Deutscher Spritpreis-Protest rollt vorsichtig an: 50-Stundenkilometer-Konvoi von Emden nach Berlin

Kommen auch in Deutschland Spritpreis-Proteste wie in Irland? Noch bleiben Fragezeichen. Am Freitag fuhren 200 nach Berlin, um vor dem Reichstag gegen die Preis-Explosion und die Schuld des Staats zu protestieren. In Leipzig und Meinerzhagen protestieren Unternehmer – und müssen mit Hass rechnen.

Polizeimotorräder begleiten die ersten Fahrzeuge aus Emden auf der Straße des 17. Juni, Berlin, 17.04.2026

Nicht nur in Irland, Norwegen, Großbritannien und Frankreich, auch in Deutschland regt sich neuerdings der Protest der Autofahrer. Auch hierzulande liegen die Benzin- und Dieselpreise noch immer deutlich über der Zwei-Euro-Marke. Für viele Branchen sind die klappernden Zahlen an der Tankstelle eine Überlebensfrage.

Und so startete am Freitag um 9 Uhr in Emden ein Konvoi mit 25 Fahrzeugen. Über Cloppenburg, Nienburg, Celle und Gifhorn ging es Richtung Osten. Der Name der Aktion: „17.04.2026 Generalstreik – Von Emden nach Berlin mit 50 km/h“. Das langsame Tempo ist wichtig und das zentrale Signal, mehr erlauben die aktuellen Preise nicht mehr. Sebastian Bormann, Landschaftsgärtner aus Emden, hat die Aktion angemeldet und über soziale Netzwerke organisiert. Zu seinen Gründen sagt er, dass die „ganzen Kosten einfach immens hoch“ seien: „Und da platzt uns als Bürgern natürlich irgendwann die Hutschnur.“

Ein Unterschied zu Irland fällt allerdings ins Auge: Dem Veranstalter wurde von den Behörden untersagt, Autobahnen zu nutzen. Und man hielt sich dran. Es ging also mit 50 Kilometern pro Stunde über Bundesstraßen. Insofern bleibt dieser „Generalstreik“ eher auf einer symbolischen Ebene bei minimalem Widerstandspotential. Nichts desto weniger ist das ein Anfang in der Rebellions-Einöde Deutschland.

„Ab ins Adlon!“: Wo beginnt die Staatsdelegitimierung?

An der niedersächsischen Landesgrenze bei Wolfsburg waren es bereits 82 Fahrzeuge in einem Konvoi mit 2,5 Kilometern Länge. Am Abend trafen laut Polizei mehr als 100 Fahrzeuge in Berlin ein und wurden ins Regierungsviertel eskortiert. Am Reichstag fand eine Abschlusskundgebung statt. Laut Polizei lag die Teilnehmerzahl hier im niedrigen dreistelligen Bereich. Die Zahlen der Veranstalter sehen wie gewöhnlich etwas anders aus: Da ist die Rede von 200 Autos, einem Konvoi von acht Kilometern Länge und „geschätzt 2000 Teilnehmern“ am Reichstagsgebäude.

Auf der Demonstration waren dann die „Merz muss weg“-Rufe zu hören. Deutschlandfahnen wurden geschwenkt. Oho!

Am selben Abend fand zufällig der Bundespresseball im nahegelegenen Hotel Adlon statt. Daher gab es auch Rufe wie „Ab ins Adlon!“. Dort würden „die Steuergelder, die wir alle zahlen, konsumiert“, sagte ein Sympathisant in einem Video. Ist das schon die vielbeschworene Delegitimierung des Staates? Friedenstaubenflaggen wurden auch vereinzelt gesichtet. Auf Fahrzeugen der Aktion waren daneben Slogans zu lesen wie: „Friedliche Demonstration. Nicht unser Kanzler! Wir wollen einen neuen Kanzler! Es reicht!“

Nur sieben Prozent sehen Krieg als Ursache der hohen Preise an

All das steht schon in gelindem Gegensatz zu der Behauptung, die in vielen Medien nun rauf und runter plakatiert wird: Dass nämlich die Deutschen hauptsächlich den Mineralölkonzernen die Schuld an den hohen Preisen gäben. Angeblich 46 Prozent sehen das laut einer Allensbach-Umfrage so. Weitere 45 Prozent glauben, dass Irankrieg und Ölkonzerne hier zusammenwirken. Immerhin glauben nur sieben Prozent, dass der Irankrieg allein die Ursache der Preissteigerung ist. Da glimmt schon ein Fünkchen Zweifel am Narrativ auf, man könnte hier auch an das Kartellrechtsversagen der Politik erinnern.

