Geschichten aus Moskau: Wer Sebastian Kurz gestürzt haben will

Liefern Details aus bisher geheimen Ermittlungsakten ein neues Motiv für den Rücktritt des früheren österreichischen Kanzlers Sebastian Kurz? Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek, der seit Juni 2020 mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, soll jedenfalls damit angeben, Kurz „erfolgreich gestürzt“ zu haben.

Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz. IMAGO / photonews.at
Âphotonews.at/ - Wien, 26.05.2025. In erster Instanz wurden Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz.

Der in Moskau lebende Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek soll sich in Textnachrichten an seinen mutmaßlichen russischen Agentenführer Orlin Roussev damit gebrüstet haben, an einer Operation beteiligt gewesen zu sein, die Sebastian Kurz zu seinem Rücktritt gezwungen hätte. Das steht zumindest so in einem Bericht des britischen Telegraph und sei auch in Dokumenten nachzulesen, die dem Axel Springer Global Reporters Network vorliegen.

Wiederholungstäter und Russland-Spion
Ex-Wirecard Vorstand Marsalek unter Geldwäscheverdacht
Marsalek, der seit Jahren im Verdacht steht, für russische Nachrichtendienste – insbesondere GRU und FSB – gearbeitet zu haben, schrieb am 22. Oktober 2021 unter dem Decknamen „Rupert Ticz“, man habe den österreichischen Kanzler gestürzt, indem das Mobiltelefon eines Mannes beschlagnahmt worden sei, der die „geheime Wahlkampffinanzierung“ verwaltet habe. Damit könnte offenbar Thomas Schmid, der frühere Generalsekretär im Finanzministerium, gemeint sein – für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Dessen Handy war bereits im November 2019 sichergestellt worden und lieferte zentrale Beweise für die Korruptionsermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Österreichische Ermittler hielten in den Akten fest, Jan Marsalek habe unmissverständlich von einer erfolgreichen Operation gesprochen und die Beteiligung an der Beschlagnahme eingeräumt. Unabhängig belegt ist die Behauptung jedoch nicht, und unklar bleibt zudem, ob er mit „wir“ Wirecard oder einen russischen Dienst meinte.

Marsalek soll für Russland arbeiten

Als diese Textnachrichten verschickt worden sind, lebte Jan Marsalek bereits in Moskau und arbeitete laut britischen Ermittlern primär für den FSB. Agentenführer Orlin Roussev, Anführer eines bulgarischen Spionagerings in Großbritannien, wurde später zu mehr als zehn Jahren Haft verurteilt. Britische Behörden bezeichnen Marsaleks Aktivitäten als Spionage „im industriellen Maßstab“. Und westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass er bereits 2014 von der GRU rekrutiert wurde und Wirecard-Strukturen nutzte, um Gelder für russische Operationen zu bewegen.

Sebastian Kurz selbst hat die neuen Vorwürfe bisher noch nicht kommentiert. Aus seinem Umfeld hieß es gegenüber internationalen Medien, er habe die Korruptionsvorwürfe stets für politisch motiviert gehalten und sei schockiert über eine mögliche russische Verbindung gewesen. Kurz trat am 9. Oktober 2021 als Bundeskanzler zurück: Der damals 35-jährige Kanzler stand unter dem Druck einer Korruptionsuntersuchung, bei der ihm und engen Vertrauten vorgeworfen wurde, öffentliche Gelder für günstige Meinungsumfragen und Medienberichterstattung eingesetzt zu haben. Die ÖVP-Grünen-Koalition stand vor dem Kollaps, Opposition und Partnerpartei forderten seinen Rücktritt. Am 11. Oktober 2021 wurde er offiziell von Bundespräsident Alexander Van der Bellen entlassen, Außenminister Alexander Schallenberg übernahm das Amt. Kurz blieb zunächst Parteichef und Abgeordneter, verließ die Politik jedoch vollständig am 2. Dezember 2021.

Warum sollte Moskau den Rücktritt wollen?

Langjährige Bekannte des jetzigen Cybersecurity-Unternehmers bezweifeln den Wahrheitsgehalt der Geschichten aus Moskau: Sebastian Kurz dürfte im Herbst nicht nur innerparteilich aufgrund der Korruptionsermittlungen, die bis heute noch nicht zu einer Anklage geführt haben, massivem Druck ausgesetzt gewesen sein, er kursierten auch Gerüchte über ein ohne sein Wissen aufgenommenes Video – sollte dieser Mitschnitt im Stil des bekannten Ibiza-Videos, das seinem Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache den Job gekostet hat, tatsächlich existieren, wäre der damalige Kanzler erpressbar gewesen.

Die nun vom Telegraph veröffentlichten Nachrichten finden sich in einem Ermittlungsakt, der sich unter anderem um die Unterstützung eines ausländischen Geheimdienstes und Einmischung in die österreichische Politik dreht.

Und das britische Medium geht auf eine wesentliche Frage gar nicht ein: Warum sollte ein russischer Geheimdienst daran Interesse haben, den Rücktritt eines nicht wirklich Russland-kritischen Politikers zu erpressen?

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