Die Bundesregierung sucht die Beitragsbremse. Die CDU diskutiert zehn Kassen. Doch bislang hat die Kassen-Fusion keine Einsparungen gebracht. Im Gegenteil: Die Kassen verstecken die wahren Kosten, so der Unternehmensberater Steffen Moldenhauer.
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Wer nur Kassen zählt, übersieht den eigentlichen Hebel: Risiken, Prozesse, IT, Daten – und die verdeckten Systemkosten. Denn der verheimlichte Verwaltungsaufwand ist doppelt so hoch wie angegeben. Darin liegt der eigentlich Reformbedarf. Die geplanten Einsparungen in der Prophylaxe dagegen treiben künftig die Kosten noch weiter an. Damit wird an der falschen stelle gespart, statt die wirklichen Reserven zu heben.
Die Bundesregierung hat eine Gesundheitsreform beschlossen, die nun im Bundestag diskutiert werden muss. Offiziell geht es um Beitragssatzstabilisierung und Ausgabendämpfung. Das ist nötig, aber zu klein gedacht. Der Entwurf operiert an Symptomen. Er stellt nicht die industrielle Kernfrage: Warum wird ein weitgehend standardisiertes System weiterhin so kleinteilig verwaltet?
CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hat die Reduktion auf zehn bis zwanzig Kassen ins Spiel gebracht. Als Filter steht eine Mindestgröße von mehr als einer Million Versicherten im Raum. Das klingt entschlossen. Es bleibt aber eine halbe Reform. Zehn große Kassen mit derselben bunten Risikomischung sind am Ende nur zehn große Gemischtwarenläden.
Auch hier gilt: Größe allein ist noch keine Strategie.
Der Blick auf die Zahlen ist ernüchternd. Nach GKV-Spitzenverband sank die Zahl der Krankenkassen von 1.147 im Jahr 1990 über 420 im Jahr 2000 und 169 im Jahr 2010 auf 93 zum 1. Januar 2026. Das ist massive Konsolidierung. Nur: Der erwartbare Effizienzsprung blieb aus. Folgt man den Zahlen des statistischen Bundesamtes und des GKV-Spitzenverbandes, hatten wir 1990 rund 200.000 und Ende 2025 rund 213.000 Mitarbeitende in der GKV. Ein Plus von 13.000 Mitarbeitenden gegenüber 1990 Mit anderen Worten: weniger Kassen, aber nicht automatisch weniger Verwaltungskomplexität und Bürokratielogik.
Noch problematischer ist die Kostenoptik. Das Bundesgesundheitsministerium weist für 2024 rund 12,63 Milliarden Euro Netto-Verwaltungskosten und 15,98 Milliarden Euro Brutto-Verwaltungskosten aus. In dieser Bruttorechnung stecken bereits Positionen, die gern übersehen werden: 10,8 Milliarden Euro persönliche Verwaltungskosten, über 640 Millionen Euro Ruhegehälter und Versorgungsbezüge, mehr als 550 Millionen Euro Mieten, Bewirtschaftung und Abschreibungen für Gebäude sowie rund 519 Millionen Euro Mieten für bewegliche Einrichtungen.
Doch selbst diese Bruttorechnung ist nur die enge Krankenkassenrechnung. Daneben existieren Systemkosten: Pflegekassen haben keine eigene Verwaltung und erstatten den Krankenkassen 2024 rund 1,76 Milliarden Euro. Die gematik plant für 2025 einen Brutto-Ausgabenhaushalt von 126,9 Millionen Euro; nach Angaben aus dem Kassenumfeld tragen gesetzlich Versicherte rund 93 Prozent dieser Kosten. Hinzu kommen Telematikzuschläge für Krankenhäuser, ePA- und TI-Umsetzung, externe IT-Dienstleister, Rechenzentren, Immobilienprogramme und langfristige Versorgungs-/Pensionslasten. Öffentlich sauber zusammengeführt wird dieser Block nicht.
Damit ist die oft genannte Zahl von knapp 13 Milliarden Euro zu niedrig, wenn man die tatsächliche Steuerungs- und Verwaltungslast des Systems verstehen will. Wenn man die Geschäftsberichte der GKVen auswertet und die weiteren öffentlich zugänglichen Daten mit hinzuzieht, so kommt man auf einen Verwaltungskostenblock von ca. 30 Milliarden Euro – also Doppelt so hoch, wie angegeben.