Natürlich wird hier auch mit der Fragestellung Politik gemacht, denn am derzeitigen Anstieg mögen die Konzerne wohl mit schuld sein. Nur bleibt es dabei, dass die Regierung umgehend für Erleichterung sorgen könnte, wenn sie sich von der CO2-Besteuerung verabschiedet. Außerdem hätte man natürlich mit alternativen Rohstoffquellen vorsorgen können. Niemand war ja zum Ölkauf am Persischen Golf verpflichtet. Das wird weitgehend ausgeblendet. In der Krise beginnen nun auch einige Staaten über mehr eigene Ölförderung nachzudenken – etwa auch die berüchtigte britische Finanzministerin Rachel Reeves, die sich die Nordsee einmal genauer ansehen will. Nach vielen Jahren Stillstand. Die deutschen Bundesregierungen stehen hier nicht besser da.

Wer sät den Hass? So ist eben das deutsche Meinungsklima

Warum Bormann allerdings so viele „Hassbotschaften“ für seine Aktion erhielt, wie er der Berliner Morgenpost erzählte, bleibt unklar. Wer könnte etwas gegen Bürgerprotest an dieser Stelle haben? Doch nur Personen, die in der Position der Bundesregierung ein unverhandelbares Absolutum sehen. Wer sollte das sein? Vielleicht aber auch Grüne, die es gut und gerecht finden, dass dem Normalverbraucher endlich einmal heimgeleuchtet wird, mittels steigender Benzinpreise. Bormann hätte eben schon längst auf ein Elektro- oder mindestens Hybrid-Auto umrüsten müssen.

Der Morgenpost sagte Bormann außerdem: „Bitte schreiben Sie, dass ich nicht rechtsextrem bin und dass ich friedlich demonstrieren will.“ Diese beiden Aussagen sind charakteristisch für das deutsche Meinungsklima, wo jede abweichende Positionierung schnell als „rechtsextrem“ markiert wird. Und dann sind auch Untertöne der Gewalt nicht mehr fern, die man solchen „rechten“ Aufrührern gerne unterschiebt. Und so betonen Bormann und andere eben, dass sie friedlich protestieren wollen, wogegen ja nichts auszusetzen ist (außer dem, was vielleicht in den vielen Hassbotschaften stand).

Daneben wurde auch tatsächlich zu einer Art Generalstreik an den Tankstellen und in den Einkaufsläden aufgerufen. Auch fern des Konvois hätten Autofahrer am Freitag um 12 Uhr ihre Wagen stehen lassen sollen, so eine Nutzerin auf X. Ob dem jemand gefolgt ist, ist unbekannt.

In Leipzig und Meinerzhagen: Unternehmer protestieren

Auch in Leipzig gab es am Freitag eine Demonstration mit Autokorso, an dem 22 Lastwagen und 69 PKWs teilnahmen. Hier ging der Protest angeblich von Mittelstand, Handwerk, Transport- und Logistikbranche aus. Unternehmer Michael Berger hatte den Protest vom Völkerschlachtdenkmal zum Augustusplatz angemeldet, wie das Sächsische Tageblatt berichtet. Am Ende sollen es 200 Menschen mit 70 Fahrzeugen gewesen sein – nur in Leipzig. Und die waren auch ganz schön sauer auf die Berliner Politik. Das ist aber auch nicht so richtig rechts, werden sich die Hamburger Magazinjournalisten nun wieder ärgern, aber auch die Redakteure von SZ und anderen Blättern: Wie soll man diesen neuen Protest bitte sehr als „rechts“ framen?

Jörg Dittrich
„Unredliche Idee“: Handwerk fordert sofortigen Stopp der 1.000-Euro-Prämie
Vor einigen Tagen gab es im nordrhein-westfälischen Meinerzhagen einen Protest mit etlichen hundert Teilnehmern. Veranstalter war wiederum ein Privatmann, kein Politiker, in diesem Fall hieß er Milijan Milosevic.

