Bundeswehr-Brigade Litauen: Warum fehlen noch einige tausend Freiwillige?

Die nach den Träumen von Kanzler Merz bald wieder größte Armee Europas hat Startschwierigkeiten. Für das NATO-Vorzeigeprojekt in Litauen fehlen bis zu 90 Prozent der Mannschaftsgrade. Um 90 Prozent hatte man in den Merkel-Jahren auch die Anzahl der Panzer verringert. Munition gibt es für maximal drei Tage. Verhandelt das Verteidigungsministerium jetzt mit Russland über den Drei-Tage-Krieg?

picture alliance/dpa | Heiko Becker

Auf dem NATO-Gipfel im Juli 2023 in Vilnius/Litauen beschlossen die NATO-Alliierten in Konsequenz auf den Überfall Russlands auf die Ukraine vom 24. Februar 2022, die Ausgaben für Verteidigung massiv zu erhöhen und die Truppenpräsenz an der europäischen NATO-Ostflanke gemeinsam zu verstärken. Beschlossen wurde konkret die Einrichtung von acht multinationalen Kampfgruppen („Battlegroups“):

Bereits seit dem Beitritt Estlands, Lettlands und Litauen zur NATO im Jahr 2004 hatten die Luftstreitkräfte von NATO-Mitgliedsländern die Luftraumüberwachung (Baltic Air Policing) über dem Baltikum und der Ostsee übernommen. Hier wechseln sich NATO-Staaten regelmäßig ab: Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Frankreich, Großbritannien, Norwegen, die Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien, Tschechien, die Türkei, die USA, Ungarn sowie nach deren Beitritt zur NATO Finnland (2023) und Schweden (2024/2025).

Wann ist die „Brigade Litauen“ der Bundeswehr einsatzfähig?

Der Zeitplan für die Stationierung der Brigade Litauen war relativ großzügig bemessen, streckt er sich doch über mehr als vier Jahre: 2023 fiel die Entscheidung, 2024 wurde ein Vorkommando auf den Weg gebracht, 2025 begann die Truppenverlegung, 2026 ist die Integration in die Battlegroup Lithuania geplant, 2027 soll die volle Einsatzbereitschaft erreicht sein. Dann sollen an zwei Standorten in Litauen 5.000 Bundeswehrangehörige sein – ausgestattet mit 2.000 Militärfahrzeugen, unter anderem in drei Kampftruppenverbänden. Wann man sich vergegenwärtigt, was seit Februar 2022 an russischen und ukrainischen Truppenbewegungen stattfindet, eigentlich nur „peanuts“.

Das Problem aber ist aber nicht die Vorbereitung der in Litauen notwendigen Infrastruktur, das Problem ist auch nicht das notwendige Militärgerät. Es geht um die Teilverlegung des Panzergrenadierbataillons 122 aus Oberviechtach (Kreis Schwandorf, Oberpfalz, Bayern) und des Panzerbataillons 203 aus Augustdorf (Kreis Lippe, NRW). Ausgestattet sind diese Einheiten bislang mit dem Kampfpanzer Leopard 2 sowie dem Schützenpanzer Puma (Augustdorf) und dem Schützenpanzer Puma (Oberviechtach).

Die deutschen Soldaten werden in den Orten Rūdninkai und Rukla nahe der Großstädte Vilnius und Kaunas dienen. Litauen als Gastgeberland sorgt für die militärische und die zivile Infrastruktur. So entsteht in Rūdninkai ein Truppenübungsplatz mit Schießbahnen und Unterkünften. Übergangsweise werden auch Nemenčinė, Rokantiškės und Vilnius als Standorte der Brigade Litauen genutzt.

Brigade ohne Personal?

Das Problem ist: Die Bundeswehr findet trotz großzügiger Anreize (Prämien, Privilegien; Bau von deutschen Schulen für die Kinder der Soldaten; Hilfe für Ehepartner bei der Jobsuche) nicht genügend Freiwillige, die für längere Zeit nach Litauen gehen. Freiwilligkeit hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betont. Seine Ankündigungen waren überhaupt etwas vollmundig. Von einem “Leuchtturmprojekt der Zeitenwende“ sprach er 2023. TE hat bereits am 7. November 2023 skeptisch darüber berichtet.

