Angenommen, man wollte Friedrich Merz folgen. Dann macht es der Kanzler einem nicht leicht. Er hat seinen Redefluss nicht im Griff, verwickelt sich damit immer mehr in Widersprüche und sabotiert seine eigenen Botschaften. Er würde gern als großer Reformer gesehen werden, gibt aber das Bild des Firlefritz ab.
picture alliance/dpa | Boris Roessler
1983 stand die Welt am Rande eines atomaren Krieges der Supermächte. Die Sowjets hatten ein Manöver der Nato falsch interpretiert, hielten es für die Vorbereitung eines echten Angriffs und waren zum atomaren „Gegenschlag“ bereit. Als die Amerikaner die Gefahr erkannten, begann die Deeskalation. US-Präsident Ronald Reagan ließ das Fernsehen filmen, wie er in Urlaub fliegt. Das signalisierte den Sowjets – erfolgreich: Es ist alles in Ordnung. Gesten sind in der Politik wichtig, sie können die Geschichte stärker beeinflussen als Reformen oder Gesetze.
Friedrich Merz (CDU) ist im Einsatz von Gesten ein Dilettant. Nicht nur im Harmlosen. Etwa, wenn er in der Kabine die Handballer trösten will, die gerade das Finale der Europameisterschaft verloren haben. Wenn es im Großen darum geht, Gesten einzusetzen, um seine Politik zu verkaufen, verbockt es der Kanzler regelmäßig. So wie jetzt beim Empfang der Deutschen Börse in Eschborn. Mit seiner Unfähigkeit zur Kommunikation ist Merz die Hauptursache dafür, dass die Stimmungswende zum Positiven ausbleibt, die er selbst so gern herbei beschwören würde.
Merz hat sich zur anstehenden Rentenreform geäußert. Er hat versprochen, diese noch im laufenden Jahr umzusetzen. So weit, so gut. Doch er hat auch gesagt, dass künftig Betriebsrenten und die private Altersvorsorge eine größere Rolle spielen sollen. Darin könnte man ihm inhaltlich widersprechen. Man könnte es auch begrüßen. Doch um die inhaltliche Ebene geht es gar nicht. Auf der Ebene der Gesten hat Merz mit seiner Rede einen Fehler begangen, der sich für ihn viel verheerender auswirkt.
Merz’ noch junge Regierungszeit ist von Arbeitskreisen geprägt. „Kommissionen“, „Task Forces“ oder „Runde Tische“ sollen sachlich sinnvolle Lösungen vorschlagen, die von der Regierung dann umgesetzt werden. Kritiker – darunter TE – werfen ihm vor, dass der Kanzler den Problemen nur ausweicht und sich damit Zeit kauft. Die Lösungen seien längst bekannt. Sie müssten nur umgesetzt werden. Doch dass Kritiker gegen ihn sind, ist nicht das größte Problem des Kanzlers. Da könnte er darauf hoffen, dass sich sein Vorgehen als das sinnvollere herausstellt.
Viel schlimmer für Friedrich Merz ist, dass sein Vorgehen in sich selbst nicht schlüssig ist. Wer ihm folgen will, wer ihm unbedingt glauben will, dass er ein Mann sei, der weiß, was er tue, der könnte glauben (wollen): Eine Reform, die nur aus Versatzstücken besteht, ergibt keinen Sinn. Besser ist es, das Ganze aus einem Guss zu denken und dann entsprechend umzusetzen. Die Zeit, die eine Kommission dafür braucht, sollten wir ihr als Gesellschaft geben.
Doch selbst wenn wirklich jemand bereit wäre, Friedrich Merz in diesem Gedankengang zu folgen – dann ist Merz seinem Anhänger in Eschborn mit Anlauf in den Rücken gesprungen. Wenn der Kanzler sagt, wie die Rentenreform aussehen soll, dann braucht es keine Kommission. Wenn die Experten Vorgaben bekommen, was sie vorzuschlagen haben, dann sind ihre Vorschläge nicht mehr als PR. Dann können sie gar nicht mehr als PR sein. Dank Merz sorgt die Kommission nicht für eine Reform aus einem Guss. Ihr Tagen ist reine Zeitverschwendung. Wenn der Kanzler weiß, wie die Reform aussehen soll, dann muss er sie umsetzen – höchste Zeit wäre es.