Dann aber kam doch Unterstützung aus der Politik: Neben dem Fraktionschef der Unabhängigen Wählergemeinschaft Meinerzhagen (UWG), Raimo Benger, fand auch die örtliche AfD die Protestaktion gut. Benger von der UWG findet übrigens, dass der Steueranteil an den Spritkosten (rund zwei Drittel) optimierbar wäre. AfD-Fraktionschef Konstantin Bittner erklärte: „Wir sind dabei. Nicht alle, aber die, die es können.“ Und das führte wiederum zu der Schlagzeile: „AfD mischt bei Spritpreis-Protest mit – Hunderte Teilnehmer erwartet“.

Solche Meldungen könnten der Anfang einer Dämonisierung des Spritpreis-Protests als „rechts“, extrem und am Ende vielleicht staatsdelegitimierend sein. Man will es nicht beschreien, aber es wird vermutlich so kommen, wenn das Phänomen sich ausbreitet. Dann werden die üblichen Verdächtigen – von ZEIT bis zum SPIEGEL – bereitstehen und ihre vorerst noch harmlosen Agentur-Artikel umschreiben, um dem nicht-grünen deutschen Autofahrer heimzuleuchten. Noch lohnt das nicht, also gibt es auch keine bösen Artikel. Aber schon jede Menge private Hassbotschaften an die Veranstalter.

Eines zeigen aber die anrollenden Proteste dann doch: Es gibt einen Teil der Bürger, die die Verantwortung für die hohen Benzin- und Dieselpreise nicht einfach bei den Ölkonzernen sehen, sondern der aktuellen Bundesregierung ein gerüttelt Maß an Mitverantwortung geben. Das zu artikulieren, kann nicht extrem sein. Zumal, wenn es der gelebten Wirklichkeit der Bürger und Unternehmer entspricht. Und die müssen ja nur auf die Besteuerung des Benzins blicken und wissen, wem sie die zu verdanken haben.

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Kommentare ( 45 )

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Ava Tar
1 Tag her

Bin mal gespannt was passiert wenn man den Schlandlern sagen muss das es dieses Jahr nicht mehr nach Malle geht weil Kerosin knapp ist…..

Kuno.2
2 Tage her

Es gibt nichts dümmeres als gegen etwas zu demonstrieren was externe (bei den Verbündeten in Übersee) liegende Ursachen hat.

Delegro
1 Tag her
Antworten an  Kuno.2

Und es gibt nicht`s dümmeres als etwas zu schreiben, von dem man keine Ahnung hat. Unsere Probleme in Deutschland sind zu 80 % hausgemacht. Wer immer noch auf das Märchen der Ausreden der Politiker reinfällt, hat es nicht besser verdient. Zuerst war es Corona schuld, dann der Ukraine Krieg, jetzt der Iran-Krieg und natürlich Trump, der irgendwie für alles mit Schuld ist. Und auch ganz wichtig. Die AfD ist auch immer Schuld. Kuno, bitte zurück den Karpfenteich.

alter weisser Mann
2 Tage her

Blockiert lieber in der Heimatstadt an geeigneter Stelle!
Aus Protest gegen den Spritpreis Sprit verfahren (uns Steuer generieren) ist sinnfrei und dezentrale Aktionen erschweren dem System die Abwehr.

Zebra
2 Tage her

Die Staatsdemonstranten, gehörig in der Zahl, wollen ja eine Beschleunigung der Energiewende und sind der Ansicht, daß wir kein Benzin oder Diesel mehr brauchen. Die Windmühlen und die Photovoltaik könnten uns ja mit 100% Energie versorgen. Viel Spaß noch in der Zunkunft.

Judith Panther
2 Tage her

„Solche Meldungen könnten der Anfang einer Dämonisierung des Spritpreis-Protests als „rechts“ … Dann werden die üblichen Verdächtigen – von ZEIT bis zum SPIEGEL – bereitstehen …“
Frage an Flunschbacke Melanie und Geschmeidig Lorenzo:
Wären die spritpreis-protestierenden Iren und Briten in Ihren Augen dann plötzlich auch alle „Nazi“?