Konkret: Vor allem Mannschaftsdienstgrade fehlen. Bis zu 90 Prozent. Der „Spiegel“ berichtet aktuell aus einem vertraulichen Papier des Verteidigungsministeriums. Details: Die Gesamtbrigade inklusive noch in Deutschland stationierter Teile hat derzeit eine nominelle Stärke von ca. 2.800 Soldaten. Das Panzerbataillon 203 (Augustdorf) soll 414 Dienstposten für Litauen stellen; Freiwillige gibt es nur 197 (ca. 48 % der benötigten Zahl). Das Panzergrenadierbataillon 122 (Oberviechtach) soll 640 Dienstposten stellen; Freiwillige gibt es nur 181 (= ca. 28 %). Von weiter benötigten 1.971 Hauptkräften (z. B. Artillerie, Aufklärer, Pioniere, Unterstützungstrupps) haben sich nur rund 10 % (ca. 197–209 Freiwillige) gemeldet; es fehlen also über 90 %. Besonders bei Mannschaftsdienstgraden (Gefreite usw.) ist der Mangel groß; bei Offizieren sieht es besser aus.

Die Bundesregierung teilte unterdessen mit, man sei beim Aufbau der Brigade „im Plan“. Sie glaubt aber selbst nicht so recht daran. Denn nun verschickt das Heer 43.000 Informations- und Werbeschreiben. Zudem sind Schnupperbesuche in Litauen geplant. Außerdem heißt es in dem Papier, dass die „Reduzierung der sogenannten Mindeststehzeit in Litauen auf ein Jahr“ vorgesehen ist. Intern wird sogar diskutiert, ob das Prinzip der Freiwilligkeit ganz gekippt werden muss.

Der Vorsitzende des Verteidigungsausschuss Thomas Röwekamp (CDU) denkt an Pflichtversetzungen. Röwekamp: „Wer sich für den Soldatenberuf entscheidet, übernimmt Verantwortung für den Schutz von Frieden, Freiheit und unserer Bündnispartner. Diese Verantwortung endet nicht an der Landesgrenze – sie schließt auch den Dienst dort ein, wo Abschreckung Frieden sichert, wie in Litauen.“

Warum bringt die Bundeswehr keine 5.000 „Mann“ auf die Beine?

Dafür gibt neben vielerlei individuellen Gründen vor allem zeitgeschichtliche und mentalitätspychologische.

Gerade Deutschland hatte sich ab 1990 auf das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama), also auf ein Ende des Ost-West-Konfliktes und auf einen weltweiten Sieg liberaler Systeme versteift. Die Bundeswehr wurde von rund 500.000 auf 180.000 „Mann“ abgespeckt. Die Wehrpflicht wurde 2011 ausgesetzt. 90 Prozent der Panzer wurden eingemottet oder verkauft, Munition wurde für zwei bis drei Tage einer kriegerischen Auseinandersetzung bevorratet. An die Spitze der Bundeswehr wurden Minister/Ministerinnen gehievt, die für den Verfall der Bundeswehr stehen. Derweil wandelte sich die Bundeswehr zu einem Bürokratie- und Stäbe-Monster, das bald die Hälfte aller Bundeswehrangehörigen absorbierte.

Die naive, weltfremde Vision von einem ewigen Frieden lebte fort. Wozu also „kriegstüchtig“ werden? Dazu kam ab 2022 die nicht minder naive Illusion, dass man mittels Diplomatie auch die aggressivsten Herrscher besänftigen könne. Und es kam die Frustration hinzu, dass die beiden größten „Out-of-Area“-Einsätze der Bundeswehr (Afghanistan, Mali) de facto für die Katz‘ waren, indes über zwanzig Milliarden Euro und vor allem mehr als sechzig deutschen Soldaten das Leben kosteten.

