Baltische Staaten warnen vor Verteidigungspolitik mit dem Gelddrucker

Politiker der baltischen Staaten warnen vor den Folgen kreditfinanzierter Verteidigungspolitik. Es wird Zeit, die Russlandpolitik zu überdenken und sich der ökonomischen Realität in der EU zu stellen. Rüstungsbudgets dürfen nicht von Schuldenmachern künstlich aufgebläht werden.

IMAGO / Scanpix
Madis Müller, Chef der Bank von Estland, ist einer der größten Kritiker

Handelte es sich lediglich um eine medientaktische Finte oder um die Vorbereitung einer strategischen Umorientierung der Russland‑Politik der NATO und der EU? In der vergangenen Woche warnten gleich mehrere führende Politiker der baltischen Staaten vor den Folgen einer ausschließlich schuldenfinanzierten europäischen Verteidigungspolitik. Dass diese deutliche Kritik an der Schuldenpraxis ausgerechnet von Vertretern der Staaten der östlichen NATO‑Front stammt, also von der Region, die sich unmittelbar an der russischen Grenze befindet, verleiht der Botschaft besonderen Nachdruck.

Sie wirft die Frage auf: Wie steht es tatsächlich um die Staatsschulden in der Europäischen Union? Wie weit hat sich die Politik in Brüssel, aber auch in den Nationalstaaten, der geldpolitischen Illusion verschrieben, kreditfinanzierte Projekte verstärkt auf das zunehmend dünnere Eis des Anleihenmarktes zu stellen?

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Zu den prominenten Kritikern der schuldenfinanzierten Verteidigungspolitik zählt Madis Müller, Chef der Bank von Estland, der in der vergangenen Woche eindringlich vor der gefährlichen Illusion warnte, hohe Verteidigungsausgaben dauerhaft über die Ausgabe neuer Schulden stemmen zu können. Ihm schloss sich Lettlands Finanzminister Arvīls Aseradens an. Auch er warnte vor einer sogenannten „unfunded debt surge“, also einer nicht tragfähigen Rüstungsexpansion, wie sie derzeit von Brüssel und den führenden Hauptstädten der EU angeschoben werde. Beide forderten eine umgehende Umstrukturierung der Finanzierung der europäischen Verteidigungsbudgets, um die langfristige Tragfähigkeit des Militärapparates sicherzustellen.

Der gesamte Wehretat der Europäischen Union dürfte in diesem Jahr bei etwa 400 Milliarden Euro liegen, ein Viertel davon steuert die Bundesrepublik bei.

Was die beiden nicht explizit aussprachen, was aber unmittelbar aus ihrer Intervention zu schließen ist: Auch und gerade Verteidigungsausgaben müssen auf lange Sicht steuerfinanziert sein und damit ökonomisch aus dem vorhandenen Kuchen geschnitten werden, den die europäische Wirtschaft de facto bereitstellt. Für Politiker wie Lars Klingbeil mag dies eine neue Erkenntnis sein, aber schuldenfinanzierte Staatsausgaben wirken auf die Dauer stets inflationär. Sie erzielen allerdings einen positiven Nebeneffekt und zerstreuen den tatsächlichen Kostendruck in den öffentlichen Haushalten, aber auch im privaten Sektor, den eine expansive Staatsausgabenpolitik auslöst.

Müller und Aseradens warnen explizit vor der Praxis der Europäischen Union, politische Aufgaben zu zentralisieren, eine politische Zielstruktur zu definieren und diese am Anleihenmarkt mit frischem Kredit zu unterlegen, der in letzter Instanz von der Europäischen Zentralbank abgesichert wird. Beide kritisieren die immer deutlicher konturierte Strategie der EU, über eigene Finanzierungsvehikel, nennen wir sie Eurobonds, verstärkt am Kapitalmarkt aktiv zu werden.

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Einen massiven Regelbruch leistete sich die EU‑Kommission mit der Emission des sogenannten „Next Generation EU“‑Fonds. Mit dieser am Anleihenmarkt platzierten Mega‑Anleihe, die ein Kreditvolumen von etwa 800 Milliarden Euro umfasst, hielt die Kommission die notleidenden Haushalte Südeuropas im Zuge der Corona‑Lockdowns liquide. Seitdem boomt vor allen Dingen in Spanien der Aufbau des öffentlichen Sektors, der Staatsbürokratie, mit der üblichen Scheinbeschäftigung in völlig ineffizienten Verwaltungsstrukturen des seit geraumer Zeit insolventen Staates, als zusätzliche Versorgungseinrichtung für politische Karrieristen und deren Paladine.

