägliche Entwicklung in einer sich ansonsten ständig moralisch selbst überhöhenden Wohlstandsverwahrlosung vieler kleiner Diktatoren.

the ministry of silly walks
1 Monat her

The Return of the Blockwart – mit deutschen Untugenden verhält es sich wie mit deutschen Tugenden: sind einfach nicht tot zu kriegen …

H. Priess
1 Monat her

Die ungesagte Regel in der DDR war, wenn drei Leute beieinanderstehen ist einer von der Stasi oder IM. Das wußte eigentlich jeder nun also macht man das eben per App. Ein Polizist aus MV sagte, wir werden gerufen wenn jemand zwei Personen zusammen sieht die sich unterhalten und da es eine Anzeige ist müssen wir, ob wir wollen oder nicht, reagieren. Ein Junge unterhält sich über den Gartenzaun mit seinen Freunden die gerade vorbei kamen, der Nachbar zeigt das an! Ich hätte nie gedacht, daß diese Form der Denunziation in diesem Umfang bei meinen Mitbürgern möglich sein würde, ich habe… Mehr

PolarisPrime
1 Monat her

Hatten sich Gysi und seine linksradikalen Freunde von der SED nicht beklagt, dass nach der Wiedervereinigung zu wenig von der DDR übernommen wurde.

zweisteinke
1 Monat her

Das ist doch eine App., also digital richtig? Dann ist alles gut. Keine Angst, bis sowas im Land, in dem gewisse Menschen sehr gut und am allerliebsten von unseren Steuergeldern wohlversorgt gerne leben, funktioniert, ist die Missetat – Herr Müller aus Nr.24 hat gestern um 12.32Uhr seinen Fahrradschlüssel aus einer Dose genommen auf der „Sarotti“ stand und auf der ein stark pigmentierten abgebildet war-, längst verjährt.

Andreas aus E.
1 Monat her
Antworten an  zweisteinke

Hat der Müller wirklich so eine Dose in Gebrauch? Das müssen Sie melden, derlei verjährt nicht, aber auch Mitwisserschaft nicht.
Ich gehe davon aus, daß der Demokratieschutz hier mitliest und das skandalöse Verbrechen alsbald der Aufklärung nahebringen wird.
Gewohnt gutunterrichtete Kreise jedenfalls deuten an, daß aus der Hauptstadt in der Sache bereits Meldeläufer entsandt wurden.

ChrK
1 Monat her

Ich bitte bei den Mecklenburgern-Vorpommeranern, die dem Ganzen nicht anheim fallen, um Entschuldigung, aber solche Meldungen bringen mich doch etwas dazu, zusammen mit den teilweise abartigen Reaktionen einiger Bewohner dieses Bundeslandes zu Beginn des Corona-Zirkus‘ gegenüber Gästen / Autos mit auswärtigen Nummernschildern, zu fragen, ob da oben rechts nicht nur keine Bildung, sondern auch nur wenig Zivilisation angekommen ist…?

Last edited 1 Monat her by ChrK