Der deutsche Überschuss ist schuld oder Panem et Circenses

Der deutsche Michel wird dann nach dem Kollabieren des Geldsystems seine angesammelten Überschüsse abschreiben dürfen. Die Kaufkraft dieser Forderungen beträgt in Wahrheit heute schon Null. Der Michel weiß es nur noch nicht.

@ Thomas Lohnes/Getty Images

Es ist immer wieder erfrischend zu beobachten, in welch steigendem Maße die wirtschaftspolitische Debatte in Europa und Deutschland vom ökonomischen Analphabetismus dominiert wird. Ein wunderschönes Beispiel dafür ist die Schuldzuweisung an Deutschland für die Defizite der südlichen Länder im Euro, weil die Saldenmechanik ja gebietet, dass einem Überschuss irgendwo ein Defizit gegenüberstehen muss. Da Deutschland mit seinem angeblichen Lohndumping die Überschüsse erzeugt, ist es mindestens „mitschuldig“ oder besser noch „hauptschuldig“ an der Misere in Griechenland, Italien, Frankreich und Portugal. Das verbinden wir dann mit der Forderung nach einer Transferunion, die per Geschenk die Defizite wieder ausgleicht und schon hat der kleine masochistische Michel seinen Ablasszettel erworben und darf wieder mitspielen.

Und frei nach Wilhelm Busch gilt auch für diese Debatte: „Wofür man besonders schwärmt, wenn sie wieder aufgewärmt“, denn dieser Unsinn wird uns alle Jahre wieder seit Ausbruch der Eurokrise 2008 vorgesetzt. Mittlerweile ist er aber nicht mehr aufgewärmt, sondern aus dem modrigen Mumiengrab rausgeholt, durch den linksdralligen politischen Durchlauferhitzer geschickt und von Professoren geadelt, die ohne die monetäre Protektion mit Steuermitteln durch den von jeder Ökonomiekenntnis unbelasteten ex-Wirtschaftsministers schon längst in der Einöde des wissenschaftlichen Obskurantismus verendet wären.

Daher bekommen diese Damen und Herren jetzt hier nochmal einen Schnelleinlauf über die Grundlagen des Wettbewerbs, der Theorie des Freihandels und ganz allgemein der Frage von Ursache-Wirkungsbeziehungen, denn es ist zwar klar, dass jedem Defizit ein Überschuss entsprechen muss, aber eine Saldenmechanik ist noch kein Erklärungsansatz. Ursache und Wirkung sind nicht in der Saldenmechanik, sondern im Verhalten der Wirtschaftssubjekte zu suchen.

Es dürfte sich sogar den Proponenten der Transferunion erschließen, dass Handelsbilanzüberschüsse etwas mit Wettbewerbsfähigkeit zu tun haben. Güter finden international Käufer, weil sie besser, weil sie billiger oder weil sie beides gleichzeitig sind im Vergleich zu den Gütern der anderen Wettbewerber. Dort und nirgendwo sonst ist nach der Ursache-Wirkungsbeziehung zu suchen. Und es stellt sich die Frage, wovon das beeinflusst wird.

Lohnhöhe, Produktivität, Qualität, Wechselkurs

Fangen wir mit dem Lohnniveau an. Da stellen wir ziemlich schnell fest, dass das Lohnniveau in Deutschland nicht niedriger, sondern höher ist als in fast allen anderen Staaten der Eurozone oder gar Europas insgesamt, sieht man mal von der Schweiz ab. Von dort habe ich aber noch keine Vorwürfe an Deutschland gehört, dass wir die armen Eidgenossen mit unserem Lohndumping um ihr letztes Hemd bringen. Es ist zwar gleichzeitig so, dass die Disziplin der Tarifpartner in den letzten 15 Jahren dafür gesorgt hat, dass die Löhne der Produktivitätsentwicklung hinterherhinken, aber im Gegenzug wurde die Arbeitslosigkeit halbiert, was dafür spricht, dass der Preis der Arbeit vorher nicht im Gleichgewicht gewesen sein kann und es jetzt eher ist als damals.

