Crystal Meth schädigt Babys

Das Verfahren gegen den Bundestagsabgeordnete Volker Beck wegen des mutmaßlichen Besitzes von Crystal Meth wird "wegen geringer Schuld" eingestellt. Das ist rechtspolitisch ein gefährliches Zeichen: Crystal Meth ist längst eine Massendroge, die auch Kinder schädigt, so unsere Gastautorin Angelika Demel.

Screenshot: phoenix, Unter den Linden

Crystal Meth, vor etwa 100 Jahren erstmalig synthetisiert, hat bereits als Wecksubstanz in der Wehrmacht, Medikament gegen Depression später als Leistungsbringer im Sport eine Verwendung gefunden. Mittlerweile ist Crystal Meth als Straßen- und Partydroge bekannt und wird auch am Arbeitsplatz, an Universitäten und Schulen konsumiert. Dabei unterliegt Crystal Meth dem Betäubungsmittelgesetz. Unbefugter Besitz sowie Erwerb und Handel sind strafbar.

Schon 10% Crystal-Babys?

Über neue erschreckende Entwicklungen berichtete jüngst der Bayerische Rundfunk im Funkstreifzug unter dem Titel „Die unsichtbaren Kinder“. Enthüllt wurden die fatalen Folgen eines Crystal Meth Konsums von schwangeren Frauen. Zu Wort kamen Experten für Crystal Meth aus der Neonatologie. Es gäbe immer mehr Crystal-Babys, deren Zahl aktuell auf 10% aller Geburten geschätzt wird. Die Babys seien hinsichtlich ihrer motorischen und mentalen Entwicklung gestört und fallen in der Nachsorge durch Beziehungsprobleme und ein erhöhtes Risiko für ADHS auf. Die meisten Kinder von Crystal-süchtigen Eltern seien bisher im Grundschulalter oder jünger. Große Probleme werden für sie vorhergesagt.

Crystal Meth gilt als starkes Nervengift und kann leicht in das Gehirn eindringen. Dort kommt es, soweit bekannt ist, zu einer Änderung der Botenstoffe, insbesondere von Noradrenalin und Dopamin, in bestimmten Hirnarealen. Außerhalb des Gehirns ist in den Nerven davon das Adrenalin betroffen. So lassen sich auch die meisten Wirkungen und Nebenwirkungen von Crystal Meth erklären. In Tierversuchen hat sich für Crystal Meth bei anhaltender Verabreichung ein Absterben von Nervenzellen gezeigt. Während der Nazi-Zeit fand die Droge als leistungssteigernde Substanz bei Panzerfahrern und Stuka-Piloten weiter Verbreitung; sie hatte Spitznamen wie „Panzerschokolade“. Die massenhafte Sucht ist einer der Gründe für die strikte Anti-Drogen-Politik der Adenauer-Zeit. In jüngeren Jahren wurde sie zur hedonistischen Modedroge. Hergestellt wird sie vielfach in der Tschechischen Republik, weswegen das benachbarte Bayern besonders betroffen ist.

Heute sind die Betroffenen häufig Kinder. Was der Literatur entnommen werden kann, ist ein höheres Empfängnisrisiko bei der Frau durch Crystal-Konsum wegen Änderung des Hormonhaushaltes, Störung des Monatszyklusses sowie Abschwächung der Wirkung der Pille. Im Falle einer Schwangerschaft kann Crystal Meth beim Ungeborenen vielfältige Fehlentwicklungen wie Herzfehler und andere Missbildungen hervorrufen.

Das ungeborene Kind ist noch keine Rechtsperson. Was bleibt ist der Appell an die Vernunft der Schwangeren und der Mutter, allgemein eine stärkere Prävention, eine intensivere Aufklärung wegen hohem Abhängigkeitspotenzial bei bereits geringsten Crystal-Mengen, Frühintervention sowie eine Stärkung der Bestandsaufnahme bei noch unzureichendem Datenmaterial.

Weil es bisher kaum belastbare Zahlen gibt, ist zumindest ein bundes- oder zumindest bayernweites Register zu fordern. So könnten die Kinder-Fälle eingepflegt werden, um sie strukturiert nachzuuntersuchen. Der Datenmangel ist nicht hinnehmbar. Aus mehreren Gründen: Crystal hat sich einen festen Platz auf dem Drogenmarkt erobert. Die Crystal-Abhängigen, die in die Suchthilfe kommen, haben im Schnitt eineinhalb Kinder. Und: Die ersten Crystal Meth-Babys dürften in Bayern schon junge Erwachsene sein.

Was die Zunahme des Drogenkonsums auch bei Kindern und Jugendlichen anbelangt, so deckt sich dies mit unseren eigenen Erfahrungen in der Praxis für Kinder- und Jugendpsychotherapie. Sehr besorgt sind wir über die Unbefangenheit und Verharmlosung eines Selbstkonsums bei dieser Klientel. Ein Missbrauch von Crystal Meth lässt sich dabei von uns nicht mit letzter Sicherheit ausschließen. Was gegen das Gehirn wirkt, ist ein Verbrechen nicht nur gegen die eigenen Gesundheit, sondern auch die des ungeborenen Kindes.

Die Autorin, Dr. Angelika Demel, ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendpsychotherapie.

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