Im Eschborner Auftritt kommen alle Schwächen des Friedrich Merz zusammen: Der Glaube, es ohnehin besser zu wissen als alle anderen. Die geringe Übereinstimmung dieser These mit der Realität. Der unbedingte Wunsch des Kanzlers, die ganze Welt sein vermeintlich überlegenes Wissen wissen zu lassen. Und die Unfähigkeit, sich zu beherrschen. Etwa mit konkreten Vorschlägen zu einer Reform warten, einfach weil es im groben Widerspruch zu der These steht, es brauche Zeit und unabhängige Experten, die Reform in Ruhe und jenseits der Öffentlichkeit vorzubereiten.
Der erfolgreichste Slogan in der Geschichte der Bundesrepublik lautete „Keine Experimente“. Damit gewann Konrad Adenauer (CDU) 1957 die einzige absolute Mehrheit der Republik. Der Slogan stand nicht für Inhalte. Ja, er stand sogar im Widerspruch zur Realität. Auch Konrad Adenauer ging in seiner Amtszeit umstrittene Experimente ein. Ironischerweise ganz besonders in der Rentenpolitik.
Aber mit „Keine Experimente“ waren keine Inhalte gemeint. Sondern eine Attitüde. Die des stoischen Kanzlers, der das Land in wilden Zeiten mit ruhiger Hand lenkt. Konrad Adenauer hat diese Attitüde buchstäblich verkörpert. Er hat gewusst, dass es nicht reicht zu sagen, man regiere mit ruhiger Hand. Adenauer hat gewusst, dass er dieses Versprechen leben muss. In seinem Fall bedeutete das, nicht überhastend vorzugreifen. Wenn er einer Kommission versprach, ihr sechs Monate Zeit zu lassen, ihr dann auch sechs Monate Zeit zu geben, anstatt schon öffentlich über das Ergebnis zu plappern – so wie jetzt Friedrich Merz.
Das ist das Verhängnis des Friedrich Merz. Der Grund für das Scheitern jeglicher PR-Versuche der CDU ebenso wie der Bundesregierung. Friedrich Merz ist derart überzeugt von sich, dass er glaubt, es genügt, sich hinzustellen und zu sagen, für welches Image er steht und – zack – übernehmen die Bürger genau dieses Bild von ihm. Der Kanzler versteht nicht, dass sich dieses öffentliche Bild aus seinen Taten und seiner Attitüde ergibt – in einem hochkomplizierten Prozess, der von den Betroffenen höchste Disziplin abverlangt.
Das Image des Friedrich Merz ergibt sich aus seiner Zappeligkeit, gemischt mit seiner mehr als unangenehmen Arroganz. Adenauer haben die Bürger – egal, ob sie damit recht hatten – abgekauft, dass er wenig verspreche und viel halte. Merz ergeht es umgekehrt. Er verfranst sich in seinen Aussagen und seinen Widersprüchen. Er macht es damit selbst denen unmöglich, ihm zu folgen, die ihm gern folgen würden. Merz ist der Firlefritz. Einer, der viel sagt, und je mehr es wird, desto weniger bedeutet es. Vor allem aber ist der Firlefritz keiner, von dem Bürger hoffen, dass es in Zeiten von Krieg oder Frieden auf seine Disziplin ankommt.

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Merz ist ein Renomist….
Der Lühenkanzler braucht dringend Unterstützung. Warum wendet er sich nicht an das Selbsthilfe-Büro Freiburg. Dort finden auch notorische Lügner mit Felix-Krull-Syndrom, wie der Kanzler, Hilfe.
Lasst die Rente in Ruhe und kürzt die Pensionen.