Kommen wir zur Produktivität. Da wird langsam schon eher ein Schuh draus. Deutschlands Arbeitskräfte sind produktiver als ihre EU-Kollegen, so viel steht wohl fest. Das liegt daran, wie gut sie ausgebildet sind und wie die Arbeit organisiert wird.

In den Sonntagsreden von Paris über Brüssel bis Berlin wird immerhin regelmäßig anerkannt, dass das duale System der Berufsausbildung die Benchmark für Europa sei und man das in die ganze EU exportieren sollte und es wird vom großartigen deutschen Mittelstand geschwärmt und ja: Diese Elemente dürften einen nicht geringen Teil des Produktivitätsvorsprungs erklären. Sie erklären auch, warum dieser Vorsprung größer und nicht kleiner wird und das trotz der irrsinnigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die die Bundesregierung bei Energiewende, Regulierung und Steuerpolitik setzt. Der Grund ist ganz einfach: Unsere Nachbarn machen es wirtschaftspolitisch noch schlechter und ihre von Neidkomplex, Korruption und Vetternwirtschaft verseuchten Verwaltungsbehörden sind unfähig, einen Mittelstand groß werden zu lassen, der innovativ ist, junge Menschen ausbildet und nicht von der Erbschaftssteuer erschlagen wird, sobald er es wagt, mehr als eine Generation fähiger Familienunternehmer hervorzubringen.

Gut geführte französische Familienunternehmen werden zu einem hohen Prozentsatz beim Generationswechsel an irgendeinen Großkonzern verscherbelt, weil die Erbschaftssteuer die nächste Generation dazu zwingt. Fährt man durch die wunderschöne Region des Bordeaux, so kann man das an den fantastisch und unternehmerisch geführten Weingütern mustergültig studieren. Gehen Sie mal da rein! Da glauben Sie, Sie stehen in einer schwäbischen Produktionshalle. Immer mehr davon werden aber leider von Konzernen aufgekauft, damit auch AXA und Peugeot einen schönen Tagungsort für die Vorstände haben und ihren eigenen Grand Cru zu Weihnachten an Geschäftspartner, Politiker und Günstlinge verschicken dürfen. Der Grund ist meistens die Erbschaftssteuer. Entsprechend wenige mittelständische Unternehmen schaffen es, börsenreif zu werden. Das Segment ist in unserem wunderschönen Nachbarland total unterentwickelt.

Konzerne schaffen aber keine Arbeitsplätze, sie suchen in der Regel nach Synergien, Kosteneinsparpotentialen und Restrukturierungsmöglichkeiten. Sie bauen Arbeitsplätze ab, das kann man in jedem Land beobachten.

Ein Land, das seinen Mittelstand stiefmütterlich behandelt und stattdessen die Schaffung von „National Champions“ als vornehmste Aufgabe einer größenwahnsinnigen Industriepolitik mit Staatsbeteiligung zur Unterbringung gieriger Politiker in Managementetagen definiert, darf sich dann aber nicht wundern, dass es nicht aus dem Quark kommt.

Und dieser unterdrückte Mittelstand wird auch kein duales Ausbildungssystem erfolgreich und in der Fläche etablieren können. Dafür braucht man nämlich langen Atem und generationsübergreifende Stabilität. Es wird ja wohl keiner ernsthaft fordern, dass Deutschland dieses Modell übernimmt, um seine Überschüsse abzubauen, oder?

Qualität

Kommen wir zur Qualität. Und auch da gibt es ein Gefälle. Wer ein deutsches Auto fährt, ist in der Regel ein Fetischist. Wer ein italienisches Auto fährt, hat Geschmack und macht Kompromisse bei der Haltbarkeit. Wer ein französisches Auto fährt, ist einfach nur leidensfähig. Das heißt nicht, dass Frankreich nicht auch Qualität könnte.

