Friedrich Merz braucht keine Gegner mehr, wenn man ihm nur ein Mikrofon hinstellt. Mit jedem Satz macht er seine Lage schlimmer. Merz ist schlicht nicht in der Lage, die Bevölkerung und den Ernst der Lage im Land zu verstehen. Er muss gehen.
picture alliance/dpa | Klaus-Dietmar Gabbert
Am Donnerstag stand Friedrich Merz in Salzwedel auf der Bühne des Kulturhauses, beim „Tag des Lokaljournalismus“ in Sachsen-Anhalt, wenige Monate vor der Landtagswahl. Es hätte ein Auftritt werden können, bei dem ein stark angeschlagener Kanzler zeigt, dass er das Land hört. Heraus kam wieder mal ein Abend, der wirkte wie politische Simultanübersetzung ohne Übersetzer: Bürger redeten über Alltag, Kosten, Krankheit, Mobilität, Medien, Kontrollverlust. Merz antwortete in Kanzlerdeutsch, in Ausflüchten, in Belehrungen, in Lügen, in weltpolitischer Selbstzuschreibung. Beide Seiten sprechen dieselbe Sprache. Aber weder kommt bei dem einen an, um was es den Menschen geht. Noch lassen sich die anderen, die Bürger, diesen gequirlten Mist weiter als große Politik verkaufen.
Salzwedel war kein feindliches Gelände. Der Saal war nicht das tobende AfD-Herzland, das Merz später als Entschuldigung hätte heranziehen können. Rund 300 Menschen kamen ins Kulturhaus, vorausgewählt von Veranstaltern, mit gut vertretenem Bildungsbürgertum. In einer Blitzumfrage sprachen sich zwei Drittel für die sogenannte Brandmauer aus. Selbst in diesem eher freundlich-selektierten Raum bekam Merz die Lage nicht mehr gedreht. Das sagt mehr über ihn als über den Saal.
Der Abend zeigte schnell, woran diese Kanzlerschaft krankt. Die Fragen bekamen mehr Applaus als die Antworten, schreibt Olaf Gersemann bei Welt. Das Publikum war nicht gekommen, um einem Regierungschef ehrfürchtig beim Denken zuzusehen. Es hörte zu, prüfte, reagierte und merkte: Da steht ein Mann, der glaubt, er müsse nur länger erklären, damit das Land endlich begreift, wie gut es seine Politik eigentlich hat. Nur ist das Land über diesen Punkt längst hinaus.
Die Frage, was seit seinem Amtsantritt für die Bürger besser geworden sei, traf Merz deshalb so hart, weil sie jeder stellen könnte. Im Saal brach Gelächter aus. Für einen Kanzler ist das weitaus gefährlicher als jede „Hau ab“-Zwischenrufkulisse. Gelächter bedeutet: Die Bürger halten die Antwort schon vor ihrem Ausspruch für unglaubwürdig. Merz erklärte, für eine Bilanz sei es zu früh, griff dann aber doch zur Bilanz und verwies unter anderem darauf, man habe „die Nato gerettet“ und „Europa zusammengehalten“. Die Bürger fragen nach ihrem Leben. Merz antwortet mit Weltgeschichte.
Genau deshalb muss man Friedrich Merz bei jeder Gelegenheit ein Mikrofon hinstellen. Dieser Mann braucht keinen politischen Gegner, um sich maximal zu beschädigen. Er erledigt das selbst, effizienter, als jeder andere es könnte. Er bekommt eine einfache Frage nach dem Alltag der Menschen und flüchtet in außenpolitische Großformeln. Die Leute wollen wissen, warum ihr Leben teurer und schwerer wird. Merz antwortet, als säße er in einem außenpolitischen Seminar mit anschließendem Selbstlob.
Beim Thema Energiepolitik wurde es nicht besser. Als im Saal spöttisches Gelächter aufkam, reagierte Merz gereizt: „Vielleicht darf ich das mal versuchen zu erläutern.“ Halb beleidigt, halb Oberstudienrat, ganz Kanzler von oben herab. Er hört keine Kritik, sondern eine persönliche Zumutung. Er erlebt Bürger nicht als Souverän, sondern als dummes Publikum, das seine Erklärung nicht ordentlich genug würdigt.
Hier liegt der Kern des Problems. Merz glaubt, die Bevölkerung verstehe ihn nicht. Tatsächlich versteht sie ihn inzwischen ziemlich gut. Sie versteht, dass seine Regierung die großen Versprechen nicht einlöst. Keines davon. Sie versteht, dass die Union in Berlin anders klingt als im Wahlkampf und am Ende doch wieder dort landet, wo SPD, Staatsapparat und alte Routinen sie haben wollen. Sie versteht, dass Merz immer dann besonders deutlich wird, wenn er andere belehren kann, und besonders dünnhäutig, wenn andere ihn befragen.
