Es ist wieder schick, über das Feld zu stapfen, in grünen, feuchten Gummistiefeln, an denen Lehm und Erde kleben – Hauptsache, es ist die eigene Scholle, die da brockenweise mitmarschiert.

Wer sich keinen eigenen Forst oder Acker leisten kann, der träumt davon – ein ganzes Segment neuer Zeitschriften schwelgt in Bildern vom erdverbundenen, ehrlichen Leben auf dem Lande. Internet-Versender bieten poppige Designer-Hühnerställe und grelle Bienenstöcke für Vorgarten und Balkon an. Und wenn erst die Frühlingssonne lockt, dann stauen sich die Käufer in den Gartensupermärkten für den Kauf der Wegwerfhybridstaude und Einmal-Bäumchen.

VON Roland Tichy | Sa, 29. Januar 2011

Wolfgang Ruge durchlebte ein tragisches, sehr deutsches Schicksal: 1933 flieht der begeisterte Jungkommunist vor Hitler in die Sowjetunion, wird dort an Eliteschulen ausgebildet, studiert und verschwindet wegen seiner deutschen Herkunft im Todeslager Nr. 239.

Er überlebt und wird in Ost-Berlin Parteihistoriker. Nach der Wende wird sein Institut abgewickelt, er publiziert aber weiter in der SED-Zeitung „Neues Deutschland“.
Jetzt, fünf Jahre nach seinem Tod, wird ein Manuskript gedruckt, in dem er sein enormes historisches Wissen, seine bittere Lebenserfahrung und seine eigenen Lebenslügen zu einem großen Werk verdichtet hat – eine Biografie Lenins, des gefeierten, verehrten und verherrlichten Gründers der ursprünglichen Kommunistischen Partei, einer Partei, deren artgleiche Klone die halbe Welt beherrschten. Auch die heute in Deutschland auftretende Linke ist die Rechtsnachfolgerin der SED, einer Partei leninistischen Typs.

VON Roland Tichy | Sa, 22. Januar 2011

In den Siebzigerjahren beherrschte eine Angst die deutschen Medien: Sie trug die Farbe Blau und bestand aus drei Buchstaben: IBM.

Der Computerhersteller wurde als die große globale Datenkrake gefürchtet, die bald das gesamte Wissen der Welt sammeln und ausbeuten würde. Die große Angst schien berechtigt – immerhin zwei Drittel Weltmarktanteile entfielen auf den Riesen. Und heute? Es hat sich alles geändert – nur die deutschen Ängste nicht. IBMs Riesencomputer wurden von Steve Jobs Personalcomputern zerlegt und von asiatischen Konkurrenten zerschlagen.

VON Roland Tichy | Sa, 15. Januar 2011

Ohne menschliche Eingriffe wäre Deutschland immer noch von dichten Laubwäldern bedeckt; durch Unterholz und Farne bräche gelegentlich eine Rotte Wildschweine, in den Wipfeln wäre keine Ruh’.

Der berühmte deutsche Wald ist eher arm an Tier- und Pflanzenarten. Immer wieder hat die Umgestaltung der Landschaft auch geistesgeschichtliche Veränderungen provoziert: Der Verlust des Waldes sorgte für eine überschäumende Naturromantik; gegen die Verstädterung und Industrialisierung zogen sozialdemokratische Naturfreunde, libertäre Wandervögel, bürgerliche Wandervereine und eine völkische Bewegung in die „freie“ Natur hinaus. Das „Waldsterben“ der Siebzigerjahre war der Wendepunkt hin zu einer Ökologisierung des Bewusstseins, das von den Rändern in das Zentrum von Politik und Wirtschaft wucherte.

VON Roland Tichy | Sa, 8. Januar 2011

Deutschland, ein Weihnachtsmärchen: Die Arbeitslosigkeit sinkt, Lohnsteigerungen werden vorgezogen, und für den Dax ist ein Kursniveau von weit über 8000 erreichbar. Zuversicht hat die Einkaufstüten so prall gefüllt wie die Auftragsbücher in fast allen Branchen – selbst die Autoindustrie, die mit ihren schweren Kisten ja angeblich am globalen Markt vorbei produziert, schiebt Sonderschichten zwischen den Jahren, statt Stille Nacht am Fließband zu üben. 

VON Roland Tichy | Do, 23. Dezember 2010

Wenn die Lage besonders unübersichtlich wird, sollte man mit dem ganz Einfachen anfangen – das gilt auch für die Krise des Euro.
Also: Geld- und Währungspolitik soll für Stabilität sorgen und die Kaufkraft des Geldes sichern. Nur wenn die Sparer darauf vertrauen können, dass ihre Guthaben nicht weginflationiert werden, tauschen sie ihre Geldmittel nicht in Gold, andere Währungen oder Sachanlagen um, sondern leihen sie für Investitionen her und ermöglichen so wirtschaftliches Wachstum. Die Investoren wiederum brauchen stabile Preise, Zinsen und Wechselkurse als Planungsgrundlage. Das ist schon eine komplizierte Angelegenheit, deshalb wurden unabhängige Zentralbanken geschaffen, deshalb beschäftigen sich viele Wissenschaftler mit diesen Kernfunktionen als Voraussetzung einer modernen Wirtschaft.