Trinken Sie mal einen guten französischen Roten, essen Sie den besten Käse, die besten Croissants und die besten Macarons auf dem Planeten oder gehen Sie in ein Hotel in Paris, schauen Sie sich die fantastische Architektur an oder genießen Sie die Produkte einer Industrie von Luxuswaren wie Kleidung, Schuhe, Leder, Schmuck und vieles mehr. Es gibt nichts, was die Entfaltung von Qualität und Wettbewerbsfähigkeit in unseren Nachbarländern verhindert oder behindert, außer der Politik, die mit Bürokratie, Steuern und Korruption ihre Entfaltung stört und das tut sie vor allem beim vernachlässigten, um nicht zu sagen geknechteten Mittelstand.
Wenn Herr Macron da was tun möchte, dann kann er bei der Erbschaftssteuer anfangen, die die Amerikaner zu Recht „Death Tax“ (Todessteuer) nennen und sie am besten gleich abschaffen. Geht natürlich nur über die Leiche der Neidgeplagten.

Aber wenn er das und noch ein paar andere Reformen hinbekommen sollte, dann wird er feststellen, dass für den Franzosen gilt, was der Schwabe für sich beansprucht: „Wir können alles außer Hochdeutsch“.

Wechselkurs

Kommen wir zum Wechselkurs. Alle diese wirtschaftspolitischen Fehlleistungen würden nämlich in einer normalen Welt nicht zu sich auftürmenden und perpetuierenden Defiziten führen. Ihre Wirkung wäre in einer normalen Welt begrenzt darauf, dass der Wohlstand in diesen Ländern halt hinter dem Potential zurückbleibt, das eine wirklich freie Marktwirtschaft den Bürgern dort bieten könnte.

Wir leben aber nicht in einer normalen Welt, wir leben in der Eurozone, dem Land von Kafka und Don Quichote. In einer normalen Welt flexibler Wechselkurse gibt es nämlich so etwas wie die Vergebung aller wirtschaftspolitischen Sünden – jedenfalls was den Außenhandel und seine Finanzierung angeht. Wenn Sie in dieser Welt nicht so produktiv sind, wie ihr Nachbar, dann macht das gar nichts, denn das Defizit, das sie dann erzeugen, führt zu einer steigenden Nachfrage nach der Währung ihres Handelspartners und dies wiederum zu einem Sinken des Wechselkurses ihrer eigenen Währung. Und dieser Sinkflug dauert so lange, bis ihre Produkte so billig sind, dass ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt ist. Was sie im Gegenzug verlieren, ist Kaufkraft. Die Vergebung der Sünden ist also nicht ganz kostenlos.

Wie wir alle wissen, haben wir dieses kleine Ventil ja abgeschafft, indem wir uns alle dem Diktat eines „auf ewig“ fixen Wechselkurses durch die gemeinsame Währung unterworfen haben. Diese Ewigkeitsgarantie ist übrigens einen kleinen Exkurs wert, weil der Großmeister des Ordens vom festen Wechselkurs, Graf Draghila, neulich im Parlament der Niederlande so emotional betont hat, dass der Euro „irreversibel, irreversibel!“ ist. Die Doppelnennung sollte wohl seinen wild entschlossenen Nachdruck dokumentieren oder diente der psychologischen Selbstvergewisserung.

Es liegt mir ja fern, dem Mann Nachhilfeunterricht in Philosophie zu erteilen, aber seine scheinbar von Hybris, Machbarkeitswahn und Klammerhaltung angetriebene Sicht auf die Welt kollidiert mit der Erkenntnis, die schon die alten Griechen gewonnen haben: Nichts ist von Dauer, außer dem Wandel. Oder für den Hausgebrauch im EZB-Turm: „Kein Übel währt ewig“ (Epikur), nicht mal der Euro.