Besonders entlarvend wurde dieser Abstand bei der Begegnung mit einer schwer krebskranken Frau. Sie sprach über ihre Krankheit, über Sorgen im Gesundheitssystem und über das Gefühl, dass bei Bürgern gespart werde, während bei denen da oben nicht gespart werde. Sie verwies auf geplante Steigerungen bei Ministervergütungen. Merz reagierte, wie er immer reagiert. Es hätte sein Reem-Moment werden können wie damals der bei Merkel. Von der Bühne runter, weinendes Kind trösten, das mit seiner Familie nicht wieder ausgewiesen werden will. Also runter von der Bühne, Frau trösten, sagen: ja, scheiße gelaufen, wir haben es ja gestoppt. Aber Merz wies sie zurecht. Zu keinem Zeitpunkt sei erwogen worden, die Bezüge der Mitglieder der Bundesregierung anzuheben, behauptete er, und er wäre dankbar, wenn sie das nicht ungeprüft wiederhole.
Dabei waren genau solche Verbesserungen im Regierungsapparat vorbereitet worden. Ein Entwurf aus dem Innenministerium hätte auch für Mitglieder der Bundesregierung ein deutliches Plus bedeutet. Nach massiver öffentlicher Kritik wurde das Vorhaben dann aber gestoppt. Merz stellte sich also vor eine schwer kranke Bürgerin, tat so, als verbreite sie ungeprüften Unsinn, und log selbst, dass sich die Balken im Kulturhaus bogen. Das ist die ganze Arroganz dieser Kanzlerschaft in einer Szene: unten Bürger in Krankheit, Sorge, Kosten, Existenzdruck; oben ein Kanzler, der die abkanzelt und lügt, obwohl der Vorgang längst auf dem Tisch lag.
Gleichzeitig steigen die Abgeordnetendiäten zum 1. Juli und durchbrechen erstmals die Marke von 12.000 Euro. Merz kann formell abstreiten, was er will. Der politische Eindruck bleibt: Unten sollen Bürger sparen, verzichten, zahlen, durchhalten und einen verfetteten Beamtenstaat weiter durchmästen. Oben wird sehr genau darauf geachtet, dass die eigene Versorgung nicht zu kurz kommt.
— Dr. David Lütke (@DrLuetke) May 1, 2026
Auch bei den Autofahrern lieferte Merz den Offenbarungseid. „Wir können nur begrenzt etwas tun“, sagte er. Und dann noch: „Was wir tun können, haben wir getan.“ Fertig. Für Pendler, Familien, Handwerker, Landbewohner ist das kein Trost, sondern die völlige Kapitulationserklärung. Erst verteuert Politik Energie, Mobilität und Alltag. Dann stellt sich der Kanzler hin und erklärt, man könne leider nur begrenzt etwas tun. Dann muss man festhalten: Das ist Staatsversagen. Für jede Gruppe hat Merz einen Satz, der nach Verständnis klingt und nach Abmoderation riecht. Für Autofahrer: begrenzt. Für Kranke: Korrektur. Für Bürger: Geduld. Für sich selbst: Verständnis. Und ganz viel Selbstmitleid.
Dann beklagte er, dass in sozialen Netzwerken jeder anonym sagen könne, was er denke und wie er denke. Das sei bedauerlich, weil es auf das politische Klima eine giftige Wirkung habe. Man muss diesen Satz festhalten: Ein Bundeskanzler findet es bedauerlich, dass Bürger anonym sagen können, was sie denken. Anonym sagen, was sie denken. Das ist der eigentliche Merz. Wenn Bürger schweigen, nennt er es Stabilität. Wenn sie reden, nennt er es Vergiftung. Wenn sie anonym reden, wird es ihm unheimlich, dem Dünnhäutigen. Das ist der Versuch, kritische Meinungsäußerungen zu unterbinden, ohne es offen so zu bezeichnen. Bürger sollen nur noch reden, wenn sie identifizierbar, angreifbar und für den Apparat greifbar sind. Aus freier Rede wird ein Hochrisikoakt. Wer vor jeder Kritik an Anzeige, Arbeitgeber, Kosten und Aktenzeichen denken muss, ist nicht frei. Er soll erzogen werden zu schweigen.
Das steht im offenen Widerspruch zu Artikel 5 des Grundgesetzes, der jedem das Recht gibt, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. Ein Staat, der kritische Rede durch Einschüchterung, Klarnamendruck, Anzeigen und soziale Drohkulissen erstickt, greift den Kern dieser Freiheit an, auch wenn er es nicht offen Zensur nennt.
Auch politisch trat Merz in Salzwedel zuverlässig in die falschen Bälle. Gefragt nach einem Nicht-Unionspolitiker, der ihm gefalle, hätte er einen Sozialdemokraten nennen können, mit dem er gerade in Berlin regiert. Lars Klingbeil, Bärbel Bas, irgendeinen Koalitionspartner, irgendein Signal an die eigene Regierung. Er nannte: Omid Nouripour. Einen Grünen, einen Oppositionspolitiker, einen Mann aus einer Partei, gegen die die Union vorgeblich antritt. Selbst harmlose Symbolfragen verwandelt Merz in kleine Selbstdemontagen.