Last edited 2 Tage her by Judith Panther
LadyPink
2 Tage her

In Radio-Nachrichten am Samstag war hier nur von bundesweiten Umweltprotesten gegen fossile Energie die Rede, veranstaltet von FFF, Deutsche Umwelthilfe, usw., mit etwa 4500 Menschen in Köln. Ist doch alles supi.

whgreiner
2 Tage her

Wie wär’s mal mit einem Autofahrerstreik? Z. B. ab 1. Mai die Politiker mal beim Wort nehmen, das Auto stehen lassen und stattdessen ALLES mit Öffis zu bewerkstelligen versuchen, egal wie unrealistisch. Wenn wir das konsequent durchziehen, kommt das in den Auswirkungen einem Generalstreik gleich: dann funktionieren auch die Öffis wegen totaler Überlastung nicht mehr, und die Mehrzahl der Leute schafft’s dann schon gar nicht mehr an den Arbeitsplatz. Die große Mehrzahl unserer Kilometer fahren wir ja nicht zum Privatvergnügen… Das so lange durchhalten, bis diese Politiker-Bande von ihrem Abzocker-Trip endlich wieder runterkommt. Es geht dabei ja nicht nur um… Mehr

Wuehlmaus
2 Tage her
Antworten an  whgreiner

Ist der 1.Mai nicht ein Feiertag? Ihre Idee ist eine Luftnummer.

Markus Gerle
1 Tag her
Antworten an  whgreiner

So eine Aktion wird sich in Deutschland leider nicht organisieren lassen. Die einzige gesellschaftliche Gruppe in Deutschland, die über einen entsprechenden Organisationsgrad verfügt, sind Bauern und Landwirte. Wuehlmaus hat übrigens Recht. So eine Aktion wäre am effektivsten an einem Montag, der kein Feiertag ist. Gäbe es einen Aufruf zu so einer Aktion, würde ich selbstverständlich mitmachen. Auch wenn ich dazu erst zu einem Bahnhof auf dem Land fahren müsste. Aber dazu könnte ich beruhigt das Fahrrad nehmen, da ich ja weiß, dass ich mit dem Zug sowieso nicht weiterkomme und gemütlich zurück radeln könnte 😉 Das wäre dann tatsächlich eine… Mehr

Juergen P. Schneider
2 Tage her

Einige Untertanen begehren auf, das lässt Hoffnung entstehen. Was die Fischblätter mit Namen „Zeit“ und „Spiegel“ dazu schreiben, interessiert doch nur die links-grün gehirngewaschenen Ökospießer. Die Mehrheit wird es wohl kaum jucken. Die lächerliche Vorabentschuldigung des Protestorganisators er sei ja nicht rechtsextrem, ist absolut typisch für die geistigen Duckmäuser, die ständig Angst davor haben, man könne ihnen nachsagen, sie seien rechts oder rechtsextrem. Diesen lächerlichen Kotau vor den links-grünen Deutschlandzerstörern hätte sich der gute Mann sparen können. Die linken Gauner labeln jeden als rechtsextrem, der nicht an ihre Idiotenideologie glauben will, da hilft die Kriecherei im Vorfeld wenig.

Ein Mensch
2 Tage her

Der Herr ist also nicht rechtsextrem, na dann ist ja gut. Wen hat er gewählt?
Ich bin der Meinung das auch dieser sog. Protest hirnrissig war, durch den Sprit der verfahren und wieder getankt wurde hat der Fiskus gut eingenommen. Alle sollten zu Hause bleiben und mal mehrere Monate gar nichts machen, das würde was bringen. Und ja ich weiß, das kann sich die übergroße Mehrheit nicht leisten und das wissen auch die ,,Eliten“ an der Macht. Kann sich noch jemand an die Bauernproteste erinnern und was die gebracht haben? Genau!!!!

Chrisamar
2 Tage her

Mir gefällt diese Berichterstattung von Herrn Nikolaidis. Umfassend, höflich und fair. Dafür vielen Dank!

jsdb
2 Tage her
Antworten an  Chrisamar

Es ist allerdings Zeit, die Zurückhaltung und Höflichkeit völlig aufzugeben.
Fairness nur gegen paritätische faire Bedingungen anwenden!