EZB

Mit Verlaub Herr Präsident, aber Sie erinnern mich an Erich Honeckers berühmten Satz von 1989; „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf!“
Dem Ganzen setzt die EZB die Krone auf, indem sie den Euro mit Nullzins, quantitative Easing und sogar negativen Zinsen herunterwirtschaftet und so der deutschen Wirtschaft zu einem marktfremden vorübergehenden Wettbewerbsvorteil verhilft, der ihre Überschüsse sogar noch künstlich aufbläht, zwar nicht gegenüber den anderen Euroländern, wohl aber gegenüber dem Rest der Welt. Mit dieser „Beggar thy Neighbour“ Politik befeuert man dann noch die protektionistischen Tendenzen im Welthandel, die das Potential haben, einen Kollaps des Handels und damit der Wirtschaft weltweit in Gang zu setzen.

Wenn wir aber das Ventil des Wechselkurses nicht zulassen wollen, dann lässt sich doch das Ungleichgewicht nur erdulden, und das erzwingt die Transferunion im Sinne eines römischen Tributsystems. Dann müssen die unterworfenen Stämme nördlich der Alpen Brot und Spiele in Rom finanzieren wie zuletzt im 3. Jahrhundert: Panem et Circenses.

Lohnerhöhungen

Oder die Unterschiede in Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit müssen abgebaut werden. Dabei suchen die Helden im Europa der Bürokraten natürlich nicht den Weg der Marktwirtschaft und der Schaffung künftigen Wohlstands für alle, sondern sie suchen den Weg des geringsten Wiederstands. Da alle Appelle an die Reformfähigkeit der Südländer erfolglos verhallt sind, ist man zu der Überzeugung gekommen, dass die Niederländer und Deutschen halt ihre Wettbewerbsfähigkeit abbauen müssen. Das machen wir am besten mit Lohnerhöhungen (dafür findet sich natürlich immer jemand, der das gut findet) und mit öffentlichen Investitionen, die eh niemand für schlecht halten darf.

Jetzt ist es natürlich so, dass wir die öffentlichen Investitionen in der Tat lange zugunsten des öffentlichen Konsums vernachlässigt haben. Aber diesen Herrschaften geht es nicht um die Korrektur dieser selbst verschuldeten Schieflage: Sie möchten den Konsum hoch halten, weil das ihrer Klientelpolitik zugutekommt und die Investitionen auf Pump finanzieren und uns dabei erzählen, dass uns das langfristig nutzt.

Hier kommen wir aber an einen paradoxen Zirkelschluss, denn entweder sind diese Investitionen nicht optimal für die Volkswirtschaft oder sie sind es. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie es nicht sind, wie immer, wenn man Bürokraten Geld ausgeben lässt, das ihnen nicht gehört und für das ein anderer haftet. In dem Fall sinkt unsere Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich. Wer übrigens der Meinung ist, dass das nicht so sei und dass man unseren Bürokraten deshalb mehr Geld anvertrauen sollte, dem empfehle ich einen Besuch an der ewigen Baustelle Flughafen Berlin Brandenburg, wo man Menschen beschäftigen muss, regelmäßig die Klospülungen auf den Toiletten zu betätigen, damit diese nicht vor Fertigstellung einrosten und so kaputt gehen.

Ich nehme übrigens Wetten an: Diese Flughafenbaustelle hat mehr Irreversibilität als der Euro! Dort wird noch gebaut, wenn der Euro schon den Weg alles Irdischen gegangen sein wird.

Man nennt das Ergebnis solcher Investitionen einen volkswirtschaftlichen Schaden, weil es alle Beteiligten ärmer macht. Oder es passiert ein Wunder und die Bürokraten geben das Geld sinnvoll aus, dann steigt unsere volkswirtschaftliche Produktivität, unsere Wettbewerbsfähigkeit tut das Gleiche und unsere Überschüsse wachsen weiter. Da das das Szenario ist, welches trotz seiner beinahe-Unmöglichkeit von den ausgabewütigen Politikern unterstellt wird, ist mir nicht ganz klar, wie das das Problem der Überschüsse nachhaltig lösen soll. Muss man ja vielleicht auch nicht verstehen.

