CDU-Filz in Sachsen-Anhalt: Fraktionschef beschäftigt Rechnungshof-Mutter – und mietet bei der Familie

Nach der politmedialen Aufregung über AfD-Überkreuz-Anstellungen in Sachsen-Anhalt trifft es nun die CDU: Fraktionschef Guido Heuer beschäftigt die Mutter des Rechnungshof-Präsidenten Kay Barthel und mietet sein Büro in der Familien-Immobilie.

picture alliance/dpa | Klaus-Dietmar Gabbert, IMAGO - Collage: TE

Kaum war die politmediale Empörung über die AfD-Überkreuz-Anstellungen in Sachsen-Anhalt auf Maximalpegel, meldete sich auch die Union im Bund mit markigen Worten: Friedrich Merz sprach von „tief verankerter Vetternwirtschaft“ und zeigte sich offen für schärfere Regeln (wo dann irgendwann eh niemand mehr nachfragt und die schärferen Regeln wieder in den Hintergrund rücken können).

Nach der politmedialen Dauererregung lohnt ein Blick auf das Biotop Bundestag selbst: Der Laden predigt Integrität, hält aber die Schlupflöcher gepflegt weit offen. Wer am lautesten „Sumpf!“ ruft, wirkt oft erstaunlich wenig interessiert daran, die Mechanik abzustellen, die solche Konstruktionen überhaupt erst möglich macht.

Und wie ernst es die Fraktionen mit Transparenz meinen, zeigt schon die schlichte Bereitschaft, Fragen zu beantworten. Transparenz ist damit kein Standard, sondern eine variable Tugend, die je nach politischem Nutzen ein- und ausgeschaltet wird.

Und jetzt? Jetzt landet dieselbe Debatte mit Karacho bei der CDU im Land: Fraktionschef Guido Heuer beschäftigt die Mutter des Rechnungshof-Präsidenten Kay Barthel – und mietet sein Wahlkreisbüro ausgerechnet in einer Immobilie der Barthel-Familie.

MDR Investigativ liefert den nächsten Fall aus demselben Biotop: diesmal nicht AfD, sondern CDU – und mit einer heiklen Nebenrolle ausgerechnet dort, wo Unabhängigkeit nicht verhandelbar sein sollte.

Im Zentrum steht Guido Heuer, CDU-Fraktionschef im Landtag. Er beschäftigt die Mutter des Landesrechnungshof-Präsidenten Kay Barthel, ebenfalls CDU-Mitglied. Heuer bestätigt das Arbeitsverhältnis, es bestehe seit seinem Einzug in den Landtag 2016. Seit dem Renteneintritt 2021 sei die Mutter nur noch geringfügig als Vertretung tätig. Juristisch mag das sauber aussehen. Politisch ist es eine Einladung zum Kopfschütteln.

Denn es bleibt nicht bei einem Job. Heuer betreibt sein Wahlkreisbüro in Sülzetal-Langenweddingen in einer Immobilie, die der Familie Barthel gehört. Monatliche Mietzahlungen bestätigen beide. Und Barthel selbst ist nach eigener Aussage Miteigentümer: „Im Grundbuch stehen meine Eltern und ich.“ Mieteinnahmen seien ihm „zu keinem Zeitpunkt“ zugeflossen.

Das Problem ist nicht, dass ein Mietvertrag existiert. Das Problem ist, dass hier zwei Geldströme aus dem Umfeld eines Fraktionsvorsitzenden in die Familie des obersten Kassenprüfers laufen – und niemand bereit ist, die naheliegendsten Fragen mit Zahlen zu beantworten. Wie hoch ist die Miete? An wen genau wird sie gezahlt? Barthel spricht von „marktüblicher Miete“, Heuer von Zahlungen „an den Vermieter“. Konkreter wird es nicht. Transparenz sieht anders aus.

Gerade weil Barthel als Rechnungshof-Präsident für die Kontrolle öffentlicher Mittel steht, wiegt diese Nähe schwer. Der Rechnungshof prüft auch Fraktionen. Wer hier nur auf Paragraphen schaut, mag abwinken. Wer auf Integrität und Unabhängigkeit schaut, sieht ein Konstrukt, das Vertrauen erodiert: Prüfer und Prüferumfeld dürfen nicht in Situationen geraten, in denen schon der Anschein von Abhängigkeit entsteht.
Barthel selbst weist Kritik zurück: „Nichts von alledem verstößt gegen geltende Regeln, beugt oder umgeht diese.“ Er sei wie jede Person an Recht und Gesetz gebunden. Das ist die Verteidigungslinie, die in der Politik immer dann kommt, wenn man nur noch über Legalität sprechen will, weil die Ethik längst unangenehm geworden ist.

Brisant ist auch die Vorgeschichte: Das Wahlkreisbüro des jeweils amtierenden CDU-Abgeordneten soll sich bereits seit 2002 in dieser Immobilie befinden, „historisch gewachsen“, „bekannt“. Barthel nutzte die Räume in seiner Zeit als CDU-Landtagsabgeordneter (2011 bis 2015) selbst und zahlte nach eigenen Angaben die Miete aus der Abgeordnetenpauschale. An wen diese Zahlungen gingen, lässt er offen. Heuer sagt, das Arbeitsverhältnis der Mutter sei 2011 beendet worden, weil Barthel sonst seinen Anspruch auf die Kostenpauschale verloren hätte.

