Rita Süssmuth ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Den meisten dürfte sie als Präsidentin des Bundestages in Erinnerung geblieben sein. Doch ihren historischen Verdienst erwarb sie als Gesundheitsministerin. Welch großen Unterschied Süssmuth gemacht hat, erfuhren die Deutschen erst in der Corona-Pandemie.
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Eines der beliebtesten Themen, über die Polit- und Geschichtswissenschaftler gerne streiten, ist die Frage, ob der einzelne in der Politik einen Unterschied macht. Oder ob die Geschichte gesellschaftlichen Automatismen unterliegt, die Individuen zu einer Art ausführenden Organen degradieren. Rita Süssmuth war ein Mensch in der Politik, der einen Unterschied gemacht hat. Als wegen einer unbekannten Seuche die Hysterie kreiste. Nicht unter Angela Merkel in der Corona-Pandemie, sondern unter Helmut Kohl während der großen AIDS-Welle in den 1980er-Jahren.
Kohl holte die Professorin 1985 in sein Kabinett. Sie war bis 1988 für die Bereiche Jugend, Familie und Gesundheit zuständig, später auch für Frauen. Also ein Zuschnitt, den Gerd Schröder (SPD) später als „Gedöns“ verspotten sollte. Und der es unter Kohl anfangs noch war. Ein Schutzressort für Frauen, die seinerzeit in den Kabinetten die absolute Ausnahme bildeten. Dass dies heute nicht mehr so ist und dass die Gesundheit aufgewertet wurde, heute ein eigenes Ressort darstellt, ist nicht zuletzt Rita Süssmuths Verdienst. Sie war ein Mensch in der Politik, der einen Unterschied gemacht hat.
In den 1980ern schwappte die AIDS-Welle allmählich aus den USA herüber. Sie hatte anfangs viel gemein mit den frühen Tagen der Corona-Pandemie. Dem Zeitraum vor dem ersten Lookdown, ab dem März 2020: Anfangs war unklar, wo der Virus herkam, wie er übertragen wurde und wie er sich auswirkte. Besonders die Schwulenszene war betroffen. In der Frühphase machten in den USA krude Gerüchte die Runde: Etwa, dass konservative Kreise den Virus über die Lüftung der Szenediscos verteilen würden, als Terror gegen die Liberalen.
Erst allmählich wurde klar, warum Homosexuelle öfters betroffen waren. Neben Bluttransfusionen war ungeschützter Sex der häufigste Weg, das Virus zu übertragen. Heterosexuelle verwendeten öfters Kondome, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Homosexuelle nicht, da sie keine Schwangerschaften zu erwarten hatten – eine Tatsache, deren Benennung in den 80ern noch nicht als Hassrede verfolgt wurde.
Süssmuths bayerischen Parteifeinde drehten in den späten 80er Jahren frei und schrieben ein unrühmliches Kapitel der CSU. Es kam in Bayern zu Zwangstests für Prostituierte, aber auch für angehende Beamte. Süssmuths späterer Nachfolger Horst Seehofer schlug sogar Heime für Infizierte vor. Das galt seinerzeit nicht als so absurd, wie es heute klingt. Es ist der größte und ihr niemals zu nehmende Verdienst, dass Rita Süssmuth in dieser Zeit die Nerven behielt und auf eine angemessene Politik setzte. Sie war ein Mensch in der Politik, der den Unterschied gemacht hat.
Süssmuth setzte vor allem auf Aufklärung. Werbespots, die vor Hysterie warnten und das Benutzen von Kondomen ans Herzen legten. Damals keine Selbstverständlichkeit. Während die konservative Bundesregierung Spots im Kino und im Fernsehen mit der Botschaft liefen ließ, dass es niemandem peinlich sein muss, sich im Supermarkt Kondome zu kaufen, verbot der DFB dem saarländischen Fußball-Bundesligisten FC Homburg mit dem Sponsorennamen „London“ aufzulaufen, weil das Unternehmen unter anderem Verhüterli vertrieb. Den Funktionären, selbst notorische Stammgäste in den einschlägigen Clubs in Genf und Frankfurt, war das Thema zu pfuibähbui.