All diese Überlegungen wirk(t)en in die „Truppe“ hinein. Soldat zu sein wurde selbst qua regierungsamtlicher PR zu einem Job mit heimatnaher Verwendung, viel Work-Life-Balance und ein bisschen Landser-Idylle. Wer anderes erwarten musste, verweigerte selbst als Zeit- und Berufssoldaten den Wehr-/Kriegsdienst aus „Gewissensgründen“. Außerdem: Für wen kämpfen? Für ein Land voller Wokeness, voller Klima- und Gender-Ersatzreligion? Für ein Land inmitten einer politisch gewollten, zumindest nicht gestoppten De-Industralisierung, voller „Meldestellen“ und Bespitzelungen? Ein Land, das stolz darauf sein soll, sich zum Sozialamt aller Mühseligen und Beladenen der Welt entwickelt zu haben? Für ein Land, dem von gewissen polit-medialen Kräften eine ewige Schuld, ja ein Selbsthass gepredigt wird?

Was Wunder, wenn in einem solchen Umfeld jedes patriotische Gefühl, jede Neigung zu Opferbereitschaft, gar zu Heroismus erlahmen. Selbst wenn es hier um ein liebenswürdiges, aber bedrohtes baltisches Land geht, dass zwar schier beneidenswert seine Identität hochhält, aber nun eben nicht das eigene Land der 5.000 Soldaten ist.

Die genannten mentalen, ideellen und ideologischen Verirrungen zu heilen, wird es wohl eine ganze Generation dauern. So dieses Land, das keineswegs das beste Deutschland ist, das es je gab, sich in dieser Zeit nicht ohnehin weiter zu einem identitäts- und gesichtslosen Konvolut von Subgruppen und Parallelkulturen atomisiert.

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Kommentare ( 23 )

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23 Comments
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OJ
1 Stunde her

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Lucius de Geer
33 Minuten her
Antworten an  OJ

Sehr schöne Auflistung – man könnte sich bei der Ausstattung zusätzlich noch von Spezialisten aus Kiew beraten lassen…

Last edited 27 Minuten her by Lucius de Geer
Dundee
10 Minuten her

Die Bundeswehr kann nicht einmal die Freiheit in Litauen verteidigen. Litauen hat 2,8 mio Einwohner auf einer Fläche von 65.300 km2. Das entspricht in der Anzahl der Einwohner unserem Bundesland Schleswig-Holstein und in der flächigen Größe etwa Bayern, einem unserer 16 ! Bundesländer. Die Bundeswehr versagt also zusehends in einem Land, das nur einem Sechzehntel unseres Landes entspricht ! Nicht mal das können die ! Nichtmal ein Sechzehntel von dem wofür sie eigentlich da ist ! Wir brauchen keine Bundeswehr. Wir brauchen keine Armee, die nur für drei Tage Munition hat aber gar keine Soldaten, die diese Munition überhaupt zu… Mehr

Last edited 25 Sekunden her by Dundee
drnikon
19 Minuten her

Mannschaftsdienstgrade fehlen? Oha. Vermutlich hat es sich herumgesprochen, dass diese Jungs zahlenmäßig und traumatisch am meisten betroffen sind und in der KIA – Liste die Top 3 belegen. Im Mai 2025 konnte man sich in Estland davon überzeugen, wie 10 ukrainische „Drohnenkrieger“ quasi ein Bataillon im Alleingang an einem Tag zerlegten. Auch das könnte als Faktum in die Überlegungen der Mannschaftsdienstgrade eine Rolle spielen, Denn die bisherigen Soldaten wissen besser wie gut die BW gegen Drohnen wirklich gewappnet ist, also abseits von Hochglanzprospekten und Pressevorführungen.

Rob Roy
24 Minuten her

Was man den Bundeswehrsoldaten erzählen müsste:
Im Falle eines Angriffs des Russen auf die NATO ist es in Litauen sicherer als in Deutschland, da die Bundeswehr dort von der litauischen Armee beschützt werden könnte.