VON Roland Tichy | Sa, 18. Dezember 2010

Mittlerweile beschimpfen sich europäische Politiker in einer noch nie da gewesenen Offenheit.
So wirft Jean-Claude Juncker, als luxemburgischer Premier einer der Zaunkönige Europas, der Bundeskanzlerin vor, sie denke „uneuropäisch“ und habe das Wesen einer gemeinsamen „Euro-Anleihe“ und einer Europäischen Schuldenagentur „nicht verstanden“. Da ist nicht viel zu begreifen. Rund 1700 Milliarden Euro deutsche Staatsschulden müssten dann nicht zu den bisher niedrigeren Zinsen für den guten Schuldner Deutschland umgeschuldet werden, sondern zu deutlich höheren Zinsen – je nach Fälligkeitsstruktur und Zinssatz pro Jahr ein zweistelliger Milliardenbetrag.

VON Roland Tichy | Sa, 11. Dezember 2010

Das ist ja nun mal eine echte Sensation, dass den Amerikanern Angela Merkel als nicht besonders risikobereit gilt (das Gegenteil erschiene mir viel gefährlicher), dass US-Diplomaten Horst Seehofer als „unberechenbar“ und Dirk Niebel als „schräge Wahl“ bezeichnen: Klingt irgendwie wie abgeschrieben. Welche Qual muss es für die 50 Kollegen vom „Spiegel“ gewesen sein, sich wochenlang durch den Datenmüll zu quälen, um wenigstens ein paar Bösartigkeiten herauszudestillieren? 

VON Roland Tichy | Sa, 4. Dezember 2010

Der Euro entpuppt sich als deprimierendes Experiment an Menschen und Wirtschaft: Er wurde gegen den Rat der Bundesbank eingeführt, die warnte, dass eine Währungsunion ohne eine gemeinsame Wirtschaftspolitik kaum werde funktionieren können. Jetzt zeigt sich: Der Euro hat nur verdeckt, dass sich die Volkswirtschaften, statt sich zu harmonisieren, ständig weiter auseinanderentwickeln: In Deutschland fuhren alle Regierungen seit Helmut Kohl einen letztlich neoliberalen Kurs; die Angebotsseite wurde gestärkt; Sozialleistungen begrenzt; die Haushalte halbwegs solide finanziert, der Arbeitsmarkt flexibilisiert.

VON Roland Tichy | Sa, 27. November 2010

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande – so hebt Friedrich Schillers große Ballade „ Die Bürgschaft “ an. Sie wird gelesen als Hohelied höchster Freundestreue. Hier die Internet-Variante: Damon, der Möchtegern-Tyrannenkiller, wird ertappt und zum Tod verurteilt. Er erhält noch schnell drei Tage Freigang, um seine Schwester zu verheiraten. Als Bürge geht sein Kumpel in den Knast. Damon kriegt die Schwester zwangsverheiratet, aber ist per Bahn unterwegs. Die ist verspätet, mit dem Ende des Freigangs aber wird der Freund kaltgemacht und Damon haut deshalb richtig rein. Er kommt gerade noch pünktlich, um den Kumpel zu befreien: „Mich, Henker“, ruft er, „erwürget! Da bin ich, für den er gebürget!“ 

VON Roland Tichy | Sa, 20. November 2010

Nach dem Schock der Finanzkrise ist die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt: Dem drohenden „Weltwährungskrieg“ widmen sogar die Wirtschaftsweisen ein ratloses Kapitel in ihrem jüngsten Jahresgutachten. Es ist ein apokalyptisches Sprachbild. Tatsächlich hat die Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre auch zu währungspolitischen Auseinandersetzungen und zu Handelskriegen geführt. Die Welt wurde ärmer, und die sozialen Spannungen waren einer der Gründe, die ausgehend von Deutschland zum Zweiten Weltkrieg führten. Sind wir schon wieder so weit?

VON Roland Tichy | Sa, 13. November 2010

Es war ein Bestseller des Jahres 1995, und der Titel lautete lapidar: „Das Ende der Arbeit“. Dabei hatte der Soziologe Jeremy Rifkin zu Papier gebracht, was seit Anfang der Achtzigerjahre in Deutschland als politisches Programm galt: dass uns die Arbeit ausgeht und die immer knapper werdende Arbeit gleichmäßiger auf alle Schultern verteilt werden müsse. Der Deutsche Gewerkschaftsbund ließ die Massen für die 35-Stunden-Woche demonstrieren, der Arbeitsminister schickte die Arbeitnehmer schon als 50-Jährige in die Rente, und die Studienzeiten wurden verlängert; schon seit 1973 galt ein Anwerbestopp für Ausländer. Jedes Jahr wurde zum 1. Mai ein allgemeines Überstundenverbot gefordert.