Heuer begründet die Wiedereinstellung 2016 mit „fachlicher Expertise“ und der „unmittelbaren Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit“. Und setzt dann noch einen politischen Schutzschild davor: Im Gegensatz zur „systematischen Überkreuzbeschäftigung bei der AfD“ basiere sein Fall auf „sachlichen Gründen“. Das klingt nach dem Versuch, einen Maßstab zu verschieben: nicht mehr „Ist es klug und sauber?“, sondern „Ist es so schlimm wie beim Gegner?“.

Genau hier liegt der Punkt: Wenn man die AfD wegen Überkreuz-Konstruktionen anklagt, kann man bei der CDU nicht so tun, als sei jede Verflechtung automatisch harmlos, solange sie sich in Formularen irgendwo unterbringen lässt. Politik lebt vom Vertrauen, Rechnungshöfe noch mehr. Und wer als oberster Prüfer über Steuergeld gilt, sollte sich nicht hinter „marktüblich“ und „unproblematisch“ verstecken, sondern jeden Zweifel aktiv ausräumen – mit Klarheit, Zahlen, Offenheit.

Die Affäre ist deshalb weniger ein juristisches, als ein kulturelles Problem: ein Politikbetrieb, der immer erst dann Ethik entdeckt, wenn der Gegner dran ist. Und der bei den eigenen Leuten plötzlich nur noch Regeln kennt – aber keine Standards mehr.

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Kommentare ( 26 )

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Jens Frisch
1 Monat her

Wurde der „Sachsen Sumpf“ mittlerweile aufgeklärt? Nein?! Die machen so lange weiter wie es geht!

Michael W.
1 Monat her

Keine Ahnung, was die alle haben:
Quod licet Iovi, non licet bovi.
Die AfD ist hat die Partei der alten weißen, deutschen Männer. Und die dürfen in D grundsätzlich nichts. Die CDU gehört zur links-grün-woken ausländer- und muslimfreundlichen Szene. Die dürfen alles.

Waehler 21
1 Monat her

Wer einen Sumpf trocken legen will, beschäftigt keine Frösche.

Last edited 1 Monat her by Waehler 21
Ohanse
1 Monat her

Jetzt wird Friedrich Merz wieder groß herumtönen. Solange, bis der Bumerang wieder da ist. Dann muß er sich wieder verstecken.

Leroy
1 Monat her

Am lustigsten ist die Kritik aus der CSU. Eine durch und durch Amigo-Partei,
deren Vetternwirtschaft geradezu legendär ist.

Emsfranke
1 Monat her
Antworten an  Leroy

Sehr lustig empfand ich auch die Meldung über das soziale Wirken des EVP-Chef Weber.
Da wurde doch tatsächlich gemeldet, dass der hohe Herr in seinem Wirkbereich eine gut dotierte Stelle nebst einem illustren Tätigkeitsprofil aus dem Nichts erschaffen lies, um darauf einen „Spezl“ incl. „Nobler Lebenserhaltungsvergütung“ ruhegehaltsfähig unterbringen zu lassen. Ob nun der Schaden vollzogen, also der „Spezl“ schon mitwirkt, ist mir nun nicht bekannt geworden. Aber der „gute Wille“ des hohen Herrn Weber soll ja nun auch irgendwie zum exzellenten Ansehen beitragen.

November Man
1 Monat her

Nur die AfD reagiert, während die Lügenpresse und die Kartellparteien weiter mit Dreck schmeißen. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Claudia Weiss hat sich von mehreren Mitarbeitern getrennt, wie die AfD Sachsen-Anhalt auf Anfrage bestätigte. „Die Trennungen erfolgten vor dem Hintergrund, dass die Beschäftigten nicht länger zusehen wollten, wie rechtlich einwandfreie Anstellungsverhältnisse medial skandalisiert werden.“ Die Frau Weiss muss jetzt aber gut aufpassen und achtsam sein. Denn jetzt wird der Verfassungsschutz bestimmt versuchen einige V-Leute bei ihr zu installieren.  

Kraichgau
1 Monat her

und danach schauen wir mal,wer so alles an Familienangehörigen in der Konrad Adenauer Stiftung und im Verwaltungsvorfeld beheimatet und versorgt ist

Michael M.
1 Monat her
Antworten an  Kraichgau

Agora Energiewende, mehr muss man dazu nicht sagen/wissen 😉🥳.

Last edited 1 Monat her by Michael M.
Karl Schmidt
1 Monat her

Kleine Erinnerung: In Sachsen-Anhalt wurde die Corona-Notlage zum siebten Mal (!) verlängert. Gerade in diesem Land stinken die Haushaltslügen mithin zum Himmel. Da ist es sicher kein Schaden, wenn man auf die zweifellos ausgezeichnete „Expertise“ der Mutter des Präsidenten des Landesrechnungshofs zurückgreifen kann; denke ich mir.

Orlando M.
1 Monat her

Barthel: „Nichts von alledem verstößt gegen geltende Regeln, beugt oder umgeht diese.“
Weil die geltenden Regeln das alles nicht ausdrücklich verbieten! Als die Regeln gemacht wurde, glaubte man noch ans Gute im Politiker und dass die aus purem Anstand heraus sauber handeln. Wie unfassbar naiv!

Karl Renschu
1 Monat her

Clanwirtschaft.

Und wenn das Finanzamt bei einer Grundstücksgemeinschaft die Einnahmen nicht auf alle Eigentümer umlegt, steckt wohl auch noch mindestens ein Steuerbeamter mit drin…

Violetta
1 Monat her

Alle sollen suchen helfen
Das gibt es doch gar nicht, da muss sich doch auf Bundes- und Landesebenench mehr finden lassen. Nicht nur bei der CDU, auch bei der SPD und den.Grünen .