Wohin eine unseriöse Haushaltspolitik auch im Falle der Verteidigungsausgaben führen kann, lehrt das deutsche Beispiel.

Die Bundesregierung setzt mit ihrem Schuldenschlag auf den psychologischen Effekt, den schuldenbasierten Staatsausgaben in der Regel auslösen: Kurzfristig wirkt das süße Gift des neuen Kredits beschäftigungsfördernd und beruhigend auf die Menschen angesichts der katastrophalen Lage im Land. Langfristig jedoch treibt diese Politik die Inflation massiv an, und der Steuerzahler wird mit immer höheren Abgaben die Lücke schließen müssen, die diese dreiste Verfälschungspolitik in der Gegenwart gerissen hat. Es ist traurig, aber es ist die Wahrheit: Der intellektuelle Horizont der gegenwärtigen Politik bemisst sich bestenfalls an der Dauer von Wahlperioden.

Es fällt immer schwerer, Kausalitäten zu interpretieren, politische Intervention und ihre Folgen richtig zu lesen. Merz erkauft sich mit den Schulden Zeit und überspült den öffentlichen Eindruck, dass sich die gegenwärtige Krise weiter verschärft – wenigstens für kurze Zeit.

Mit dem Argument des billigen Kredits ist es der Bundesregierung gelungen, den deutschen Wehretat von zuletzt etwa 60 Milliarden auf beinahe 111 Milliarden Euro fast zu verdoppeln. Sicherlich: In der Rüstungsindustrie knallen die Sektkorken, die steuerzahlende Mittelschicht bezahlt die Party. Produziert wird jedoch nichts, was der normale Verbraucher in irgendeiner Weise konsumieren könnte – eine Sonderkonjunktur für ganz besondere Interessensgruppen, die ganz besonders wenig dazu beitragen, dass es mit der deutschen Ökonomie eines Tages wieder bergauf gehen könnte.

In Berlin ist man offenkundig felsenfest davon überzeugt, dass es gelingen kann, mit künstlichem Kredit und skalierter Rüstungsproduktion die frei gewordenen Kapazitäten der deutschen Industrie zu schließen. Dies scheint umso dringlicher zu geschehen, da langsam auch in Berlin die Erkenntnis Einzug hält, dass die grüne Katastrophenökonomie, der ideologische Bastard des jüngsten deutschen Moralismus, sichtbar gescheitert ist und immer höheren Krediteinsatz verlangt, um die Illusion der grünen Transformation aufrechtzuerhalten.

Die Politik stolpert von Intervention zu Intervention. Nach vier Jahren russophobischer Dauerpropaganda und eines grotesken Alarmismus, der den Eindruck erzeugte, Russland stünde unmittelbar vor einer Invasion des gesamten europäischen Kontinents, erleben wir nun also den Aufbau einer schuldenfinanzierten Rüstungsindustrie, die aufgrund der wirtschaftlichen Schwäche des alten Kontinents regelrecht vergammeln wird. Allerdings ändert dieser Befund nichts an der Tatsache, dass die Politik selbstverständlich dem Sirenenruf des billigen Geldes verfallen wird. Müllers und Aseradens Kassandra‑Rufe werden ungehört im politischen Nirwana verhallen.

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Kommentare ( 15 )

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Muppetworld
29 Tage her

In dem Land, in dem wir leben, dessen Demokratie auf einem Abhang steht, der von internationalen sozialistischen Ideen unterspült worden ist, ist das ignorieren der Wirklichkeit zur Staatsräson geworden.
Ich hatte einmal eine KI dazu befragt und versucht, möglichst genaue Zahlen zu verschiedenen Problemen dieses Landes als Basis für Lösungsansätze durch die KI zu finden. Das Ergebnis war nie von Hoffnung geprägt.
Eher das Gegenteil… Im allgemeinen wurde empfohlen, sofort Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Die Wahrscheinlichkeit der Maßnahmen darf sich hier jeder selbst ausrechnen…

UHUvogel
29 Tage her

Sich mit dem großen Nachbar Russland ohne Not massiv anzulegen, war die dämlichste Entscheidung der baltischen Giftzwerge der letzten Jahre. Auf die EU ist kein Verlass wenn es hart auf hart kommt. Eine gute wirtschaftliche Beziehung mit Russland wäre das beste, was Litauen, Lettland und Estland anstreben sollte. Es muss keine Liebe sein, aber gegenseitiger Respekt und Handel würden den Menschen in den Ländern am meisten helfen. So, wie es aktuell die georgische Regierung versucht.

