Die Schlange bewegt sich vom Schlusslicht her: Berlin und Brandenburg weisen in vielen wirtschaftsrelevanten Bereichen die höchsten Zuwachsraten der deutschen Bundesländer aus – nachdem die Hauptstadt und ihr Umland lange die magerste wirtschaftliche Entwicklung zeigten. Zusammen sind sie unwiderstehlich. Glamour und Glanz Berlins amalgieren mit billigen Gewerbeflächen und Gewerbesteuern in Brandenburg zu einer Erfolgsmischung. Wer in Berlin was geworden ist, zieht nach Potsdam, um mit Blick auf die Havel und dem Rücken zu den Plattenbauten ein neues bürgerliches Arkadien zu pflegen. Es ist ein Erfolg, der der zunächst gescheiterten Länderreform neuen Schwung geben könnte. Und im Westen gibt es mit dem Saarland, mit Rheinland-Pfalz und Bremen noch weitere, die allein zu klein sind, um mit den Großen mithalten zu können.

VON Roland Tichy | Sa, 4. September 2010

Wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre, läge die Koalition aus Union und FDP rund zwölf Prozentpunkte hinter Rot-Grün, so die Meinungsforscher von Allensbach. Gerade bei Wählern, die sich selbst als konservativ bezeichnen, spürt man eine tief sitzende Unzufriedenheit. Es ist das kränkende Gefühl, von der CDU nicht mehr gewollt zu sein; ja sogar, dass die Stimmen dazu missbraucht würden, um der Bundeskanzlerin die Macht zu erhalten, bis sie ihre Zukunft bei den urbanen, emanzipierten Lebensstilgrünen in den Großstädten gefunden hat.

VON Roland Tichy | Sa, 28. August 2010

Die Auftragslage der deutschen Industrie bessert sich fast täglich, die Wirtschaft wächst wie schon lange nicht mehr – die Frage über den Wirtschaftsverlauf nach der Finanzkrise scheint beantwortet: Ein kräftiger Absturz, dann wieder aufwärts, bildhaft also ein scharfes V, so sieht der Konjunkturverlauf aus, der auch auf unserer Titelseite abgebildet ist. Alles deutet darauf hin, dass wir wieder an die gute Lage des Jahres 2008 anschließen könnten. Fast alles jedenfalls.

VON Roland Tichy | Sa, 21. August 2010

So schnell kann’s gehen: Während noch vor einem Jahr, ach was, einem Monat der wirtschaftliche Weltuntergang beschworen wurde, jammert jetzt die Industrie über Facharbeitermangel. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle denkt darüber nach, wie Deutschland für Zuwanderer attraktiver werden könnte. 

VON Roland Tichy | Sa, 14. August 2010

Kaum hat die veröffentlichte Erregung die Street-View-Autos gestoppt, mit denen Google unsere Straßen und Hausfassaden aufzeichnet und weltweit verfügbar macht – und schon denkt der große Datenbruder über fliegende Augen nach, die wie große, brummende Hummeln über unsere Hinterhöfe und Terrassen schwirren und damit auch den letzten schäbigen Rest unserer Privatheit auf alle Bildschirme der Welt zerren könnten. Fliegende Drohnen mit Kameras, so billig wie ein Dacia mit Klimaanlage, sind die Entwicklung eines jungen Unternehmens aus dem braven Siegerland. 

VON Roland Tichy | Sa, 7. August 2010

Wer will noch eine neue Steuer erfinden, eine Gebühr erhöhen, die Abgaben anziehen? Die vielarmige Krake Staat saugt die Bürger und Unternehmen in noch nie da gewesener Art aus. Beispiele gefällig? ARD und ZDF: Sie dürfen bald jeden Haushalt für seine schiere Existenz besteuern, auch wenn seine Bewohner blind und taub sind – kassiert wird immer.

