Wieder ein Angriff auf das deutsche Stromnetzwerk: diesmal in Reutlingen. Und wieder gehen Sicherheitsbehörden von einem Anschlag aus.
picture alliance/dpa | Christoph Schmidt
Am frühen Montagmorgen waren rund 40.000 Menschen in Reutlingen und den umliegenden Gemeinden Pfullingen, Eningen und Metzingen stundenlang ohne Strom. Ursache war ein Brand in einem Umspannwerk des Netzbetreibers FairNetz. Als Feuerwehr und Techniker die Anlage untersuchten, stießen sie auf mehrere Brandstellen sowie Beschädigungen am Zaun und auf dem Gelände.
Das Landeskriminalamt ermittelt wegen Verdacht auf Brandstiftung. Nicht nur rund 20.000 Stromkunden waren betroffen, auch Krankenhäuser mussten auf Notstrom umschalten, geplante Operationen wurden verschoben.
Die Folgen waren erheblich. Feuerwehr, Rotes Kreuz und Malteser bereiteten Notfalltreffpunkte für die Bevölkerung vor, damit Handys geladen, medizinische Geräte betrieben oder Babynahrung erwärmt werden konnte. Zeitweise waren mehr als 200 Einsatzkräfte damit beschäftigt, die Auswirkungen des Stromausfalls abzufedern.
Wer ein Umspannwerk angreift, handelt nicht spontan. Eine solche Tat erfordert präzise Planung. Die Täter nehmen dabei in Kauf, dass Menschen, die auf lebenserhaltende Stromgeräte oder Operationen angewiesen sind, langfristigen Schäden davontragen und im schlimmsten Fall sogar versterben.
Kein Einzelfall
Reutlingen ist kein Einzelfall. Erst Ende Mai wurden bei Garching bei München zwei Hochspannungsmasten in Brand gesetzt. Rund 15.000 Haushalte waren zeitweise ohne Strom, Staatsschutz und die bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus übernahmen die Ermittlungen. Bayernwerk-Chef Egon Leo Westphal sprach von einer „neuen Qualität“ der Bedrohung kritischer Infrastruktur und warnte davor, dass ein vollständiger Schutz gegen solche Angriffe kaum möglich sei.
Nur wenige Tage später erschien auf der linksextremen Plattform Indymedia ein Beitrag mit dem Titel „Über den Hightech-Campus Garching bei München und zwei brennende Strommasten“. Ein Bekennerschreiben ist der Text nicht, und dennoch nutzte der Autor des Textes den Anschlag als Anlass, den Forschungs- und Technologiestandort Garching ausführlich als politisches Angriffsziel zu denunzieren.
Wörtlich heißt es dort, die Medien würden den „Ort und Kontext des Vorfalls“ verschweigen. Garching sei ein Zentrum jener Technologien, die aus Sicht des Autors für Militarisierung, Überwachung, Digitalisierung und staatliche Macht stehen. Der Verfasser kritisiert die Atomforschung rund um den Forschungsreaktor FRM II und die Verwendung von hoch angereichertem Uran.
Gefährliche Gleichgültigkeit
Dass linksextreme Täter bei Angriffen auf kritische Infrastruktur die möglichen Folgen für Unbeteiligte zumindest billigend in Kauf nehmen, zeigte der Berliner Blackout Anfang Januar. Nach einem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde waren rund 45.000 Haushalte, mehr als 2.200 Unternehmen, zahlreiche Arztpraxen, Pflegeheime und Krankenhäuser von Strom- und teilweise auch Heizungsausfällen betroffen, zeitweise waren rund 100.000 Menschen von der Energieversorgung abgeschnitten.
Seit Kriegsende waren in Berlin nicht mehr so viele Menschen gleichzeitig von einem Blackout betroffen. Die Folgen waren gravierend. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kühlten Wohnungen aus, Notunterkünfte mussten eingerichtet werden und zahlreiche pflegebedürftige Menschen wurden aus Pflegeeinrichtungen und Privatwohnungen verlegt. Krankenhäuser arbeiteten mit Notstromaggregaten, Arztpraxen mussten schließen und die Bundeswehr wurde zur Unterstützung angefordert.
Zu dem Anschlag bekannte sich die linksextremistische „Vulkangruppe“. In ihrem Schreiben entschuldigten sich die Verfasser zwar bei den „weniger wohlhabenden Menschen“, die von dem Blackout betroffen gewesen seien. Gleichzeitig halte sich ihr Mitleid für die „vielen Besitzer von Villen in diesen Stadtteilen“ in Grenzen.
Angriffe auf die Stromversorgung in Deutschland haben inzwischen Tradition. Bereits im März 2024 legte ein weiterer Brandanschlag auf einen Strommast die Stromversorgung des Tesla-Werks in Grünheide lahm. Die linksextremistische „Vulkangruppe“ bekannte sich auch hier wieder offen zu ihrer Tat und begründete diese mit dem Vorwand, man wolle gezielt Industrie- und Energieinfrastruktur angreifen. Der Schaden ging auch hier in die Millionen.
Bekannter Ablauf
Sonderbar: Das Muster wiederholt sich auffällig oft. Zunächst wird kritische Infrastruktur gezielt angegriffen, anschließend folgen Bekennerschreiben, oft auf Indymedia, doch nie werden die Autoren der Schreiben oder gar die linksextremistischen Terroristen gefasst. Und das, obwohl die Vulkangruppe den Behörden bereits seit 2011 bekannt ist.
Die Frage bleibt, warum Angriffe auf die Energieversorgung immer wieder gelingen und warum die Zahl der öffentlich bekannten Ermittlungserfolge so gering ausfällt.

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