Auch Süssmuths Familienministerium reagierte mitunter dünnhäutig. Im entsprechenden Werbespot plärrte Hella von Sinnen als Kassiererin durch den Supermarkt: „Rita, was kooosten die Kooondome?“ Das mussten die Macher nachbearbeiten und in „Tina …“ ändern. Der Vorname der Ministerin galt in dem Zusammenhang als Tabu. Eine lustige Randnotiz. Eine Petitesse. Im Vergleich zu dem Irrsinn, den der ein oder andere (un)verantwortliche Politiker aus der Pandemie machen wollte.
Stichwort: unverantwortliche Politiker, die aus einer Pandemie einen Irrsinn machen wollten – und gemacht haben. 2020 und in den folgenden Jahren fehlte Rita Süssmuth, damals schon 73 Jahre alt, als Stimme der Vernunft in der Öffentlichkeit. Stattdessen trat dort Karl Lauterbach (SPD) auf. Erst in der Lanz-Show, dann zur Schande des Hauses als weiterer Nachfolger Süssmuths im Gesundheitsministerium.
In der AIDS-Hysterie fing Süssmuth den Wahnsinn ab. Sie war ein Mensch in der Politik, der den Unterschied gemacht hat. Stattdessen gab es Lauterbach aus allen Rohren: Kinder vom öffentlichen Leben aussperren, das Virus kommt durch die Kloschüssel, alte Menschen vom öffentlichen Leben aussperren, die „absolute Killervariante“ steht vor der Tür, Ungeimpfte vom öffentlichen Leben aussperren und die Mittel von befreundeten Pharmaunternehmen helfen. Wirklich. Ganz bestimmt. Karl Lauterbach ist ein Mensch in der Politik, der den Unterschied macht – zum Schlechten hin.
1988 beförderte Kohl Süssmuth zur Präsidentin des Bundestages. Laut Verfassung das zweithöchste Amt im Staat, das direkt auf das des Bundespräsidenten folgt. Doch auch ein Amt, dass eine Vollblut-Politikerin wie Süssmuth zur gehobenen Frühstücksdirektorin degradierte. Sie musste nun zehn Jahre lang Sonntagsreden halten. In die aktive Politik konnte sie sich kaum noch einmischen. Genau das wünschte sich Kohl. Zum einen hatte sie sich in der Partei durch die AIDS-Politik viele Feinde gemacht. Vor allem in Bayern. Zum anderen galt sie als eine Verbündete im Kreis um Lothar Späth und Heiner Geißler, deren parteiinternen Putsch Kohl mit Erfolg abwehren konnte.
Rita Süssmuth ist im Alter von 88 Jahren gestorben. In zwei Wochen hätte sie Geburtstag gehabt. Bis ins hohe Alter hat sie Ehrenämter begleitet. Etwa das als Präsidentin des Deutschen Polen-Instituts. Ein Amt, das sie erst vor zwei Jahren abgab. Der Nachruhm der Ministerin unterliegt einem Paradox: Eben, weil sie in der AIDS-Pandemie-Hysterie gesellschaftliche Spaltung und menschenunwürdigen Umgang abgewendet hat und diese Auswüchse ausgeblieben sind, wird das ein Lied bleiben, das viel zu wenig gesungen wird. Verdient hätte es Rita Süssmuth allemal. In der Corona-Pandemie haben die Deutschen erst erfahren, welchen Unterschied sie zu dem ausgemacht hat, dessen Name es nicht wert ist, in einem Satz zusammen mit ihr genannt zu werden.

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Naja, so super war sie jetzt auch wieder nicht…
Neben Norbert Blüm, war sie für mich schon in den neunziger Jahren die Vertreterin der verstörenden linksgrünen Strömung in der CDU. Damals noch in der Minderheit hat sie diese Partei für linkes Gedankengut geöffnet und hoffähig gemacht, so dass dieser Quatsch heute den Mainstream in der Brandmauerpartei darstellt. Ruhe sanft…
Rita Süssmuth war ein Mensch in der Politik….darum war sie wohl auch in der falschen partei – ihre partei die CDU ist ja maßgeblich für den zustand deutschlands verantwortlich. Sie hat sich unwissentlich zur mittäterin gemacht! Und ein „mensch in der politik“ würde auch die extrem ungerechten/üppigen diäten und versorgungen nicht abgreifen so wie sie es getan hat. Ruhe in frieden.