VON Roland Tichy | Sa, 6. November 2010

Es ist Partystimmung, zumindest in den Börsensendungen, seit der Deutsche Aktienindex einen kleinen Bullensprung auf über 6600 Punkte getan hat. Nun wäre es ja auch verkehrt, solche Feiern durch apokalyptisches Krisengerede verderben zu wollen: Wirtschaftswachstum und Rückgang der Arbeitslosigkeit sind echte Lichtblicke (siehe Seite 22). Aber ein paar relativierende Fakten sollten schon berücksichtigt werden: Auf dem Arbeitsmarkt ist es weniger der wachsende Personalbedarf, der die Arbeitslosenzahl unter die magische Drei-Millionen-Grenze gedrückt hat. Viele der neuen Stellen sind befristet und so schlecht bezahlt, dass sie kaum zum Leben reichen. Das ist zwar besser als gar keine neuen Arbeitsplätze; aber so recht zum Jubeln auch nicht. Und: Unsere Bevölkerung schrumpft und wird älter, wir haben immer weniger junge Arbeitskräfte. Deutschland kann nicht mehr wachsen.

VON Roland Tichy | Fr, 29. Oktober 2010

Diesen Sommer hat uns die Bundesregierung noch Grille sein lassen. Wir durften in den Tag hineinleben wie das leichtlebige Insekt in Jean de La Fontaines Fabel. Der gesetzliche Zwang, vorzusorgen und unsere Häuser oder Wohnungen zu dämmen, bis kaum mehr ein Fürzchen Wärme durch Mauer, Dach und Fenster entweichen kann, wurde ausgesetzt. Vorerst. Dabei wird es nicht bleiben. Energieverordnungen und Bauvorschriften werden ständig verschärft, irgendwann wird doch die ganz große grüne Gesetzesklatsche niedersausen, um uns auf den Weg der Ameise zu zwingen, die im Sommer emsig vorsorgt für den kalten Winter. 

VON Roland Tichy | Sa, 23. Oktober 2010

Einen „Aufschrei“ richten Altersheime an die Politik – ohne Pflegekräfte aus dem Ausland droht der Pflegenotstand. Die kirchlichen Einrichtungen zitieren den Kirchenvater Augustinus. „Gott versprach Deiner Reue Vergebung, nicht aber Deiner Saumseligkeit einen neuen Tag“. Das war 1989. Seither ist wenig geschehen. 300.000 Mitarbeiter fehlen allein in privaten Pflegeheimen, klagten die Betreiber vergangene Woche und hoffen auf einen „Herbst der Entscheidung“, der endlich die Einwanderung liberalisieren soll.

VON Roland Tichy | Sa, 16. Oktober 2010

Was waren das noch für klare Fronten in den Siebzigern und Achtzigern: Da wurde um die ganz großen Fragen gerungen – Freiheit statt Sozialismus, um Wiederaufarbeitungsanlagen, um Atomraketen auf deutschem Boden.

VON Roland Tichy | Sa, 9. Oktober 2010

Mein persönliches Unwort des Jahres ist „Alternativlosigkeit“. Damit wurde uns der Bankenrettungsschirm (500 Milliarden Euro) serviert, kurz darauf die Griechenlandhilfe (deutscher Anteil 22 Milliarden) und der Euro-Rettungsschirm (deutscher Anteil bis 148 Milliarden). Seither wird die Alternativlosigkeit inflationiert: Für die Befürworter ist die Tieferlegung des Stuttgarter Bahnhofs alternativlos, für die Kernkraftwerksbetreiber die Laufzeitverlängerung, und für die Ökoszene sind es Windräder und Solarpanele. 

VON Roland Tichy | Sa, 2. Oktober 2010

Es wird ja heutzutage allerlei geschrieben über Quoten für Frauen in Führungspositionen, in Vorständen und Aufsichtsräten. Eine letzte Männerdomäne gilt es zu schleifen! 

VON Roland Tichy | Sa, 25. September 2010

Der politische Konservatismus kommt von conservare, erhalten. Es ist paradox, dass Konservative so gar nichts erhalten, sondern Deutschland am nachhaltigsten verändert haben. Konrad Adenauer steht für Wiederaufbau und Marktwirtschaft, Westbindung, Wiederbewaffnung, Atomprogramm, Rentenreform und Anwerbeprogramm für Gastarbeiter. Er integrierte zentrifugale Kräfte in Partei und Regierung und nahm so Katholiken und Protestanten, West- und Süddeutsche, Vertriebene ebenso wie Alteingesessene mit auf den wilden Ritt in die Moderne. Aber die rasante „Amerikanisierung“ des Lebensgefühls wurde erst durch das gefühlte Versprechen ermöglicht, „der Alte“ werde schon dafür sorgen, dass der Kaffee in der Tasse bleibt. 

VON Roland Tichy | Sa, 18. September 2010

Bundeskanzler Helmut Schmidt schlägt in der WirtschaftsWoche einen weiten Bogen über die Siebzigerjahre bis in die Gegenwart: Den Zusammenbruch des damaligen Währungssystems fester Wechselkurse benennt er als die eigentliche Ursache für die Finanzkrise, an deren Folgen wir noch immer laborieren.

VON Roland Tichy | Sa, 11. September 2010