The same procedure as every Wahl

Egal, wie das Ergebnis nach der ersten Hochrechnung aussehen wird: die zu ersten Kommentaren oder Gesprächsrunden geladenen Politiker wollen nichts von dem wissen, was soeben stattfand.

Screenshot ZDF

Ich kann hellsehen. Ja genau, ich weiß schon, was die Zukunft bringt. Herrlich, macht mir keiner nach. Ich muss auch nicht elendig lange in eine Glaskugel schauen. Meine Weissagungen kommen ad hoc. Sie können mich immer fragen;  ich weiß die Antwort, ohne lange im Oberstübchen kramen zu müssen. Okay, einen kleinen Nachteil gibt es: meine Kräfte sind zeitlich und regional etwas eingegrenzt.

Das alles geht jedenfalls nur, wenn Sie wissen wollen, wie die Stunden nach der kommenden Wahl in Mecklenburg-Vorpommern ablaufen werden. Nämlich so, wie alle anderen Momente nach 18 Uhr vor dieser Abstimmung am 4. September. Über die Bildschirme der Sendeanstalten flimmert dann jene unnachahmliche Mischung aus Ignoranz, Schönfärberei, wilden Vergleichen, abgedroschenen Phrasen und zuweilen auch antidemokratischem Verhalten, die für die deutsche Politik inzwischen eine Dauerkarte gelöst hat.

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Egal, wie das Ergebnis nach der ersten Hochrechnung aussehen wird: die zu ersten Kommentaren oder Gesprächsrunden geladenen Politiker wollen nichts von dem wissen, was soeben stattfand. Lieber kramen sie in der Mottenkiste vergangener Wahlerfolge, um sich ihre Verluste (die nach den neuesten Umfragen vor allem Linke, SPD und CDU treffen) noch halbwegs schönreden zu können. Da soll sich der Zuschauer dann bloß nicht wundern, wenn plötzlich Abstimmungen von 1956 herangezogen werden, um zu erklären, dass man im direkten Vergleich mit Anno Dazumal der eigentliche Gewinner sei. Das wäre in etwa so, als würden Sie heute eine angefangene Diät abbrechen und verkünden, sie sei ein voller Erfolg, weil der Abspeckmarathon vor 12 Jahren total toll anschlug.

Niederlagen, Verluste – nie gehört

Ganz sicher münzt die SPD ihren stimmlichen Niedergang in einen glasklaren Vertrauensbeweis für Ministerpräsident Erwin Sellering um. Die Sozen müssen zwar Federn lassen. Trotzdem liegt man vorn. Stellt wieder die Regierung. Überhaupt: die anderen hat es ja noch viel, viel schlimmer getroffen. So wie die CDU. Aber Lorenz Caffier wird erklären, man habe doch gar nicht verloren, da man einerseits nicht so viel wie die SPD verloren habe. Andererseits hat man entgegen des Bundestrends gar nicht so viel Prozente abgeben müssen.

Richtig verlieren, das können nur die anderen. Wer legt letztlich fest, welche Marke eine krachende Niederlage darstellt und alles, was darüber liegt, noch als gewonnen angesehen wird? Die gleichen Experten, die über Wohl und Wehe dieser Republik bestimmen? So oder so ähnlich werden die Ausreden von heißer Luft getragen aus den Mündern der Spitzenkandidaten kommen und wir Bürger wundern uns, von welchem Planeten die da eigentlich schwafeln. Nonchalant interpretieren sie das Ergebnis, wie es ihnen passt, egal ob es passt oder eben nicht.

Inhaltslose Sprüche abzusondern ist viel einfacher, als Ursachen der sinkenden Zustimmungswerte zu nennen. Man müsse doch erst einmal abwarten, wie der Abend noch verläuft – als ob sich die Zahlen je in Zehnerschritten bewegt haben. Man könne jetzt schon sagen, dass die bisherige erfolgreiche Politik das Vertrauen der Wähler erneut gewonnen hat, man wisse, dass die Bürger sich eine Fortsetzung der von Sieg zu Sieg eilenden Koalition wünschen.

Lauter belangloses Blablabla, das wie zäher Kaugummi in den Gehirnen der Kandidaten klebt. Und zusätzlich noch Fragensteller, die sich wie die Befragten scheuen, konkret zu werden. Bohrende Fragen nach dem Sinn und Warum der Resultate bleiben ebenso aus wie ein Beharren auf Antworten, die Ross und Reiter nennen. In seltener Eintracht lullen die beiden Gruppen den Wähler ein, der mit Fug und Recht Antworten verlangt, aber am Ende nicht viel klüger ist als zuvor.

Was sie über den absehbaren Erfolg der AfD zu sagen haben, können wir uns derweil an fünf Fingern abzählen. Im Sprachautomat ist noch Platz für Plattitüden jeglicher Art, um ja nicht deren Gewinn mit den eigenen Unzulänglichkeiten in Verbindung bringen zu müssen. Die niedrige Wahlbeteiligung war es. Die Menschen ließen sich nicht mehr erreichen. Man konnte nicht klar genug machen, um welche Rattenfänger es sich dabei handelt. Es waren kleingeistige Bürger, die da dümmlichen Parolen und einer Truppe aufsaßen ohne Erfahrung, ohne Ideen. Herablassende Attitüde gegenüber Anderswählern kam noch nie gut an. Ganz im Gegenteil. Wenn Politiker der Volksparteien so tun, als gäbe es eine große Wählerschicht links oder rechts der Mitte nicht, könnte die sich irgendwann fragen, was außer immer höheren Wahlergebnissen denn noch helfe, um auf seine Sorgen und Nöte aufmerksam zu machen.

Ich gebe Ihnen Brief und Siegel: mit nuancierten Veränderungen wird es am Sonntag so oderso ähnlich ablaufen. Wenn Außerirdische verstehen wollten, wie stark sich die Erwartungen und Sichtweisen von Bürgern und Politikern in Deutschland inzwischen voneinander entfernt haben, müssten sie am 4. September nur den Fernseher anmachen.

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