Dieser Wille, das Geld anderer Leute auszugeben, ist bei einigen Akteuren vor allem gepaart mit der Anmaßung nicht vorhandenen Wissens. Wie sonst könnte man den von Herrn Schulz ausgesprochenen Satz verstehen, dass er bzw. die Politik es besser weiß, wie das Geld zu investieren sei, als die Wirtschaft und er deshalb Steuersenkungen ablehne.

Bücher besser lesen als verkaufen

Hat der Mann sich jetzt in die aus drei Blatt wirrem Papier bestehende wirtschaftswissenschaftliche Abteilung seines Buchladens verlaufen und sich dort die Augen an Karl Marx` Kapital wundgescheuert? Lesen bildet übrigens deutlich mehr, als Bücher zu verkaufen und ein Bart macht noch keinen Professor, gell?

Es ist übrigens die aus der gleichen Schule stammende Geistesverwirrung, die Deutschland wegen dieser Überschüsse als angeblichen Profiteur der Europolitik sieht. Wenn wir also schon dabei sind, die Wahrnehmungsstörungen bei der Ursachenforschung aufzuarbeiten, dann können wir uns auch gleich mit diesem Quatsch aus der keynesianischen Mottenkiste auseinandersetzen. Dieser Behauptung liegen nämlich gleich zwei Irrtümer zugrunde: Der erste Irrtum ist, dass bei einem Verkauf der Verkäufer der Gewinner ist und der Käufer im Umkehrschluss quasi der Verlierer. Das ist natürlich himmelschreiender Unfug! Wenn zwei Personen etwas miteinander aus freiem Willen tauschen, in unserem Fall zum Beispiel Euro gegen ein deutsches Auto, dann tun das beide deshalb, weil sie sich durch den Tausch besser stellen als ohne ihn. Beide steigern ihren Nutzen, sonst würden sie es ja nicht tun. Die Ausnahme von dieser Regel ist der unfreiwillige Tausch, den uns die Ideologen der Planwirtschaft dauernd aufzwingen wollen.

Die Bürger der Defizitländer erhalten in diesem Tausch Autos, Maschinen, Dienstleistungen und viele andere schöne Dinge nicht deshalb, weil wir Deutsche es ihnen aufzwingen, sondern weil sie diese Dinge haben möchten. Und ich habe da auch wirklich Verständnis dafür, dass die lieber Mercedes fahren als Citroen.
Der zweite Irrtum speist sich aus der Überlegung, dass Deutschland mit diesen Überschüssen gewissermaßen seine Konjunktur ankurbelt und dafür Geld akkumuliert, mit dem die armen Südländer in so eine Art Zins-Fron gepresst werden. Das Argument ist vor allem bei Linken beliebt, bei denen unternehmerischer Erfolg das Synonym für Ausbeutung ist.

Würden wir in einer Welt flexibler Wechselkurse leben, dann könnte man von diesem Argument immerhin so viel übernehmen, dass die angesammelten Überschüsse es den Deutschen später einmal erlauben, selbst Defizite damit zu finanzieren. Das könnte ja auch nötig werden angesichts der demographischen Entwicklung in diesem Land. Aber da wir nicht in so einer Welt leben, sondern in der Welt des mit dem ökonomischen Ungleichgewicht und Irrsinn verheirateten Euro, verhält es sich nicht so. Der Euro ist mittlerweile nämlich so konstruiert, dass er die Defizite durch Target 2 und andere Mechanismen der Transferunion zwangsfinanziert – durch die Länder mit Überschüssen.

Er perpetuiert damit das Ungleichgewicht. Das Ungleichgewicht wiederum erzwingt eine auf Dauer angelegte Nullzinspolitik, die wiederum die Stabilität des Bankensystems untergräbt. Diese Untergrabung durch Erosion der Zinserträge bei gleichzeitiger Verseuchung der Kreditbücher mit den Risikodarlehen an Zombieunternehmen schaukelt sich so lange auf, bis das System kollabiert.
Der deutsche Michel wird dann seine angesammelten Überschüsse abschreiben dürfen. Die Kaufkraft dieser Forderungen beträgt in Wahrheit heute schon Null. Der Michel weiß es nur noch nicht.