VK
26 Minuten her

Wie dieses politische/militärische Versagen bei unseren Verbündeten (und auch anderen Staaten) wohl ankommt …

Alf
32 Minuten her

Die nach den Träumen von Kanzler Merz bald wieder größte Armee Europas hat Startschwierigkeiten?
Nein, es gibt diese Armee nicht, nicht mal eine Geisterarmee.
Warum fehlen noch einige tausend Freiwillige?
Spiegel – Friedrich Merz, CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender
Ich habe vom 1.7.1975 bis 30.9.1976 Wehrdienst geleistet. Gemustert wurde ich mit der Tauglichkeitsstufe 2. Die größte Herausforderung war das scharfe Nachtschießen mit der großen Panzerartillerie-Haubitze. Das lustigste Erlebnis war die Bergung meines gestrandeten Lkw durch einen Leo-Panzer, der von meinem Klassenkameraden gelenkt wurde.
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/40-jahre-zivildienst-haben-sie-eigentlich-gedient-herr-merz-a-126706.html

Christian Freund
36 Minuten her

Ich glaube viele Leute würden eher Russland gegen die Ukraine unterstützen. Ganz verblödet sind wir noch nicht.

Lucius de Geer
37 Minuten her

Der Autor legt hier gnadenlos dar, wie unfähig diese Armeesimulation inzwischen auf allen Ebenen ist. Eine Flecktarn-Trachtengruppe mit gemütlichen Bart- und Bauchträgern führt D’land vor der Welt als Lachnummer und den Kanzlerdarsteller als reinen Sonntagsredner vor (um es diplomatisch auszudrücken). Nur eine Frage bleibt unbeantwortet: Wie schafft man es, einen Wehretat von kumuliert über 1.000 Milliarden EUR in den letzten 25 Jahren praktisch ohne greifbare Substanz zu verausgaben? Von Kaputtsparen kann bei diesem gigantischen Betrag ja nun wirklich keine Rede sein und groß eingekauft wurde ja auch nicht (außer für den heiligen Volodymyr). Also: Alles nur für Pensionen von Generälen… Mehr

Aegnor
39 Minuten her

Das Einzige wozu die deutschen Soldaten in Litauen gut sind, wäre das Memelland wieder zu besetzen, was die Litauer 1919 mit Unterstützung der Entente gestohlen haben. Da die Litauer mit ihren Geburtenraten und ohne nennenswerte Einwanderung sowieso am Aussterben sind, braucht es dafür noch nicht mal Gewalt. Vermutlich wären sie sogar dankbar und für die restlichen Kartoffeldeutschen gäbe es eine Fluchtmöglichkeit, wenn das Stammland islamisiert wurde. Das Baltikum insgesamt wäre überhaupt eine optimale Exillösung. Dramatisch unterbevölkert, weit genug vom dann expansiven islamischen Deutschland der Zukunft weg (lasst die Polen sich mit denen kloppen) und gerade groß genug für die restlichen… Mehr

Karl Renschu
42 Minuten her

Ich kann eine Gulaschkanone bedienen und Gefreiter war ich auch mal. Wo muss ich mich melden?

Nibelung
43 Minuten her

Sie wären genau das richtige Kanonenfutter für die Russen zum Einüben hinsichtlich der physischen Natofähigkeiten, wo sie doch derzeit nur die Ukrainer kennen und bald keine mehr da sind um sich daran messen zu können. Das andere kennen sie ja schon, weil es bereits eine Materialschlacht zwischen der Nato und den Russen darstellt und je mehr sich der Niedergang anzeigt, umso größer wird das Kriegsgeschrei im Westen und das ist doch völlig abartig, wenn man die Nato als reines Verteidigungsbündnis auch noch für Angriffe mißbraucht, was nicht unser Krieg ist weil die Russen uns nicht den Krieg erklärt haben und… Mehr