VON Roland Tichy | Sa, 31. Juli 2010

In diesen Tagen überholt die Wirklichkeit in den Fabriken die Prognosen der volkswirtschaftlichen Abteilungen. Automobilzulieferer aus dem Fränkischen holen ihre Leute am Sonntag aus der Kirche in die Fabrik; Chemieunternehmen wundern sich, wozu ihre Spezialchemikalien eigentlich in so rauen Mengen gebraucht werden, den Reedern werden Container knapp, und geparkte Frachtflugzeuge rollen wieder auf die Startbahn. Mittlerweile werden auch wieder neue Jobs geschaffen. In Deutschland zeigt die Konjunktur so steil nach oben wie zuletzt der aufgezwirbelte Schnurrbart von Wilhelm Zwo.

VON Roland Tichy | Sa, 3. Juli 2010

Diese Zahl ist eine gute Botschaft: Schon im Herbst könnte die Arbeitslosenzahl unter drei Millionen fallen – das wäre die niedrigste Arbeitslosigkeit seit November 2008. Man soll ja nicht vor dem Schlusspfiff Hurra schreien, und die Gefahr eines Konjunktureinbruchs bleibt bis zum kommenden Frühjahr wegen der desolaten Lage der Banken und vieler Staaten bestehen. Aber der schärfste Einbruch der Wirtschaft liegt hinter uns; und dabei ist die Arbeitslosenzahl nicht, wie befürchtet, auf fünf Millionen angestiegen.

VON Roland Tichy | Sa, 26. Juni 2010

Eine gefährliche Zuspitzung beherrscht den politischen Diskurs in Europa: Ein guter Europäer ist, wer die Verteidigung des Euro unterstützt, um jeden Preis. Denn das Projekt des gemeinsamen Europas ist an den Euro gebunden und angesichts der Erfahrung der Selbstzerfleischung jeden Preis wert. Nach dieser Logik ist ein schlechter Europäer, wer die sich überschlagenden Rettungsmaßnahmen in Fantastilliardenhöhe und das Aufweichen früherer Vereinbarungen zur Sicherung der Geldwertstabilität kritisiert. In eine radikale Schmuddelecke zu den bösen Spekulanten des Weltfinanzwesens stellt sich, wer über ein geordnetes Ende des Euro-Experiments nachdenkt.

VON Roland Tichy | Sa, 19. Juni 2010

Würde das Land besser regiert, wenn mehr Manager und Unternehmer politische Ämter übernähmen? Die Frage ist aktuell, seit Horst Köhler, ein Finanzfachmann ersten Rangs, vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten ist – vom politischen Betrieb zutiefst angeekelt und zermürbt.

VON Roland Tichy | Sa, 12. Juni 2010

Bei allen nationalen Unterschieden gilt: Nirgendwo auf der Welt lebt es sich so angenehm wie in Europa: Die Urlaubszeiten sind am längsten, die Ausbildung ist lange Zeit gratis und der Berufseintritt sehr spät; dafür beginnt dann die Rente sehr früh. Die Gesundheitsversorgung ist allumfassend, der Kündigungsschutz am entschiedensten. Die Grundversorgung für Erwerbslose am höchsten, der Strauß an Sozialleistungen am buntesten. Die europäischen Unternehmen schließlich werden mit der Peitsche der Gesetzgebung auf einen klimaschonenden Kurs oder in andere Weltregionen getrieben.

VON Roland Tichy | Sa, 5. Juni 2010

Gold ist streckenweise ausverkauft, beim Notar herrschen Wartelisten für die Beurkundung von Immobilienkäufen. Schweizer Banken schaufeln deutsches Fluchtgeld in die Tresore – allerdings retten sich die Deutschen nicht vor dem Finanzamt, sondern vor Inflation und Währungsreform. Es sind nicht Reiche, sondern Riester-Rentner, die ein paar Krügerrands kaufen, und die Familien der Mittelschicht, die die praktischen Brückentage zu einem kleinen Abstecher nach Zürich nutzen, um dort etwas für die Ausbildung der Kinder oder das Alter zu hinterlegen.