Wilhelm Roepke
29 Tage her

Widerspruch, die Rufe werden NICHT ungehört verhallen, aber die Frage lautet, wen Sie meinen? Die aktuelle politische Klasse wird es nicht hören, insoweit haben Sie recht. Aber die Akteure am Anleihemarkt werden es hören, die Ratingagenturen, die Gläubiger, die großen privaten Anleiheemittenten.

humerd
29 Tage her

Einzelne Politiker der baltischen Staaten warnen vor den Folgen kreditfinanzierter Verteidigungspolitik, weil sie Sorge haben auch mit bezahlen zu müssen?

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Teiresias
29 Tage her

Sie ahnen, daß der Krieg um Russlands Ressourcen nicht zu gewinnen ist.
Beim Zerfall von EU/NATO stünde das Baltikum den Russen allein gegenüber.
Dann würde sich die grössenwahnsinnige Kriegstreiberei, die sich die Balten mit NATO und EU im Rücken herausgenommen haben, furchtbar rächen.
Deshalb haben sie eine solche Angst vor der Pleite der EU.

giesemann
29 Tage her

Russland soll wieder in den NATO-Russlandrat zurückkommen. Als erster Schritt.

giesemann
29 Tage her

Die NATO muss den Russen im Kreml eine Brücke bauen, wie sie aus ihrem selbstverschuldeten Schlamassel wieder heraus kommen. Ich denke auch, China ist ein Pulverfass, das jederzeit hochfetzen kann. Pu, der Süßsaure weiß das wie kein anderer. Sollte China -deswegen – auf die Idee kommen, im Osten Russlands die „Ungleichen Verträge“ revidieren zu wollen, dann wird Russland noch froh sein, wenn es mit dem Westen, der NATO kooperiert. Auch Japan spielt da eine Rolle. Man denke nur an die „Skurilen“. Im Osten Russlands, russisch wostok geht es um weit mehr als solche peanuts wie Donbas und Krim. Das muss… Mehr

Musteridiot
29 Tage her

Die extrem hohen Rüstungsausgaben der UdSSR führten damals in den 80ern mit zum finanziellen Staatskollaps. Vielleicht sollten sich manche Politiker hierzulande daran erinnern. Auch wir haben eine finanziell kritische Lage und gleichzeitig stehen für die Rüstung und Verteidigung quasi unbegrenzt viel Geld zur Verfügung. Zumindest im Ansatz kann man also Parallelen zur UdSSR von damals erkennen. Aber anders als in der UDSSR, als man Geld für utopische Projekte, riesige Atom-U-Bootflotten und Raketen ausgab, befürchte ich bei der Bundeswehr eher, dass ein Großteil der Mehrausgaben einfach in erstaunlich stark gestiegene Anschaffungspreise geht. Weil es schnell gehen soll und niemand in unserer… Mehr

Schmidtrotluff
29 Tage her

Alle Europäer außer den 5 Blackrockern/ GoldmanSachsern Merz, Macron, Starmer, Sanchez, vdL sind Realisten. Die Balten erst recht. Ohne Ressourcen keine Macht. Dieses Souffle´der Satanisten wird in sich zusammenfallen. So wie bei Harry Potter – der dessen Name nicht genannt werden darf, zerfällt zu Staub. Dauert es noch Stunden, Tage, Wochen ?

A-Tom
29 Tage her

In Berlin sollte man sich eventuell einmal überlegen, ob es richtig ist, dass ein Land von der Größe Dt.’s seine Außenpolitik nach den Interessen von Zwergstaaten ausrichtet und sich am Nasenring durch die Manege führen läßt. Die Verschlechterung der Beziehung zu Russland begann ja bereits vor über 30 Jahren. Lange Zeit haben Dt. Kanzler den Zwergenaufstand ingnoriert. Mit Fr. Merkel und noch schlimmer den Herren Scholz und Merz hat sich das geradezu in eine Unterwürfigkeit entwickelt. Nach der Aufstockung der Rüstungsetats und noch mehr militärischer Unterstützung und Konfrontation mit Russland haben doch die Balten doch immer am lautesten gerufen. Jetzt,… Mehr