Noch peinlicher wurde es beim Auftritt mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze. Für einen CDU-Kanzler im Landtagswahlkampf wäre das die einfachste Übung gewesen: den eigenen Mann stärken, ihn groß machen, Rückenwind geben. Merz sprach lieber über Reiner Haseloff und pries dessen Aufrichtigkeit. Ob Gedankenlosigkeit oder Absicht, das Ergebnis war dasselbe. Schulze stand daneben und wirkte kleiner. Selbst Wahlkampfhilfe wird bei Merz zu einem Risiko für denjenigen, dem geholfen werden soll.
Salzwedel war ein Röntgenbild. Man sah einen Kanzler, der zu spät kommt, gereizt reagiert, Bürger belehrt, Gelächter auslöst, eigene Leute nicht stärkt, bei Kritik dünnhäutig wird und bei anonymen Bürgerstimmen sofort an die Vergiftung des Klimas denkt. Man sah einen Mann, der immer noch glaubt, Politik bestehe darin, Menschen ihre Lage ausführlicher zu erklären. Dabei erklären ihm die Menschen längst seine Lage, die wiederum er nicht verstehen kann.
Diese Lage ist absolut verheerend. Merz war die erhoffte Erweckungsfigur, der der Union nach Merkel wieder Profil gibt. Er sollte Migration begrenzen, Wirtschaft entlasten, Staatsausgaben ordnen, Bürger ernst nehmen und die SPD nicht als Vormund akzeptieren, wie er es vollmundig VOR der Wahl versprochen hatte. Herausgekommen ist ein Kanzler, der alle Versprechen gebrochen hat, sich in Auslandsflüge flüchtet wie Frank Abagnale in Catch me if you can und bei Bürgerfragen ins Schwimmen gerät, bei Gelächter eingeschnappt ist und bei Kritik am liebsten die Bedingungen der Kritik selbst verändern würde.
Das eigentliche Drama dieser Kanzlerschaft ist nicht, dass Merz schlecht kommuniziert. Es ist schlimmer. Merz kommuniziert ziemlich genau, was er denkt. Er zeigt bei jedem Auftritt, dass er die Bevölkerung nicht als Gegenüber begreift, sondern als schwer belehrbare Masse. Er will und kann gar nicht verstehen, warum Bürger wütend sind. Er will ihnen nur erklären, warum sie mit ihrer Wut falsch liegen. Er will nicht hören, was die Menschen erleben. Er will einordnen, relativieren, korrigieren und am Ende recht behalten.
Darum funktioniert diese Union nicht mehr. Sie redet von Bürgernähe ist sich doch nur selbst am Nächsten. Sie redet von Kurswechsel und liefert Fortsetzung. Sie redet von Freiheit und misstraut freier Rede. Sie redet von Leistung und greift Leistungsträgern immer tiefer in die Tasche. Sie redet von Verantwortung und erklärt den Bürgern dann, man könne leider nur begrenzt etwas tun. Dieses politische Deutsch versteht im Land kaum noch jemand. Und immer mehr können es auch nicht mehr verstehen.
Friedrich Merz ist nicht Opfer schlechter Umstände. Friedrich Merz ist ein Verstärker dieser Umstände. Er nimmt eine Krise und redet sie schlimmer. Er nimmt Unzufriedenheit und macht daraus Verachtung. Er nimmt Fragen und verwandelt sie in Vorführungen seiner eigenen Entfremdung. Man muss ihn nur reden lassen. Mit jedem Satz macht er deutlicher, warum seine Zustimmung fällt, warum die Union mit ihm zusammen verdient abstürzt und warum Bürger sich von dieser Regierung verabschieden.
Salzwedel hat gezeigt, was von dieser Kanzlerschaft bleibt, wenn man den Berliner Schutzraum wegnimmt: ein Mann auf einer Bühne, der Antworten geben soll und stattdessen beweist, dass er selbst die Frage nicht verstanden hat. Merz ist lost in translation. Nur liegt es nicht an der Übersetzung. Es liegt am Kanzler.
Alexander Kaimianos hat in seinem bemerkenswerten CDU-Austrittsschreiben noch einmal alles zusammengefasst, was sich in Summe zu Folgendem bilanziert: Die CDU ist keine Volkspartei mehr.


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… und auch was den besten AfD-Wahlkampfmanager angeht, habe ich mich ganz offensichtlich mit Ralf Stegner zu früh festgelegt. Ich danke Ihnen ausdrücklich, Hr.Bundeskanzler!
Letzte Rede des Abgetakelten:
http://www.youtube.com/shorts/sSQ6v6KK9a0
Große zeitgenössische Kunst – die neue Statue von Banksy in London ! 👍👍👍
https://www.bild.de/news/ausland/mysterioese-meterhohe-statue-neuer-banksy-in-london-aufgetaucht-69f38e21ec963e44075dc7f7
Ein vom Staatsmacht-Symbol Fahne orientierungslos verhüllter Mensch schreitet festen Schritts mit Überzeugung in den Abgrund.
Ganz große Kunst !!!
Ich dachte mit Baerbock, Habeck und Biden sei der Zenit der Unfähigkeit in Politdarstellerkreisen überschritten. Ich habe mich geirrt.