VON Roland Tichy | Sa, 29. Mai 2010

Wie ich mich freue auf die kommenden Debatten in Berlin: Dann wird wieder diskutiert, wie und wo gespart werden soll. Schon werden die vergilbten Listen mit dem subventionspolitischen Allerlei hervorgekramt: Steuerfreiheit von Nacht- und Feiertagszuschlägen, Mehrwertsteuererhöhung, Reichensteuer, Pkw-Maut, Rentenkürzungen, höhere Beiträge zu Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung.

VON Roland Tichy | Fr, 21. Mai 2010

Eine Währungsreform ist die Änderung von relevanten Merkmalen einer Währung. Die jüngste Währungsreform liegt gerade eine Woche hinter uns, sie datiert auf den 9. Mai 2010. Seither ist der uns bekannte Euro verschieden, und eine neue, inflationsgefährdete Weichwährung ist entstanden. Das innere Gefüge, die bisherigen Merkmale der Währungsunion, wurde über Nacht fast putschartig manipuliert.

VON Roland Tichy | Sa, 15. Mai 2010

Wir erleben eine existenzielle Krise Europas, es wird noch viel mehr Geld verbrannt werden – und doch gibt es zu einer vertieften Integration keine wirkliche Alternative.

VON Roland Tichy | Sa, 8. Mai 2010

Mit innovativer Wirtschaftspolitik versuchte Wilhelm V., Herzog von Bayern, 1589 dem drohenden Staatsbankrott zu begegnen. Er gründete das staatliche Hofbräuhaus, um seinen Hofstaat vom teuren Importbier aus Einbeck in Niedersachsen unabhängig zu machen. Den Bankrott konnte er so nicht vermeiden, wohl aber sein Sohn Maximilian I., der mit einem Weißbiermonopol die Bürger zur Kasse bat und damit tumultartige Zustände auslöste.

VON Roland Tichy | Fr, 30. April 2010

Manchmal hört man ja noch Dorthe Kollos Erfolgssong von 1968 „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, schöner Playboy, Du wirst nie ein Cowboy sein…“.

VON Roland Tichy | Sa, 24. April 2010

Ach, was waren das noch für einfache Zeiten, als Bertha Benz sich über den in Selbstzweifeln verfangenen Herrn Gemahl ärgerte, der der eigenen Erfindung nicht traute: Bertha packte die Kinder auf die komische Kutsche ohne Pferde und los ging’s zur Probefahrt in die Epoche des Verbrennungsmotors. Das Auto verdanken wir einer Frau, die das Werk eines grüblerischen Ingenieurs resolut durch das Hoftor schob.

VON Roland Tichy | Sa, 17. April 2010

Irgendwie verfliegt die Zeit immer schneller, jedenfalls politisch. Kaum haben wir den Bundestag gewählt und gewöhnen uns gerade an die Gespreiztheit des Gefieders unseres Bundesaußengockels, da werden schon wieder die Ausgangspositionen für die nächste Bundestagswahl bezogen. Es geht um Steuersenkungen, das Haupt- und Lieblingsthema der FDP, für viele der Grund, bei der letzten Wahl erstmals bei den Liberalen das Kreuzchen zu machen. Dabei geht es nicht nur um niedrigere Steuern, mehr noch um gerechtere und einfachere.

VON Roland Tichy | Sa, 27. März 2010

Bundeskanzler treten mit einem politischen Programm an. Aber das reicht nicht für einen Eintrag ins Buch der Geschichte. Seit Konrad Adenauer, dem kühlen Gründer des halben Deutschlands, der das Ganze nicht kriegen konnte, suchen sich die Probleme ihre Kanzler. Von Helmut Schmidt bleibt nicht die Ökonomievorlesung – sondern sein Einstehen für den Nachrüstungsbeschluss gegen die eigene Partei. Helmut Kohl ist der Kanzler der Wiedervereinigung. Gerhard Schröder hat die Agenda 2010 gegen den Widerstand der Populisten gehalten.

VON Roland Tichy | Sa, 20. März 2010