Amazon: big brother is listening to you

Es ist die große Frage, wer wen beherrscht. Wir die Technologie oder die Technologieanbieter beziehungsweise mehr und mehr die autarken künstlichen Intelligenzen uns. Wollen wir Zaubermeister oder Zauberlehrling sein?

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Die neue Kombination von Lautsprecher und Spracheingabe des Handelsgiganten Amazon mit Namen echo ist derart gefragt, dass sich in der ersten Einführungsphase auf dem deutschen Markt die Kunden dafür bewerben müssen, um das Elektronikspielzeug für 180 Euro kaufen zu dürfen. Tatsächlich gar nicht mal so teuer, wenn man weiß, was diese kleine Dose alles kann. Eine neue Stufe der Convenience. Oder doch ein sich zunehmend manifestierender Fluch der Bequemlichkeit?

In jedem Fall ist echo deutlich mehr als ein klangvolles Musikwiedergabegerät für die gängigen Portale wie Spotify, TuneIn oder dem konzerneigenen Amazon Prime. echo ist ein allzeit bereiter guter Geist. Per Spracheingabe kann über echo der Alexa voice service aktiviert werden. Man sagt einfach »Alexa«, und schon ist die stylishe Konserve parat für Hilfe in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Man kann nach dem Wetterbericht fragen, etwas in Wikipedia nachschauen lassen, sich über Bundesliga-Spielstände erkundigen, Nachrichten und Verkehrsmeldungen abrufen, ein Taxi ordern, den Fernseher bedienen oder die Beleuchtung und die Heizung regulieren. Oder man stellt den Wecker oder einen Timer für das Nudelwasser. Man kann sich auch seinen Terminkalender vorlesen lassen. Oder aus Büchern. Sogar Witze erzählt Alexa.

Aladins Wunderlampe läßt grüßen

Alles ohne einen Finger krumm zu machen. »Alexa« sagen – und was man will, schon geschieht es. Ein Musikwunsch. Ein Film. Und natürlich jederzeit gerne auch eine Bestellung aus dem inzwischen schier unermesslichen Amazon-Sortiment. Für den Start schon ein ganz schönes Spektrum in dieser offensichtlich vorzüglich künstlich-intelligenten Anwendung. Und vieles mehr dürfte folgen, denn auch externe Entwickler können an der Alexa-Schnittstelle aufsetzen.

Eine schöne neue Dienstleistungswelt. Und so wie es diese schönen neuen Welten nun einmal an sich haben, verbunden mit enormen Verlusten an freier Entscheidung und Selbstbestimmung. Selbstverschuldete Unmündigkeit. Wir bestimmen ein Handelsunternehmen zum Dirigenten unseres Lebens. Tatsächlich hat man dahingehend angesichts der Allgegenwart von »das könnte Ihnen auch gefallen«-Vorschlägen des Medienzeitalters sowieso schon ziemlich resigniert. Aber Alexa geht ein Stück weiter.

Denn Alexa ist immer da. Immer. Nur wenn Amazon immer mithört, kann Amazon reagieren, wenn irgendjemand irgendwo »Alexa« sagt. Freilich man kann es abschalten. Aber wofür hat man es sich dann überhaupt angeschafft? Das ist der Clou. Genau wie Siri seit dem iPhone 6S liegt auch Alexa stets auf der Lauer und hört damit notgedrungen jederzeit alles mit. Mit ziemlich großen Lauschern, damit man auch bei größerem Umgebungslärm oder aus der Entfernung nicht schreien muss. Ein Schelm, wer in Zeiten der analytischen Eroberung von Big Data Böses bei solchen selbst bestellten großen Lauschangriffen denkt.

Big Brother is listening to you

Alexa und Siri und die namenlosen Fernbedienungen von Samsung-Fernsehern (wieso kommt mir da just Georg Orwells 1984 in den Sinn?) oder Google Home oder die sprechende Puppe Hello Barbie, die mit eben diesen Worten angesprochen internetgestützte Antworten auf Fragen gibt. Alles inzwischen Mithörer unseres Lebens. Mit vernetzten Autos, Smartwatches und anderen Wearables können wir uns bald sogar nicht einmal mehr davor verstecken. Dazu müsste man dann schon nackt auf freies Feld gehen. Und selbst dann läuft man Gefahr, ins Visier (und Gehör) einer Amazon-Logistikdrohne zu geraten.

Obgleich Jahrgang 1967, würde ich mich als jemand, der seit 1995 online ist, den digital natives zuordnen. Als zudem bekennender Science Fiction-Fan bin ich also durchaus fasziniert von dem, was Computertechnologie heute alles vermag. Nichtsdestoweniger fürchte ich zunehmend um die menschliche Selbstbestimmung. Die fraglos schon immer begrenzt war, nun aber ganz zu schwinden droht. Es ist die große Frage, wer wen beherrscht. Wir die Technologie oder die Technologieanbieter beziehungsweise mehr und mehr die autarken künstlichen Intelligenzen uns. Wollen wir Zaubermeister oder Zauberlehrling sein? Gerade fürchte ich – wehe! wehe! – Letzteres. »Herr, die Not ist groß! / Die ich rief, die Geister / Werd ich nun nicht los.«

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