Dies unter der Voraussetzung, dass man die gesetzlichen Krankenkassen wie “normale” Versicherungen bilanzieren würde. Somit ist der eigentliche Reform-KPI und die damit zugrundeliegende Prüfthese eine Andere, als die politisch erzählte: Wenn man enge Verwaltung, erstattete Verwaltung, Digitalinfrastruktur, ausgelagerte IT und langfristige Personalverpflichtungen zusammenführt, entsteht dieser doppelt so hohe Systemverwaltungskostenblock, der politisch transparent gemacht werden muss.
Genau hier liegt der Denkfehler der Zehn-Kassen-Idee. Wer nur nach Versichertenzahl fusioniert, bündelt Bestände, aber keine Gesundheitsrisiken. Alle Kassen behalten dann körperlich schwer arbeitende Menschen, Büro- und Wissensarbeiter, Rentner, Familien und Mischgruppen in einer bunten Masse. Das schafft größere Organisationen, aber keine präzisere medizinische Steuerung.
Das Drei-GKV-Konzept setzt anders an: gleiche Prozesse, gleiches IT-System, gleiche Datenarchitektur – aber drei Risikoklassen. Erstens: hart körperlich arbeitende Berufe. Zweitens: primär sitzend und denkend arbeitende Berufe. Drittens: Mischprofile. Diese Struktur wäre näher an realen Belastungen: Muskel-Skelett-Erkrankungen, Verschleiß und Reha-Pfade auf der einen Seite; Bewegungsmangel, Stress und Stoffwechselrisiken auf der anderen.
Der Vergleich mit den Berufsgenossenschaften liegt nahe. Dort ist Prävention kein Marketingwort, sondern Systemauftrag entlang beruflicher Risiken. Übertragen auf die GKV hieße das: nicht Krankheit verwalten, sondern Gesundheit nach Risikoprofil steuern. Große Datenpools je Risikoklasse könnten schneller zeigen, welche Therapien wirken, welche Präventionsprogramme sich rechnen und welche Behandlungen nur Geld verbrennen.
Die politische Frage lautet deshalb nicht: zehn Kassen oder 93? Die Frage lautet: bloße Fusion oder echte Neuordnung? Zehn Kassen nach Kopfzahl wären ein Verwaltungsumbau. Drei risikoorientierte Kassen mit einheitlicher IT wären eine Reform. Wer Beiträge stabilisieren und volkswirtwschaftliche Kosten aus Krankheit auf Sicht deutlich reduzieren will, muss an die Struktur – und an die ehrliche Vollkostenrechnung. Alles andere ist Gesundheitspolitik nach Aktenlage.
Kernthese: Die amtlichen Netto-Verwaltungskosten zeigen nur einen Ausschnitt. Reformfähig wird das System erst, wenn ein erweiterter Verwaltungs- und Systemkostenblock transparent ausgewiesen und anschließend durch Standardprozesse, gemeinsame IT und risikoorientierte Steuerung reduziert wird.
Methodischer Hinweis zur 30-Milliarden-These
Die 30-Milliarden-Größe wird im Text nicht als amtliche Verwaltungskostenquote behauptet. Sie wird als erweiterte Prüfrechnung behandelt, weil öffentliche Quellen die Zusatzhaushalte und ausgelagerten Kostenblöcke nicht konsolidiert ausweisen. Genau diese Transparenzlücke ist Teil der Kritik.

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Entschuldigung aber wenn ich hier „Mitarbeitende“ lesen muss ist für mich Schluss!
Es wäre so einfach die Kassen zu entlasten… All die „Neubürger bekommen nur noch NOTFALL HILFE!!) Zahn tut weh… kommt er halt raus! Das wird der Afghanische Dorfdoktor oder der syrische irgendwo im Gebirge auch nicht anders machen…
Und wer wegen nichts zur „Notfallhilfe“ geht dem wird halt das Taschengeld komplett gestrichen… Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag sollte auch gestrichen werden und schon wird man sehen…wenn ich zurückdenke an die 80-90 Jahre da war der Kankenstand in Deutschland EUROPAWEIT am niedrigsten!!