Aber davon will Merz nichts wissen, denn er müsste selbst auf etwas verzichten, genauso wie alle Mitglieder der Rentenkommission.
Die Gutversorgten wollen nur Kürzungen bei den Schlechtversorgten.
Als ich Friedrich Merz vor dem Handball-Endspiel auf der Tribüne sah, war mir klar, dass dieses Spiel verloren gehen wird..
„Merz ist der Firlefritz.“
Vor allem den einen Tag Hüh, den anderen Tag Hott. Jeweils mit einstudierter „Inbrunst“ vorgetragen.
Das nährt den Verdacht, dass er jeweils die akute (ihm und seinen Auftraggebern nutzende) Alibistory für den zu verars**enden Bürger vorträgt.
Dem glaube ich nix mehr. Vor allem keine Bereitschaft „zum Wohle des Volkes“ zu arbeiten.
Der verachtet den Bürger. Das bringen so Äußerungen wie der Bürger sei zu weinerlich (weil er sich über das ruinierte Land beklagt) oder die Super-Krönung … der Bürger sei zu faul. Unverschämtheit.
Man muss sich unseren Bundeskanzlerselbstdarsteller und seine Gestalten, mit denen er sich umgibt, nur genau anschauen, und man weiß Bescheid.
Inkompetenz, Arroganz, Opportunismus, maßlose Selbstüberschätzung, wohin das Auge nur blickt.
Und das seit Merkels Zeiten! Das Einzige, worin sich diese Vollversager in Nadelstreifen noch unterscheiden, sind die Kontonummern ihrer Schmiergeldkonten.
Nicht nur das was großspurig angekündigt wird und zusammen mit seinem Innenminister der harte Maßnahmen zur Rückführung und Einreise angekündigt haben, sind es gerade mal ca. 2 500 mehr bei der Rückführung im vergleich zur Ampel und von der Einreisesperre wollen wir erst garnicht reden, wo nur Wind gemacht wird und mehr nicht und die große Verar…… geht weiter wie gehabt und was ist denn eigentlich mit den großzügigen Gastgeschenken, die jeden Monat verteilt werden, was man auf ein Minimum beschränken könnte und nur noch Gutscheine für das tägliche Leben erreicht, denn dann sind sie weg, wenn sie keine Sparkasse… Mehr
Bei Ernst Stiedenroth (1824) findet sich: „Das Denken also macht sich nicht etwa aus Nichts, sondern es setzt eine hinreichende Vorbildung, Vorverbindung und da wo es es Denken im engeren Sinne ist, eine der Sache entsprechende Verbinung und Ordnung der Vorstellungen voraus, wobei sich die erforderliche Vollständigkeit von selbst versteht.“ Goethe war von dieser Totalität begeistert, ich und sicherlich viele TE-Leser sind es auch. Beim Bullshit-Plapper-Kanzler ist da buchstäblich nichts …
Ich denke da immer an die Steuerklärung auf dem Bierdeckel. Mit großer Schnauze vorgeprescht, beim ersten leisen Gegenwind restlos umgefallen und dann nie wieder was davon gehört. Er hat damals den Eindruck gemacht, nicht mehr als ein Windei zu sein und seitdem keine der vielen Gelegenheiten ausgelassen, diesen Eindruck zu vertiefen. Ich werde nicht verstehen, wie man so einen Menschen, der noch nie ein Amt hatte und darüber hinaus außer Arroganz nichts vorzuweisen hat, zum Hoffnungsträger aufbauen kann. Von den vielen Vorwürfen, die man ihm machen kann, trifft sicherlich einer nicht zu: Das er als Kanzler eine Enttäuschung wäre. Sorry.… Mehr
…die CDU hatte/wollte keinen besseren…
Wer nach 40-45 Jahren Arbeit und Beiträgen mit Bürgergeld und fehlenden Zähnen regelrecht entsorgt werden soll, ist wohl eher ein Reformopfer. Ein weiteres Lügenei.
Aber volle Gießkanne in die Ukraine. Unwählbar!