Es liegt nahe, wenn der gebürtige und bekennende Saarländer und Abnehmweltmeister der des Pfälzers Kohl instrumentalisierten Professorin ein post-mortum-Ehrenkleid ausstellt.
Wenn Zeitzeugen an diesem Narrativ zweifeln, ist es wohl nur ihrem schlechten Charakter geschuldet.
Wie meinen? Albert Einstein habe richtig erkannt, die Welt werde nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.
Mag sein, doch »De mortuis nil nisi bene«
Wenn es am schönsten ist, soll man gehen.
Leider wusste diese Dame das auch nicht. Genauso, wie alle anderen „Berufspolitiker“. Worüber reden wir also? Auch sie hat viel Geld erhalten, aber die „Erfolge“ sind äußerst überschaubar!
Herr Thurnes – Hinweis Tippfehler. Rita Süßmuth war zu Beginn der sogen. Corona-Pandemie 83 (nicht 73) Jahre alt.
Ansonsten, bei aller kritik an der einen oder anderen Entscheidung. Sie gehörte noch zum „Club“ charismatischer Politiker, die man heutzutage vergeblich sucht.
Süssmuth war eine Linke und die CDU/CSU hat dieses Land zerstört und Süssmuth war ein Teil davon! Ich kann diesen Nachruf NULL verstehen! Sie war es auch, die Gysi wegen seiner Stasi-Vergangenheit nicht das Mandat entzogen hat, obwohl es nach Überprüfung beschlossen war.
Ich fand sie immer anstrengend, aber sie hatte im Rückblick mit vielem (nicht mit Allem) Recht und besaß Rückgrat. Verglichen mit heutigen Politikerinnen ala Baerbock, Bas, Lang und Co. spielt sie natürlich in einer anderen Liga. Kohl hatte wohl schon einen Blick für politische Begabungen. Auch das hat sich geändert.
Die Verhüllung des Reichstags kann man ihr auch als Erfolg zuerkennen und dafür kann man sie sogar auch mögen.
Das Glück der frühen Geburt hat einfach die Möglichkeit zu umfassender Bildung beinhaltet – auch, wenn ich Sie immer wenig von der Praxis beleckt in der Theorie verbleibend erkannte.
Baerbock wie andere scheinen da einfach Pech gehabt zu haben – wobei der Verfall der Sitten auch noch dazu gekommen sein muss.
Rita Süssmuth war genauso blind gegenüber der inneren Zersetzung der CDU, wie alle Dinosaurier der untergegangenen BRD! Theo Waigel lebt noch, der zusammen mit Kohl den Konstruktionsfehler des Euro nicht verstanden hat. Noch so ein Fall von Blindheit, den wir bezahlen! Irgendwo war Rita Süssmuth sicher feministisch couragiert, trotzdem: Zu viel des Lobes!
Zunächst einmal konnte sich AIDS unter den Schwulen so schnell verbreiten, weil diese neben der Tatsache, keine Kondome benutzt zu haben, auch äußerst promiskuitiv unterwegs waren.
Und wenn man von Rita Süßmuth spricht, muss man auch konstatieren, dass sie zusammen mit anderen wie Geißler und Blüm es war, die die CDU mit linken Ideen beglückt hat. Und so leid es mir tut, während der Corona-Hysterie hätte Süßmuth aus meiner Sicht nicht anders gehandelt als unser Parteiadel. Allenfalls einem Helmut Schmidt oder Helmut Kohl hätte ich eine größere Gelassenheit im Umgang mit dieser politischen Seuche zugetraut.
Süßmuth war wie Geissler Teil des progessistischen, sprich linken Flügels, der CDU. Kohl hat diese Personen in die CDU, bzw. in Führungspositionen geholt aus vorgeblich „pragmatischen“ Gründen, weil er der Meinung war, er könne die Wählerbasis der Union so erweitern. Merkel gehörte auch in diese Strategie der „Modernisierung“ der Union“. Dass Kohl mit dieser Personalpolitik langfristig die Union in den 20% Bereich steuern würde, hatte er nicht auf dem Radar. Die Linie Süßmuth, Geissler, Merkel hat die CDU dahin gebracht wo sie heute steht, in der Geiselhaftung von SPD und den Grünen und dem Verlust ihrer konservativen Wähler, die heute… Mehr
Sehr gut!