In Wahrheit verschenken wir also all diese Güter, die die Überschüsse „erwirtschaften“. Wir verkaufen sie gar nicht. Und die Nullzinspolitik bläht diese Überschüsse noch mehr auf und wird die ganz große Abschreibung am Ende dieser Reise nach Jerusalem auf schwindelerregende Höhen treiben. Auf den Wert von Solidarität in einem Europa, in dem sich dieses Risiko manifestiert haben wird, darf man heute schon gespannt sein.

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Kommentare

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  • beccon

    Nicht wirklich für dis Italiener – für die Mafiosi aller Länder bestimmt.

  • Martin

    cool!
    Verständlich formuliert!
    Einige offene Fragen wurden beantwortet.
    Danke !!!!
    (jetzt neu in NRW – Schulfach Wirtschaft. Ihr Artikel müßte überall in Deutschland Pflichtlektüre sein!)

  • Eurozirrose

    Genialer Artikel, danke Herr Krall!
    Welches Land nimmt mich auf? Bin selbständiger Ingenieur und habe von diesem Land die Schnauze gestrichen voll.

  • Erwin2016

    tja weiss ich auch nicht. 😉

  • C.F

    Und was ist mit den cum/ex Geschäften die dem deutschen Steuerzahler 10Mrd. Kosten ?

    Warum erfolgt hier keine Anklage von der „Schwarzen Null“ ?

  • Heinz Stiller

    Toller Artikel! Nur ein, zwei Ergänzungen. Die französische Produktivität ist HÖHER als die deutsche. Aber ganz einfach, weil durch die irrsinnige französische Wirtschaftsstruktur einfachere Arbeitsplätze verstärkt wegfallen. Das sorgt für einen Überhang der „besseren“ Arbeitsplätze in der Statistik.
    In der Schweiz sind die REALLÖHNE NICHT höher als in Deutschland. Ich kann das gut beurteilen, weil ich seit 8 Jahren hier lebe. Der Trick bei der Statistik ist, dass vieles in den statistisch relevanten Warenkörben einfach wegfällt.
    Nur einige Beispiele: In der Schweiz gibt es kaum Schuster. Und wenn, dann sind deren Dienste immens teuer. Also muss man viel früher neue Schuhe kaufen. Taucht in der Statistik so nicht auf.
    Die Qualität. Bei uns in der Schweiz existieren Angebote unterer Preisklassen zum grossen Teil nicht. Z.B. kostet da, wo ich wohne, der billigste „Zauberstab“ (Mixer) für die Küche rund 150 Franken. Im (nahen) italienischen Ausland kriege ich einen, der qualitativ sehr viel niedriger ist, aber für jede Normalküche vollkommen ausreicht, für 15 Euro.
    Bei Medikamenten beträgt der Preisunterschied bis zu 70%. Bei Fleisch bis zu 60%. Solche Beispiele liessen sich beliebig vervielfältigen.
    Die schweizer Löhne – hoch, wie sie prima facie erscheinen – halten aber mit diesen Unterschieden nicht mit.
    Fazit ist, Schweizer können sich effektiv für ihr (hoch erscheinendes) Gehalt weniger leisten als Deutsche, wenn sie nicht so klug sind, regelmässig mit ihren Franken im Ausland einzukaufen. –
    Aber das sind natürlich kleine Einzelaspekte der Sache. Im grossen und ganzen haben Sie wohl vollkommen recht. Draghi verfolgt in schamloser Weise die Interessen seines Heimatlandes. –
    Besonders hervorzuheben ist Ihre klare Darstellung des Vulgär-Keynesianismus. Dieser ist mehr Religion als wissenschaftliche Theorie.
    Wenn Keynes funktionieren würde, wäre Griechenland – das über lange Zeit mehr ausgegeben hat als es einnahm – der erfolgreichste europäische Staat.